An der Westfassade des Stadttheaters Schaffhausen hängt seit Anfang Februar 2021 ein merkwürdiger, aber sehr bunter und fröhlicher Wandteppich. Draußen. Ich habe ihn erst vor Kurzem bemerkt, da in den Medien sehr spärlich darüber berichtet wurde; es kaum Hinweise gab. Außerdem ist der riesige Teppich in der engen Gasse, die zum Stadttheater auf dem Herrenacker führt, schwer zu sehen. Schade, dass es wohl keinen besseren Platz gab. Aber Schaffhausen gilt ja als Stadt der Erker und diese 171 architektonischen Köstlichkeiten kleben an beinahe jedem Haus in der Altstadt und lassen kaum Platz für Eingewandertes.

~Der Wandteppich in Schaffhausens Altstadt: Aktion zur Einführung des Frauenstimmrechts.~

Der Wandteppich besteht aus zig handgestrickten Quadraten, die zu einem imposanten Stück zusammengefügt wurden. Jedes Quadrat ist anders und von einer anderen Frau gestrickt. Ziemlich genau in der Mitte ist ein Schweizer Kreuz zu sehen. Wow. Initiiert wurde das Projekt von einer Gruppe, die sich „1971.sh“ nennt. Und zwar aus Anlass der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz 1971. Hier höre ich Gelächter und ich habe in meiner Zeit in Deutschland viele höhnische Bemerkungen eingesteckt. „Erst 1971?“ In Afghanistan wurde das Frauenstimmrecht 1963 eingeführt. Unter König Amanullah Khan sollte das Stimmrecht für Frauen in Afghanistan sogar schon 1923 eingeführt werden. Daraus wurde nichts. Die Stammesfürsten jagten den tapferen König vom Hoff. Aber wie wir wissen hat sich das auch mit 1963 geändert. Gerade jetzt unter den Taliban sind die Frauen nichts mehr wert.

~Von vielen engagierten Frauen gestrickt: Unzählige Gedanken zur Selbstbestimmung.~

Warum wir Schweizer erst 1971 für das Frauenstimmrecht waren, habe ich immer versucht mit Anekdoten zu begründen. So stimmen beispielsweise die Bürger im kleinen Halbkanton Appenzell Innerrhoden auf dem Landsgemeindeplatz unter freiem Himmel mit Handzeichen ab. Und auf diesen Platz passt eben nur die Hälfte der Bevölkerung. Aber Schluss damit. Die Schweizer waren schon sehr rückständig. Übrigens nur die Deutschschweizer. In der Romandie wurde regional schon sehr früher das geschlechterübergreifende Wählen eingeführt.

Jetzt aber zu einem Punkt, der bedeutend ist. In Deutschland beispielsweise wählt man seine Regierung turnusgemäß alle vier Jahre, regional und national. Und dann hat sich das. Man kann natürlich noch durch Eingaben beispielsweise einen Windpark verhindern. In der Schweiz ist die Möglichkeit, durch Eingaben und Initiativen in Regierungsgeschäfte einzugreifen, viel lebendiger. Die Stimmbürgerin und der Stimmbürger hat mindestens jeden dritten Monat die Gelegenheit, über mehrere Initiativen zu befinden. Soll das Kantonsspital erweitert werden? Soll die Polizei umgesiedelt werden? Etc. Das ist regional. National kennt man im Ausland vielleicht die Abzockerinitiative. Sie war eine Reaktion auf die als exorbitant empfundenen Vergütungen einzelner Manager in großen Schweizer Unternehmen. Sie wurde 2013 mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 67,9% angenommen. Und das in der industriefreundlichen Schweiz. Die Initiative „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“ wurde allerdings vor Kurzem knapp verworfen. Da war die Lobby der Lebensmittelindustrie stärker.

