Teile des Werkes von Jean Tinguely lernte ich zum ersten Mal auf der Expo in Lausanne kennen. Damals galt der Schweizer Maler und Bildhauer als Bürgerschreck, für viele zumindest. Mich haben seine rostigen Maschinen, die sinnlos – so schien es – arbeiteten, sofort fasziniert. Ist das Kunst? Bei Tinguely erübrigt sich die Frage, es ist Kunst total, bürgernah, lustig, „elektrisierend.“

~Der Tinguely-Brunnen vor dem Theater in Basel.~

Die Vita Tinguelys ist ungewöhnlich: er war Schaufensterdekorateur, „Güfelistecker“, und auch Kommunist. Also jemand, den viele nicht ernst nehmen wollten. Ich habe seine skurrilen Phantastereien schon früh gemocht, vor allem seine Arbeiten mit Niki de Saint Phalle, mit der er in zweiter Ehe bis an sein Lebensende zusammen war und auch gearbeitet hat. Er ist als Künstler von Weltrang 1991 verstorben, im Inselspital in Bern. Aber seine Arbeiten haben nicht nur für mich die Kunstwelt verändert: Kunst wurde demokratisch(er), freundlich(er), unterhaltend(er). Seine Arbeiten erfreuen überall Menschen, in Basel, in Zürich, in Paris, in Moskau, in North Carolina etc. Zusammen mit Bernhard Luginbühl gehört er zu den interessantesten Bildhauern der jüngeren Kunstszene (des vergangenen Jahrhunderts) in der Schweiz. Darüber thront nur der große Alberto Giacometti, vielleicht noch Jean Arp (der Deutscher war, aber in der Schweiz teilweise lebte).

~Der Tinguely-Brunnen in seiner ganzen unnützen Pracht.~

Irgendwann im Winter stand ich in Basel vor dem Theater. Die Luft war eisig und klar. Es war einer der seltenen Tage, die ich nicht gerne missen würde, denn ich stand vor dem Tinguely-Brunnen. Die Maschinen, die sonst ratterten, Wasser schaufelten, Wasser spieen, waren ihrer Bestimmung beraubt. Die Skulpturen im Brunnen waren festgefroren und mit Eis bedeckt. „Dr Schuffler“ (der Schaufler) schaufelte nicht mehr. „Dr Waggler“ (der Wackler) wackelte nicht mehr. „Dr Suuser“ (ist sonst ein junger Wein in der Schweiz, hier ein Sausewind) sauste nicht mehr. Aber es war schöner als sonst, es war ein Stück winterlicher Poesie. Die Sonne reflektierte im Eis. Wahrscheinlich mochte Tinguely den Brunnen in diesem Zustand besonders gerne, kam doch zu seiner Kreativität etwas Zusätzliches, wie es nur die Natur hervorbringen kann. Die Skulpturen wurden noch abstruser, schöner. Bingo! Das ist der Eindruck fürs Leben, ohne das man sich Kunst erarbeiten muss. Das versteht sich von selbst.

~Der Tinguely-Brunnen mit einer eingefrorenen Fontäne.~

Nun ist der Tinguely-Brunnen natürlich zu jeder Jahreszeit schön, die Natur macht auch im Sommer mit, etwa, wenn sich der erste oder letzte Sonnenstrahl in der Wassergischt bricht. Wer auf Tinguely neugierig geworden ist, dem empfehle ich das Museum Tinguely, ebenfalls in Basel (http://www.tinguely.ch), das ein Chemiemulti dem Ex-Kommunisten spendiert hat. Und natürlich die Auseinandersetzung mit der großartigen Niki de Saint Phalle.

~Der Tinguely-Brunnen mit einem Wasserrad.~

Eines gibt es noch, ein Freund hat mich daran erinnert: großartige Künstler haben großartige Helfer. Ein ferner Freund von mir hat Beuys bei der Installation seiner Werke in Ausstellungsräumen geholfen. Keiner stellte Installationen so gut hin wie Beuys selbst, mit seinen Vertrauten, meint er. Niki und Jean hatten diese großartigen Helfer auch, schon bei der Herstellung der Kunstwerke. Nikis Nanas zum Beispiel haben einen Unterbau aus Metall. Für die „Hall of Fame“ (nur in Vertretung): Marcelo Zitelli (Assistent von Niki de Saint Phalle), Sepp Imhof (Mitarbeiter von Jean Tinguely).

~Der Tinguely-Brunnen mit einer Maschine.~

 

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Niki de Saint Phalle, mit bürgerlichem Namen Cathérine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle (wirklich), war eine der ungewöhnlichsten Frauen, Malerin und Bildhauerin, die die Kunstwelt hervorgebracht hat. Sie wurde 1930 in Neuilly-sur-Seine (bei Paris) geboren und verstarb 2002 in San Diego, USA.~Niki de Saint Phalle in jungen Jahren.~

Ihre Lebensgeschichte war so ungewöhnlich wie es ihre Kunst ist. Sie stammte aus einer vornehmen Familie, Ihr Vater war der Spross einer Landadelsfamilie, Bankier und missbrauchte sie, als sie elf Jahre alt war. Die gehobene Gesellschaft schwieg. Die Mutter war Amerikanerin und großbürgerlicher Herkunft. Niki lebte mit ihrer Familie während des Faschismus in Amerika, dann wieder in Frankreich, teils bei den Großeltern und teils im Internat. Traurig.

Umso bemerkenswerter ist das, was sie aus ihrem Leben gemacht hat. Hübsch wie sie war, arbeitete sie als Model, bevor sie sich der Kunst zuwandte. Dazwischen nahm sie Schauspielunterricht, heiratete einen Harry Matthews und bekam zwei Kinder. Später einen Nervenzusammenbruch; sie wurde wegen Suizidgefahr in eine Klinik in Nizza eingewiesen.

~Der Tarot-Garten: Die Herrscherin.~

1953 entstanden ihre ersten Bilder, die so genannten „Schiessbilder“ (Tirs), schneeweiße Gipsreliefs mit Farbbeuteln, auf die sie während der Vernissage schoss, bis sich die Farbe über das unschuldige Weiß ergoss. „Ich schoss gegen Daddy, gegen alle Männer, gegen alle, gegen die Gesellschaft, gegen mich selbst.“

In Paris lernte sie ihren zweiten Ehemann, Jean Tinguely, und andere Mitglieder der Künstlergruppe „Nouveau Realisme“ kennen. Etwa Yves Klein und Marcel Duchamp. Sie war die einzige Frau in diesem exquisiten Verein. Ab 1964 entstanden die großen „Nanas“, fröhlich-bunt bemalte, sehr weibliche Frauenfiguren aus Polyester. Diese Nanas sind das, wofür ich Niki de Saint Phalle liebe und verehre. Es ist Kunst, die von einer unglaublichen Lebensfreude ist, an der jeder teilhaben darf, unabhängig von Nationalität oder Bildung. Eigentlich selbstverständlich, aber leider nicht immer praktiziert. Kunst von einer starken und außergewöhnlich begabten Frau. Das Wort „Nana“ entstammt übrigens der französischen Umgangssprache und bedeutet „Göre“ oder „Mietze“, und so sind denn die Skulpturen auch durchaus erotisch.

