Ridley Scott wurde achtzig

Dezember 10, 2017

Der Brite Sir Ridley Scott wurde am 30. November 80 Jahre alt. Ja, Sir. Er wurde für sein Werk 2003 geadelt. Für mich war er schon immer ein Genie, das einen solchen Titel verdient. Meine Begeisterung für ihn rührt natürlich aus meinem allgemeinen Faible für Filme, gute Filme, aber auch aus der Tatsache, dass sein Werk außergewöhnlich breit gefächert ist. So gelangen ihm so unterschiedliche Meisterwerke wie „Blade Runner“ (1982) und „Thelma & Louise“ (1991).

„Blade Runner“ ist ein Science-Fiction-Film, der in Los Angeles im Jahr 2019 spielt. Der ehemalige Kopfgeldjäger Rick Deckard (Harrison Ford) wird eingeschaltet, um einige von der mächtigen Tyrell Corporation hergestellte künstliche Menschen, so genannte Replikanten, auszuschalten. Diese sind von fernen Kolonien geflohen, um ihr drohendes Verfallsdatum von ihrem Schöpfer Dr. Eldon Tyrell (Joe Turkel) verlängern zu lassen. Es entwickelt sich eine hochbrisante Handlung, die in dem Showdown zwischen Rick Deckard und dem Superreplikanten Roy Batty (Rutger Hauer) endet. Den ganzen Film zu erzählen ist wohl müßig, da er bekannt ist. Nur soviel an Details, die mich absolut begeistern: Der Film spielt in mächtigen Art-Deco-Gebäuden, schäbigen futuristischen Wohnzellen, Häuserschluchten mit Flugverkehr und in einem Chinatown, wo künstliche Körperdetails wie Augen von spleenigen Handwerkern hergestellt werden. Es ist dauernd Nacht oder zumindest düster und es regnet ununterbrochen. Es herrscht eine geheimnisvoll beklemmende Atmosphäre. Der Film baut auf dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick auf. Ridley Scott hat sich allerdings kaum an den Roman gehalten. Er wollte den Film erst auch nicht machen, weil er gerade mit „Alien“ (1979) einen Science-Fiction-Erfolg gelandet und vorläufig keine Lust mehr auf das Genre hatte. Anfangs spielte der Film in den USA noch nicht einmal die Produktionskosten von 22 Mio. Dollar ein. Aber dann wurde er über den Umweg Europa zum Knüller und absoluten Kultfilm.

~Blade Runner: Der Replikant Roy in einer der Schlussszenen auf dem Dach eines Hochhauses.~

„Thelma & Louise“ ist das absolute Gegenteil von „Blade Runner“. Es ist ein Roadmovie quer durch die USA mit zwei Frauen und spielt in der Jetztzeit. Der Film verzichtet auf aufwändiges Decor und die Handlung ist erst absolut banal. Die etwas biedere Hausfrau Thelma Dickinson (Geena Davis) hat ihr Dasein und den despotischen Ehemann gründlich satt. Zusammen mit der lebenslustigen Freundin und Kellnerin Louise Sawyer (Susan Sarandon) fahren sie in Louises Ford-Thunderbird-Cabrio los um etwas Spaß zu haben. In einer heruntergekommenen Bar mitten in Arkansas flirtet Thelma mit einem Mann, der das Ganze missversteht und sie auf dem Parkplatz zu vergewaltigen versucht. Louise versucht den Mann mit einem mitgeführten Revolver in Schach zu halten. Da löst sich ein Schuss. Weil Thelma mit dem Mann zuvor angetrunken und tanzend gesehen wurde, fürchten die jungen Frauen, dass die Polizei ihnen den tatsächlichen Tatverlauf nicht abnehmen wird. Sie fliehen Richtung Mexiko. Nun nimmt die Geschichte Fahrt auf und wird dreckig. Es gibt eine kleine Liebesgeschichte mit dem Schmalspurgangster J. D. (Brad Pitt), einen Ladenraub und eine gewaltige Verfolgungsjagd durch die Polizei. Einzig der Polizist Hal Slocumb ((Harvey Keitel) versucht Schlimmeres zu verhindern. Nach mehreren Karambolagen mit den Verfolgern stehen die beiden Frauen mit ihrem Cabrio am Abgrund des Grand Canyon. Louise fährt auf Thelmas Vorschlag los und die beiden stürzen in den Tod. Hal kommt zu spät. Der Film ist deswegen so beeindruckend, weil er eigentlich nur mit dem grandiosen Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen auskommt.

~Thelma & Louise: Der grandiose Sturz in den Grand Canyon.~

Ridley Scott ist ein Meister in unterschiedlichsten Genres und hat Maßstäbe gesetzt. Neben kleinen intimen Geschichten breitet er großartige Historienepen aus wie „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ (1992), „Gladiator“ (2000) und „Königreich der Himmel“ (2005). Egal was er macht. Es ist alles Großartig. Zum Beispiel „Black Rain“ (1989), „Black Hawk Down“ (2001). 2017 hat er gerade „Alien: Covenant“ abgedreht, wieder ein Science-Fiktion. Zu seiner gelegentlichen Vorliebe fürs All sagt er: „Oh, der Weltraum ist so leer, man kann ihn mit allem füllen“.

~Großartig in allen Genres: Ridley Scott.~

Ridley Scott gilt in der Branche als ökonomischer Regisseur, da er in der Regel mit einem Drittel der Drehtage seiner Kollegen auskommt. Der Grund: Er dreht manche Szenen mit 15 Kameras gleichzeitig und kann sich so den besten Take aussuchen. Meine Begeisterung für die Machart seiner Filme rührt auch aus der Perfektion jeder einzelnen Szene. Gelegentlich schalte ich auf Einzelbildschaltung um, um Details genau zu prüfen. Was man auch wissen sollte: Ridley Scott war Werbefilmer. In seiner Produktionsfirma „Ridley Scott Associates“, der auch sein Bruder Tony Scott (Der Staatsfeind Nr. 1 etc.) und der großartige Alan Parker (Mississippi Burning etc.) angehörten, produzierte er über 2000 Werbespots mit vielen Auszeichnungen. Es sind vor allem Briten, die aus der Werbung kamen, die die Leinwand oder den Bildschirm mit Kostbarkeiten füllen. Und nicht zu vergessen, wie in der Werbung haben sie einen großen Stab von Spezialisten, die alles möglich machen. Hoffentlich dreht Ridley Scott noch viele Kostbarkeiten.

