Earendel

Mai 16, 2022

Ich habe mich schon immer für das Weltall interessiert. Das hat aber nie dazu geführt, dass ich eine Karriere als Astronaut angestrebt hätte. Nein. 🙂 Der Blick nach oben war für mich trotzdem immer faszinieren. Im zarten Alter bastelte ich mir nach einer Anleitung aus „Helveticus“ ein Teleskop, bestehend aus zwei ineinander geschobenen Pappröhren mit unterschiedlichen Durchmessern, einem Brillenglas vorne und einem Okular hinten. Die Röhren waren innen mit schwarzer Tusche angemalt. Die ineinander geschobenen Röhren mussten so justiert werden, dass die Brennweite stimmte. So saß ich nächtelang auf dem Balkon und beobachtete den Mond 40-fach vergrößert.

Das Interesse für das Überirdische hat mich dann ein ganzes Leben lang begleitet. Nicht heftig, aber als Grundrauschen war es immer da. Mal ehrlich: Wer ist von einem Nachthimmel ohne Lichtsmog nicht überwältigt? Etwa auf dem Hochplateau der Abruzzen, wo keiner stört. Ich kannte schnell die wichtigsten Sternbilder. Etwa den „Großen Bären“ und den kleinen. Den Stern Sirius etc.

~Earendel: Der bis jetzt am weitesten entfernte Stern im Universum (kleiner Punkt mit Pfeil gekennzeichnet).~

Nun wurde vor kurzem vermeldet, das ein Stern entdeckt wurde, der 12,9 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt ist. Das ist ein gewaltiger Sprung nach draußen. Frühere Entdeckungen von fernen Sternen galten Himmelskörpern, die wesentlich weniger weit weg waren. Wesentlich. „Earendel“ ist der altenglische Begriff für Morgenstern. Man schätzt, dass das Objekt mindestens die 50-fache Masse unserer Sonne hat und millionenfach heller ist als die massivsten bekannten Sterne.

Was bei der Sache interessant ist, ist das Stern vermutlich oder mit Sicherheit nicht mehr existiert. Wir sehen in 12,9 Milliarden Lichtjahren Entfernung ja nur das, was früher war. Also das, was ein Licht aussandte, das 12,9 Milliarden Jahre zur Erde unterwegs war. Aber positiv gesehen sehen wir das, was kurz nach dem Urknall im Universum da war. Vor sehr langer Zeit. Seit dem Urknall, der das Entstehen von Materie, Raum und Zeit aus der Singularität, einem winzigen unendlich heißen und unendlich energiedichten Punkt bedeutet, wuchs das Universum rasant. Atome, also Materie bildete sich, Elemente entstanden, das Universum strebte rasant auseinander. Heute nimmt die Geschwindigkeit noch zu und das ist gegen unsere Vorstellung.

Wenn wir annehmen, dass das Universum vor 13,8 Milliarden Jahre entstanden ist, ist das Beobachten eines Sterns, der vor 12,9 Milliarden Jahren existiert hat, äußerst aufregend. Beobachten wir doch etwas, was kurz nach der Entstehung des Universums entstanden ist. Diese Ursterne, die sich aus Staub und Gas entwickelt haben, bestanden vermutlich nur aus Wasserstoff, Helium und Spuren von Lithium, der Ursuppe des Universums. Andere Elemente, die für unser Leben wichtig sind, entstanden später. Vor allem Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel.

Nun zu einer Besonderheit der Entdeckung. Ein so hell strahlender Stern wäre in dieser unendlichen Entfernung ohne die natürliche Vergrößerung durch einen riesigen Galaxienhaufen, in diesem Fall WHL0137-08, der sich zwischen uns und Earendel befindet, nicht zu sehen. Die Masse des Galaxienhaufens verformt den Raum und schafft so ein starkes natürliches Vergrößerungsglas, das das Licht von fernen Objekten dahinter verzerrt und stark verstärkt.

~Weltraumteleskop Hubble: Machs gut alte Metallkiste.~

Und dann noch etwas: Die Entdeckung haben wir dem Weltraumteleskop Hubble zu verdanken. Das von der NASA und ESA gemeinsam entwickelte Weltraumteleskop wurde 1990 mit einer Space-Shuttle-Mission in den Weltraum geschickt und musste 1993 im All repariert werden da sein Hauptspiegel Fehler hatte. Nach mehr als 30 Jahren verdienstvoller Arbeit wird es nun durch das James Webb Space Telescope ersetzt. Mal schauen, womit wir nun weiter überrascht werden.

Bei uns in der Familie ist es seit Generationen üblich, Eier an Ostern in einer Tunke aus ausgekochten Zwiebelschalen zu färben. Aber damit sie dann am Ende österlich fröhlich aussehen, müssen sie erst mit dekorativen Kräutlein umwickelt werden.

~Frisch aus der Natur: Fröhliche Wiesenkräutlein.~

Aber im Detail der Reihe nach. Erstens: Zwiebelschalen über einige Tage sammeln oder sie dem Gemüsehändler Ihres Vertrauens abschwatzen. Der ist froh, wenn er sie los ist. Zweitens: Frühmorgens Kräuter sammeln. Sie müssen möglichst interessante Silhouetten haben. Das Sammeln lässt sich mit einem erfrischenden Osterspaziergang verbinden. Die Kräuter in einer Schüssel mit etwas Wasser frisch halten. Drittens: Die Zweibelschalen gut auskochen, bis ein kräftig dunkler Sud entsteht. Sud beiseite stellen.