~Ein Stück Kunst: Hoffentlich findet es einen dauerhaften Platz.~

Aber zurück zum Stück, respektive zu den vielen handgestrickten Erinnerungsstücken. Die Aktion der Schaffhauser Frauen ist für mich beeindruckend, ja sogar Kunst. Ich mag Kunst, die kollektiv entsteht, sowieso. Das Stricken, die „Lismette“, ist so schweizerisch wie sie nur sein kann. Aber hier ist sie keineswegs provinziell. Und ich glaube, in Gedenken an meine frühere Amme, das viele kostbare Gedanken in den Teppich hineingestrickt wurden. Sie, meine temporäre Kindsbetreuerin, schenkte mir mal etwas Gestricktes mit der Bemerkung, viele gute Gedanken eingearbeitet zu haben.

Fazit: Tolle Idee, Kompliment an die Damen. Und, wo geht der Teppich hin? Eigentlich gehört er ins Landesmuseum in Zürich.

Ich habe immer gerne mit WordPress gearbeitet. Und zwar mit dem Classic Editor. Er wird von einer riesigen Menge an Nutzern geliebt und die Arbeit, einen Beitrag zu laden, ist super einfach. Er hat ein Kästchen für die Überschrift und einen Kasten für den Text. Außerdem eine Leiste mit Arbeitswerkzeugen und weitere Goodies. Alles auf einer Ebene und einen Blick. Nun wird der Classic Editor abgeschafft und durch den Gutenberg Editor ersetzt. Bei mir funktioniert der Classic Editor deshalb nicht mehr.

Der Gutenberg Editor wird von Entwicklern hochgelobt. Er soll angeblich viele neue Möglichkeiten bieten. Ich kann das bis jetzt nicht nachvollziehen. Am 19. April 2021 habe ich den zweitletzten Beitrag gepostet, am 24. Juni 2021 den letzten. Das ist für meine Verhältnisse wenig. Es gibt einen Grund. Für das Laden der Beiträge, das normalerweise nur wenige Minuten dauert, habe ich wesentlich mehr Zeit gebraucht als zum Recherchieren und Schreiben. Der Gutenberg Editor scheint noch in der gröbsten Probephase zu sein. Irgendwie verschwindet das Kästchen mit den Arbeitswerkzeugen plötzlich. Ärgerlich wenn man etwas kursivieren oder ein Bild laden wird. Ohne ersichtlichen Grund schiebt sich eine schwarze Fläche über den Text. Bilder behalten beim Posten nicht die Proportion, sie werden verzogen. Da gibt es noch viel mehr Unerfreuliches. Komisch ist auch, dass zwischen meinem vorletzten und dem letzten Beitrag mit Gutenberg die Fehler nicht gleichartig waren. Chaos pur.

Nun habe ich einen dritten Beitrag mit Gutenberg bearbeitet und irgendwie scheint es mit kleinen Unerfreulichkeiten zu funktionieren. Ich bin weit davon entfernt, alles was seit Matthew Mullenweg in der WordPress Foundation ausprobiert wurde, zu verstehen. Das will ich auch nicht. Ich will nur Artikel schreiben und sie ins Netz bringen. Da akzeptiere ich auch die immer mehr werdende Werbung. Artikel recherchieren, Fotos mache und Texte schreiben mache ich ja wie alle gratis. Es soll Möglichkeiten geben, den Classic Editor wiederherzustellen. Bei mir hat aber nichts von den Empfehlungen funktioniert.

Ich finde, Anbieter wie WordPress sollten transparent sein. Nett wäre auch eine Ankündigung der Umstellung gewesen. Ich habe nichts gesehen und es gibt auch kein mir bekanntes Forum für solche Alltagsfragen. Mir ist nicht klar, ob andere auch betroffen sind oder waren. Wer hat welche Erfahrung mit dem Gutenberg Editor gemacht? Ich bin neugierig. 

~Gerhard Richter in Zürich: Endlich wieder Kunst nach Corona.~

Gerhard Richter ist noch bis zum 25.07.2021 im Kunsthaus Zürich mit seinen fabelhaften Landschaftsbildern zu sehen. Es sind dies 140 Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensperioden von 1957 bis 2018. Das macht das ganze interessant, ist aber nicht der glatte Richter mit seinen großformatigen, fotoähnlichen Bildern wie ich ihn bis dahin kannte. Es sind 80 unterschiedlichste Gemälde, dann Zeichnungen, Fotocollagen, übermalte Fotografien, Druckgrafiken und Künstlerbücher. Also tut sich ein regelrechter Gemischtwarenladen auf. Das hört sich abwertend an, ist es aber nicht. Im Gegenteil, hier spürt man, wie sich ein Künstler auf unterschiedlichste Weise einem Generalthema nähert.