 

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Der Diplom-Hirt 2): On Tour

November 27, 2017

Es geht hier immer noch um Otto Knöpfli, der Diplom-Hirt in den Schweizer Alpen ist. Ja, der typisch Schweizer Name stimmt und das mit dem Diplom auch. In der letzten Folge „Der Diplom-Hirt 1): Einstieg“ ging es um Hirten, Schafe, Herdenschutz- und Hütehunde allgemein. Nun wäre es interessant zu wissen, wie das Leben eines Hirten auf der Alp so abläuft.

~Otto Knöpflis Hütte.~

Otto Knöpfli war zumindest in der vergangenen Saison Springer. Das heißt, er war immer da, wo Not an Hütern war. Das bedeutete für ihn erst ein Gratis-Job in einer Gemeinde, die kein Geld für einen Hirten hatte. Dann wurde er über das Alpofon zu einem Notfall gerufen. Das Alpofon ist eine Schweizer Erfindung, die aber nichts mit dem legendären Alphorn zu tun hat. Auch nicht mit dem Musikinstrument Alpophon, das ähnlich wie ein Alphorn ist, nur anders. Das Alpofon, mit „f“ geschrieben, ist eine zentrale telefonische Vermittlungsstelle. Da sind die Schafhirten erfasst und werden gebucht.

~Die Alp Cadriola im Bündnerland.~

Auf der Alp „Cadriola“, die liegt zwischen dem Hinterrhein und dem Einshorn im Kanton Graubünden, wurde ein greiser Schafhirt plötzlich krank. Otto wurde zu Hilfe gerufen, und das hieß dalli-dalli. Um alles noch besser zu erklären muss man folgendes wissen: Es gibt die Schafbesitzer, die ihre Schafe jeden Sommer auf die Alp bringen. Dann den örtlichen Schafmeister, der die Alp verwaltet und den Schafhirten. In diesem Fall stellte sich das Problem, dass die Herde von 476 Schafen von drei verschiedenen Besitzern stammte. Sie war also nicht homogen. Dann hatte der ursprüngliche Hirt, obwohl sehr erfahren, auf Grund seines Alters in den letzten Tagen nicht mehr die Kraft seine Herde ordentlich zusammenzuhalten. Die Schafe grasten da, wo ihnen die Kräutlein am Besten schmeckten. Eben überall.

~Schön ist es hier, und einsam.~

Als Otto ankam, fand er eine skurrile Situation vor. In einer Notiz steht: „In den höher gelegenen Gebieten war wenig Gras vorhanden. Das hat sich im Verhalten der Schafe so ausgewirkt, dass sie sich in kleine Gruppen aufgeteilt haben und wo immer möglich einen Weg zu noch unberührtem Weideland gesucht wurde. So war zum Beispiel eine Gruppe von neun Schafen nachweislich durch die Flanke hinter dem Schientobel in die Horneralp gekommen, was das erste Mal so beobachtet werden konnte.“ Etc. etc. „Dieser Sommer war sicherlich außergewöhnlich in Sachen Hirtenschaft, aber auch wie oben erwähnt im Verhalten der Tiere. Auch darf man die acht Tage Schneewetter nicht vergessen.“ Um es kurz zu machen: Zu Ende der Saison fehlten sechs Tiere, die sich theoretisch auch fremden Herden angeschlossen haben könnten. Wenn man bedenkt, dass ein Schaf zwischen 400 und 700 Franken wert ist, tut das natürlich weh. Es steht aber auch: „Es gab keine Augenprobleme, keine Moderhinke, nur zwei Tiere mit Panaricium, keine Wurmprobleme und keine Räude.“

~Die Alphütte bei Ottos Ankunft.~

Otto Knöpfli hat mit seinen Hunden die Herde wieder zusammengetrieben. Die folgenden Tage waren aber trotzdem arbeitsreich, wie seine eng beschriebenen Tagebuchblätter zeigen. Immer wieder ist die Rede von „ausgebüxten“ Schafen, vom Zaunnetze reparieren, vom Augentröpfeln anfälliger Tiere. Vom schlechtem Wetter mit Hagel und Schnee. Vom Errichten der Nachtpferche für die Schafe. Auch von einer Wölfin mit acht Jungen, was außergewöhnlich ist. Otto beobachtet sie zum Einshorn hin. Vor ihrem Bau, im ihrem „Wohnzimmer“, wie er es nennt. Da die Hütte im Weidegebiet keinen elektrischen Strom hat, trägt er tagsüber ein Solarpanel auf seinem Rucksack. Für sein Mobiltelefon. Oft transportiert er auch Netze mit Pfählen. Die wiegen zusammen zusätzlich 40 Kg auf seinem Rucksack. Das ist ganz schön schwer in unwegsamem Gelände.

~Immer wieder ist Zaun reparieren angesagt.~

Wenn man das alles so liest, hört sich das nach Plackerei an. Ist es auch und nicht unbedingt eine romantische Schäferidylle. Aber schöne Momente gibt es natürlich. Es ist der klare Himmel nach einem Gewitter. Es ist die unbeschreiblich schöne Natur mit Ausblick. Es sind Momente der Zufriedenheit, wenn man ein verirrtes junges Lamm findet. Es ist einfach alles. In der nächsten Saison wird Otto wieder unterwegs sein. Wohin ihn das führt weiß er noch nicht.

~Otto Knöpfli mit seiner Lieblingshündin Joy.~

Der Diplom-Hirt 1): Einstieg

November 12, 2017

Das gibt es tatsächlich: Hirten mit Diplom. Ich kenne einen, Otto Knöpfli. Es ist ein Schulkamerad, der erst 40 Jahre mit seiner Frau einen gut gehendend Friseursalon betrieb. Friseur wollte Otto in jungen Jahren werden, weil er die Zweisamkeit mit Menschen schätzte. Dann wurde ihm das Ganze zu eng. Über die Sozialarbeit kam er schnell zu einem Beruf, in dem er Erfüllung in der freien Natur fand. Und da er alles sehr gründlich macht – als Friseur war er auch zehn Jahre Instrukteur – absolvierte er eine Ausbildung zum diplomierten Schafhirten. Da erfährt man wirklich alles: Organisation der Alpwirtschaft, Rechtliches, Schafhaltung, Tiergesundheit, Herdenschutz, Art der Arbeitshunde und deren Grundausbildung und vieles mehr. Natürlich gibt es auch nicht diplomierte Schafhirten. Das sind die, die ihre Arbeit seit vielen Jahren erfolgreich machen; sozusagen die Ehrendiplomierten.