~Ausgesprochen nützlich: Zwiebelschalen für den Färbsud.~

Dann und viertens: Rohe Eier bereitstellen. Sie sollten weiß sein. Bindfaden und Damenstrümpfe bereitlegen. Sie sollten möglichst nicht von Ihrer Lebenspartnerin sein, sondern günstig gekauft. Die Fußenden werden nämlich abgeschnitten. Kräuter und Geduld bereithalten.

~Es dampft auf dem Herd: Der Sud, der den Eiern die schöne Farbe gibt.~

Fünftens: Ein Ei in die Hand nehmen und ein Kräutlein darauf platzieren. Hier lohnt es, dass es vom Frischhalten feucht ist. Es haftet besser. Das Kraut glattstreichen, sodass es klebt. Ganz Mutige schmücken nun auch die Rückseite. Sechstens: Das „dekorierte“ Ei vorsichtig in das Stück Fußende des Strumpfes stecken. Das offene Ende zusammendrehen und mit dem Bindfaden verschnüren.

~Das umwickelte Ei: Kostbares hinter dem Damenstrumpf.~

Siebtens: Die Eier im Sud normal hartkochen. Herausnehmen und von Strupf und Kräutern befreien. Ich garantiere, sie werden so schön, dass Sie Mühe haben werden, sie zu verzehren. Nur, an Weihnachten sind sie hinüber.

~Das Endergebnis: Gefärbte Eier, die jeden interessieren.~

Natürlich wird hier nicht die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, der am 12. Oktober 1492 erstmals auf einer Insel der Bahamas an Land ging, beschrieben. Kolumbus meinte ja, dass er westwärts einen Seeweg nach Indien gefunden hätte. Dem reichen Gewürz-Indien, dass seine Schätze nur über die nervigen arabischen Zwischenhändler preisgab. Von dieser Entdeckung möchte ich gar nicht berichten, weil in der Folge Spanier und Portugiesen durch ihre Gier nach Gold in Südamerika ordentlich wüteten. Pfui.

~Wikinger: Nicht die ersten in Amerika, aber sehr früh.~

Nein, das wäre auch historisch falsch. Vor Christoph Kolumbus statten mit Sicherheit die Wikinger um 1021 zumindest Nordamerika einen Besuch ab. Sie bezwangen die stürmischen Nordmeere und segelten von Island über Grönland bis an die Küste Neufundlands. Sie bauten ihre Holzhäuser, waren friedlich. Blieben aber nicht lange.

~Hochinteressant: Mögliche Routen der Besiedlung Amerikas.~

Als eigentliche Besiedlung Amerikas durch den modernen Menschen, den Homo Sapiens, gilt eine These, dass vor 13.000 Jahren während der letzten Eiszeit Menschen aus Nordostasien über eine Landbrücke der Beringstraße in das menschenleere Nordamerika eingewandert sind. Das Meerwasser war damals in großen Mengen zu Eis gebunden und der Meeresspiegel deutlich tiefer.

~Mysteriös: Ob Lucy wohl so ausgesehen hat?~

Nun muss ich zur Entwicklung der Menschheit allgemein etwas ausholen. Nach der immer noch gängigen Out-of-Africa-Theorie entwickelte sich der moderne Mensch, der Homo Sapiens, unser Vorfahre, in Afrika. Paläoanthropologische Spuren wurden im Süden Äthiopiens, der „Wiege der Menschheit“, gefunden. Sie sind 1,8 Millionen Jahre alt. Die berühmte Lucy, das Teilskelett einer frühen Hominini-Art (menschenähnlichen Art) ist sogar noch älter, nämlich 3,2 Millionen Jahre. Weil Lebensräume trockener wurden und wohl auch aus Neugierde verbreitete sich der der Homo Sapiens von Afrika über die arabische Halbinsel nach Asien und weiter bis Australien. Andere eroberten eisfreie Gebiete in Europa und Nordostasien.

~Interessanter Fundort: Felsen bei Pedra Furada.~

Zurück zur Beringstraße und der Besiedlung Amerikas: Man vermutet, dass dann die Menschen über eisfreie Korridore oder über Küstenrandgebiete nach Süden gewandert sind und Nordamerika besiedelten. Die Verfechter der Beringstraßen-Theorie waren sich einigermaßen sicher, da ausgegrabene Funde wie Werkzeuge und Waffen aus Tierknochen von Alaska über New Mexico bis Feuerland alle nicht älter als 13.350 Jahre waren, also der Zeit der Überwindung der Beringstraße. Die Werkzeuge und Speerspitzen glichen sich 400 Jahre lang so sehr, dass von einer einheitlichen Kultur, der Clovis-Kultur, gesprochen wurde. Clovis ist ein erster Fundort im US-Bundesstaat New Mexico.

~Anschaulich: Gruppe von Menschen mit Tieren.~

Aber auch die Clovis-First-Theorie scheint nun überholt zu sein. In der brasilianischen Serra da Capivara lebten schon vor 30.000 Jahren Menschen. Einer der prominentesten Fundorte ist Pedra Furada. Die Brasilianerin Niède Guidon war die erste, die sich mit der Erforschung der mit über 50.000 Felsenzeichnungen einzigartigen Fundstellenkonzentration beschäftigte. Aber die verlässliche Datierung der Malereien und der im Umfeld gefundenen Siedlungsreste stellten erst ein großes Problem dar.