~Der Tarot-Garten: Weg zur Herrscherin.~

Es gibt viele Arbeiten von Niki de Saint Phalle überall auf der Welt, hier nur ein kleiner Hinweis zu einem fantastischen Projekt in Italien, dem „Il Giardino dei Tarocchi“ oder dem Tarot-Garten in der südlichsten Toscana. Der parkähnliche Garten mit Olivenbäumen und knorrigen Korkeichen beherbergt wunderschöne begehbare Monumentalskulpturen nach Motiven der 22 Karten des Tarot-Spiels. Der „Herrscherin“ etwa, dem „Magier“, der „Hohepriesterin“, dem „Narr“, dem „Rad des Schicksals“, dem „l´arbre de la vie“, dem “l´oiseau de feu“, dem „Hierophant“, der „Sphinx“ etc. Allein schon die Namen der Werke sind Poesie. Sie sind mit viel Liebe und etwas Hilfe von Jean Tinguely und Vermittlung ihrer Freundin Marella Agnelli entstanden. Von italienischer Handwerkskunst beeinflusst, spielte sie erstmals mit Spiegel-, Glas- und Keramikmosaiken. Vieles im Garten erinnert ein wenig an Antonio Gaudi – eine würdige Verwandtschaft.

~Der Tarot-Garten: Der Hierophant.~

Niki sagte zum Tarot-Garten: „Er soll ein begehbares Sinnbild sein für die Prüfungen, die ein Mensch durchlaufen muss, um geistig zu reifen. Er beinhaltet sowohl Elemente der klassischen Gartenkunst, wie auch mystische Elemente der Kabbala“. Sie wohnte während der Bauarbeiten in der Sphinx und sah sich in der Karte des Narren. „Der Narr geht herum mit der Nase in der Luft auf der Suche nach geistiger Identität – und genau das tat ich, als ich den Garten baute“. Finanziert hat sie diesen Wundergarten mit einem eigens kreierten Parfum.

Am 21. Mai 2002 ist Niki de Saint Phalle in San Diego verstorben. Ich habe sie kurz zuvor in einem TV-Interview gesehen und sie sprach davon, dass die Luft in Kalifornien ihr gut täte. Polyesterdämpfe sind ungesund.

~Der Tarot-Garten: Schloß des Herrschers.~

P.S. Ein Besuch des Tarot-Gartens lässt sich unschwer mit einem Badeurlaub bei Grosseto verbinden. (Wir hatten mit großer Gruppe ein wunderschönes Haus direkt am Strand gemietet). Noch etwas weiter südlich gibt es einen „trompe d’oeil“-Garten aus der Renaissance-Zeit, der eines gesonderten Beitrags würdig ist. Und nördlich winkt die kulturelle Wucht der Toscana.

~Karte zur Fondazione „Il Giardino dei Tarocchi“.~

 

1969 kamen neun großformatige Bilder Mark Rothkos in die Tate Gallery, die darauf den permanenten „Rothko Room“ installierte. Meines Wissens handelt es sich um Werke, die ursprünglich in den späten 1950er Jahren für das Restaurant „Four Seasons“ im Seagram Building auf der New Yorker Park Avenue konzipiert waren. Der Raum in der Tate ist wie geschaffen für die Werke des außergewöhnlichen Künstlers, liegt er doch in einer ruhigen Ecke der Modern Tate und es herrscht gedämpftes Licht. Vorzugsweise besuche ich diesen Raum zu Zeiten, an denen zu erwarten ist, dass man ungestört bleibt. Für Rothko braucht man Ruhe und Zeit. Viel Zeit.

~Mark Rothko: Für mich einer der grössten Künstler der Farbfeldmalerei.~

Mark Rothko wurde am 25. September 1903 als Marcus Rothkowitz im russischen Dwinks als viertes Kind des jüdischen Apothekers Jacob und seiner Frau Anna Goldin Rothkowitz geboren. Antisemitische Pogrome im Zarenreich machten das Leben unerfreulich und die Familie entschloss sich 1912, in die USA auszuwandern. Nach einem nicht abgeschlossenen Studium an der Yale University zog Marcus Rothkowitz 1923 nach New York. Bis 1927 nahm er Schauspielunterricht und studierte auch Malerei bei Max Weber. 1929 begann er seine Lehrtätigkeit an der Center Academy of the Brooklyn Jewish Center. 1932 heiratete er Edith Sachar. 1938 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an und nannte sich nun Mark Rothko. Er war Gründungsmitglied der Artist Union in New York und später formierte er die unabhängige Künstlergruppe „The Ten“ mit. 1945 heiratete er erneut und hatte mit Mell Beistle die Tochter Kate und den Sohn Christopher.

~So ähnlich in der Tate: Brown Black Sienna on Dark Wine, 1963.~

Mark Rothko gehört mit seinem ab 1949 entstandenen Hauptwerk zu den bedeutendsten Repräsentanten des Abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei. Die Werke in der Tate Gallery gehören dazu. Es sind großformatige Ölgemälde, teilweise in Dimensionen bis zu 300 cm, die sich durch monochrome, übereinander geschichtete, verschwommene Farbflächen auszeichnen. Sie haben bezeichnende Namen, wie „Black on Maroon“ oder „Red on Maroon“, was Ihnen einen Hinweis auf die Wucht der Farbkraft geben sollte. Maroon ist eine göttliche Farbe, in der Mystik und auch sonst.

Rothko liebte Michelangelos Laurentianische Bibliothek in Florenz mit ihrer zurückhaltenden Lichtstimmung. So ist es in der Modern Tate, im Rothko-Raum. Rothko empfahl auch, seine grandiosen Gemälde aus zirka 45 cm Entfernung zu betrachten. Ich habe es schon das erste Mal instinktiv so gemacht, ich konnte nicht anders. Ich versuchte, der Struktur seiner kaum wahrnehmbaren Pinselstriche zu folgen, die Begrenzungen der Farbflächen zu orten, die Farbe in mich aufzunehmen. Ich kann mir vorstellen, dass beinahe jeder Mensch auf unserem Erdball von dieser tiefen Ehrfurcht ergriffen wird, die ich dabei empfand. Meist war es so, dass ich nach einer unendlichen Ewigkeit aus einem köstlichen Traum aufwache und feststelle, dass ich das Denken völlig eingestellt hatte. Rothko ist für mich die reinste Form der Meditation. Die Farbflächen sind dazu da, in ihnen zu versinken. Echt.

