Nein, nein. Es geht hier nicht um die heimische Fauna. Auch wenn die bisweilen mysteriös ist. Etwa, wenn mir nach Mitternacht ein Fuchs vors Auto läuft. Und das unweit des Stadtzentrums. Es ist viel mysteriöser. Es geht hier um den Ort Vinnyzia in der Ukraine. Heute ist der Ort eine unscheinbare Stadt, die eigentlich nur durch die Massenmorde von 1937 bis 1938 durch das NKWD, dem Innenministerium der damaligen UdSSR, das auch Geheimpolizeiaufgaben ausführte, bekannt ist. Wie gesagt, es gibt sonst nichts Aufregendes. Aber zu Anfang des Kalten Krieges, also später, befand sich dort eine sowjetische Spionageschule der besonderen Art. Bei Vinnyzia wurde eine amerikanische Kleinstadt naturgetreu nachgebaut. In ihr führten zirka 1.000 junge Russen zehn Jahre lang das Leben waschechter US-Bürger. Sie lernten nicht nur amerikanisches Englisch, sondern sie sprachen verschiedene amerikanische Dialekte. Sie assen und tranken amerikanisch. Sie schliefen und kleideten sich amerikanisch. Sie studierten bis aufs Kleinste die Geschichte der USA. Sie redeten ausschliesslich über Baseball und Hollywoodstars. Sie tanzten Rock ’n‘ Roll.

~Nachgebaut: Typisch amerikanische Ortschaft.~

Die jungen Männer nannte man Raben, auf Russisch вороной. Die Mädchen nannte man Schwäne, auf Russisch лебеди. Sie wurden so perfekt als Spionageschläfer für den Einsatz in den USA vorbereitet. Sie sollten da ein unauffälliges Leben führen, heiraten, in Verbänden aktiv sein, etc. Ausgestattet mit gefälschten amerikanischen Geburtsurkunden, Sozialversicherungsnummern, Führerscheinen etc. Für den Westen aufgedeckt hat das Per Lindgren, Major und Sowjet-Experte. Er ist so mysteriös, dass es noch nicht mal einen Wikipedia-Eintrag oder ein Foto von ihm im Netz gibt. Er soll in der schwedischen Militärzeitschrift „Kontakt mit der Armee“ Einzelheiten enthüllt haben. Gesichert ist aber ein Artikel im amerikanischen „The Milwaukee Journal“ vom Montag, den 13. April 1959, mit dem Titel „Typical Yankee City in Russia Described“. Das muss um die Zeit von Nikita Sergejewitsch Chruschtschow gewesen sein. Er war damals auf den Gipfeln der Macht und Partei- und Regierungschef. Sie erinnern sich: Das ist der Nikita, der auf der UNO-Vollversammlung 1960 in einem legendären Wutanfall mit seinem Schuh auf den Tisch hämmerte. Er versuchte in der Versammlung erfolglos eine Debatte um die US-amerikanischen Spionageflüge anzustossen. Ja, ja. Auch die Amerikaner wahren nicht ohne.

~Unglaublich: Artikel im „The Milwaukee Journal“.~

Lindgren schildert im Artikel im „The Milwaukee Journal“ eine typische Konversationsübung im Spionagedorf: „A sweet martini“ he orderet. „Nyet“, snaried the barman. „No American would drink a sweet martini. Now start all over again.“ „Well, how about a Scotch on the rocks?“ Der Akteur, der ein Drink orderte, war ein Schüler, ein Rabe oder Schwan. Der Barmann ein Instrukteur. Instrukteure konnten auch Pförtner, Hotelangestellte, Verkäufer und weitere typische Amerikaner spielen. Die Schüler lernten amerikanisch zu telefonieren, Tickets ordern oder Poker spielen. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Mehr über Lindgrens Artikel erfahren Sie hier. Weitere Artikel erschienen im „Daytona Beatch Morning Journal“ und sogar im angesehenen „Time Magazine“.

Im Angesicht der heutigen Cyberspionage und Giftmorde waren die damaligen Spionageübungen doch sehr romantisch. Übrigens: Die Bezeichnung „Raben und Schwäne“ taucht in keinem der Artikel auf. Das habe ich aus der amerikanischen Spionageserie „Navy CIS: L.A.“ Darin spricht die fabelhafte NCIS Special Agent in Charge Henrietta „Hetty“ Lange über die Ausbildung von Agenten.

~Bis zum Abwinken: Trinkgewohnheiten auf amerikanisch.~

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Wenn man über Tattoos spricht, kann man unmöglich die Ganzkörpertätowierungen der Yazuka ignorieren. Nun sollte man natürlich wissen, wer die Yakuza sind. Aufgeklärte werden hier schnell darüberlesen, andere interessiert es vielleicht. Als Yakuza bezeichnet man kriminelle Organisationen, die es seit Hunderten von Jahren in Japan gibt. Das Wort „Yazuka“ setzt sich aus den chinesischen Zahlen acht (ya), neun (ku) und drei (za) zusammen und diese Zahlenkombination 8-9-3 gilt bei dem ursprünglich aus China stammenden, aber auch in Japan beliebten Kartenspiel Hanafuda als völlig wertlos. Die Yakuza selbst sehen sich denn auch mit einem gewissen Stolz als „die Wertlosen“ der Gesellschaft an. Komisch. Das hat aber seinen Grund.

~Wappen und ein verschlungenes Monster.~

Während der Edo-Periode, in der die Yakuza sich gebildet haben, bestanden die verschiedenen Organisationen fast ausnahmslos aus Menschen „niederer Geburt“. Also aus Angehörigen der Kasten der Kaufleute, Handwerker und Bauern. Ganz im Gegensatz zu den Samurai, die von höherer Abstammung waren und das Kriegshandwerk edelmütig ausführten. Die Yakuza galten damals als die „Robin Hoods“ Japans und das erklärt den frühzeitigen Stolz. Irgendwann mal verloren die Samurai durch die pax Tokugawa ihre Daseinsberechtigung als Krieger und sie wurden Ordnungshüter. Die Yakuza entwickelten sich immer mehr zu kriminellen Vereinigungen, Banden oder japanisch „kumi“ genannt. Samurai und Yakuza, die Guten und die Bösen also.