~Wie heute: Menschen bei der Arbeit.~

Schließlich bekam Guidon Unterstützung von Wissenschaftlern aus Europa. Mit Hilfe der „Thermolumineszenz-Analyse“ wurden Proben bei völliger Dunkelheit aus einer Schicht entnommen und die Strahlung im Labor gemessen. So lässt sich das Alter einer Schicht und damit das Alter der Fundstücke genau bestimmen. Alle Fundschichten waren mehr als 30.000 Jahre alt. Somit scheint Amerika als Erstes nicht von den Clovis-Menschen besiedelt worden zu sein. Gegen diese erste Besiedlung spricht auch die Anatomie. Clovis Menschen hatten eine eher sibirisch-asiatische Schädelform. Die Menschen aus der Serra da Capivara hatten sehr viel Ähnlichkeit mit Afrikanern. Nach meiner Lieblingsvorstellung sind sie übers Meer gekommen. Auf Schilfbooten wie sie später im Alten Ägypten üblich waren. Bei einigen Felszeichnungen kann man mit viel Fantasie Boote erkennen. Unterstützt bei der Reise ins Ungewisse hatte sie dabei der Südäquatorialstrom aus Westafrika.

~Kommentar eines Forschers: Gruppensex.~

Die Besiedlungspopulation in der Serra da Capivara muss sehr groß und dauerhaft gewesen sein. Um so interessanter ist die Frage: Wohin sind diese ersten Amerikaner verschwunden?

Was macht dieses wilde Nomaden- und Reitervolk heute so interessant, das im ersten Jahrtausend vor Christus vom Wind der Geschichte aus Nordwestasien in die Gegend zwischen Don, Wolga und Kaukasus geweht wurde? Ist es das Gold der Skythen aus Arzan, das heute in Museen gezeigt wird; sind es die unglaublich schönen und kunstvollen Grabbeigaben? Ist es die Authentizität und das Berührende des mumifizierten Skythenkriegers aus dem Permafrost im Niemandsland des Altai-Gebirges? Ist es die sonderbare ethnische Identität des Volkes, die sich im Profil eines eher lockeren Bundes verschiedener Stammesgruppen zeigte? Ist es die Kunde ihrer sagenumwobenen Kriegskunst und ihr Kampfesmut? Oder ist es gar die Tatsache, dass so wenig von ihnen bekannt ist, da sie keine Schrift zur Überlieferung ihrer Geschichte kannten.

~Verbreitungsgebiet der Skythen.~

~Grabanlagen, so genannte Kurgans.~

~Abdeckung der Gräber aus Lärchenbohlen.~

Ich glaube, es ist ein Mythos, der aus all diesen Dingen und mehr entstand. Die Skythen waren nie zu fassen, sie waren ein Spuk. Sie tauchten aus dem ethnischen Labor Kleinasiens auf, okkupierten mit ihren reitenden Bogenschützen weite Landstriche, weit über ihr Siedlungsgebiet hinaus, lange vor den Hunnen und Mongolen. Die Skythen nahmen sich vieles, was an kulturellen Errungenschaften da war, von sesshaften Völkern; vermutlich meist von den Griechen, mit denen sie regen Handel trieben. Das Rad für ihre Ochsenkarren und vor allem für ihre schnellen Streitwagen. Voraussetzung für diese neue mobile Kriegsführung war allerdings die Züchtung schneller Pferde. Und wo hätte die idealer erfolgen können als in den weiten Steppen Zentralasiens? Die Explosion guerillaähnlicher, schneller Kriegskunst ist daher vor allem auf die Skythen zurückzuführen. Dann schürften sie vermutlich nicht selbst ihr Gold, sondern erwarben es durch Handel und auf Beutezügen. Auch die Kunst, es zu verarbeiten, müssen sie erworben haben. Es ist sogar anzunehmen, dass die Kleinode in Gräbern Auftragsarbeiten waren. Wie auch immer, die Skythen und die Kulturen, mit denen sie Kontakt hatten, haben sich rege befruchtet. Der wesentliche Anteil des iranischen Nomadenvolkes der Skythen an der Geschichte bestand aber ohne Zweifel in der Präsenz ihrer Reiterverbände. Kleinen Gruppen, die schnell in anderen Völkern aufgingen, Söldnern, oder auch großen Gruppierungen von verschiedenen Stämmen, die Fürstentümer oder sogar Königreiche bildeten. Wie das des skythischen Königs Atheas im fünften Jahrhundert vor Christus, der im biblischen Alter noch zu Felde zog und fiel.