~Sugestiv: Yellow over Purple, 1956.~

Schon 1947 formulierte Rothko: „Ein Bild lebt durch die Gesellschaft eines sensiblen Betrachters, in dessen Bewusstsein es sich entfaltet und wächst. Es stirbt, wenn diese Gemeinschaft fehlt. Deshalb ist es ein gewagtes und gefühlvolles Unterfangen, ein Bild in die Welt zu entsenden.“ Rothko kommentierte sein eigenes Werk nie und lehnte es nach 1950 kategorisch ab, interpretatorische Hinweise zu seiner Kunst zu geben. Rothko war religiös, auf irgendeine Art und Weise, er zehrte vom Alten und Neuen Testament, von Mythen und Archaismen. Er suchte die ewige Gültigkeit. Am 25. Februar 1970 wählte Mark Rothko den Freitod.

„Es wäre schön, wenn man überall im Lande Orte einrichten könnte, ähnlich kleinen Kapellen, in denen ein Reisender oder Wanderer eine Zeit lang über ein einziges, in einem kleinen Raum hängendes Bild meditieren könnte.“ (Mark Rothko, 1954)

Kleiner Hinweis: Es sind hier nicht nur Bilder aus der Tate gezeigt. In der Tate Gallery sind sie vorwiegend rötlich. De Reproduktionen geben einen nur sehr unzulänglichen Eindruck. Die Körperlichkeit der Farbflächen spürt man nur, wenn man direkt davor steht, in der Modern Tate.

~Körperlichkeit der Farbflächen: Green on Blue, 1956.~

Irritationen um Beuys

März 14, 2018

Eigentlich habe ich gedacht, ich hätte meinen Beuys verstanden. Ich meine damit den von einigen immer noch umstrittenen Künstler Joseph Beuys. Dass er von diesen abgelehnt wird, hat nur mit Unkenntnis oder Nachplappern von Vorurteilen zu tun. Ein Scharlatan war er nie, vielleicht ein Schamane. Ein Künstler, der ungewohnte Wege ging.

Beuys gelangte einige Male zu ungewollter Prominenz. So kann er nichts dafür, dass es 1987 einen Ata-Werbespot gab, in dem ein Kunstwerk, eine Badewanne mit Fettecken, von zwei tüchtigen Putzfrauen irrtümlich gereinigt und das Werk somit zerstört wurde. Beuys war schon damals für seine Fettecken berühmt. Mir war aber lange nicht bekannt, dass es für diesen Spot ein Vorbild in der Realität gab. Im Herbst 1973 suchten zwei SPD-Frauen, Marianne Klein und Hilde Müller, etwas um Getränke für eine Feier im Museum Schloss Morsbroich zu kühlen. Sie fanden die Beuys-Badewanne im Magazinraum, wo sie für eine Ausstellung zwischengelagert war. Da die Badewanne von Beuys mit Mullbinden, Pflastern und Fett versehen war, versuchten die zwar ordentlichen, aber ahnungslosen Damen die Badewanne für ihre Kühlzwecke zu reinigen. Opela, ein Kunstwerk von damals 80.000 D-Mark war zerstört. Dies und weitere irrtümliche Fettecken-Zerstörungen machten Beuys zwar auch unter Neue-Revue-Leserinnen bekannt, beschädigte aber auch seinen Ruf als ernstzunehmender Künstler. Beuys übrigens hat das Ganze belustigt hingenommen.

~Sagenhaft: Die Badewanne von Joseph Beuys.~

Zugegeben, Beuys macht es einem mit seinem Filz und Fett, seinen Aktionen, nicht leicht. Wenn man sich aber nicht nur damit abfinden will, dass er ein international sehr anerkannter Künstler ist, dessen Werke mit gigantischen Summen gehandelt werden, sondern einiges verstehen will, braucht es guten Willen und sehr viel Zeit. Aber das ist es mir zumindest wert. Und ich glaubte, einiges verstanden zu haben. Außerdem mag ich seine Art, Kunst und die Welt zu sehen. Banal und uninteressant wie viele neuere Kunst ist es nie. Und wenn es Leute gibt, die meine Begeisterung nicht teilen, empfehle ich zumindest seine Aktion zur Documenta 1982 in Kassel, wo er mit Helfern 7000 Bäume, begleitet von jeweils einem Basaltstein, in die Erde wuchtete. Diese künstlerische und ökologische Intervention in den urbanen Raum ist doch auch für Skeptiker interessant. Welcher Künstler pflanzt schon 70000 Eichen? Das ist doch Kunst zum Allgemeinwohl.

~Nützlich: 7000 Eichen in Kassel.~

So, also mein Glaube zu Beuys war bis vor kurzem unerschütterlich. Aber ich machte den Fehler, eine Veranstaltung vom Kunstverein Schaffhausen zu besuchen. Da wurde eine so genannte Filmbiografie von Andres Veiel über den Künstler Beuys gezeigt. Sie wurde mit Lob angekündigt. Vor allem ihre neuartige optische Darstellungsweise wurde erwähnt. Mich hat sie fertig gemacht. Weil Veiel wohl glaubte, man müsste Beuys neuartig inszenieren, gab es unendlich oft den Blick auf einen Leuchtkasten mit Dias, aus denen einzelnen sich dann eine Filmsequenz entwickelte. Jedes Kind weiß, dass Dias Dias sind und Film Film. Durch dieses optische Gedöhns wurden die zum Teil erstmals gezeigten Archivfilme über Beuys überlagert. Wer Beuys nicht verstehen wollte wurde darin bestärkt. Kuddelmuddel. Mühsam gelang es mir, mich auf das Wesentliche und für mich Neue zu konzentrieren.