~Seestück 1996: Öl auf Leinwand.~

Bevor ich etwas näher auf die Ausstellung eingehe hier ein kurzer Gedanke. Der aus Dresden stammende Richter gehört zu den bedeutensten deutschen Künstlern der Gegenwart. Er hat Renomée, ist einzigartig und seine Werke erzielen Höchstpreise. In einem Kunstmarktranking von dreißig deutschen Künstlern steht er mit Abstand auf Platz Eins. Was den monetären Wert seiner Werke betrifft. Weit vor Kiefer, Baselitz und Beuys. Und er gehört mit Georg Baselitz und A.R. Penck zu den aus Ostdeutschland stammenden. Da sage doch mal einer, Ostdeutschland wäre eine kulturelle Wüste. Ach, noch ein Schlenker. Ich arbeitete als Hilfskraft für die Ausstellung „Von hier aus“ in den Düsseldorfer Messen. Penck sollte ein großformatiges Gemälde vor Ort malen. Ich war neugierig und fuhr hin. Am ersten Tag grundierten seine Assistenten eine riesige Leinwand mit weißer Farbe. Am zweiten Tag waren sie immer noch dran. Am dritten Tag fuhr ich etwas später hin. So gegen Elf. Da war er gerade fertig. Penck brauchte gerade mal drei Stunden, um seine faszinierenden Höhlenmalerei-ähnlichen Figuren auf die Leinwand aufzubringen.

~Wolken 1970: Öl auf Leinwand.~

~Schweizer Alpen 1969: 6 Siebdrucke auf Halbkarton.~

Mich interessiert ja immer, wie die Bilder entstehen. Da man normalerweise dem Künstler im Atelier nicht über die Schulter schauen kann, gibt es praktischerweise Dokumentationen vom Schöpfungsprozess. Eine dieser Dokumentationen wurde in einer Koje während der Ausstellung gezeigt. Gerhard Richter malt seine Ruhrtalbrücke (1969). Und zwar die alte vor dem Abriss. Erst projiziert er ein Foto der Situation. Dann malt er mit feinem Pinselstrich wichtige Konturen auf die weiße Leinwand. Auf einem Rollwagen steht seine Palette bereit, eine Glasscheibe mit den wichtigsten Grundfarben seitlich angeordnet. Er beginnt mit dem Himmel. Mit einem breiten Pinsel bringt er verschiedene Blautöne an entsprechende Stellen. Manchmal benutzt er auch einen Spachtel oder eine Rakel (eine Holzlatte mit Gummieinsatz, wie man es noch vom Siebdruck kennt). Dann werden die feuchten Farben verwischt, bis sie eine pastose Stimmung erzeugen. Richter erzielt damit fotoähnliche Effekte. Beinahe ohne Pause bedeckt er die ganze Leinwand. Oben ein mächtiger Himmel, dann die filigrane Brücke wie ein waagerechter Strich, dann etwas Landschaft darunter.

~Dschungelbild 1971: Öl auf Leinwand.~

Das ist aber nicht die einzige Arbeitsweise von Richter. Er kratzt, schabt, verwischt mit den unterschiedlichsten Werkzeugen. Viele Utensilien hat er erfunden oder zweckentfremdet. Natürlich malt er nicht nur fotoähnlich, er übermalt auch Fotos, zerstört sie gar. Die Art und Weise wie er Kunst erzeugt kennzeichnet seine verschiedenen Schaffensperioden. Dabei ist er mehr oder weniger realistisch bis abstrakt. Sein großformatiges Werk Sankt Gallen von 1989, das etwa zu Schluss in der Ausstellung gezeigt wird, ist so stark verfremdet, dass selbst eingefleischte Sankt Galler Einwohner Null erkennen.