~Darstellung eines Kriegers auf Goldgefäß.~

~Goldfigur eines Kriegers auf Pferd.~

Vieles, was wir über die Skythen wissen, stammt aus antiken Quellen, griechischen vorneweg. Das antike Weltbild unterschied damals zwischen der hellenistischen Welt und der der Barbaren. Die Barbaren im Norden waren die Kelten und später die Germanen, und die im Osten die Skythen. Herodot bewunderte die Skythen und beschrieb sie in seinen Historien detailliert. Er schien von diesen Barbaren fasziniert gewesen zu sein: „Muss nicht ein Volk unüberwindlich und unnahbar sein, das weder Städte noch Burgen baut, seine Häuser mit sich führt, Pfeile vom Pferd herab schießt, nicht vom Ackerbau, sondern von der Viehzucht lebt und auf Wagen wohnt?“ Auch die Amazonen in griechischen Mythen hatten wohl das Vorbild skythischer Reiterinnen. Weibliche Kriegerinnen hatten den Ruf, ebenso hart und tapfer zu kämpfen wie ihre Männer. In griechischen Darstellungen, auf Vasen beispielsweise, werden Skythen meist kämpfend gezeigt; mit Bogen, Kurzschwert, Dolch, Streitpickel und natürlich zu Pferd. Ein Skythe war kein Skythe, wenn er kein Pferd besaß. Meist hatten sie eine Unzahl davon, überhaupt viele domestizierte Tiere, wie auch Schafe, Ziegen und Ochsen. Männer, die nur zwei Ochsen besaßen, wurden verächtlich als „Achtfüßer“ bezeichnet. Tiere war ein und alles für die Skythen.

~ Gold aus Handel, Schmiedearbeit von fremden Handwerkern.~

So ist es nicht verwunderlich, dass ihr ganzes Leben und auch ihre Religion von Tieren geprägt wurde. Obwohl die von den Skythen verehrte Hauptgottheit die Göttin Tabiti war (vergleichbar mit der griechischen Hestia, der Schutzpatronin des Herdfeuers und der Heimstatt), zeigen Grabbeigaben wie Panther, Steinböcke, Kamele, Hirsche und immer wieder Pferde, Pferde, den Stellenwert von Tieren. Diese Grabbeigaben in den so genannten „Kurgans“, kreisförmigen Steinhügeln mit darunter befindlichen Kammern aus Lärchenbohlen, waren kunstvoll geschnitzt und mit Blattgold überzogen. Sie waren aus Goldblech geschnitten und gehämmert und wiesen Emaileinlagen auf. Oder sie waren mit Granat, Malachit, Karneol oder Glaspaste veredelt. Natürlich fand sich in den Grabstätten auch alles andere, was man im Jenseits brauchte: Waffen, Kleidung, Alltagskram und Verpflegung wie wilde Kirschen, wilde Möhren und Erdmandeln. Die Lieblingspferde von Skythenfürsten wurden übrigens in separaten Kammern mitbestattet, manchmal auch deren Frauen.

~Versuch einer Gesichtsrekonstruktion mithilfe von Schädelfunden.~

Wie könnte man sich das Wesen der Skythen vorstellen? Sie waren unstet, wild, freiheitsdurstig und mit der Natur in enger Symbiose verbunden. Sie waren einfach und bestimmt. Es musste so sein, in diesen weiten Steppen, durch die der Wind streifte und das kärgliche Gras bog. Mit diesem Himmel, der einen unermesslich weiten Horizont überspannte. Mit dieser Stille, die allmächtig war, und nur durch das furiose Geräusch der Pferdehufe und ihren kriegerischen Schrei unterbrochen wurde. Die Skythen hatten alles, um zur Legende zu werden.

Neben tausend anderen Leidenschaften habe ich auf jeden Fall diese: Höhlen und prähistorische Kunst. Mit den Höhlen ist es schon etwas merkwürdig, meinte auf jeden Fall eine Freundin, die mich auf einer nie endend wollenden Exkursion durch das Périgord und dann auch noch durch die Pyrenäen begleitet hat. Das mit der prähistorischen Kunst ist aber verständlich. Es ist unbestritten, dass diese ersten Formen bildlicher Darstellung, zum Teil 30.000 und mehr Jahre alt, von einer geradezu einmaligen Schönheit sind. Höhlenfresken und bearbeiteter Stein und Elfenbein, meist Tiere darstellend, wirken auch heute unglaublich frisch und vital. Sie übertreffen bei weitem die Stereotypen bildlicher Darstellung etwa aus dem Mittelalter.

~Unglaublich: Die Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb.~

Mein Bildschirmschoner, der auf angenehm blauen Grund fliegende Schriftelemente zeigt, wollte es, dass ich die Taste Drei drückte und auf „ZEIT ONLINE“ war. „Sensation aus der Eiszeit“, hieß es da, ganz Zeit ungemäß. Die Rede war von der Vogelherdhöhle im Lonetal. Das war mein Ding. Nun bin ich vor langer Zeit da vorbeigereist, hatte aber wenig Interessantes gespeichert, da die Fundstücke in Museen gelagert werden und die Höhlen nur als Fundort beeindrucken. Aber nun diese Überraschung: „ Auf der Schwäbischen Alb haben Forscher eines der ersten Artefakte menschlicher Kultur gefunden: Ein kunstvolles, 30.000 Jahre altes Elfenbein-Mammut.“

~Frisch entdeckt: Das 30.000 Jahre alte Elfenbein Mammut.~

Die Vogelherdhöhle, eigentlich sind es zwei, die Große Vogelherdhöhle und die Kleine Vogelherdhöhle, wurde schon 1931 beim Ausheben eines Dachsbaus entdeckt. Es fanden sich erst steinzeitliche Werkzeuge, später kunstvolle Figürchen, Tiere darstellend: Ren, Wildpferd, Wisent, Bär, Panther und Höhlenlöwe. Die halbe Palette der damaligen heimischen Fauna, aus Mammut-Elfenbein. Also ist das Mammut nur der wohl krönende Abschluss der Fundserie, und, nebenbei bemerkt, das Ergebnis einer erneuten Grabung, die eine Tübinger Gruppe um den Archäologen Nicholas Conard vor einigen Jahren begonnen hatte. Radiokohlenstoffanalysen zeigen, dass das Stück aus dem Aurignacien stammt, einer Zeit, die mit der Ankunft des modernen Menschen in Europa identisch ist. Sie müssen nämlich wissen, mit „Modernem Menschen“ meint die Paläoanthropologie nicht den Neandertaler und Seinesgleichen, sondern den Homo sapiens. Und der kam aus Afrika. Zumindest sind die Anhänger der„Out of Africa-Hypothese“ dessen sicher.