Über seine Zeit als Gründungsmitglied der Grünen wusste ich wenig. Und ich hatte wohl verdrängt, dass Beuys mit 15 Jahren Mitglied der Hitlerjugend war. Pfui. Belustigt erfuhr ich, dass er seinen Flugzeugabsturz als Bordschütze mit der Stuka am 16. März 1944 nur deshalb so glimpflich überlebte hätte, weil er von nomadisierenden Krimtartaren acht Tage lang mit Filz warmgehalten und seine Wunden mit Fett gepflegt worden wären. Dies ist natürlich etwas, womit er eine Legende bilden wollte und frei erfunden war. Selbst seine Frau, die meine Vorliebe für sein Filz und Fett teilt, glaubte ihm nicht. Aber so war er eben. Viel tiefgründiges, Neues und etwas Nebelkerzen. Nach etwas Verärgerung über die unglückliche Optik des Films war ich dann trotzdem zufrieden. Es wurden nämlich noch weitere mir unbekannte Filmdokumente gezeigt und der Rahmenvortag von Christoph Bauer, Museumsleiter vom Kunstmuseum Singen, war lustig und äußerst informierend. Und ich war baff, dass die Mitglieder des Kunstvereins äußerst interessiert wirkten. Eine wichtige Person sagte mir anschließend „Jetzt sehe ich Beuys mit andern Augen“. Wie er das wohl gemeint hat?

~Ärgerlich: Beuys-Werk „Das Kapital“, verschwunden aus den „Hallen für Neue Kunst“.~

Man muss abschließend aber dankbar sein, dass Schaffhausen etwas für moderne Kunst tut. Nach dem Debakel um das Beuys-Werk „Das Kapital“, das die „Hallen für Neue Kunst“ unter Urs Raussmüller zwar erworben, aber wegen nicht geklärter Eigentumsrechte wieder verloren hatten, gibt es für Kunstinteressierte wenig Grund nach Schaffhausen zu reisen. Ein Debakel war es auch deshalb, weil Raussmüller so lange prozessiert hatte, bis der Etat der Hallen alle war.

 

Sirenen

Februar 16, 2018

In der Schweiz gibt es, neben vielen andern Merkwürdigkeiten, eine ganz besonders laute. Nein, es sind nicht die Alphörner, sondern es ist der Sirenentest. Landauf landab ertönen zum gleichen Zeitpunkt jährlich vehement laut, ja markerschütternd, sämtliche Sirenen auf allen Hausdächern. So auch in Schaffhausen, am vorletzten Mittwoch zwischen 13.30 und 14.15 Uhr. Böse Zungen behaupten, es wäre der Beamtenweckruf. Damit ist der Impuls an jene tüchtigen Zeitgenossen gemeint, die angeblich auf ihren bequemen Bürotischen schlafen. Und das in den schön renovierten Bürgerhäusern in der Stadt, denn viele Ämter sind quer durch die Innenstadt in diesen Kleinoden verteilt.

~Aufklärung: Plakate informieren.~

Um gleich mit obigen schändlichen Vorurteilen aufzuräumen sei klargestellt, dass man nur die Funktionstüchtigkeit der Sirenen testen will. Denn Sirenen können Leben retten, wie die Schaffhauser Polizei im Internet und auf Plakaten mittteilt. Der allgemeine Alarm soll bei Katastrophen aller Art warnen. Es ist daher eine Übung. Und damit gleich die Ehre der Staatsdiener wieder hergestellt wird, sei gesagt, dass viele Bedienstete wie die von der Feuerwehr an diesem Mittag tüchtig im Einsatz waren.

~Sirene: Die Ruhe vor dem Sturm.~

In der Schweiz gibt es beinahe für alles Notfallpläne. So habe ich irgendwo zwischen Spaghettistangen und Dosentomaten eine Jodtablette in meinem Küchenschrank, zur Verfügung gestellt von der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Mit der Einnahme der Pille soll im Fall einer Nuklearkatastrophe verhindert werden, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Alle 4,9 Millionen Einwohner im Radius von 50 Kilometern von Kernkraftwerke entfernt erhielten diese Tablette, auch meine schilddrüsenkranke Nachbarin. Das hat ordentlich Geld gekostet, insgesamt 20 Millionen Franken. Dieser Radius soll zukünftig noch erweitert werden. Aber da sind die AKW-Betreiber, organisiert in „Swissnuclear“, dagegen. Denn sie sollen sich an den Kosten der Jodtabletten künftig beteiligen. Ihrer Ansicht nach wäre die Möglichkeit eines Unfalls verschwindend gering. Statistisch.

~Bombardierung: Kriegsgeschenk der Alliierten für Schaffhausen.~

Zurück zu den Sirenen. Es ertönte ein regelmäßig auf und absteigender Heulton. So laut, dass ihn selbst unsere liebenswerten Nachbarn ennet der Grenze aufschreckten. So richtig gern hören ältere Schaffhauser Sirenen im Allgemeinen nicht. Sie erinnern sich an den 1. April 1944, als alliierte Bomber angeblich irrtümlich Teile von Schaffhausen in Schutt und Asche legten. 40 Menschen kamen ums Leben und 270 wurden verletzt. Offiziell wurde das von den Alliierten auf Navigationsfehler zurückgeführt. Aber da sie auch in Zürich, Oerlikon, Le Noirmont, Thayngen und Basel bombten, konnten das unmöglich Verwechslungen gewesen sein. Oder doch? Ich traue den Amys zumindest zu, dass sie in europäischer Geografie nicht so fit sind. Amerikanische Freunde, obwohl gebildet, wussten vor der Wiedervereinigung noch nicht mal, dass es zwei verschiedene Deutschlands gab. Und die Piloten verwechselten damals sogar Zürich mit Pforzheim, immerhin geografisch völlig unterschiedlich und viele Kilometer entfernt. Schwamm drüber, heute geht’s um Nordvietnam. Das ist Gott sei Dank weit weg von der Schweiz.

Die Tricks der Fotografen

Februar 5, 2018

Beim Beschreiben der Tricks der Filmemacher, den Artikel können Sie hier anklicken, fielen mir natürlich auch die Tricks der Fotografen ein, die ähnlich arbeiten. Vorweg ein wichtiger Grund beim Tricksen einer Aufnahme: Gute Fotografen lieben es, ein Bild perfekt abzuliefern. Sprüche wie „Das machen wir in der Post“, der digitalen Nachbearbeitung, hören wir meist von schlechten oder faulen Fotografen. Anders als beim Film ist es hier nicht die Kosteneinsparung, sondern nur der Wille, perfekt alles beim Fotografieren zusammenzufügen.