~Otto Knöpfli mit seinem Diplom.~

Die Schaf- und Ziegenhaltung in den Alpen beschert uns natürlich hervorragende Produkte. Die Schafmilch enthält zum Beispiel mehr wichtige Vitamine A, D, E, B6, B12 und Vitamin C als Kuhmilch. Dass Schafmilch und der daraus gewonnene Käse ausgesprochen köstlich sind kann ich bezeugen. Kein Wunder, die feinen Alpenkräutlein entfalten ihre Wirkung. Mein Vater zum Beispiel hatte durch seine Berglerernährung ein Leben lang gesunde Zähne. Die Alpenbewirtung erfüllt aber auch eine ganz besondere Funktion. Grasende Tiere pflegen die Landschaft und halten sie gesund und intakt. Ganz im Gegenteil zu der unvernünftigen Landschaftsnutzung im Flachland.

~Ein Teil von Ottos Schafherde über den Wolken.~

Domestizierte Schafe gab es schon ab 8000 v. Chr. im „fruchtbaren Halbmond“, also um das Zweistromland herum. Kein Wunder, da entstanden auch die ersten festen Besiedelungen im Westen. Schafe sind Herdentiere, aber keineswegs dumm und durchaus individualistisch. Innerhalb einer Herde gibt es Freundschaften und eine klare Rangordnung. Dabei ist nicht der Widder der Boss, sondern ein erfahrenes Muttertier. Die wichtigsten Sinne von Schafen sind der Geruchs- und Gehörsinn. Der Geruchssinn ist wichtig für die Nahrungsaufnahme und der Bindung zwischen Muttertier und Lamm. Feinde orten sie eher mit dem Gehör. Die Paarungszeit ist im Herbst. Nach einer fünf- bis sechsmonatigen Tragezeit kommen ein oder mehrere Jungtiere zur Welt. In der Schweiz gibt es 19 Schafrassen, wobei das „weisse Alpenschaf“ den größten Anteil stellt.

~Die gesunde Landschaft auf der Bündner Alp Cadriola.~

Bei den Hunden gibt es zwei Funktionsgruppen. Herdenschutzhunde leben mit den Schafen zusammen. Im Idealfall werden Lämmer von klein auf an sie gewöhnt. Dabei nehmen die Hunde auch den typischen Geruch von Lanolin an, dem Fett in der Wolle von Schafen. Hüte- oder Treiberhunde leben nicht im Herdenverband. Sie halten die Herde von außen zusammen. Zwei Rassen sind in beiden Fällen häufig: Der „Maremmano Abruzzese“ und der „Montagne des Pyrénées“. Aus den Abruzzen und den Pyrenäen also, wo Schafe schon immer einen großen Stellenwert hatten.

Wer ein ordentlicher Schäfer ist hat den Hirten- oder Krummstab. Dieses Requisit gibt es seit dem Alten Ägypten als Symbol der Macht. Später nutzten es kirchliche Würdenträger. Er taucht auch oft in der Heraldik auf. Sehen Sie in der nächsten Folge „Der Diplom-Hirt 2): On Tour“.

~Der Hirtenstab, Symbol seit über 5000 Jahren.~

Ich schreibe immer wieder gerne über das Atelier Righini-Fries, das etwas abseits der Konzentration von Zürcher Kulturstätten ist. Das Atelier, das Haus, war der Wirkungsort von mehreren Generationen von Zürcher Malern, die vor allem national eine große Bedeutung hatten. Das Atelier ist heute eine Stiftung mit Sammlung und Wechselausstellungen. Vor allem zur letzten Malerin im Atelier habe ich eine besondere Beziehung: Zur fabelhaften Hanny Fries, die ich kurz vor ihrem Tod noch kennenlernte.

~Malerei: Das Theater von Belfort von Hanny Fries.~

Hanny Fries, geboren am 27. November 1918 in Zürich und verstorben am 7. Dezember 2009 ebenda, stammte aus einer Familie von Kunstmalern mehrerer Generationen. Die Stiftung Righini-Fries betreut alle Nachlässe und stellt aus dem reichen Fundus immer wieder Wechselausstellungen zusammen. Zur Langen Nacht der Zürcher Museen gab es etwas besonderes, eigentlich zu einem kleinen Thema aber gerade deswegen faszinierend. Unter dem Titel „Kleider machen Leute – Die Modezeichnungen der Hanny Fries“ zeigte die Stiftung unbekannte Zeichnungen der Künstlerin. Hanny Fries war vor allem Malerin, aber sie zeichnete auch ihr Leben lang. Sie illustrierte in ihren unsteten, ereignisreichen Leben unzählige Bücher und erstellte im gezeigten Fall Modezeichnungen für Anzeigen des ehemaligen Zürcher Modehauses Rom.

~Illustrationen: Modezeichnungen von Hanny Fries.~

Schöpferin dieser Mode war die damals bekannte Alice M. Gelber, auch „Gelbi“ genannt. Sie war an diesem Abend wie das Ehepaar Rom anwesend und so konnte ich von der immer noch quirligen Dame mehr erfahren als das, was im Internet herauszufinden war. Um die Modeanzeigen von Hanny Fries rechtzeitig auf die Titelseiten von renommierten Tageszeitungen zu bringen gab es ein natürliches Hindernis. Die Modelle wurden sprichwörtlich mit der heißen Nadel genäht und wurden erst kurz vor der Show fertig. Aber „Gelbi“ hatte natürlich ihre Creationen im Kopf, bis zum letzten Detail. Also setzte sie sich mit Hanny Fries im Café-Restaurant „Gleich“, einem seit 2001 leider geschlossenen berühmten Tempel für Vegetarier, zusammen. Alice erzählte und beschrieb die Mode und Hanny zeichnete und zeichnete bis alles richtig war. Die Modeanzeigen sowie Vorstudien wurden für die Ausstellung an Wänden und in Vitrinen schön präsentiert. Es gab sogar drei Originalkostüme auf Schaufensterpuppe.

~Prominenz: A. M. Gelber (rechts) mit Freundin.~

Die Lange Nacht der Zürcher Museen im Atelier wurde aber durch ein weiteres Event ergänzt. Die junge Schauspielerin Sofie Erhardt las unter Assistenz von Maud Choteau aus Märchen, die thematisch mit der Mode verbunden waren: „Des Kaisers neue Kleider“, „Die Sterntaler“, „Der gestiefelte Kater“, „Das Hemd der Zufriedenen“, „Der Halskragen“. Bei letzterem wurde mir ein weiteres Mal bestätigt, wie großartig, ja wie genial absurd, H. C. Andersens Märchen ist. „Le Cabaret Avant-gardiste“ von Sofie Erhardt und Maud Choteau setzte mit genialen Inszenierungen den Texten noch das i-Tüpfelchen. Es war ein gelungener Abend für das außerordentlich zahlreich erschienene Publikum.