~Winzig: Kunst von Vorfahren, die wir nicht kennen.~

Schön ist es, das Elfenbein-Mammut, fein geschnitzt, etwa vier Zentimeter groß, nur siebeneinhalb Gramm schwer. Conards Worte: „Einzigartig in seiner schlanken Gestalt, mit dem spitzen Schwanz, den kräftigen Beinen und dem dynamisch geschwungenen Rüssel“. Erst war es mit den andern Ergebnissen der Ausgrabung im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren zu bewundern, 2009 waren die Fundstücke dann als Teil einer großen Landesausstellung in Stuttgart zu sehen.

Nun könnte man es dabei bewenden lassen, wenn nicht die aufregende Frage wäre: Warum? Warum haben Menschen angefangen, diese faszinierenden Kunstwerke zu erschaffen? Was hat sie dazu getrieben, ihre Umwelt darzustellen? Die Menschheit hat ein enormes Wissen angehäuft; über diese Menschen, deren genetischen Fingerabdruck wir tragen, wissen wir nichts. Wir wissen noch nicht mal, warum eine Initialzündung von Kultur erfolgte. Schwierig: Von den materiellen Zeugnissen, die eine lückenlose Geschichte der Menschheit ergeben würden, liegen gerade einmal 0,01 Prozent in unseren Museen und Forschungslaboren. Bei 100 Prozent hätte man vielleicht eine grobe Vermutung. Wir würden aber selbst dann nicht wissen, wie unser Vorfahre, der Homo sapiens, fühlte und dachte. Warum er plötzlich anfing, künstlerisch zu werden.

~Ein weiteres Stück: Das Pferd aus Elfenbein.~

Als Mensch begannen, Gemeinschaften zu bilden, brauchte sie die Sprache als differenzierendes Kommunikationsmedium. Um Gemeinschaften zu festigen brauchten sie ohne Zweifel Kultur und damit auch Abbilder, die eine Funktion hatten. Statuetten wie unser Elfenbein-Mammut aus der Vogelherdhöhle oder die genialen Höhlenfresken in Lascaux im Département Dordogne. Dass die meisten Abbilder kultischen Ursprungs sind, scheint sicher. Kult und der Glaube an etwas gehören zur Bildung von Gemeinschaften. Beim dem etwa 30 Zentimeter großen Löwenmenschen aus Elfenbein, der ebenfalls auf der Schwäbischen Alb gefunden wurde, spiegeln sich nach Ansicht von Nicholas Conard schamanistische Element wieder – d. h. Spuren von Ritualen, in denen ein Mensch versucht, sich einem Tier anzuverwandeln, um dessen Fähigkeiten in einem Zustand der Ekstase zu erlangen. Menschen brauchten Bildsymbole vermutlich auch als Zeichen der Zusammengehörigkeit. Urgeschichtler deuten abstrakte Zeichen, die neben Tierdarstellungen in Höhlen zu finden sind, als Clanzeichen. Warum auch nicht? Der Mercedes-Stern ist nichts anderes.

Es ist zu vermuten, dass sich Theorien und Interpretationen konkretisieren werden, wahrscheinlich mit jedem Fundstück ein Hauch. Schön wäre es, gäbe es Schrift oder Sprache als Zeugnis wie bei späteren Kulturen. Aber Sprache fossilisiert leider nicht.

~Nützlich: Die Straßenkarte der Gegend.~

P.S. Da der Fundort Vogelherdhöhle etwas schwer zu finden ist, hier ein kleiner Hinweis: Die Vogelherdhöhle liegt nur wenige Meter von der Straße zwischen Oberstotzingen und Bissingen entfernt und nur unweit der Lone. Ca. 50 Meter südlich der Lone befindet sich ein Parkplatz mit einer Schautafel, die Aufschluss über die kulturhistorische Bedeutung der Vogelherdhöhle gibt. Von dort führt ein kleiner Trampelpfad zu den Eingängen der Höhle.

 

Der Letzte

September 20, 2021

Als letzter US-Soldat verließ Generalmajor Chris Donahue, Kommandeur der 82. Luftlandedivision, Afghanistan.

~Bildnachweis: US Departement of Defense.~

An der Westfassade des Stadttheaters Schaffhausen hängt seit Anfang Februar 2021 ein merkwürdiger, aber sehr bunter und fröhlicher Wandteppich. Draußen. Ich habe ihn erst vor Kurzem bemerkt, da in den Medien sehr spärlich darüber berichtet wurde; es kaum Hinweise gab. Außerdem ist der riesige Teppich in der engen Gasse, die zum Stadttheater auf dem Herrenacker führt, schwer zu sehen. Schade, dass es wohl keinen besseren Platz gab. Aber Schaffhausen gilt ja als Stadt der Erker und diese 171 architektonischen Köstlichkeiten kleben an beinahe jedem Haus in der Altstadt und lassen kaum Platz für Eingewandertes.