~Eine stark belastete Brücke für die Kampagne „Hoffentlich ist es Beton“. Foto Thomas Herbrich.~

~Die Aufnahme in der Entstehung. Foto Thomas Herbrich.~

Das gilt in besonderem Maße für Thomas Herbrich, der ein guter Freund von mir ist, aber auch ein exzellenter Fotograf, ein wahrhaftiger Zauberer. Thomas arbeitet oft tage- oder wochenlang zur Vorbereitung der perfekten Belichtung. Für die Werbekampagne „Hoffentlich ist es Beton“ baute er eine Szene von 5 mal 3 Metern in einem Londoner Mietstudio. Eine Gruppe von Elefanten überquert eine Brücke zwischen zwei Felsen. Im Hintergrund ist ein Regenwald zu sehen. Die Felsen wurden vom Modellbauer Jerry Judah aus Styroporblöcken geschnitzt und mit Mörtel und Pigmentpulver belegt. Die Elefanten waren Dummies. Die Landschaft im Hintergrund wurde gebaut und mit tausenden Petersilienpflanzen bestückt. So meine Erinnerung. Mit etwas Nebelwabern sah alles täuschend echt aus. Eine solche Inszenierung hätte man in Natura nie gefunden. Bei einer Essenseinladung bei ihm wurde mir klar, wie Thomas auf seine Inszenierungsideen kommt. In seinem Bücherregal war mindestens ein laufender Meter Bücher über Zauberei zu finden. Klar, Thomas lenkt ab um den Betrachter zu täuschen. So genial ist es legitim. Das Bild ist ein Icon der Werbefotografie und hat zig Preise gewonnen.

~Die umgedeutete „Toteninsel“ nach Arnold Böcklin. Foto Thomas Herbrich.~

Wenn Thomas nicht für die Werbung arbeitet, das muss er, denn er ist Werbefotograf, inszeniert er seine eigenen Wunschmotive. So hat er das Bild „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin (1821 – 1901) nachfotografiert und umgedeutet. Es ist im Gegensatz zum todessehnsüchtigen Inhalt des Symbolisten Böcklin heiter und lustig. Statt der geheimnisvollen Figur bei Böcklin gibt es einen Mann mit bunten Luftballons und auf der Insel ein Kinderkarussell. Nun gab es dennoch eine Montage im Computer. Thomas hat vor den Monitor mit der fertigen oberen Bildhälfte, die Insel als Modell plus einkopiertes Boot und Kinderkarussell, die geriffelte Glasscheibe eines Kühlschranks gelegt. So erhielt er die perfekte Spiegelung einer Wasseroberfläche mit gekräuselten Wellen.

~Der Hydrojet für die Expo. Foto Thomas Herbrich.~

Nun wieder eine Auftragsarbeit. Für die EXPO Hannover sollte er das Motiv „Hydrojet“, also die Technik des Wasserstoff-Antriebs, auf humorvolle Weise gestalten. Er fotografierte das Flugzeug in Natura separat und kombinierte es mit dem Modell einer Lafette mit Wasserflasche. Die Reifen des gebauten Modells sind Zahnpastatubendeckel.

Nun folgen vier Bilder bei denen Sie in etwa erraten, wie sie gemacht sind. Ein Weizenfeld aus Zollstöcken, eine Flut in Chicago, ein Hamsterflug, eine schwebende Insel.

~Weizenfeld aus Zollstöcken gebaut. Foto Thomas Herbrich.~

~Flut in der Großstadt. Foto Thomas Herbrich.~

~Ein humoristischer Hamsterflug. Foto Thomas Herbrich.~

~Die schwebende Insel. Foto Thomas Herbrich.~

Zu Schluss ein Lieblingsbild von mir. Es heißt „Berlin im Jahre 2100“. Es ist komplett aus Transistorteilen und anderem Schrott gebaut und erinnert an „The Blad Runner“ von Ridley Scott. Es ist auch deswegen mein Lieblingsbild, weil Thomas mir das einmal in verkleinerter Form zum Geburtstag geschenkt hat. Um mich zu nerven fragte er noch „Wo ist das Brandenburger Tor?“

~Berlin im Jahre 2100. Foto Thomas Herbrich.~

Thomas Herbrich sagt über sich: „In meinen Bildern geht es spektakulär, unterhaltsam und immer ein bisschen geheimnisvoll zu. Sie sind mit viel Liebe gemacht, und ich glaube, das spürt man. Für mich ist ein gutes Bild wie der erste Satz in einer Geschichte, und der Betrachter möchte sie weiterspinnen. Es sind also immer erzählende Bilder.“ Thomas Herbrich erlitt einen Kulturschock, als er erstmals Stanley Kubricks Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ sah. Ab da war er kein einfacher Still-Live-Fotograf mehr. Momentan tingelt er mit einer wissenschaftlichen Unterhaltungsshow durch die Lande. Sie heißt „Die Mutter aller Innovationen“. Was das ist habe ich noch nicht erraten. Es ist wohl schwierig und einfach zugleich. Sehen Sie zu seinen Fotos auch http://www.herbrich.com/

 

 

 

Die Tricks der Filmemacher

Januar 19, 2018

Im letzten Beitrag hatte ich über den 80zigsten Geburtstag von Ridley Scott gesprochen und damit einen der herausragenden Filmemacher der heutigen Zeit gewürdigt. Bei dieser Gelegenheit dachte ich an Möglichkeiten, mittels Tricks aufwändige Szenen machbar und wirtschaftlich zu gestalten. Ich habe oft in Filmstudios mitgekriegt, wie man beinahe Unmögliches durch einfache Mittel möglich macht. So kann sich zum Beispiel jedes Kind vorstellen, dass eine märchenhafte Landschaft bis zum fernen Horizont nicht wirklich in Natura gebaut wurde. Das wäre viel zu teuer. Die Lösung dafür ist „Matte Painting“. Davon gleich. Erwarten Sie hier aber nichts über Tricks, die die rasante Entwicklung der digitalen Technik im Film bietet. Da würde es einem zu schwindlig werden. Mir sind außerdem Filme, die nur aus Tricks bestehen und keine ordentliche Story haben, zuwider. Es sind hier daher eher handwerkliche Lösungen aus den den Anfängen der Filmtechnik beschrieben.

Eine berühmte Technik aus den Anfängen des Films ist die mit dem Spiegel. Stellen Sie sich vor, eine Lokomotive rast auf den Betrachter zu. Eine Kamera auf den Schienen zu postieren wäre unmöglich. Alte Farbfilmkameras hatten bisweilen drei Objektive und waren schwer. Die Lösung war ein Spiegel, der schnell entfernt werden konnte und das dramatische Bild in die Kamera spiegelte.

~Ein Schiffswrack im Studio durch ein Aquarium gefilmt.~

Etwas sehr lustiges entdeckte ich in den Londoner Pinewood Studios, die von Hollywood inspiriert wurden. Auf einem Hallenboden mit Sand, Muscheln und Korallen lag ein Piratenschiffswrack, so wie es nur spleenige Briten bauen können. Davor war ein großes Aquarium mit Fischen. Durch dieses gedreht hatte man eine perfekte Unterwasserszene. Es funktioniert fantastisch. Ich habe diese Technik mal bei einem Dreh angewandt. Statt des Tauchers haben wir eine Nixe an einem Seil aufgehängt.