Heute gibt es in Japan drei große Yakuza-Gruppen: die Sumiyoshi-kai (vormals Sumiyoshi-rengo), die Inagawa-kai, beide mit Sitz in Tokio, sowie die zahlenmäßig größte Gruppierung Yamaguchi-gumi, deren Einfluss sich auf das Gebiet um Kobe und Osaka erstreckt. Traditionell sind sie auch in Thailand und Südkorea vertreten. Stützpunkte haben sie aber auch in Hawaii, San Francisco und selbst in New York, Amsterdam und Paris.

~Vogelfedern und Arabesken.~

Die Yakuzi sind streng hierarchisch organisiert. An der Spitze eines Netzwerkes steht der „Ojabun“ (jap. Vater), vergleichbar mit dem Paten bei der Mafia. Darunter gibt es die „kobun“, die Söhne. Unter Yakuza gilt ein Oyabun auch als „einer, der über den Wolken lebt“, eine Metapher, die von westlichen Experten als Synonym für Unantastbarkeit interpretiert wird. Yakuza pflegen ein aufwändiges Aufnahmeritual, bei dem traditionelle Kleidung getragen wird und der zukünftige Kobun seinem Oyabun Treue und Loyalität bis in den Tod zu schwören hat. Die Yakuza sprechen eine eigene Berufssprache und sind traditionell prächtig tätowiert.

Wikipedia schreibt dazu. “Yakuza verwenden seit Hunderten von Jahren großflächige Tätowierungen als Ausdruck der Gruppenzugehörigkeit, aber auch um sich als ranghöheres Individuum zu kennzeichnen. Nicht selten gaben sich Bauern und Handwerker bei ihrem Eintritt in die Yakuza neue und kriegerisch klingende Namen wie Tiger und Kranich, neun Drachen, tobender Sturm usw., die sie dann in dieser Form auf Rücken oder Brust bildlich darstellen ließen. Zusätzlich wurden oft noch ausschweifende und künstlerische Verzierungen angebracht, nicht selten wurde alles bis auf Kopf, Hände, Füße und Genitalbereich mit Mustern versehen. Auch heute noch sind Tätowierungen in Japan direkt mit den Yakuza assoziiert, weshalb Tätowierten der Zutritt zu öffentlichen Badeanstalten meist untersagt ist. Tatsächlich aber verliert die Tätowierung bei den Yakuza an Bedeutung, seit die Organisationen verboten wurden.“ Statt einer detaillierten Beschreibung der Motive empfehle ich Ihnen die fantasievollen Bilder. Wahrscheinlich sind es Yakuza, da die Tätowierungen den Oberkörper wie ein Unterhemd bedecken, die Unterarme aber frei bleiben.

~Ein grimmiger Mann und Rüstungselemente.~

Da seit 1993 die Zugehörigkeit zu einer „kumi“ in Japan strafbar ist, verschwindet der Yazuki immer mehr aus der Öffentlichkeit. Trotzdem sind einige Gruppen und Banden nur oberflächlich getarnt in Telefonbüchern etwa von Tokio und Osaka verzeichnet. Ihr Geschäft ist der Menschenhandel, die Prostitution, das Glückspiel, die Schutzgelderpressung und die Einflussnahme auf Politik und Wirtschaft. Die schönen Tattoos sind nicht mehr in Mode oder werden modisch okkupiert. Auch die traditionelle Hierarchie hat sich verändert. Ein schönes Beispiel dafür gibt der fabelhafte Film „Black Rain“ im Yakuza-Millieu von Ridley Scott, der auch so unterschiedlich schöne Filme wie „Blade Runner“ und „Thelma & Louise“ gemacht hat.

Die 15th London Tattoo Convention findet im September 2019 auf dem Tobacco Dock in London E1W 2SF statt. Sie ist international und die außergewöhnlichsten Künstlern nehmen teil. Schon anfänglich schrieb einer der Veranstalter: „Wenn es in Europa eine Convention gibt, auf der man gewesen sein muss, dann kann es sich nur um London handeln. Sie ist schlicht weltweit der wichtigste Treffpunkt der Tattoowelt. Hier kommen nicht nur ein Großteil der besten Künstler des Globus zusammen, sondern die Meinungsführer und Macher der Szene stehen hier oft beim Bier an der Bar oder sitzen beim Inder zum späten Abendessen zusammen, um Klartext zu reden. Da werden kräftig Pläne geschmiedet, Projekte in Gang gesetzt und Entscheidungen getroffen, welche die Entwicklung der Tätowierung als solche auf Jahre hinaus beeinflussen werden.“ Wie rührend und romantisch beschrieben. Damit meine ich Bier und indische Lokale.

~Nützlich: Vectorgrafik als Vorlage.~

Was sich so überschwänglich anhört, ist wie gesagt eine vergangene Nachricht zur wohl wichtigsten Fach- und Publikumsveranstaltung von Tattoos und außerdem eine fremde Stimme aus der geheimnisvollen Welt der Punktierer, Färber und Künstler. Auch der Besessenen. Mich hat diese Szene immer fasziniert und sie rührt wohl eine der verborgenen Seiten in mir. Das hat nicht unbedingt mit Sisas tätowiertem Seepferdchen zu tun, das schwer zu finden ist, sondern vielmehr mit den fantastischen Bildkatalogen zu mannigfachen Motiven und wohl auch mit dem geheimnisvollen Ambiente der Tattooshops. Mit dem scheinbar Fremden oder Unbürgerlichen. Beim Versuch, Tattooläden zu fotografieren, wurde ich ein übers andere Mal rausgeschmissen; in Hamburg in Reeperbahnnähe und in New York in Chinatown. Da nun aber jeder Zweite ein Tattoo besitzt, im Nacken wie bei David Beckham, am Steissband wie bei Miss Arschgeweih, am ganzen Körper wie beim amerikanischen Motivationstrainer Brian Tracy, traute ich mich endlich auf das Beratungssofa einer Düsseldorfer Tätowierstube. Nicht um mich pieksen zu lassen, sondern um diese Menschen und ihre Kunst näher kennen zu lernen. Also wird dies zu einem allgemeinen Artikel meiner bescheidenen Tattoo-Kenntnisse. Übrigens: Ich würde mich selbst nie tätowieren lassen.