~Sankt Gallen 1989: Öl auf Leinwand.~

Was mich in der Ausstellung besonders begeistert hat, waren kleinformatige Zeichnungen. Wahrscheinlich, weil ich sie von Richter nicht erwartet hätte. So geht es mir übrigens auch mit Beuys. Seine Zeichnungen aus den Anfängen sind grandios.

 

 

Die Bewegungseinschränkung der Pandemie führt manchmal zu merkwürdigen Interessen. Bei mir zumindest. Reisen im Kopf und die Beschäftigung mit Material aus mannigfaltigen Quellen ist absolut keimfrei und man braucht dazu kein Impfausweis.

Hierakonpolis_Karte

~Prädynastisch: Hierakonpolis in Oberägypten.~

Mich hat das Alte Ägypten schon immer interessiert, besonders, wenn ich dabei auf abstruse Geschichten stoße. In prädynastischer Zeit, also vor der Zeit der Pharaonendynastien, gab es entlang des Nils natürlich nicht nichts. Es gab Jäger und Sammler, und bald sesshafte Bauern, die in runden, Nomadenzelten nachempfundenen Lehmhütten wohnten. Tauchen wir also tief in die Frühgeschichte ein. In Oberägypten, genauer gesagt in Hierakonpolis, gab es Herrschaften, die sich wie Könige aufführten und es dann auch wurden. Etwas Gewalt war natürlich auch im Spiel. Irgendwann um 3400 v. Chr. gelang es also einem der Herren von Hierakonpolis die anderen Häuptlinge Oberägyptens zu unterwerfen und einen Staat zu gründen, der bald von dem Ort Elephantine im Süden bis zum Beginn des Deltas im Norden reichte. Es war der erste König Ägyptens, sozusagen ein Pharao.

Sonnengott Ra

~Falkenköpfig: Sonnengott Ra auf einer Illustration.~

Sein Name ist nicht überliefert, aber etliche seiner Nachfolger sind bekannt. Sie nannten sich Löwe, Kobra oder Skorpion, immer verbunden mit dem Königstitel Horus, dem Namen des falkengesichtigen Gottes von Hierakonpolis. Die Tiernamen dieser Herrscher sollten Stärke, Kampfkraft und Aggressivität symbolisieren. Die alten Ägypter hatten es sowieso mit Tieren. Ihre Götter waren meist tierköpfig. Sogar der so bedeutend werdende Gott Re oder Ra hat unter der Sonnenscheibe einen Falkenkopf.

Fundstelle

~Geheimnisvoll: Fundstelle eines Tiergrabes.~

Mumie

~Nicht aus Hierakonpolis: Mumie einer Katze wie man sie häufig gefunden hat.~

Heute würden Psychoanalytiker den damaligen Ägyptern eine Profilneurose bescheinigen. Sie fühlten sich wohl Tieren unterlegen oder zumindest waren sie die Vorbilder für alles mögliche. In der Naqada-Kultur in Hierakonpolis war das nicht anders. Die Natur und damit auch wilde Tiere waren für sie unheimlich. Ihr Verhalten war für sie schwer einzuordnen. Alte Ägypter mochten das Ungeordnete nicht. Auch das ein Fall für Psychoanalytiker. Um seinen Untertanen zu imponieren, schuf besagter Herrscher einen Zoo mit wilden Tieren. Kein Streichelzoo, sondern nur die Demonstration dafür, dass er, der Gottgleiche, die Natur ordnen oder bändigen konnte. Das Ganze ist natürlich nur eine heutige Interpretation, die aber auf Grund der Beschäftigung mit der Naqada-Mystik wahrscheinlich ist. Hinweise auf Zoo-ähnliche Gehege wurden durch Archäologen gefunden. Ebenso Hinweise auf einen Tierfriedhof. Tierfriedhöfe gab es im Alten Ägypten zu Hauf. Die Ägypter verehrten Tiere und balsamierten sie sogar vor der Bestattung. Der Tierfriedhof in Hierakonpolis ist auch ganz besonders. In der Mitte lag ein afrikanischer Elefant. Die sind etwas kleiner als ihre asiatischen Artgenossen, aber immerhin. Darum angeordnet verschiedene Raubtiere. Alles im Viereck. Und an den vier Ecken fand man jeweils ein Herdenhund, der die Herde beschützte.