~Der Wandteppich in Schaffhausens Altstadt: Aktion zur Einführung des Frauenstimmrechts.~

Der Wandteppich besteht aus zig handgestrickten Quadraten, die zu einem imposanten Stück zusammengefügt wurden. Jedes Quadrat ist anders und von einer anderen Frau gestrickt. Ziemlich genau in der Mitte ist ein Schweizer Kreuz zu sehen. Wow. Initiiert wurde das Projekt von einer Gruppe, die sich „1971.sh“ nennt. Und zwar aus Anlass der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz 1971. Hier höre ich Gelächter und ich habe in meiner Zeit in Deutschland viele höhnische Bemerkungen eingesteckt. „Erst 1971?“ In Afghanistan wurde das Frauenstimmrecht 1963 eingeführt. Unter König Amanullah Khan sollte das Stimmrecht für Frauen in Afghanistan sogar schon 1923 eingeführt werden. Daraus wurde nichts. Die Stammesfürsten jagten den tapferen König vom Hoff. Aber wie wir wissen hat sich das auch mit 1963 geändert. Gerade jetzt unter den Taliban sind die Frauen nichts mehr wert.

~Von vielen engagierten Frauen gestrickt: Unzählige Gedanken zur Selbstbestimmung.~

Warum wir Schweizer erst 1971 für das Frauenstimmrecht waren, habe ich immer versucht mit Anekdoten zu begründen. So stimmen beispielsweise die Bürger im kleinen Halbkanton Appenzell Innerrhoden auf dem Landsgemeindeplatz unter freiem Himmel mit Handzeichen ab. Und auf diesen Platz passt eben nur die Hälfte der Bevölkerung. Aber Schluss damit. Die Schweizer waren schon sehr rückständig. Übrigens nur die Deutschschweizer. In der Romandie wurde regional schon sehr früher das geschlechterübergreifende Wählen eingeführt.

Jetzt aber zu einem Punkt, der bedeutend ist. In Deutschland beispielsweise wählt man seine Regierung turnusgemäß alle vier Jahre, regional und national. Und dann hat sich das. Man kann natürlich noch durch Eingaben beispielsweise einen Windpark verhindern. In der Schweiz ist die Möglichkeit, durch Eingaben und Initiativen in Regierungsgeschäfte einzugreifen, viel lebendiger. Die Stimmbürgerin und der Stimmbürger hat mindestens jeden dritten Monat die Gelegenheit, über mehrere Initiativen zu befinden. Soll das Kantonsspital erweitert werden? Soll die Polizei umgesiedelt werden? Etc. Das ist regional. National kennt man im Ausland vielleicht die Abzockerinitiative. Sie war eine Reaktion auf die als exorbitant empfundenen Vergütungen einzelner Manager in großen Schweizer Unternehmen. Sie wurde 2013 mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 67,9% angenommen. Und das in der industriefreundlichen Schweiz. Die Initiative „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“ wurde allerdings vor Kurzem knapp verworfen. Da war die Lobby der Lebensmittelindustrie stärker.

~Ein Stück Kunst: Hoffentlich findet es einen dauerhaften Platz.~

Aber zurück zum Stück, respektive zu den vielen handgestrickten Erinnerungsstücken. Die Aktion der Schaffhauser Frauen ist für mich beeindruckend, ja sogar Kunst. Ich mag Kunst, die kollektiv entsteht, sowieso. Das Stricken, die „Lismette“, ist so schweizerisch wie sie nur sein kann. Aber hier ist sie keineswegs provinziell. Und ich glaube, in Gedenken an meine frühere Amme, das viele kostbare Gedanken in den Teppich hineingestrickt wurden. Sie, meine temporäre Kindsbetreuerin, schenkte mir mal etwas Gestricktes mit der Bemerkung, viele gute Gedanken eingearbeitet zu haben.

Fazit: Tolle Idee, Kompliment an die Damen. Und, wo geht der Teppich hin? Eigentlich gehört er ins Landesmuseum in Zürich.

Ich habe immer gerne mit WordPress gearbeitet. Und zwar mit dem Classic Editor. Er wird von einer riesigen Menge an Nutzern geliebt und die Arbeit, einen Beitrag zu laden, ist super einfach. Er hat ein Kästchen für die Überschrift und einen Kasten für den Text. Außerdem eine Leiste mit Arbeitswerkzeugen und weitere Goodies. Alles auf einer Ebene und einen Blick. Nun wird der Classic Editor abgeschafft und durch den Gutenberg Editor ersetzt. Bei mir funktioniert der Classic Editor deshalb nicht mehr.

Der Gutenberg Editor wird von Entwicklern hochgelobt. Er soll angeblich viele neue Möglichkeiten bieten. Ich kann das bis jetzt nicht nachvollziehen. Am 19. April 2021 habe ich den zweitletzten Beitrag gepostet, am 24. Juni 2021 den letzten. Das ist für meine Verhältnisse wenig. Es gibt einen Grund. Für das Laden der Beiträge, das normalerweise nur wenige Minuten dauert, habe ich wesentlich mehr Zeit gebraucht als zum Recherchieren und Schreiben. Der Gutenberg Editor scheint noch in der gröbsten Probephase zu sein. Irgendwie verschwindet das Kästchen mit den Arbeitswerkzeugen plötzlich. Ärgerlich wenn man etwas kursivieren oder ein Bild laden wird. Ohne ersichtlichen Grund schiebt sich eine schwarze Fläche über den Text. Bilder behalten beim Posten nicht die Proportion, sie werden verzogen. Da gibt es noch viel mehr Unerfreuliches. Komisch ist auch, dass zwischen meinem vorletzten und dem letzten Beitrag mit Gutenberg die Fehler nicht gleichartig waren. Chaos pur.