~Geheimnisvoll: Japanischer Nacken.~

Tattoos gab es schon immer und überall. Im Norden Chiles fanden Forscher eine 7.000 Jahre alte Mumie, die Tätowierungen an Händen und Füßen aufwies. Auch unser Ötzi wurde vor 5.000 Jahren tätowiert. Mit 47 Einzeltätowierungen aus Kohlestaub, der mit Nadeln in die Haut gebracht wurde. Geradezu legendär sind die großflächigen Tattoobilder der wilden Skythen, die ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. in den Weiten der russischen Steppe lebten. Auch die sind auf Mumien gut erhalten. Ein eigener Beitrag gebührt der großen Kunst der Tattoos aus Mikronesien und Polynesien. Den hatte ich hier ja schon veröffentlich. Auch der aufregenden Ganzkörpertätowierungen der Ainu und Yakuza in Japan wede ich mir windmen. Später.Tätowierungen, die wohl ursprünglich rituelle Bedeutung hatten, sind also unabhängig voneinander auf der ganzen Welt entstanden.

~Mystisch: Kette mit Kreuz.~

In unseren Breiten waren Tattoos ursprünglich den Matrosen und Sträflingen vorbehalten, sagt man. Matrosen bedienten sich bei Albertus Cornelissen, der leider 2009 verstarb und mit seinem Sohn Ernst Günter Götz in Hamburg die „Älteste Tätowierstube Deutschlands“ betrieb. Aber auch Herbert Hoffmann behauptet, der älteste Tätowierer Deutschlands zu sein. Wahrscheinlich gibt es noch einige, auch der Hamburger Theodor Vetter, genannt Tattoo-Theo, die an ihrer Legende weben und das gehört wohl zur Szene. Bei Sträflingen sind die Meister meist anonym, dafür sind aber die Bedeutungen der Knast-Tattoos ziemlich bekannt. Es gibt eine regelrechte Kastenzugehörigkeit, die durch Hautzeichen klar wird: Darunter findet sich der „Schläger“, „Rowdy“, „Anführer“ oder „Boss“. Dann das „Kreuz der Diebe“. Auch Mörder und Lebenslängliche haben ihr eigenes Zeichen. Selbst sexuelle Vorlieben werden Kund getan und die Anzahl der abzusitzenden Jahre, in Form von tätowierten Holzscheiten unter einem Feuer oder Stacheln an einem Stacheldraht.

~Nekisch: Stubenreine Giraffe.~

Das ordinäre modische Tattoo ist so ordinär gar nicht. Abgesehen von fantasielosen und gängigen Motiven, die ähnlich wie Piercings dem reinen Körperschmuck dienen, gestalten Menschen ihre Haut zu einem Abbild ihres Denkens, Fühlens und Hoffens. Ihren Beschwörungen. Zu einer Chronologie ihrer Wandlungen. Matrosenliebchen und Herzchen sind out. Wunderbare Welten entstehen: Ganze Landschaften, Korallenbänke, Gebirge. Wundersame Kolibris und drohende Drachen. Sich windende Schlangen und aufgeregte Insekten. Ferne Tempel und idyllische Inseln. Japanische Schriftzüge. Und so kommt es, dass der Körper immer mehr zum Träger von prachtvollen Dekors und geheimnisvollen Zeichen wird. Stich für Stich. Farbtupfer für Farbtupfer. Bild für Bild.

~Männerbauch: In Polynesien bleibt kein Körperteil unbedeckt.~

Wie sich jeder vorstellen kann, haben unsere heutigen Tattoos einen geschichtlichen Ursprung. Viele Völker der Erde haben irgendwann mal die Liebe zur dauerhaften Körpergestaltung entdeckt und es ist sicher, dass Tätowierungen unabhängig voneinander in verschiedenen Ethnien entstanden. Schon vor 40.000 Jahren sollen die Ureinwohner Australiens ihre Körper bemalt und markiert haben. In ägyptischen Mumien nubischer Frauen finden sich Tätowierungen auf der gut konservierten Haut. Im Norden Chiles wurde schon vor 7.000 Jahren gestichelt. Die wilden Skythen trugen großflächige Tätowierungen und auch unser 5.000 Jahre alte Ötzi leistete sich einige aus Balken bestehende Zeichen. Klar ist, dass Tätowierungen rituelle Bedeutung hatten.

~Männerrücken: Auch von hinten kann es schön aussehen.~

Wahrscheinlich die schönsten Tattoos gab und gibt es in Polynesien, auf diesen wunderbaren Inseln, die die Sehnsucht gebildeter Europäer nach Ursprünglichkeit schon immer beflügelt haben. Auch der Begriff „Tätowierung“ und mit ihm das eingedeutschte Wort „Tattoo“ hat seinen Ursprung im Tahiti-Wort „tatau“ und Tahiti gehört bekanntlich zu Französisch-Polynesien. Und dieses Wort hat sich vermutlich lautmalerisch aus dem Geräusch entwickelt, das beim Schlagen auf den in Polynesien traditionell benutzten Tätowierkamm oder Stichel entsteht.

~Junger Krieger: Früh übt sich.~

Die Tahitianer erklären den Ursprung des Tatau denn auch durch eine Legende: Zwei Söhne des Gottes Ta’aron, Mata Mata Arahu (der mit Holzkohle zeichnet) und Tu Ra’I Po (der im dunklen Himmel wohnt), erfanden die Tätowierung, um die Tochter der ersten Menschen, Hina Ere Ere Manua, zu verführen. Das gelang auch, denn das Mädchen war so begeistert vom kunstvollen Ganzkörperschmuck der beiden, dass sie der strikten Überwachung durch ihre Mutter entfloh. Kinder, Kinder! Eine andere Quelle schildert die Verführung sogar noch drastischer. Da sollen die beiden Götterjünglinge ihre wunderschöne Beinahe-Götterschwester mit Tattoos an intimen Stellen des Körpers verzaubert haben. Inzest scheint es bei den Göttern ja nicht zu geben. Wie auch immer man es mit der Ganzkörpergestaltung als Hilfsmittel der Verführung hält, auch Mädchen ließen sich tätowieren, und zwar schon im zarten Alter zwischen acht und zehn Jahren. Ein schmuckes Hineingleiten in die Pubertät. Wie die in diesem Zusammenhang in der Literatur gefundene Bemerkung, dass ein nicht tätowiertes Mädchen für Männer tabu sein sollte, zu verstehen ist, weiß ich nicht genau. Ich hoffe, die Schamgrenze reichte bis ins Alter der Vollendung der Tattoos, also bis in die Volljährigkeit. Jünglinge wurden mit elf oder zwölf Jahren erstmals markiert. Vollendet wurde die Ganzkörperzeichnung bei ihnen im Allgemeinen kaum vor dem dreißigsten Lebensjahr. Heute sind auf Polynesien meist nur noch Männer tätowiert.