~Sofie Erhardt: Der gestiefelte Kater.~

~Sofie Erhardt: Des Kaisers neue Kleider.~

Ein Kater namens Mio

September 8, 2017

Mio ist ein Kater in meiner Nachbarschaft. Er ist zirka fünf Jahre alt und gehört zur Gruppe der Angorakatzen, oder Perser wenn Sie wollen. Ich liebe Katzen, denn ich habe selbst zwei gehabt. Sie wohnen jetzt im Katzenhimmel. Hunde liebe ich natürlich auch. Eigentlich alle Tiere. Und seit dem ich weiß, dass die Biomasse lebender Insekten drastisch zurückgeht, trage ich jede Spinne in meiner Wohnung sorgfältig in den Garten. Das erfordert zwar Zeit, aber ich rette damit die Welt.

~Kater Mio: Der Star in der Nachbarschaft.~

Erst allmählich habe ich herausgefunden, wem Mio wirklich gehört. Denn Mio liebt Menschen und will immer in deren Nähe sein. So betrachtet er etliche verschiedene Wohnungen als sein zuhause. Er schläft oft bei einem kleinen Mädchen im Nachbarhaus und nicht bei den Besitzern. Die Kleine betrachtet er als seine besondere Freundin.

~Freundschaft für immer: Mio mit dem Nachbarsmädchen.~

Mio durchstreift ein besonders großes Revier und ist dabei ungewöhnlich experimentierfreudig auf seiner Pirsch. Ihm genügt es nicht schnell über die Straße zu huschen. Nein, er legt sich auf den Mittelstreifen und beobachtet dabei den Verkehr links und rechts. Hoffen wir, dass er noch lange lebt. Wenn ein Haus eingerüstet ist, ist er der erste, der das Gerüst über Treppen erklimmt. Die restlichen Katzen beobachten ihn dabei und wenn er erfolgreich ist, versuchen sie sein Kunststück nachzumachen. Er ist der Meister und hat eigentlich keine Feinde. Selbst die Hunde respektieren ihn.

Mio liebt Menschen, Menschenansammlungen. So soll er eines Tages den Bus im Quartier bestiegen haben und bis zum Bahnhof gefahren sein. Das sind immerhin neun Stationen ohne Ticket. Der Busfahrer hat ihn dann in den kreuzenden Bus am HB gesteckt und Mio fuhr wieder zurück. Das kann ich nicht verbürgen, denn ich war nicht dabei. Ich habe die Geschichte mehrfach gehört. Was gleich folgt kann ich aber verbürgen. Eines schönen Abends war ich um 17.00 Uhr an der Quartiersbushaltestelle. Um diese Zeit kommen immer viele Menschen aus der Stadt. Mio tummelte sich erst ausgiebig zwischen den vielen Menschenbeinen. Dann hat er sich einen sympathischen Zeitgenossen ausgesucht und ist mit ihm nach Hause gelaufen. Das macht er übrigens auch kurz vor Mitternacht. Dann ist wenig los im Quartier. Mio holt also jemand, der mit dem letzten Bus kommt, ab und begleitet ihn nach Hause. Immer dreißig Schritte vorpreschen, eine Pirouette schlagen, sich zum Kraulen hinlegen – das ist seine Devise.

~Kunststücke für jedermann: Mio bei guter Laune.~

Natürlich macht Mio normale Kunststücke wie eine normale Katze. Er gibt Pfötchen, geht kurz auf zwei Beinen, hascht nach Leckereien. Aber im Grunde genommen verfolgt er in seinem Leben nur das Eine: Er will von Menschen extrem beachtet und akzeptiert werden. So etwas habe ich in dieser Intensität bei Katzen noch nie beobachtet. In der vor kurzem abgelaufenen Urlaubszeit war es still im Quartier. Mio hat sehr gelitten. Er legte sich auf die Asphaltfläche vor meinem Straßenfenster und hoffte, dass jemand zum Garagentor muss. Das macht er sonst nie. Aber er legt sich vor geparkte Autos und wartet, dass jemand wegfahren will. Meist errät er sogar die Uhrzeit in der das Auto bewegt wird. In dieser langen Urlaubszeit waren wie gesagt wenig Menschen da. Mio verzweifelte und ich holte ihn bisweilen in meine Wohnung. Da war er für kurze Zeit glücklich. Nun kommt er immer. Ich bin Bestandteil seines Tagesprogramms. Aber nur ein kleiner. Mio ist in seiner Sucht nach Beachtung nicht zu bremsen.

~Trostlose Urlaubszeit: Asphalt ohne Menschen.~

Nur an Sylvester ist er für Tage nicht zu sehen. Er mag wie alle Katzen keine Knallerei. Da ist er ganz normal.

Invasoren

August 18, 2017

Keine Angst, wir reden hier nicht von Invasoren aus dem All. Auch nicht vom Horror, den angeblich Chinesen in Paris verbreiteten, wie es in dem Film „Les Chinois à Paris“ von 1974 vorkommt. Da das Kunstwerk hier leider kaum bekannt ist nur ein kurzer Hinweis. Es spielt auf amüsante Weise mit der Angst der Franzosen vor der „Gelben Gefahr“ die damals herrschte. Und es zeigt die Absurdität, wie sich Franzosen mit den Fremden abfinden, die nicht nur ganz Frankreich, sondern auch das geliebte Paris okkupieren. Es ist eine großartige Fiktion über die Eigenart französischer Anpassungsfähigkeit. Sehr sehenswert und mein Beitrag heute zur Filmgeschichte.

Aber zurück zum Stück. Hier geht es um invasive Neophyten, die die heimische Flora bedrängen. Ich habe mich gelegentlich damit beschäftigt. Nun hat mich ein Artikel in der örtlichen Tageszeitung dazu veranlasst, mal über den Balkonrand zu schauen. Leider habe ich keinen eigenen Garten. Aber die, die einen haben wissen über invasive Neophyten wahrscheinlich genau Bescheid. Trotzdem, für meinen Vermieter könnte es interessant sein. Also: Ganz links steht eine wilde Kirsche. Der Baum gedeiht prächtig. Die Kirschen sind ungenießbar, aber viele Vögel haben Freude daran und scheißen dann ihren bläulichen Kot auf die Autodächer.