Jetzt kommen wir zu der eingangs erwähnten Märchenlandschaft, die keine reale ist. Matte Paintings (von englisch „matte“ = Maske“ oder Vorsatzmalerei sind gemalte Teile von Kulissen in Filmsets auf Leinwand oder Glas. Sie müssen sich das so vorstellen. Der Vordergrund, auf dem die Aktion spielt, ist real gebaut. Vor der Kamera ist ein gemalter Hintergrund auf Glas der beispielsweise eine kunstvoll realistisch Landschaft bis zum Horizont darstellt. Die Kamera fügt dann beides sehr überzeugend zusammen. Diese Glass shots wurden erstmals 1907 von Norman A. Dawn (ASC) angewandt. Später kamen sie bei „King Kong“ und vielen weiteren Filmen wie „Der Zauberer von Oz“, „Blade Runner“, „Batman“ etc. zum Einsatz. Selbst die beeindruckende Schlussszene von „Jäger des verlorenen Schatzes“ von 1981, die wo ein Bundesbeamter die Kiste mit der Bundeslade in eine gigantische Halle mit unzähligen Wertgegenständen schiebt, ist gemalt. Das einzig reale ist der sich bewegende Mann mit der Kiste. Heute werden Füllbilder, gemalt oder im Computer erzeugt, digital eingesetzt.

~Schlussszene aus Jäger des verlorenen Schatzes. Nur der Mann mit der Kiste ist real. Der Rest ist Matte Painting.~

Beinahe täglich begegnet uns das Blue-Box- oder Bluescreen-Verfahren zum Beispiel in Nachrichtensendungen. Da wird der Kommentator vor einem blauen (manchmal auch grünem) Fond gefilmt. Dieser wird wegestanzt und zum Beispiel durch eine Wetterkarte ersetzt. Wichtig dabei ist, dass der Kommentator keine blaue Krawatte trägt. Diese würde sonst als Loch erscheinen. 🙂 Der Dieb von Bagdad (1940) war der erste Kinofilm, der mit der Bluesreen-Technik arbeitete. Diese Technik kommt auch in Kombination mit anderen heute überall zum Einsatz.

~Die gigantische Schlacht in Königreich der Himmel. Duplizierte Kämpfer.~

Ich habe mich oft gefragt, wie zum Beispiel Ridley Scott seine aufwändigen Schlachten mit hunderten- bzw. tausenden Personen drehte. Ein englischer Kameramann hat mir das verraten. Im Vordergrund, der noch detailliert beobachtet werden kann, agieren echte Kämpfer. Diese werden dann kopiert und in der richtigen Perspektive nach hinten oder verjüngend zur Seite immer wieder eingesetzt. Etwas Kampfnebel verdeckt die Brüche gnädig.

Damit das hier nicht zu lang wird, und wir trotzdem etwas über Stopptricks, Rück- und Aufpro, Vorsatzmodelle, Stop Motion etc. erfahren, hier der Hinweis auf einen Link. „Special Effects: Die Tricks der Filmemacher“ auf www.camgaroo.com. Ein heutiger Film, der eine wahre Fundgrube nicht nur für Technikbegeisterte ist, ist „Hugo Cabaret“ von großartigen Martin Scorsese 2011 erschaffen. Er verwendet alle möglichen Mittel. Er erhielt fünf Oscars. Zu Recht. Sehen Sie hierzu zu den Tricks auf YouTube „Hugo – Behind the Scenes Miniatures & VFX, New Deal Studios“ und „Hugo Cabret: 3D-Animation Making-of von Pixomondo“. Viel Vergnügen.

~Eine Szene aus Hugo Cabaret. Die Halle ist klein gebaut und eingefügt.~

 

Ridley Scott wurde achtzig

Dezember 10, 2017

Der Brite Sir Ridley Scott wurde am 30. November 80 Jahre alt. Ja, Sir. Er wurde für sein Werk 2003 geadelt. Für mich war er schon immer ein Genie, das einen solchen Titel verdient. Meine Begeisterung für ihn rührt natürlich aus meinem allgemeinen Faible für Filme, gute Filme, aber auch aus der Tatsache, dass sein Werk außergewöhnlich breit gefächert ist. So gelangen ihm so unterschiedliche Meisterwerke wie „Blade Runner“ (1982) und „Thelma & Louise“ (1991).

„Blade Runner“ ist ein Science-Fiction-Film, der in Los Angeles im Jahr 2019 spielt. Der ehemalige Kopfgeldjäger Rick Deckard (Harrison Ford) wird eingeschaltet, um einige von der mächtigen Tyrell Corporation hergestellte künstliche Menschen, so genannte Replikanten, auszuschalten. Diese sind von fernen Kolonien geflohen, um ihr drohendes Verfallsdatum von ihrem Schöpfer Dr. Eldon Tyrell (Joe Turkel) verlängern zu lassen. Es entwickelt sich eine hochbrisante Handlung, die in dem Showdown zwischen Rick Deckard und dem Superreplikanten Roy Batty (Rutger Hauer) endet. Den ganzen Film zu erzählen ist wohl müßig, da er bekannt ist. Nur soviel an Details, die mich absolut begeistern: Der Film spielt in mächtigen Art-Deco-Gebäuden, schäbigen futuristischen Wohnzellen, Häuserschluchten mit Flugverkehr und in einem Chinatown, wo künstliche Körperdetails wie Augen von spleenigen Handwerkern hergestellt werden. Es ist dauernd Nacht oder zumindest düster und es regnet ununterbrochen. Es herrscht eine geheimnisvoll beklemmende Atmosphäre. Der Film baut auf dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick auf. Ridley Scott hat sich allerdings kaum an den Roman gehalten. Er wollte den Film erst auch nicht machen, weil er gerade mit „Alien“ (1979) einen Science-Fiction-Erfolg gelandet und vorläufig keine Lust mehr auf das Genre hatte. Anfangs spielte der Film in den USA noch nicht einmal die Produktionskosten von 22 Mio. Dollar ein. Aber dann wurde er über den Umweg Europa zum Knüller und absoluten Kultfilm.