~Jung und alt: Zusammen ist es noch schöner.~

Der Vorgang selbst ist schmerzhaft, ist zu lesen. Die Geräte sind angeblich urtümlich, unverändert seit Hunderten von Jahren. Ein Stöckchen mit einer haarscharfen Spitze aus angeschliffenem Perlmutt, Vogelknochen, Tier- oder Menschenzahn dient als Stichel. Mit einem Hämmerchen wird der in Farbe getunkte Stichel unter die Haut getrieben. Die Farbe wird aus verbrannten und zermahlenen Nüssen gewonnen, die zu einer tiefschwarzen Paste angerührt werden. Unter der Haut färbt sich die Tinktur graublau, unauslöschlich für immer. Anderorts ist zu lesen, dass der Stichel eigentlich eher ein Kamm mit bis zu zwanzig Nadeln ist. Vermutlich gibt es eben mehrere Gerätschaften, je nach Muster.

~Traditionelle Tätowiergeräte: Schön, aber schmerzhaft.~

Die Körpermuster bestehen aus kunstvollen Kompositionen abstrakter Motive wie Sterne, Kreise, Schleifen, Rhomben und stilisierten Bildern von Bäumen, Blumen, Waffen, Vögeln und anderem. Überliefert ist, dass die unterschiedlichen Zeichen ursprünglich einzelnen Gesellschaftsgruppen wie Priestern, Adeligen oder Kriegern vorbehalten waren. Heute ist es bei aller Romantisierung so – und da muss ich Sie leider ernüchtern – , dass die moderne Bildwelt Einzug auf Polynesien gehalten hat. Ich würde mich nicht wundern, das eine oder andere profane Figürchen auf polynesischer Haut zu finden. Es müssen ja keine Micky-Mäuse sein. Auch die Technik entspricht wohl meist eher modernen Tätowierstuben. Aber unter jungen Leuten gilt eine schön gelungene Tätowierung nach wie vor als zeitlos sexy.

Da mein Taschengeld bis jetzt noch nicht bis Tahiti gereicht hat, stammen die Bildmotive vom Mailänder Modefotografen Gianpaolo Barbieri. Das erklärt die Tatsache, dass sie in einer an Polaroids erinnernden Gestaltung reproduziert sind. Kunst eben. Ich habe sie mit Einwilligung der Repräsentantin so belassen.

Der Schaffhauser Maler und Grafiker Erwin Gloor hat ausgestellt. Schon wieder. Das bedeutet, dass seine Schaffenskraft scheinbar unbegrenzt ist. Erwin Gloor, ein Freund von mir, überrascht immer wieder. Er malt zum Beispiel kraftvoll und etwas abstrahiert seinen Rheinfall. Dann kommt er mit beinahe fotorealistischen Bildern, hauptsächlich Stillleben und Portraits. Also ganz anders. Und nun beglückt er uns mit pastosen Kreidezeichnungen. Sie erraten es, von seinem Rheinfall. Zur detaillierteren Beschreibung von Erwin Gloors Malstil kommen wir später.

~Erwin Gloor: Vielfältig und immer überraschend.~

Erst zur Galerie „zum Kranz“. Das Haus, indem die Galerie untergebracht ist, war der frühe und spätere Lebensmittelpunkt des leider am 5. Juni 2000 verstorbenen Landwirts, Entwicklungshelfers und Kunstmalers Joseph (Seppel) Gnädinger, ein famoser und bedeutsamer Mann im hiesigen Raum. Deshalb gibt es die gemeinnützige Stiftung Joseph Gnädinger, um die sich die Erben Joseph Gnädingers kümmern. Der Erlös seiner heute noch verkauften Bilder geht übrigens an die Diözese Dapaong in Togo, für die Gnädinger als Entwicklungshelfer tätig war.

~Dr. Gérard Seiterle links, Erwin Gloor rechts bei der Vernissage.~

Sonst noch was? Das Haus, in der die Stiftung und Gallerie untergebracht ist, ist sorgsam restauriert und liegt mit freiem – Telegrafenmasten freiem –  Blick über Ackerfelder zum Wald. Und der Tag der Vernissage war wie immer bei Veranstaltungen in der Stiftung strahlend schön. Man spricht auch deshalb vom Gnädinger-Wetter. Das sorgte für eine ganze Menge an Besuchern. Wie immer bei Vernissagen von Gloor waren viele Freunde von ihm, die ganze Prominenz, da. Der unvergleichliche Dr. Gérard Seiterle, lange Jahre für das Schaffhauser „Museum zu Allerheiligen“ verantwortlich, sprach die einführenden Worte.

~Der wilde Gloor: „Rheinfall“, Gouache.~

Nun zu Erwin Gloors Malstil. Eigentlich sind es mittlerweilen drei. Bekannt ist er durch seine kraftvolle, beinahe abstrakte Malerei. Dabei verwendete er leuchtende Farben, beim Rheinfall vorzugsweise blau und gelb, „das Dunkle und das Helle“, wie er es nennt. Bei andern Motiven, wie Häuser von Schaffhausen, erweitert er seine Farbpallette. Er benutzt oft großes Malwerkzeug und bisweilen beide Hände. Seine Bilder sehen sehr spontan aus, sind es aber nicht. Nicht so wie die „Les Tirs“, Schießbilder, der großartigen, leider am 21. Mai 2002 verstorbenen französisch-schweizerischen Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle, die sie am Anfang ihrer Karriere machte. Dabei schoss sie auf eine farblose Leinwand mit Farbbeuteln, um ein zufälliges Gemälde zu erzeugen. Kunstexperten vermuten, dass sie damit ihren damaligen Hass auf Männer, vor allem ihren Vater, der sie vergewaltigte, therapeutisch zu überwinden versuchte. Während Niki tatsächlich spontan war, arbeitet Erwin sehr überlegt. Bevor er ausholt, hat er die Gesamtstruktur des Bildes genau im Kopf.