~Blick vom Balkon links: Wildkirschen für Vögel.~

~Blick vom Balkon rechts: Haselnüsse für niemand.~

Ganz rechts gedeiht ein prächtiger Haselstrauch. Er ist sehr ausladend und nimmt dem Nachbar unter mir die Aussicht. Aber der ist eh nur nachts da. Der Strauch trägt wenige Haselnüsse, die auch noch mickrig sind. Aber es ist eine regelrechte Partymeile für viele Singvögel, die mich mit ihrem Gesang erfreuen. In der Mitte steht ein obskurer Strauch, der auch schon eine ordentliche Größe hat. Auf dem Schurken sitzt nie ein Vogel. Andere Mitglieder der Fauna meiden ihn. Aha, ein invasiver Neophyt! Jetzt kann ich meinem Vermieter einen reindrücken. Ich fotografierte. Auf meinem Bild konnte ihn der pensionierte Kantonsschullehrer von vis-à-vis nicht benennen. Der weiß sonst immer alles. Auch Passanten, denen ich mein Foto zeigte, konnten mit dem Strauch nichts anfangen. Ominös. Kurz entschlossen schickte ich das Foto an Roman Fendt. Der ist zuständig für Biosicherheit in unserm Kanton. Ja, so was gibt es im Kanton Schaffhausen, der mit dem Slogan „Das kleine Paradies“ seit Jahren wirbt. Befinde ich mich in einem Paradies für invasive Neophyten? Na servus. Roman Fendt gab aber schon nach zwei Stunden per Mail Entwarnung. So schnell sind die hier. Und so freundlich. Das obskure Objekt ist wohl eine der 90 Arten der Tamariske. Sie ist eher im Mittelmeerraum beheimatet und diese Unterart zumindest europäisch. Also nix für einen Schikaneanruf bei der Hausverwaltung.

~Blick vom Balkon Mitte: Die obskureTamariske.~

Unser Garten ist also sauber. Aber so harmlos ist das Ganze nicht. Invasive Neophyten sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Sie waren es eigentlich schon immer. Aber anders als bei der asiatischen Kirschessigfliege, die die Weinstöcke schädigt, macht man bei Pflanzen offensichtlich kein großes Gedöhns daraus. Invasive Neophyten setzt man gelegentlich selbst in seinen Garten. Sie blühen meist prächtig. Gartencenter und neuerdings der Internethandel machen ein ebenso prächtiges Geschäft damit. Fantasienamen dienen der Verschleierung. Und sie werden meist auch nicht in der freien Natur entfernt. Eben weil sie so schön sind.

Machen wir uns nichts vor. Invasive Neophyten verdrängen die heimische Natur ohne dass sie den geringsten Nutzen bringen. Sie vermehren sich so aggressiv, dass mancherorts der Kampf schon verloren ist. Bei uns gibt es zirka 550 Arten. Hier die Steckbriefe der vier schlimmsten Plagen und Lösungsansätze: Das „Einjährige Berufskraut“ ist normalerweise in Nordamerika beheimatet und wurde bei uns als Gartenzierpflanze eingeführt. Mehrmals vom Mai bis Oktober vorsichtig mit der ganzen Wurzel ausreißen. Der „Essigbaum“ stammt aus dem östlichen Nordamerika und wurde schon um 1620 in Europa eingeführt. Er gefällt wegen der herbstlich roten Färbung. Jungpflanzen mehrmals von Mai bis November vorsichtig ausreißen und das über Jahre. Der „Japanische Staudenknöterich“, eigentlich in China, Korea und Japan beheimatet, wurde schon 1825 als Zier- und Viehfutterpflanze nach Europa gebracht. Die unterirdischen Ausläufer der Pflanze können zum Beispiel Mauerwerk und Asphalt durchdringen und sind nicht zu bremsen. Ein Entfernen ist deshalb schwierig. Der „Riesenbärenklau“ ist besonders ätzend, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Saft kann auf der Haut in Verbindung mit Sonnenlicht Verbrennungen bis zweiten Grades verursachen. Die Pflanzen sollten 20 bis 30 Zentimeter über dem Boden abgeschnitten und der Wurzelstock für eine nachhaltige Bekämpfung 20 Zentimeter unter dem Boden mit einem Spaten durchtrennt werden. Übrigens: Entfernte Neophyten gehören nicht auf den Kompost.

Nun doch noch etwas Versöhnliches zu Neophyten, keine invasiven diesmal. Tomate und Kartoffel sind welche. Sie haben bei uns aber den Status von Nutzpflanzen und wurden vor vielen, vielen Jahren von spanischen Entdeckern aus Südamerika mitgebracht. Die Kartoffel zum Beispiel gedieh erst in höfischen Gärten als Zierpflanze bevor der Wert der unterirdischen Knolle als Nahrungsmittel erkannt wurde. Ich könnte auf Tomaten und Kartoffeln nie verzichten.

~Die gute Kartoffel: Unglaublich, was man alles daraus zaubern kann.~

 

Mit diesem Beitrag schließt die Trilogie um die Entwicklung des Parfüms seit der Antike ab. Sie erinnern sich: Die erste Folge hieß „Das Chanel Nº 5 der Antike“ und sprach über ein Flakon, das im Grab der Pharaonin Hatschepsut entdeckt wurde. Klicke hier. Die zweite Folge „Parfümarchäologie und experimentelle Archäologie“ schilderte den neuen Zweig der Archäologie und die Möglichkeiten, durch Experimentalarchäologie Thesen nachzuweisen. Klicke hier. Hier geht es nun um Ergänzungen und vor allem darum, wie sich das, was wir heute als „Parfüm“ bezeichnen, entwickelt hat.

 Obwohl nicht nachgewiesen ist es evident, dass seit der Möglichkeit der Bewahrung des Feuers immer wieder wohlriechende Stoffe wie Pflanzenbestandteile verbrannt wurden um Wohlgerüche zu erzeugen. Es ist auch anzunehmen, dass diese Erzeugung von Düften ausschließlich kultische Hintergründe hatte. Höhlenmenschen brauchten noch keine Raumsprays. Seit der frühen Antike widmente man Weihrauch nachweislich den Göttern. Dass das Parfümfläschchen der Pharaonin Hatschepsut Weihrauch enthielt, ist auch deswegen erklärbar, weil es Hatschepsut als erste Frau auf dem Thron besonders wichtig war mit den Göttern in Verbindung zu stehen. Das gestand man sonst nur Pharaonen, also Männern zu. Es war sozusagen ihre Legimitation. Um Kritiker verstummen zu lassen, ließ sie sich später sogar als Mann abbilden.