~Blade Runner: Der Replikant Roy in einer der Schlussszenen auf dem Dach eines Hochhauses.~

„Thelma & Louise“ ist das absolute Gegenteil von „Blade Runner“. Es ist ein Roadmovie quer durch die USA mit zwei Frauen und spielt in der Jetztzeit. Der Film verzichtet auf aufwändiges Decor und die Handlung ist erst absolut banal. Die etwas biedere Hausfrau Thelma Dickinson (Geena Davis) hat ihr Dasein und den despotischen Ehemann gründlich satt. Zusammen mit der lebenslustigen Freundin und Kellnerin Louise Sawyer (Susan Sarandon) fahren sie in Louises Ford-Thunderbird-Cabrio los um etwas Spaß zu haben. In einer heruntergekommenen Bar mitten in Arkansas flirtet Thelma mit einem Mann, der das Ganze missversteht und sie auf dem Parkplatz zu vergewaltigen versucht. Louise versucht den Mann mit einem mitgeführten Revolver in Schach zu halten. Da löst sich ein Schuss. Weil Thelma mit dem Mann zuvor angetrunken und tanzend gesehen wurde, fürchten die jungen Frauen, dass die Polizei ihnen den tatsächlichen Tatverlauf nicht abnehmen wird. Sie fliehen Richtung Mexiko. Nun nimmt die Geschichte Fahrt auf und wird dreckig. Es gibt eine kleine Liebesgeschichte mit dem Schmalspurgangster J. D. (Brad Pitt), einen Ladenraub und eine gewaltige Verfolgungsjagd durch die Polizei. Einzig der Polizist Hal Slocumb ((Harvey Keitel) versucht Schlimmeres zu verhindern. Nach mehreren Karambolagen mit den Verfolgern stehen die beiden Frauen mit ihrem Cabrio am Abgrund des Grand Canyon. Louise fährt auf Thelmas Vorschlag los und die beiden stürzen in den Tod. Hal kommt zu spät. Der Film ist deswegen so beeindruckend, weil er eigentlich nur mit dem grandiosen Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen auskommt.

~Thelma & Louise: Der grandiose Sturz in den Grand Canyon.~

Ridley Scott ist ein Meister in unterschiedlichsten Genres und hat Maßstäbe gesetzt. Neben kleinen intimen Geschichten breitet er großartige Historienepen aus wie „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ (1992), „Gladiator“ (2000) und „Königreich der Himmel“ (2005). Egal was er macht. Es ist alles Großartig. Zum Beispiel „Black Rain“ (1989), „Black Hawk Down“ (2001). 2017 hat er gerade „Alien: Covenant“ abgedreht, wieder ein Science-Fiktion. Zu seiner gelegentlichen Vorliebe fürs All sagt er: „Oh, der Weltraum ist so leer, man kann ihn mit allem füllen“.

~Großartig in allen Genres: Ridley Scott.~

Ridley Scott gilt in der Branche als ökonomischer Regisseur, da er in der Regel mit einem Drittel der Drehtage seiner Kollegen auskommt. Der Grund: Er dreht manche Szenen mit 15 Kameras gleichzeitig und kann sich so den besten Take aussuchen. Meine Begeisterung für die Machart seiner Filme rührt auch aus der Perfektion jeder einzelnen Szene. Gelegentlich schalte ich auf Einzelbildschaltung um, um Details genau zu prüfen. Was man auch wissen sollte: Ridley Scott war Werbefilmer. In seiner Produktionsfirma „Ridley Scott Associates“, der auch sein Bruder Tony Scott (Der Staatsfeind Nr. 1 etc.) und der großartige Alan Parker (Mississippi Burning etc.) angehörten, produzierte er über 2000 Werbespots mit vielen Auszeichnungen. Es sind vor allem Briten, die aus der Werbung kamen, die die Leinwand oder den Bildschirm mit Kostbarkeiten füllen. Und nicht zu vergessen, wie in der Werbung haben sie einen großen Stab von Spezialisten, die alles möglich machen. Hoffentlich dreht Ridley Scott noch viele Kostbarkeiten.

 

Der Diplom-Hirt 2): On Tour

November 27, 2017

Es geht hier immer noch um Otto Knöpfli, der Diplom-Hirt in den Schweizer Alpen ist. Ja, der typisch Schweizer Name stimmt und das mit dem Diplom auch. In der letzten Folge „Der Diplom-Hirt 1): Einstieg“ ging es um Hirten, Schafe, Herdenschutz- und Hütehunde allgemein. Nun wäre es interessant zu wissen, wie das Leben eines Hirten auf der Alp so abläuft.

~Otto Knöpflis Hütte.~

Otto Knöpfli war zumindest in der vergangenen Saison Springer. Das heißt, er war immer da, wo Not an Hütern war. Das bedeutete für ihn erst ein Gratis-Job in einer Gemeinde, die kein Geld für einen Hirten hatte. Dann wurde er über das Alpofon zu einem Notfall gerufen. Das Alpofon ist eine Schweizer Erfindung, die aber nichts mit dem legendären Alphorn zu tun hat. Auch nicht mit dem Musikinstrument Alpophon, das ähnlich wie ein Alphorn ist, nur anders. Das Alpofon, mit „f“ geschrieben, ist eine zentrale telefonische Vermittlungsstelle. Da sind die Schafhirten erfasst und werden gebucht.

~Die Alp Cadriola im Bündnerland.~

Auf der Alp „Cadriola“, die liegt zwischen dem Hinterrhein und dem Einshorn im Kanton Graubünden, wurde ein greiser Schafhirt plötzlich krank. Otto wurde zu Hilfe gerufen, und das hieß dalli-dalli. Um alles noch besser zu erklären muss man folgendes wissen: Es gibt die Schafbesitzer, die ihre Schafe jeden Sommer auf die Alp bringen. Dann den örtlichen Schafmeister, der die Alp verwaltet und den Schafhirten. In diesem Fall stellte sich das Problem, dass die Herde von 476 Schafen von drei verschiedenen Besitzern stammte. Sie war also nicht homogen. Dann hatte der ursprüngliche Hirt, obwohl sehr erfahren, auf Grund seines Alters in den letzten Tagen nicht mehr die Kraft seine Herde ordentlich zusammenzuhalten. Die Schafe grasten da, wo ihnen die Kräutlein am Besten schmeckten. Eben überall.