~Der meditative Gloor: „Apfel, Nuss, Birne“, Öl.~

Seit einiger Zeit taucht Seltsames auf. Es sind fotorealistische Bilder, beinahe in der Tradition der Alten Meister. Und sie sind von Gloor. Man könnte meinen, es gäbe zwei Gloors. Und das Verrückte ist, die Bilder in so unterschiedlichen Stilen entstehend alternierend. Seine Erklärung dafür ist einleuchtend. Er braucht beides, das scheinbar Spontane, etwas Abstrakte, und das zeitaufwändig Feine, Meditative. So erholt es sich vom Einen oder Anderen. Es ist also kein Trick um neue Aufmerksamkeit zu erregen, sondern pure Notwendigkeit frisch zu bleiben. Nahrung für das Gemüt.

~Der sanfte Gloor: „Wasser 1“ Pastellkreide.~

Um in der Diktion zu bleiben gibt es mit der Ausstellung in der Galerie „zum Kranz“ jetzt den dritten Gloor. Wir sehen ausschließlich kleinformatige Kreidezeichnungen, überraschenderweise vom Rheinfall. Gloor hat schon wieder das Malwerkzeug gewechselt. Die Bilder sind poetisch, das hier gezeigte Beispiel eher untypisch. Es sind feine Darstellungen vom Rheinfall mit Nebel, Wassergischt und Lichtspielen etc. Gloor verwendet die spitze Kreide für Akzente. Die breite Kreide und den Daumenballen zum Verwischen. Also ist schon wieder etwas sehr Taktiles im Spiel. Es ist für Besucher der Ausstellung von Erwin Gloor vielleicht neu, für ihn ist es einfach das Spiel mit den Möglichkeiten sich künstlerisch auszudrücken.

Mea culpa: Leider habe ich in der schönen, aber engen Galerie durch den Besucherandrang kaum Möglichkeiten gehabt, ordentliche Fotos der Kreidezeichnungen zu machen. Aber falls Sie die Möglichkeit haben hinzugehen:

Ausstellung Erwin Gloor: Galerie zum Kranz, Buttelestrasse 221, 8262 Ramsen, 15. September bis 14. Oktober 2018, jeweils Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr, +41 079 431 29 23

https://www.stiftung-joseph-gnaedinger.ch/

 

Hitzespaziergang

August 22, 2018

Wenn es die Zeit erlaubt mache ich jeden Tag einen Spaziergang. Immer den gleichen. Zum Nägelsee, der eigentlich Egelsee heißen müsste. Denn da hat der letzte Scharfrichter Schaffhausens Blutegel gezüchtet. Scharfrichter waren im Nebenberuf Schröpfer. Der falsche Name stammt aus einem Irrtum in der Fortschreibung des Flurnamens. Das habe ich nach Recherchen von wenig verfügbarem Material herausgefunden. Aber weiter: Der Spaziergang ist wunderschön, denn ich entdecke immer wieder Neues, winters wie sommers.

~Abgeerntetes Weizenfeld: Da wächst vorerst nichts mehr.~

Wie allgemein bekannt, war es in diesem Sommer bis jetzt bullig heiß. Kein Problem, ich gehe früh. Auch wenn die Bauern in der Gegend kaum ernsthaft Ernteausfälle hatten, ist die Natur trotzdem in Mitleidenschaft gezogen. Die Erde ist krustig und staubtrocken, die Pflanzen sind eher braun als grün. Und der Nägelsee, der eigentlich aus drei Weihern besteht, ist von einer grünen Tunke bis zum Rand gefüllt. Es ist nicht die Entengrütze, die man ansonsten jährlich findet, sondern Schlamm. Ich vermute, dass das Wasser kaum Sauerstoff mehr hat. Die Enten sind wie zur Warnung weggezogen.

~Der Nägelsee: Ein schlammiger Tümpel, ganz anders als sonst.~

~Ein Zicklein: Etwas benommen im Halbschatten.~

Die Zicklein im nahen Gehege liegen faul im Schatten. Sonst kommen sie den Spaziergängern, den Müttern mit Kinderwagen, immer freudig erregt entgegen und blöken. Denn es gibt Futter. Popcorn und ähnliches. Auch die Wildsau liegt wie tot in der Gegend. Sie kommt sonst auch, wendiger als erwartet, bis zur Abzäunung. Übrigens hat sich ihr Grunzen zu einer Art Blöken verändert. Sie ist wohl ein verkleideter Papagei, die Wildsau.

~Die Wildsau: Kurz und mürrisch auf den Beinen.~

~Tomaten: Ob die wohl ein frisches Helles vertragen würden?~

Auf dem Rückweg entdecke ich Tomatenpflanzen im Schatten eines Sonnenschirms. Ich weiß wohl, dass deren Gärtner, ein Rentner, sehr fürsorglich ist. Aber das? Wie auch immer. Die Sonne brennt an diesem Morgen erbarmungslos. Ich bin froh, dass ich mich dem kühlenden Schatten meines Wohnhauses nähere. Kühle Luft empfängt mich. Mit etwas Modergeruch, da anscheinend die Kellertür offensteht. Aber auch das ist angenehm.

~Unbarmherzig: Die Sonne brennt. Nicht wirklich, nur sprichwörtlich.~

~Kühlender Schatten: Jetzt gibt es Eistee, natürlich selbstgemacht.~

Damit Sie sehen, wie schön der Nägelsee normalerweise ist, hier ein Link zum Sommer. Und zum Winter. Viel Spaß.

 

Die Halle des Hauptbahnhofs Zürich wird Dank seines Betreibers SBB zu Events genutzt. Es gibt neben dem traditionellen Weihnachtsmarkt immer wieder Ereignisse, die nicht kommerzieller Natur sind. Vom 30. Juni bis 29. Juli 2018 gibt es nun durch die Fondation Beyeler, einer sehr verdienstvollen Stiftung mit Museum bei Basel, etwas Fantastisches in der 150 Jahre alten gigantischen Halle, die an sich schon sehr schön ist. Es ist das neueste Werk des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, der GaiaMotherTree. Eigentlich braucht man letzteres kaum zu übersetzen: Es ist der Mutter-Erde-Baum. Der Begriff „Mutter Erde“ kommt nicht nur in der Schöpfungsgeschichte der Alten Griechen vor, er hat vielmehr in vielen Kulturen eine sehr zentrale Bedeutung.