Nun habe ich einen dritten Beitrag mit Gutenberg bearbeitet und irgendwie scheint es mit kleinen Unerfreulichkeiten zu funktionieren. Ich bin weit davon entfernt, alles was seit Matthew Mullenweg in der WordPress Foundation ausprobiert wurde, zu verstehen. Das will ich auch nicht. Ich will nur Artikel schreiben und sie ins Netz bringen. Da akzeptiere ich auch die immer mehr werdende Werbung. Artikel recherchieren, Fotos mache und Texte schreiben mache ich ja wie alle gratis. Es soll Möglichkeiten geben, den Classic Editor wiederherzustellen. Bei mir hat aber nichts von den Empfehlungen funktioniert.

Ich finde, Anbieter wie WordPress sollten transparent sein. Nett wäre auch eine Ankündigung der Umstellung gewesen. Ich habe nichts gesehen und es gibt auch kein mir bekanntes Forum für solche Alltagsfragen. Mir ist nicht klar, ob andere auch betroffen sind oder waren. Wer hat welche Erfahrung mit dem Gutenberg Editor gemacht? Ich bin neugierig. 

~Gerhard Richter in Zürich: Endlich wieder Kunst nach Corona.~

Gerhard Richter ist noch bis zum 25.07.2021 im Kunsthaus Zürich mit seinen fabelhaften Landschaftsbildern zu sehen. Es sind dies 140 Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensperioden von 1957 bis 2018. Das macht das ganze interessant, ist aber nicht der glatte Richter mit seinen großformatigen, fotoähnlichen Bildern wie ich ihn bis dahin kannte. Es sind 80 unterschiedlichste Gemälde, dann Zeichnungen, Fotocollagen, übermalte Fotografien, Druckgrafiken und Künstlerbücher. Also tut sich ein regelrechter Gemischtwarenladen auf. Das hört sich abwertend an, ist es aber nicht. Im Gegenteil, hier spürt man, wie sich ein Künstler auf unterschiedlichste Weise einem Generalthema nähert.

~Seestück 1996: Öl auf Leinwand.~

Bevor ich etwas näher auf die Ausstellung eingehe hier ein kurzer Gedanke. Der aus Dresden stammende Richter gehört zu den bedeutensten deutschen Künstlern der Gegenwart. Er hat Renomée, ist einzigartig und seine Werke erzielen Höchstpreise. In einem Kunstmarktranking von dreißig deutschen Künstlern steht er mit Abstand auf Platz Eins. Was den monetären Wert seiner Werke betrifft. Weit vor Kiefer, Baselitz und Beuys. Und er gehört mit Georg Baselitz und A.R. Penck zu den aus Ostdeutschland stammenden. Da sage doch mal einer, Ostdeutschland wäre eine kulturelle Wüste. Ach, noch ein Schlenker. Ich arbeitete als Hilfskraft für die Ausstellung „Von hier aus“ in den Düsseldorfer Messen. Penck sollte ein großformatiges Gemälde vor Ort malen. Ich war neugierig und fuhr hin. Am ersten Tag grundierten seine Assistenten eine riesige Leinwand mit weißer Farbe. Am zweiten Tag waren sie immer noch dran. Am dritten Tag fuhr ich etwas später hin. So gegen Elf. Da war er gerade fertig. Penck brauchte gerade mal drei Stunden, um seine faszinierenden Höhlenmalerei-ähnlichen Figuren auf die Leinwand aufzubringen.

~Wolken 1970: Öl auf Leinwand.~

~Schweizer Alpen 1969: 6 Siebdrucke auf Halbkarton.~

Mich interessiert ja immer, wie die Bilder entstehen. Da man normalerweise dem Künstler im Atelier nicht über die Schulter schauen kann, gibt es praktischerweise Dokumentationen vom Schöpfungsprozess. Eine dieser Dokumentationen wurde in einer Koje während der Ausstellung gezeigt. Gerhard Richter malt seine Ruhrtalbrücke (1969). Und zwar die alte vor dem Abriss. Erst projiziert er ein Foto der Situation. Dann malt er mit feinem Pinselstrich wichtige Konturen auf die weiße Leinwand. Auf einem Rollwagen steht seine Palette bereit, eine Glasscheibe mit den wichtigsten Grundfarben seitlich angeordnet. Er beginnt mit dem Himmel. Mit einem breiten Pinsel bringt er verschiedene Blautöne an entsprechende Stellen. Manchmal benutzt er auch einen Spachtel oder eine Rakel (eine Holzlatte mit Gummieinsatz, wie man es noch vom Siebdruck kennt). Dann werden die feuchten Farben verwischt, bis sie eine pastose Stimmung erzeugen. Richter erzielt damit fotoähnliche Effekte. Beinahe ohne Pause bedeckt er die ganze Leinwand. Oben ein mächtiger Himmel, dann die filigrane Brücke wie ein waagerechter Strich, dann etwas Landschaft darunter.