Rauch

~Parfümierter Rauch als Brücke zu den Göttern.~

Während das Harz des Weihrauchbaumes als Rauch in der heutigen Zeit beinahe nur noch kultische Bedeutung hat, erfand man später wohlriechende Salben und noch später das Parfüm in heutiger Form auf Alkoholbasis. Davon nach einigen andern Schilderungen. Aber wie gesagt, Parfüms auf Ölbasis gab es schon im alten Ägypten. Mitglieder der Oberschicht salbten damit nicht nur sich, sondern auch Verstorbene ein, damit ihre Körper unversehrt ins Jenseits kamen. Beliebt war eine Mischung aus Zimtrinde, Sandelholz und Rosenblätter in Öl. Aus einem Papyrus ist zu entnehmen, dass reiche Ägypter sich auch eine Art Mundwasser – eine Mixtur aus Weihrauch, Myrre, Wachholderbeeren, Zypergras, Bockshorn, Kalmus und Rosinen – herstellen ließen. Die Damen der altägyptischen Oberschicht ließen sich parfümierte Fettkugeln ins Haar flechten. Sie schmolzen langsam und verbreitenden ihren Duft aus Anis-, Zitrone-, Rosmarin- und Orangenölen. Die Königin der Verführerinnen, Kleopatra, setzte noch einen drauf: Die Parfümfetischistin parfümierte sogar die Segel ihrer Yacht mit Rosenwasser um Julius Cäsar zu verführen. Man kann sich vorstellen was dann geschah. Der Wind strich durch die Segel und der Rosenwasserduft senkte sich zärtlich über die Lagerstatt der Herrscherin. Das Rosenwasser wurde übrigens vom persischen Arzt und Gelehrten Ibn Sina, latinisiert Avicenna, erfunden, der zwischen 980 und 1037 lebte. Dem Tausendsassa – er war unter anderem auch Philosoph, Mathematiker und Astronom – gelang es durch Destillation ein Rosenwasser herzustellen, welches den Blüten ihren Duft entzieht und ihn an die Flüssigkeit überträgt.

~Ibn Sina, auch Avicenna genannt. Er erfand das Rosenwasser.~

~Kleopatra, die Königin der Verführerinnen.~

Im alten Griechenland wurde der Körperduft ebenso Kult. Und zwar bei Männern. Die Körper der Wettkämpfer, die wohl weitestgehend nackt auftraten, salbte man mit wohlriechenden Ölen. So war ein Ringkampf keine übelriechende Sache. Natürlich gab es auch da Parfüms auf Ölbasis, wie zahlreiche Darstellungen und Funde belegen. Später wurden Düfte in jeglicher Form auch bei reichen Römern Pflicht. Die hatten es ja eh mit der Hygiene. Mit dem Zerfall des Römischen Reiches ging die Badekultur zugrunde und die Pflege des Körpers allgemein. Die dunkle Zeit des Mittelalters begann in Europa. Das war aber gar nicht so dunkel wie ich früher angenommen hatte. Im 13. Jahrhundert entwickelten Araber die Methode, hochprozentigen Alkohol herzustellen und damit das Parfüm in seiner alkoholischen Lösung, wie wir es heute kennen. Dieses Wissen gelang durch Handel allmählich auch an die europäischen Herrscherhäuser. Verschiedene Quellen sehen das „Wasser der Königin von Ungarn“ aus dem Jahre 1370 als erstes modernes Parfüm des Abendlandes. Hergestellt wurde es aus Rosmarin-Essenzen mit der Destilliertechnik der Araber. Dem steht entgegen, dass schon 1190 Philipp August von Frankreich die Gilde der Handschuh- und Parfümmeister ins Leben gerufen haben soll. Was solls, das Parfüm trat seinen Siegeszug an. Nur die Kirche hatte etwas dagegen. Sie verurteilte das Duftwasser als unkeusches Mittel und damit des Teufels. Trotzdem, am Hof der Könige von Frankreich wurden Düfte so exzessiv genutzt, dass das Versailles von König Louis XV „Hof des Parfüms“ genannt wurde. Madame Pompadour soll Unmengen am Wässerchen verbraucht haben um die Gunst des Königs zu erlangen. Unter uns: Parfüms überdeckten damals üble Körpergerüche, denn Baden war nicht besonders angesagt. Die französische Revolution machte Schluss damit. Aber schon der kleinwüchsige Napoleon Bonaparte unterstrich seinen Sex wieder durch Parfüm. Er rieb sich von Kopf bis Fuß mit Kölnisch Wasser ein und soll 120 Liter davon im Monat verbraucht haben.

~Griechische Ringkämpfer, wohlriechend.~

Der Mark der Parfüms heute ist gigantisch. Die Ausgabe der Werbekosten dafür auch. Jedes Jahr werden allein bei uns 200 neue Düfte eingeführt, davon 60 bis 80 Luxusdüfte. 97 Prozent werden nach drei Jahren wieder eingestellt, da sie sich nicht wirtschaftlich am Markt durchsetzen können. Die Nase und die Empfindungen für Düfte sind kompliziert. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass die Geschichte des Parfüms in Indien und China natürlich viel früher begann. Wen wundert es. Hier noch ein interessanter Artikel aus der Berliner Zeitung zur „Osmothèque“ in Paris, zur Verfügung gestellt von Arabella.

https://www.google.de/amp/amp.berliner-zeitung.de/wissen/unbezahlbar–parfum-museum-bewahrt-alte-duefte-4356668

 

Im letzten Beitrag habe ich über die altägyptische Pharaonin Hatschepsut berichtet, über ihr Grab und ein ominöses Parfümfläschchen, das darin gefunden wurde. Weiter über die Möglichkeit, den 3.500 Jahre alten Inhalt an mikroskopisch kleinen, vertrockneten Spuren zu identifizieren und ihn sogar nachzubauen.

Zuerst aber einmal zur Erklärung der oben in der Überschrift genannten Begriffe: Parfümarchäologie ist relativ jung und geht am Rande einher mit der konventionellen Archäologie. Das heißt, wird bei einer Ausgrabung etwa ein Flakon gefunden, untersucht man es auf Inhaltsstoffe. Es sind natürlich nur vertrocknete, winzige Spuren vorhanden, da der Inhalt sich verflüchtigt hat. Diese werden dann mittels modernster Technik untersucht und die ursprünglichen Inhaltsstoffe bestimmt. Etwa Öle, Duftstoffe etc. Da diese technischen Möglichkeiten nicht schon immer zur Verfügung standen, ist logischerweise das Fachgebiet neu. Mittlerweilen ist aber ein regelrechter Run auf solche Fundstücke und deren Untersuchung entstanden. Gerade im Mittelmeerraum und Vorderasien wird immer mehr untersucht. Das ist nicht verwunderlich. Ägypter, Mesopotamier, Griechen, Phönizier und Römer liebten Wohlgerüche oder verdienten an deren Handel. Auch in Asien und Afrika waren Düfte schon früh begehrt.