~Schön ist es hier, und einsam.~

Als Otto ankam, fand er eine skurrile Situation vor. In einer Notiz steht: „In den höher gelegenen Gebieten war wenig Gras vorhanden. Das hat sich im Verhalten der Schafe so ausgewirkt, dass sie sich in kleine Gruppen aufgeteilt haben und wo immer möglich einen Weg zu noch unberührtem Weideland gesucht wurde. So war zum Beispiel eine Gruppe von neun Schafen nachweislich durch die Flanke hinter dem Schientobel in die Horneralp gekommen, was das erste Mal so beobachtet werden konnte.“ Etc. etc. „Dieser Sommer war sicherlich außergewöhnlich in Sachen Hirtenschaft, aber auch wie oben erwähnt im Verhalten der Tiere. Auch darf man die acht Tage Schneewetter nicht vergessen.“ Um es kurz zu machen: Zu Ende der Saison fehlten sechs Tiere, die sich theoretisch auch fremden Herden angeschlossen haben könnten. Wenn man bedenkt, dass ein Schaf zwischen 400 und 700 Franken wert ist, tut das natürlich weh. Es steht aber auch: „Es gab keine Augenprobleme, keine Moderhinke, nur zwei Tiere mit Panaricium, keine Wurmprobleme und keine Räude.“

~Die Alphütte bei Ottos Ankunft.~

Otto Knöpfli hat mit seinen Hunden die Herde wieder zusammengetrieben. Die folgenden Tage waren aber trotzdem arbeitsreich, wie seine eng beschriebenen Tagebuchblätter zeigen. Immer wieder ist die Rede von „ausgebüxten“ Schafen, vom Zaunnetze reparieren, vom Augentröpfeln anfälliger Tiere. Vom schlechtem Wetter mit Hagel und Schnee. Vom Errichten der Nachtpferche für die Schafe. Auch von einer Wölfin mit acht Jungen, was außergewöhnlich ist. Otto beobachtet sie zum Einshorn hin. Vor ihrem Bau, im ihrem „Wohnzimmer“, wie er es nennt. Da die Hütte im Weidegebiet keinen elektrischen Strom hat, trägt er tagsüber ein Solarpanel auf seinem Rucksack. Für sein Mobiltelefon. Oft transportiert er auch Netze mit Pfählen. Die wiegen zusammen zusätzlich 40 Kg auf seinem Rucksack. Das ist ganz schön schwer in unwegsamem Gelände.

~Immer wieder ist Zaun reparieren angesagt.~

Wenn man das alles so liest, hört sich das nach Plackerei an. Ist es auch und nicht unbedingt eine romantische Schäferidylle. Aber schöne Momente gibt es natürlich. Es ist der klare Himmel nach einem Gewitter. Es ist die unbeschreiblich schöne Natur mit Ausblick. Es sind Momente der Zufriedenheit, wenn man ein verirrtes junges Lamm findet. Es ist einfach alles. In der nächsten Saison wird Otto wieder unterwegs sein. Wohin ihn das führt weiß er noch nicht.

~Otto Knöpfli mit seiner Lieblingshündin Joy.~

Der Diplom-Hirt 1): Einstieg

November 12, 2017

Das gibt es tatsächlich: Hirten mit Diplom. Ich kenne einen, Otto Knöpfli. Es ist ein Schulkamerad, der erst 40 Jahre mit seiner Frau einen gut gehendend Friseursalon betrieb. Friseur wollte Otto in jungen Jahren werden, weil er die Zweisamkeit mit Menschen schätzte. Dann wurde ihm das Ganze zu eng. Über die Sozialarbeit kam er schnell zu einem Beruf, in dem er Erfüllung in der freien Natur fand. Und da er alles sehr gründlich macht – als Friseur war er auch zehn Jahre Instrukteur – absolvierte er eine Ausbildung zum diplomierten Schafhirten. Da erfährt man wirklich alles: Organisation der Alpwirtschaft, Rechtliches, Schafhaltung, Tiergesundheit, Herdenschutz, Art der Arbeitshunde und deren Grundausbildung und vieles mehr. Natürlich gibt es auch nicht diplomierte Schafhirten. Das sind die, die ihre Arbeit seit vielen Jahren erfolgreich machen; sozusagen die Ehrendiplomierten.

~Otto Knöpfli mit seinem Diplom.~

Die Schaf- und Ziegenhaltung in den Alpen beschert uns natürlich hervorragende Produkte. Die Schafmilch enthält zum Beispiel mehr wichtige Vitamine A, D, E, B6, B12 und Vitamin C als Kuhmilch. Dass Schafmilch und der daraus gewonnene Käse ausgesprochen köstlich sind kann ich bezeugen. Kein Wunder, die feinen Alpenkräutlein entfalten ihre Wirkung. Mein Vater zum Beispiel hatte durch seine Berglerernährung ein Leben lang gesunde Zähne. Die Alpenbewirtung erfüllt aber auch eine ganz besondere Funktion. Grasende Tiere pflegen die Landschaft und halten sie gesund und intakt. Ganz im Gegenteil zu der unvernünftigen Landschaftsnutzung im Flachland.

~Ein Teil von Ottos Schafherde über den Wolken.~

Domestizierte Schafe gab es schon ab 8000 v. Chr. im „fruchtbaren Halbmond“, also um das Zweistromland herum. Kein Wunder, da entstanden auch die ersten festen Besiedelungen im Westen. Schafe sind Herdentiere, aber keineswegs dumm und durchaus individualistisch. Innerhalb einer Herde gibt es Freundschaften und eine klare Rangordnung. Dabei ist nicht der Widder der Boss, sondern ein erfahrenes Muttertier. Die wichtigsten Sinne von Schafen sind der Geruchs- und Gehörsinn. Der Geruchssinn ist wichtig für die Nahrungsaufnahme und der Bindung zwischen Muttertier und Lamm. Feinde orten sie eher mit dem Gehör. Die Paarungszeit ist im Herbst. Nach einer fünf- bis sechsmonatigen Tragezeit kommen ein oder mehrere Jungtiere zur Welt. In der Schweiz gibt es 19 Schafrassen, wobei das „weisse Alpenschaf“ den größten Anteil stellt.

~Die gesunde Landschaft auf der Bündner Alp Cadriola.~

Bei den Hunden gibt es zwei Funktionsgruppen. Herdenschutzhunde leben mit den Schafen zusammen. Im Idealfall werden Lämmer von klein auf an sie gewöhnt. Dabei nehmen die Hunde auch den typischen Geruch von Lanolin an, dem Fett in der Wolle von Schafen. Hüte- oder Treiberhunde leben nicht im Herdenverband. Sie halten die Herde von außen zusammen. Zwei Rassen sind in beiden Fällen häufig: Der „Maremmano Abruzzese“ und der „Montagne des Pyrénées“. Aus den Abruzzen und den Pyrenäen also, wo Schafe schon immer einen großen Stellenwert hatten.

Wer ein ordentlicher Schäfer ist hat den Hirten- oder Krummstab. Dieses Requisit gibt es seit dem Alten Ägypten als Symbol der Macht. Später nutzten es kirchliche Würdenträger. Er taucht auch oft in der Heraldik auf. Sehen Sie in der nächsten Folge „Der Diplom-Hirt 2): On Tour“.

~Der Hirtenstab, Symbol seit über 5000 Jahren.~