Jäger-Palette

~Jäger-Palette: Fundstück aus der Naqada-Kultur das die Wichtigkeit von Tieren bezeugt.~

Nun werden Sie sich sagen, dass die Ägypter ganz schön verrückt waren. Oder betrunken. In Hierakonpolis fand man nämlich auch Überreste von einer ersten Bierbrauerei. Das ist nicht außergewöhnlich. Leicht alkoholhaltiges Bier und Brot gehörten damals zu den Grundnahrungsmitteln.

~Jetzt ist er endgültig da: der Frühling.~

„Wenn dir nichts anderes einfällt, schreib´ übers Wetter“, sagen so manche. Das stimmt, es ist fantasielos. Aber dieser erste Wärmeeinbruch, verbunden mit strahlender Sonne, wirkt wie eine Befreiung, eine Entfesselung von Sehnsüchten. Irgendwie hat doch alles mit Corona zu tun. Und mit den Einschränkungen, die diese Pandemie mit sich bringt. Auch wenn ich bei schlechtem Wetter immer in die Natur gehe, macht es bei Sonnenschein doch erheblich mehr Spaß. Und dazu kommt, dass die Natur einen nicht einschränkt, sondern geradezu auffordert, etwas zu tun.

~Noch etwas vorsichtig: auch an schattigen Stellen sprießt es.~

~Noch etwas matt: auf das satte Grün müssen wir warten.~

Frühlingsgefühle haben bei mir schon immer ein Kribbeln erzeugt. Und es passiert etwas. Jeden Tag, beinahe stündlich, verändert sich alles. Pflänzchen sprießen neugierig. Vögel zwitschern deutlich heftiger. Und selbst bei mürrischen Menschen entspannen sich die Gesichtszüge. Man hat das Gefühl, Teil einer großen Veränderung zu sein. Der Veränderung der Jahreszeit.

~Kein falscher Bildausschnitt: nur der Beweis für grenzenloses Blau.~

~Das Eis schmilzt: bald kommen die Enten zurück.~

Das Grün der Wiesen ist noch etwas matt. Das hat natürlich auch mit dem gleißenden Licht der Sonne zu tun. Dafür ist der Himmel makellos blau. Und die wärmenden Sonnenstrahlen lassen das Eis auf dem kleinen Teich schmelzen. Bald wird das Entenpaar zurückkehren. An sonnenbeschienenen Plätzen ist die Blütenpracht schon etwas weiter. Ich kenne es vom letzten Jahr. Alles gehorcht einem inneren Fahrplan.

~Auch eine Folge der Temperaturen: die Ziegen kommen nun öfters aus dem Stall.~

~Merkwürdig: Überbleibsel vom letzten Jahr.~

Falls Sie nun meinen, wir wären hier etwas mau und rückständig, haben Sie recht. Meine Fotos sind schon mehr als eine Woche alt. Aber so ist das mit der Bürozeit, wenn man wieder raus kann.

~Endlich: die erste Bank zum Ausruhen.~

 

Teile des Werkes von Jean Tinguely lernte ich zum ersten Mal auf der Expo in Lausanne kennen. Damals galt der Schweizer Maler und Bildhauer als Bürgerschreck, für viele zumindest. Mich haben seine rostigen Maschinen, die sinnlos – so schien es – arbeiteten, sofort fasziniert. Ist das Kunst? Bei Tinguely erübrigt sich die Frage, es ist Kunst total, bürgernah, lustig, „elektrisierend.“