~Still aus dem Film „Kon-Tiki“, der Thor Heyerdahls Experiment nachspielt.~

Experimentelle Archäologie entstand aus dem Wunsch, wissenschaftliche Thesen zu erhärten oder zu belegen. Diese Experimente beziehen sich auf alle Lebensbereiche unserer Vorfahren. Der Norweger Thor Heyerdahl segelte zu Beispiel mit seinem selbst gebauten Floß „Kon-Tiki“ aus Basaltholz 1947 von Lima aus über den Pazifik, um zu beweisen, dass die Besiedlung Polynesiens von Südamerika aus mit den technischen Möglichkeiten des präkolumbianischen Perus vor der Zeit der Inka möglich war. Er baute später auch historische Schilfboote nach, um seine Besiedlungsthesen zu Inseln von Afrika aus zu beweisen. Am Rande: Er gehörte außerdem zu den ersten Umweltaktivisten. Gerade der Schiffsnachbau trieb die Experimentalarchäologie zu höchsten Blüten. Verbundtechniken von Materialien wie Holzplanken seit der Zeit der alten Ägypter wurden so erprobt. Vorlagen zu diesen Experimenten waren alte Darstellungen in Bild und Schrift oder später auch Fundstücke vom Meeresboden.

Der Schiffsbau ist aber nur ein kleiner Teil aus dem Gebiet der Experimentalarchäologie. Anhand von Fundstücken wird versucht, die Arbeitstechniken der Vergangenheit zu erschließen und diese werden dann mit den damals vorhanden Mitteln und Materialien nachvollzogen. Bekannt sind natürlich Waffennachbauten, aber auch Fertigungstechniken wie das Zubereiten von Nahrungsmitteln, Erstellen von Kleidung mit damaligen Mitteln etc. werden erprobt. Die Belegung von Vermutungen zu Arbeiten wie dem damalige Bronzeguss, Eisenverhüttung, Stein- oder Knochenbearbeitung werden dem Gebiet der Archäotechnik zugeordnet, die mit der Experimentalarchäologie verwandt ist. Als Vater der experimentellen Archäologie gilt der Amateurarchäologe Frederik Sehested, der 1879 in Dänemark mit steinzeitlichen Werkzeugen ein Blockhaus errichtete. Mir besonders lieb sind die Nachbauten von Wundermaschinen der Antike wie die von Archimedes, Ktesibios, Philon von Byzanz und Helon von Alexandria. Anhand von überlieferten Konstruktionszeichnungen können diese Kunstwerke nachgebaut und ihre Funktionstechnik bewiesen werden. Die Hydraulik und die Schraube beispielsweise sind keine Erfindungen der Neuzeit.

~ Experimentalarchäologische Arbeiten zur Errichtung eines frühzeitlichen Hauses des Landesmuseums Oldenburg.~

Da ich zur Parfümarchäologie speziell weiter ausholen muss und es hier zu lang würde, ein kurzer Hinweis zu dem, was im nächsten Beitrag folgen wird. Schon ab 7000 v. Chr. nutzten Priester in Mesopotamien und Ägypten Düfte zur Ehrung der Götter. Gutriechende Materialien wurden verbrannt, welche im Rauch zu den Gottheiten aufsteigen sollten. So entstand später das Wort „Parfüm“, auf lateinisch „Per Fumum“, was „durch den Rauch“ bedeutet. So wird der nächste Beitrag dann „Durch den Rauch: Die Entwicklung des Parfüms“ heißen. Sie werden aber sehen, dass es bis zum heutigen Parfüm noch ein weiter Weg sein wird.

Das Parfümfläschchen der Pharaonin Hatschepsut enthielt vermutlich Weihrauch oder andere Pflanzenbestandteile in einer Ölbasis.

Was war das für eine Aufregung, als der spleenige Engländer Howard Carter 1903 das Grab der altägyptischen Pharaonin Hatschepsut entdeckte. Dem Carter, der als Zeichner zum Ägyptologen wurde, traute man einiges zu. Er tummelte sich schon früh auf den Grabfeldern Ägyptens, dem Tal der Könige, und 1922 gelang ihm dann letztlich der große Coup. Er entdeckte das unversehrte Grab von Tutenchamun, das mit Grabbeilagen von exquisiter Köstlichkeit überhäuft war. Carter war ein schillernder Mann. Zu den ganzen Schätzen Tutenchamun kam dazu, dass einige seiner Mitstreiter später unter merkwürdigen Umständen zu Tode kamen oder durch Selbstmord endeten. Ja, ja: Der Fluch des Pharao. Bestimmt ist das eine Legende.

~Das Chanel Nº 5: Wohl prominentestes Beispiel eines heutigen Parfüms.~

Nun sind wir aber wieder beim früher Howard Carter, 1903 beim Grabmal KV20, dem Grab von Hatschepsut. Es liegt am östlichsten Arm des Tals der Könige. Eigentlich so richtig entdeckt wurde das Grab schon1799 durch Teilnehmer der Ägyptischen Expedition Napoléon Bonapartes. Die Gelehrten, die Napoléon auf seiner Reise mitführte, hatten aber bei der Fülle der Aufgaben keine Zeit für eine ordentliche Ausgrabung. So war es dann Howard Carter, der zwischen 1903 und 1904 das Grab aushob und ordentlich untersuchte. Carter ordnete es Hatschepsut und ihrem Vater Thutmosis I zu. Man nimmt an, dass das Grab allerdings zur Zeit von Thutmosis Tod nur zu zwei Dritteln ausgeschachtet war und es unter der Regentschaft von Hatschepsut mit einem Abstieg, einem weiteren Korridor, einer Grabkammer und drei Nebenkammern zum Doppelgrab ausgebaut wurde.

Hatschepsut, die zwischen 1479 und 1458 v. Chr. lebte, war eine außergewöhnliche Frau. Sie war, und das ist damals für eine Frau ungewöhnlich, Königin, Pharaonin, von Ober- und Unterägypten, also ungewöhnlich einflussreich. Normalerweise war der Pharao immer ein Mann. Ihre heute noch in Erinnerung verankerte Tat war ihre Expedition nach Punt, dem „Goldland“, wohl südöstlich des ägyptischen Reiches, südöstlich von Nubien. Auf Darstellungen in Hatschepsuts Totentempel wird gezeigt, was aus Punt alles mitgebracht wurde: Gold, wilde Tiere, Myrrhe, Weihrauchpflanzen und Ebenholz.