~Ernesto Neto. Bild Fonation Beyeler.~

Dass Ernesto Neto ihn verwendet, erstaunt nicht. Der 1964 in Rio geborene Brasilianer, Sohn eines Bauingenieurs und einer Landschaftsarchitektin, studierte Bildhauerei an der renommierten Escola de Artes Visuais do Parque Lagein Brasilien. Hauptsächlich schafft er raumgreifende biomorphe Gebilde aus natürlichen Materialien. „Biomorph“ bedeutet organisch, der Natur nachempfunden. In diesem Kunstwerk soll der Baum eine Verbindung zur Schöpfungsgeschichte herstellen. Das hatte ich ja oben schon angedeutet. Das filigrane Gebilde, zwanzig Meter hoch, ist aus 10´220 Metern orangen, grünen, braunen und gelben Baumwollbändern in einer Fingerhäkeltechnik geknüpft und verknotet. Eine Art Netz.In wochenlanger Arbeit haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Werk vorbereitet. Ich vermute mal, diese Knüpftechnik hat in Brasilien Tradition.

~Der GaiaMotherTree. Bild Fonation Beyeler.~

Dann wurde der GaiaMotherTree in der Halle ausgebreitet und installiert. Die vom Baum herabhängenden Gewichte, die dem Werk Form und Stabilität geben, sind mit gemahlenen Gewürzen gefüllt: Kurkuma, Gewürznelken, Kreuzkümmel und schwarzer Pfeffer. Fragen Sie mich nicht warum. Es ist Ernestos Geheimnis, aber es duftet betörend. Das andere Gewicht, ein Gegengewicht im Innern des Baumes, birgt Saatgut, und an der Wurzel befindet sich ein begehbarer Raum für Besucher, die sich auf Kissen ausruhen können. Am Boden beschweren 840 Kilo Erde das Werk. Sie ahnen es, Ernesto Neto spielt mit den physikalischen Gesetzen der Schwerkraft – das tut er übrigens bei den meisten seiner Werke – sagt Michiko Kono, Kuratorin bei der Fondation Beyeler. Außerdem wird klar, dass Neto eine gewisse Weltanschauung kommuniziert. „In den letzten Jahren hat sich Ernesto Neto nämlich mit einer neuen Werkserie beschäftigt, die er in Kooperation mit den Huni Kuin realisiert, einer indigenen Bevölkerungsgruppe, die im brasilianischen Amazonasgebiet nahe der peruanischen Grenze lebt. Ihre Kultur und Bräuche, ihre Sprache, ihr Wissen, ihr Handwerk, ihre Ästhetik, Werte, Weltanschauung und spirituelle Verbindung zur Natur haben Netos Auffassung von der Kunst verändert und sind wesentliche Bestandteile davon geworden“, so auf der Website der Fondation zu lesen.

~Die Wandelhalle im Hauptbahnhof. Bild Fonation Beyeler.~

Mir gefällt der Baum. Ich mag auch die Inspiration von indigenen Kulturen. Kunst hat oft viel banalere Bezüge. Außerdem hat Ernesto Neto vor über vier Jahren, als er den Bahnhof zum ersten mal besuchte, seine Idee spontan au eine Serviette der Brasserie Federal skizziert. Das ist die Brasserie direkt neben dem Kunstwerk in der geschäftigen Halle. Ich bin da häufig, wegen der Bratwurst. Sie sollte allerdings nicht so viel Industriesauce haben.

https://www.fondationbeyeler.ch/ernestoneto/

Die Arbeiten des großartigen amerikanischen Fotografen Irving Penn gab es jüngst in Berlin zu sehen. Eine angesehene Tageszeitung titelte in ihrem Feuilleton „Hundert Jahre Herrlichkeit“ dazu. Sie nimmt Bezug auf die Tatsache, dass er letztes Jahr Hundert geworden wäre. Das wäre er auch beinahe in seinem Leben, denn er ist am 16. Juni 1917 in New Jersey geboren und am 7. Oktober 2009 in New York verstorben. Aber hundert Jahre Herrlichkeit fasst nur in Ansätzen zusammen, wie reich und wichtig Penn für unsere Kunst-, Fotografie- und Werbegeschichte war und ist.

~Mohnblüten in all ihrer Schönheit.~

Ich mochte die Arbeiten des Sohnes eines jüdischen Uhrmachers schon immer, zumindest so lange ich mich für Fotografie interessiere. Also seit dem zarten Alter von siebzehn Jahren. Das hat seinen Grund. Irving Penns Arbeiten sind nicht nur großartig in jeder Beziehung, sondern auch ungewöhnlich vielschichtig. Man kann kaum glauben, dass so unterschiedliche Arbeiten von einem einzigen Fotografen stammen. Man könnte glauben, es gäbe viele Penns.

~Lisa Fonssagrives, Model und Penns Frau.~

Als Erstes sind die Modefotografien zu erwähnen, die er seit 1940 für die amerikanische Vogue schuf. Für die Vogue waren nur die Besten tätig. Penn arbeitete mit den berühmtesten Modellen für die exzellentesten Modefirmen. Eine Frau, das Mannequin Lisa Fonssagrives, heiratete es später und lebte bis an sein Lebensende mit ihr zusammen. Sie wurde früh sein Lieblingsmotiv. Neben der Arbeit mit Frauen machte er aber auch Aufnahmen, die man dem Still-Live-Bereich zuordnen könnte. Etwa das berühmte Foto für L´Oréal, das einen orchideenartig gespitzten Mund mit acht verschiedenfarbigen Lippenstiftspuren zeigt.

~Gruppe von Afrikanern in Stammestracht.~

~Akt, wahrscheinlich Lisa.~

Da wir wieder auf Menschen zurückkommen seien seine Portraits von berühmten Zeitgenossen erwähnt: Pablo Picasso mit Hut, Miles Davis mit Trompete, Igor Strawinsky etc. Letzteren in einer spitzwinkligen Ecke aus Pappmaché. Sie sollte zu einem seiner Markenzeichen werden. Die Ecke, meine ich. In dieser Ecke fotografierte er auch Marcel Duchamp, Salvador Dali, Georgia O´Keeffe und Spencer Tracy.