~Dschungelbild 1971: Öl auf Leinwand.~

Das ist aber nicht die einzige Arbeitsweise von Richter. Er kratzt, schabt, verwischt mit den unterschiedlichsten Werkzeugen. Viele Utensilien hat er erfunden oder zweckentfremdet. Natürlich malt er nicht nur fotoähnlich, er übermalt auch Fotos, zerstört sie gar. Die Art und Weise wie er Kunst erzeugt kennzeichnet seine verschiedenen Schaffensperioden. Dabei ist er mehr oder weniger realistisch bis abstrakt. Sein großformatiges Werk Sankt Gallen von 1989, das etwa zu Schluss in der Ausstellung gezeigt wird, ist so stark verfremdet, dass selbst eingefleischte Sankt Galler Einwohner Null erkennen.

~Sankt Gallen 1989: Öl auf Leinwand.~

Was mich in der Ausstellung besonders begeistert hat, waren kleinformatige Zeichnungen. Wahrscheinlich, weil ich sie von Richter nicht erwartet hätte. So geht es mir übrigens auch mit Beuys. Seine Zeichnungen aus den Anfängen sind grandios.

 

 

Die Bewegungseinschränkung der Pandemie führt manchmal zu merkwürdigen Interessen. Bei mir zumindest. Reisen im Kopf und die Beschäftigung mit Material aus mannigfaltigen Quellen ist absolut keimfrei und man braucht dazu kein Impfausweis.

Hierakonpolis_Karte

~Prädynastisch: Hierakonpolis in Oberägypten.~

Mich hat das Alte Ägypten schon immer interessiert, besonders, wenn ich dabei auf abstruse Geschichten stoße. In prädynastischer Zeit, also vor der Zeit der Pharaonendynastien, gab es entlang des Nils natürlich nicht nichts. Es gab Jäger und Sammler, und bald sesshafte Bauern, die in runden, Nomadenzelten nachempfundenen Lehmhütten wohnten. Tauchen wir also tief in die Frühgeschichte ein. In Oberägypten, genauer gesagt in Hierakonpolis, gab es Herrschaften, die sich wie Könige aufführten und es dann auch wurden. Etwas Gewalt war natürlich auch im Spiel. Irgendwann um 3400 v. Chr. gelang es also einem der Herren von Hierakonpolis die anderen Häuptlinge Oberägyptens zu unterwerfen und einen Staat zu gründen, der bald von dem Ort Elephantine im Süden bis zum Beginn des Deltas im Norden reichte. Es war der erste König Ägyptens, sozusagen ein Pharao.

Sonnengott Ra

~Falkenköpfig: Sonnengott Ra auf einer Illustration.~

Sein Name ist nicht überliefert, aber etliche seiner Nachfolger sind bekannt. Sie nannten sich Löwe, Kobra oder Skorpion, immer verbunden mit dem Königstitel Horus, dem Namen des falkengesichtigen Gottes von Hierakonpolis. Die Tiernamen dieser Herrscher sollten Stärke, Kampfkraft und Aggressivität symbolisieren. Die alten Ägypter hatten es sowieso mit Tieren. Ihre Götter waren meist tierköpfig. Sogar der so bedeutend werdende Gott Re oder Ra hat unter der Sonnenscheibe einen Falkenkopf.

Fundstelle

~Geheimnisvoll: Fundstelle eines Tiergrabes.~

Mumie

~Nicht aus Hierakonpolis: Mumie einer Katze wie man sie häufig gefunden hat.~

Heute würden Psychoanalytiker den damaligen Ägyptern eine Profilneurose bescheinigen. Sie fühlten sich wohl Tieren unterlegen oder zumindest waren sie die Vorbilder für alles mögliche. In der Naqada-Kultur in Hierakonpolis war das nicht anders. Die Natur und damit auch wilde Tiere waren für sie unheimlich. Ihr Verhalten war für sie schwer einzuordnen. Alte Ägypter mochten das Ungeordnete nicht. Auch das ein Fall für Psychoanalytiker. Um seinen Untertanen zu imponieren, schuf besagter Herrscher einen Zoo mit wilden Tieren. Kein Streichelzoo, sondern nur die Demonstration dafür, dass er, der Gottgleiche, die Natur ordnen oder bändigen konnte. Das Ganze ist natürlich nur eine heutige Interpretation, die aber auf Grund der Beschäftigung mit der Naqada-Mystik wahrscheinlich ist. Hinweise auf Zoo-ähnliche Gehege wurden durch Archäologen gefunden. Ebenso Hinweise auf einen Tierfriedhof. Tierfriedhöfe gab es im Alten Ägypten zu Hauf. Die Ägypter verehrten Tiere und balsamierten sie sogar vor der Bestattung. Der Tierfriedhof in Hierakonpolis ist auch ganz besonders. In der Mitte lag ein afrikanischer Elefant. Die sind etwas kleiner als ihre asiatischen Artgenossen, aber immerhin. Darum angeordnet verschiedene Raubtiere. Alles im Viereck. Und an den vier Ecken fand man jeweils ein Herdenhund, der die Herde beschützte.

Jäger-Palette

~Jäger-Palette: Fundstück aus der Naqada-Kultur das die Wichtigkeit von Tieren bezeugt.~

Nun werden Sie sich sagen, dass die Ägypter ganz schön verrückt waren. Oder betrunken. In Hierakonpolis fand man nämlich auch Überreste von einer ersten Bierbrauerei. Das ist nicht außergewöhnlich. Leicht alkoholhaltiges Bier und Brot gehörten damals zu den Grundnahrungsmitteln.