~3.500 Jahre altes Flakon: Wohlriechender Duft für die Königin Hatschepsut.~

Obwohl Hatschepsut gegen ihr Ende hin übergewichtig, zucker- und krebskrank war, schien sie sehr eitel und körperbewusst gewesen zu sein. In ihrem Grab fand sich ein Parfümflakon mit ihrem Siegel, sozusagen der erste Markenartikel der Welt. Er ist 3.500 Jahre alt. In einer Dauerausstellung der Universität Bonn ist er zu sehen. Forscher der Universität haben nun das Parfümfläschchen mittels Röntgenaufnahmen untersucht und an den Innenwänden eingetrocknete Reste von Flüssigkeit gefunden. Diese kleinen Partikelchen können nun chemisch analysiert werden und im besten Fall kann das Parfüm nachgebaut werden. Sicherlich sind Reste von Weihrauch zu finden, dem Duft der Götter. Voilà, das Chanel Nº 5 der Antike.

Demnächst werde ich weiter aus der Parfümarchäologie berichten und etwas mehr zur experimentellen Archäologie, dem Nachbau, sagen.

Steckborn, das kleine Städtchen auf der Schweizer Seite des Untersees, ist gut für Geschichten, die, auch wenn sie scheinbar unbedeutend sind, einem manchmal unglaublich vorkommen. Es geht hier nicht um große Ereignisse wie in dem fiktiven Ort Schilda, der durch seine Schildbürgerstreiche gut bekannt ist. Obwohl, wenn ich es richtig bedenke, hat mein Lieblingsstädtchen am Untersee sich auch schon so einiges geleistet. Es geht hier um eine Kleinigkeit, die mich irritiert hat und nächtelang nicht schlafen ließ. Ich schwöre es. Es geht darum, dass man kaum verstehen kann, wenn etwas Gewohntes fehlt, wenn etwas nicht stimmt. So, wie wenn plötzlich Ihre Nase nicht mehr da wäre. Der Löwe war weg.

~Das Hotel-Restaurant „Loewen“ in grauer Vorzeit.~

Nun sollte man natürlich wissen, welchen Löwen ich meine. Es ist kein Löwe aus einem Tierpark oder gar dem Schweizer Nationalzirkus Knie der fehlt. Nein, nein. So sensationell ist es nicht. Es ist der Löwe auf einem an der Wand angebrachten Sockel des Restaurants „Löwen“ der fehlt. Schweizer Restaurants, vor allem in Steckborn, haben meist Namen wie Adler, Hirschen, Sonne oder eben Löwen. Und diese Namen sind gut illustriert durch einen Adler, einen Hirsch, eine Sonne etc. auf Tafeln, Wirtshausschildern etc. Oder in unserem Fall der Skulptur eines Löwen auf einem Sockel.

~Eine alte Postkarte die zeigt, wie bedeutend die Liegenschaft war.~

Nun muss man sich beim Hotel-Restaurant „Löwen“ über nichts wundern. Das stattliche Gebäude am Ratshausplatz – das ist der Platz auf den man kommt, wenn man von der Schiffsanlagestelle durch eine Durchgang des alten Ratshauses geht – hat eine imposante Geschichte. Immerhin übernachtete der berühmte Komponist Franz Liszt am 15.6.1835 hier. Die angesehene Bierbrauerei Falken betrieb hier lange ein Bierdepot. Und es gab sogar eine Kegelbahn. Das war früher in der Schweiz ein Indiz von besonderer Geselligkeit. Aber die Geschichte des Hotel-Restaurants „Löwen“ war meist unrühmlich. Nebst einem erfolgreichen Intermezzo ab 1938 unter der charmanten Wirtin Virgiana Weller, kurz „Wwe“ genannt, gab es endlose Besitzer- oder Wirtewechsel. Von 1890 bis 1987 wirkten immerhin 20 glücklose Betreiber im „Löwen“. Das ist vor allem in der Schweiz ein katastrophales Zeichen. Seit 1987 stand das Filetstück in der Steckborner Altstadt dann leer. Und das bei einem ordentlich erhaltenen Gebäude mit Seeterrasse zum Gewässer hin und durchgehender Bebauung bis zur renommierten Seestrasse. An das verwaiste Haus hatte ich mich gewöhnt. Ich vermute Erbstreitigkeiten, die einem Verkauf der Liegenschaft und einer erneuten Nutzung im Wege standen.

~Der brutal leere Sockel.~

Als ich eines schönen Morgens zum zweiten Kaffee über den Platz zur Beiz der Hofers an der Schiffsanlegestelle schlenderte, bemerkte ich es. Der Löwe auf dem Sockel war weg. Das war für mich, der Gewohntes liebt, ein Schock. Es war wie damals auf dem Markusplatz in Venedig. Da hatte ich das beunruhigende Gefühl, das etwas fehlte, auch. Es war der Markuslöwe, der auf seiner Säule fehlte. Schnell fand ich aber heraus, dass der zur Reparatur war. Beim Löwen in Stechborn war das anders. Die reizende Serviererin von Hofers Kneipe wusste nichts. Andere mir zur Verfügung stehend Menschen konnten auch nicht helfen. Ich war verzweifelt, auch wenn das außer mir keiner nachvollziehen konnte. Ich bin eben so. Alles sollte auf seinem Platz sein.

~Die Demontage des Löwen durch Urs Traber.~

Wäre ich im Stadtgespräch von Steckborn etwas intimer dabei, wäre ich nicht erschrocken gewesen. Es gab natürlich eine simple Erklärung. Die fand ich dann auch, als ich wie gewohnt recherchierte. Als erstes rief ich einen befreundeten Bildhauer in Steckborn an, den Urs Traber (http://www.traberstein.ch). Der weiß immer alles. Er war es selbst, der den Löwen entfernte. René Labhart, der die famose Website Alt Steckborn (http://www.alt-steckborn.ch) betreibt, wusste es natürlich auch. Der weiß auch immer alles. Was ich erst jetzt verlässlich weiß ist, dass die Liegenschaft schon längst verkauft war. An einen gewissen Berlinger Lorenz Haid, dem die Haid Handels AG gehört. Der hatte den Bildhauer Urs Traber gebeten, den Löwen zu entfernen, weil er das Haus mit einem Baugerüst versehen wollte. Der Grund war ein umfänglicher Neubau auf dem Grundstück des „Löwen“, der allerdings wegen seiner Protzigkeit durch Einsprachen vorerst scheiterte. Das kommt hier öfters vor. Der Löwe liegt nun auf einer Palette in einer Lagerhalle von Urs Trabers Frau. Und er ist nicht aus dem üblichen Sandstein, wie ich vermutete, sondern aus Terrakotta, innen also hohl und bemalt. So, nun weiß ich alles. Gott sei Dank.

~Zu guter Letzt die schöne Seeterrasse heute.~