~Still-Live mit Wassermelone.~

Unmöglich, nicht auch auf seine berühmten Still-Lives hinzuweisen. Etwa das mit der Wassermelone, Traubenschüssel, Serviette, gebrochenem Brot, Kirsche und Nussschale. Manche der Stillleben, die Penn für die Vogue um 1947 arrangierte, wirken so, als hätten sie Caravaggio und einige Holländer sorgfältig gemalt. So präzise und zeitlos sind sie. Etwas hat mich dann doch verblüfft. Es gibt nämlich in der Ausstellung auch Fotos, die Irving Penn bei der Arbeit zeigen. Sonderbare Fotos. In einem kauert er auf einem Gehweg in New York und fotografiert in höchster Auflösung und Inbrunst einige ausgetretene Zigarettenstummel. Diese Fotos wirken wie die Arbeit eines Archäologen, der vergangene Spuren dokumentiert.

~Penn bei der Arbeit mit Zigarettenstummeln.~

Die Ausstellung war schon im New Yorker Metropolitan Museum zu sehen. Deren Kurator Jeff Rosenheim findet sie in Berlin noch schöner, was seiner Ansicht nach am Ausstellungsort liegt. Es ist das einstige Amerikahaus am Bahnhof Zoo, dieser Propagandaschönheit aus den Fünfzigern.

https://www.co-berlin.org/irving-penn-centennial-berlin

 

Ich hatte Kontakt mit Antonio Gaudí, da kannte ich ihn noch gar nicht. Mit sechzehn Jahren saß ich auf einer Bank in Barcelona und schaute auf die Stadt; mit einer gewissen Sarah Lopez. Sarah kannte Antonio auch nicht, aber sie war hinreißend. Es war im Park Güell, und der ist, wie wir wissen, von Antonio Gaudí und liegt auf einer Anhöhe über Barcelona.

~Antonio Gaudí: Vom Sohn eines Kupferschmiedes zum genialen Architekten.~

Antonio Gaudí wurde am 25. Juni 1852 in Reus, möglicherweise in Riudoms, Spanien, als Sohn eines Kupferschmieds geboren. Sein Großvater und sein Urgroßvater waren ebenfalls Schmiede, Kesselschmiede, und das prägte. Wie es heißt, wurde er früh in der Werkstatt seines Vaters mit geometrischen Formen konfrontiert. In einer Schule der Piaristenpater in Reus und später auf der Architekturschule in Barcelona war er ein mittelmäßiger Schüler, wie alle späteren Berühmtheiten, aber ein begnadeter Zeichner. Beim Abschluss des Studiums 1878 am Institut Elies Rogent soll der Direktor gesagt haben: „Qui sap si hem donat el diploma a un boig o a un geni: el temps ens ho dirà.“ (Wer weiß ob wir den Titel einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben – nur die Zeit wird es uns sagen.)

Um es gleich vorwegzunehmen, Antonio Gaudí wurde zum Genie, er ist immerhin der herausragendste Vertreter des spanischen Jugendstils. Das zeigte mir schon damals seine steinerne Bank im Park Güell, die weit geschwungen und mit Mosaiken reich dekoriert war. Im Park Güell findet sich auch das Wohnhaus Gaudís, zwei Pförtnerhäuser, der besagte Terrassenplatz und weitere schöne Dinge mit den so charakteristischen Mosaiken. Antonio verwendete nämlich gleich die Abfallscherben der nahen Keramikfabrik. Der Namensgeber des Parks, der Industrielle Eusebi Güell, wurde in der Folge zum wichtigsten Mäzen Gaudís. Neben vielen Bauwerken Antonios, nicht nur in Barcelona, ist die Sagrada Família das Bekannteste und es ist schon deswegen merkwürdig, weil es anscheinen nie vollendet wird. Der Herrgott hat zur Vollendung unserer Erde, und da ist meines Wissens der Himmel auch dabei, nur sechs Tage gebraucht, und die Oberfläche der Erde ist immerhin 510,1 Millionen Quadratkilometer groß. Die Sagrada Família ist da wesentlich kleiner.

~Die Sagrada Família: Die Jugendstilkirche die anscheinend nie fertig wird.~

Mit dem Bau des „Temple Expiatori de la Sagrada Família“ wurde 1882 begonnen, auf einem freien Feld mehrere Kilometer vom damaligen Stadtkern entfernt. Es war auch nicht Gaudí, der erst die Ehre hatte, sondern Francesc del Villar. Ab 1883 gestaltete Antonio Gaudí die Pläne um und es entstand etwas Wunderbares: eine Kirche, die es so noch nicht gegeben hatte, moderne, von der Natur übernommene Formen mit einer ganz private Spiritualität in Szene gesetzt. Überall finden sich fantastische Figuren und Details, Zitate an Flora und Fauna. Das Schönste sind die zwölf spindelartigen Türme, an denen zu jeder Zeit irgendwo ein Kran klebt. Sie sind immer noch in Bau, teilweise 115 Meter hoch, und erinnern den despektierlichen Betrachter an Maiskolben. Der größte geplante, in deren Mitte, soll dereinst 170 Meter hoch werden. Oh Gott! Auch das Mittelschiff ist nun prächtiger denn je, Dank der Spenden, die arme Pilger in die kleinen Holzschatullen bei der Besichtigung werfen. Und natürlich Dank der umsichtigen Unterstützung Wohlhabender, von der konservativen Klientel der katholischen Kirche, aber auch selbst von Japanern. 2026 sollen die Baumaßnahmen abgeschlossen sein. Die Sagrada Família liegt nun inmitten der wuchernden Stadt und das Wahrzeichen hat jährlich über zwei Millionen Besucher. Unnötig zu sagen, dass sowohl der Park Güell als auch die Sagrada Família UNESCO Weltkulturerbe sind.

Antonio Gaudí, der Sohn eines Kupferschmieds aus dem Örtchen Reus, avancierte zum gefeierten Vertreter des katalanischen Jugendstils, ja zu seinem Begründer. Am 7. Juni 1926 wurde er auf dem Weg vom „Oratorium des heiligen Philipp Neri“ zu seiner Sagrada Família von einer Straßenbahn erfasst. Passanten verbrachten ihn auf Grund seines etwas verwahrlosten Äußeren zunächst ins Armenhospital „Hospital de la Santa Creu“. Am 10. Juni 1926 verstarb er. Nun ruht er mit päpstlichem Segen  in der Krypta der noch unvollendeten Sagrada Família.

Bilder zur Sagrada Família finden Sie auf der offiziellen Website http://www.sagradafamilia.org/. Das Portrait ist aus einem meiner Bücher über Gaudí. Eine weitere, interessante Webseite zum Museum im Park Güell finden Sie unter: http://www.casamuseugaudi.org/cat/index.htm

 

Ich habe in meinem Leben vielleicht zweimal einen Toast Hawaii gegessen, maximal, und noch nie eine mit einer Mandel gefüllte Erdbeere. Sie vielleicht? Altgediente Gourmets mögen es mir verzeihen, wenn ich mit einer für mich absolut neuen Entdeckung aufwarte. Ich bin ja nicht von hier und mein Geschmack ist eher italienisch oder französisch geprägt. Vielleicht noch durch die Pfadfinderküche. Letztere ist so ähnlich wie die Survival-Küche von Rüdiger Nehberg und lange nicht so reichhaltig wie die im Dschungelcamp.

~Clemens Wilmenrod: Damit begann das Elend mit den Fernsehköchen.~

Aber zurück zum Toast Hawaii. Der ist, wie wir wissen, eine Errungenschaft des deutschen Wirtschaftswunders und erfunden hat ihn auch jemand: Carl Clemens Hahn, oder besser bekannt unter seinem Künstlernamen Clemens Wilmenrod. Der lebte von 1906 bis 1967, also genau im richtigen Moment. Clemens war eigentlich Schauspieler, aber eher unterbeschäftigt. Anlässlich eines Bewerbungsgesprächs im neu entstandenen Sender NWDR sah er sich aus lauter Langeweile bei der Warterei und eher zufällig eine naturkundliche Sendung an. Und da geschah es. In einem Interview mit dem Radiomann Herbert Hoven schilderte er seinen Geistesblitz später so: „Meine Frau und ich sahen einen Berliner Giftforscher mit einer Schlange hantieren – in Großaufnahme. Man sah nur die Hände des Forschers, der das Tier kameragerecht placierte und ihm aus den triefenden Kiefern das glitzernde Gift entnahm. Es war aufregend im Höchstmaße! Nach Schluss der Sendung zerrte ich meine Frau in die nächste Kneipe. ,Stell dir vor‘ flüsterte ich, ,dieses Biest wäre ein Omelett gewesen.‘ “

~Der Toast Hawaii: Errungenschaft des Wirtschaftswunders.~

Omelett? Aber wissen Sie was? Der Fernsehkoch war geboren. Der Vater aller Lafers und Mälzers und wie sie alle heißen. Der gelernte Schauspieler kapierte, dass man nur etwas in Großaufnahme demonstrieren muss, um die Herzen der TV-Zuschauer im Flug zu gewinnen. Vor allem der weiblichen. Denn Clemens, der sich fortan nach seinem Geburtsort „Willmenrod“, aber nur mit einem „l“ nannte, wurde zum Schwarm aller Schwiegermütter. Und nicht nur derer. Etwa so wie Kloppo heute. Dabei konnte Carl Clemens Hahn gar nicht kochen. Nicht die Bohne. Das tat seine Frau Erika und ein Schnellbräter der Marke „Heinzelkoch“ im Off des Fernsehstudios des NWDR und später des WDR. Das Ganze wurde ihm dann appetitlich ins Bild gelegt und er fummelte nur noch etwas daran herum. Aber schauspielern konnte er hervorragend. In 185 Sendungen begrüßte er seine Fans mit etwa dem Satz: „Ihr lieben goldigen Menschen.“

~Ketchup: Unverzichtbar für die Wilmenrodsche Küche.~

Daraufhin legte er zur besten Sendezeit am Freitagabend los. Ungeniert kreierte er seinen „Toast Hawaii“, das „Arabische Reiterfleisch“ und eben die mit einer Mandel gefüllte Erdbeere. Als ihm daraufhin ein Studiozuschauer – denn die gab es schon damals während dieser Sendungen – zurief, das wäre nicht neu, fuchtelte er mit seinem scharfen Messer herum und drohte, es sich durch seine Wilmenrod-Schürze in die Brust zu rammen, wäre nur ein Mensch auf diesem Erdball, der schon einmal eine Erdbeere gefüllt hätte. Nur ein einziger. Wilmenrod schuf nicht nur ein völlig neues Genre, sondern er beeinflusste auch das Kaufverhalten der Wirtschaftswunderdeutschen enorm. Quälte er einen Kabeljau, war andertags der Kabeljau in Minuten ausverkauft. Überall. Von Flensburg bis Saarbrücken. Er verhalf dem Knoblauch zur Popularität, dem Olivenöl, der Pasta und Pizza. Er revolutionierte deutsche Gewohnheiten und war sich aber auch nicht zu schade, zwanglos Dosengemüse mit Innereien zu kredenzen. Fertigsoßen und Ketchup waren natürlich Pflicht. Schon bald, wohl auch durch seine geschäftstüchtige Frau angespornt, begann er seine Popularität zu nutzen und erfand am deutschen Bildschirm das Product Placement. Er machte den Rumtopf populär, ganz einfach weil er einem Rumvermarkter – Ihnen kann ich es ja sagen, es war Pott Rum – gefällig sein wollte. Als sein Konterfei auf immer mehr Produkten erschien, bekam er Ärger. Dem Magazin „Der Spiegel“ war diese Debatte 1959 sogar eine Titelstory wert.

~Die unschuldige Erdbeere: Gut versteckte Mandel.~

In der Sendung mit dem Titel „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“ verzauberte er von 1953 bis 1964 alle Hausfrauen und verblüffte er alle Ehemänner. Er war ein Idol. Später, als er seine Sendung anspruchsvoller gestalten wollte, erfand er die Anrede „Liebe Freunde in Lucullus“ und „Verehrte Feinschmeckergemeinde“. Seine feuilletonistischen Kochbücher erreichten eine für damalige Verhältnisse beträchtliche Gesamtauflage von 250.000 Exemplaren. Bei Hoffmann und Campe und danach bei Rowohlt. Am 12. April 1967 starb Clemens Wilmenrod in einem Münchner Krankenhaus von eigener Hand und, wie es hieß, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Er hatte Magenkrebs. Er ruht nun da wo er hingehört, in Willmenrod mit zwei „ll“. Im Auftrag des NDR wurde sein Leben gerade von filmpool Köln unter dem Titel „Es liegt mir auf der Zunge“ mit Jan Josef Liefers und Anna Loosverfilmt. Danke für die Aufmerksamkeit, ihr lieben goldigen Menschen.

~Reminiszenz an Wilmenrod: Entwurf für meine neue Bratpfanne.~