~Brunnen am Basler Theaterplatz: eisig und schön.~

Die Vita Tinguelys ist ungewöhnlich: er war Schaufensterdekorateur, „Güfelistecker“, und auch Kommunist. Also jemand, den viele nicht ernst nehmen wollten. Ich habe seine skurrilen Phantastereien schon früh gemocht, vor allem seine Arbeiten mit Niki de Saint Phalle, mit der er in zweiter Ehe bis an sein Lebensende zusammen war und auch gearbeitet hat. Er ist als Künstler von Weltrang 1991 verstorben, im Inselspital in Bern. Aber seine Arbeiten haben nicht nur für mich die Kunstwelt verändert: Kunst wurde demokratisch(er), freundlich(er), unterhaltend(er). Seine Arbeiten erfreuen überall Menschen, in Basel, in Zürich, in Paris, in Moskau, in North Carolina etc. Zusammen mit Bernhard Luginbühl gehört er zu den interessantesten Bildhauern der jüngeren Kunstszene (des vergangenen Jahrhunderts) in der Schweiz. Darüber thront nur der große Alberto Giacometti, vielleicht noch Jean Arp (der Deutscher war, aber in der Schweiz teilweise lebte).

~Ein zugefrorenes Detail: unglaublich, nichts rattert mehr.~

Irgendwann im Winter stand ich in Basel vor dem Theater. Die Luft war eisig und klar. Es war einer der seltenen Tage, die ich nicht gerne missen würde, denn ich stand vor dem Tinguely-Brunnen. Die Maschinen, die sonst ratterten, Wasser schaufelten, Wasser spieen, waren ihrer Bestimmung beraubt. Die Skulpturen im Brunnen waren festgefroren und mit Eis bedeckt. Kein Wunder, normalerweis arbeiteten sie ja mit Wasser. „Dr Schuffler“ (der Schaufler) schaufelte nicht mehr. „Dr Waggler“ (der Wackler) wackelte nicht mehr. „Dr Suuser“ (ist sonst ein junger Wein in der Schweiz, hier ein Sausewind) sauste nicht mehr. Aber es war schöner als sonst, es war ein Stück winterlicher Poesie. Die Sonne reflektierte im Eis. Wahrscheinlich mochte Tinguely den Brunnen in diesem Zustand besonders gerne, kam doch zu seiner Kreativität etwas Zusätzliches, wie es nur die Natur hervorbringen kann. Die Skulpturen wurden noch abstruser, schöner. Bingo! Das ist der Eindruck fürs Leben, ohne das man sich Kunst erarbeiten muss. Das versteht sich von selbst.

~So hätte es Tinguely gerne gesehen: Eis, Eis, Eis.~

Nun ist der Tinguely-Brunnen natürlich zu jeder Jahreszeit schön, die Natur macht auch im Sommer mit, etwa, wenn sich der erste oder letzte Sonnenstrahl in der Wassergischt bricht. Wer auf Tinguely neugierig geworden ist, dem empfehle ich das Museum Tinguely, ebenfalls in Basel (http://www.tinguely.ch), das ein Chemiemulti dem Ex-Kommunisten spendiert hat. Und natürlich die Auseinandersetzung mit der großartigen Niki de Saint Phalle.

~Was sich darunter verbirgt, ist mir unbekannt: so ist es ein Wasserfall.~

Eines gibt es noch, ein großartiger Blogger hat mich daran erinnert: großartige Künstler haben großartige Helfer. Ein ferner Freund von mir hat Beuys bei der Installation seiner Werke in Ausstellungsräumen geholfen. Keiner stellte Installationen so gut hin wie Beuys selbst, mit seinen Vertrauten, meint er. Niki und Jean hatten diese großartigen Helfer auch, schon bei der Herstellung der Kunstwerke. Nikis Nanas zum Beispiel haben einen Unterbau aus Metall. Für die „Hall of Fame“ (nur in Vertretung): Marcelo Zitelli (Assistent von Niki de Saint Phalle), Sepp Imhof (Mitarbeiter von Jean Tinguely).

Es gibt ihn doch

Januar 27, 2021

Wochenweise hatte ich auf ordentlich Schnee gewartet. Auf einen richtigen Winter. Aber nichts war: Wochenlang grauer Himmel und zu warme Temperaturen. Ab und zu etwas Sonnenaufhellung. Ansonsten graue Sauce. Langeweile.

~Der erste Schnee seit langem: zärtlich bedeckt er alles.~

Man ist ja verleitet zu glauben, dass es keine richtigen Jahreszeiten mehr gäbe. Jüngst habe ich gar gelesen, dass es keine Eiszeit mehr gäbe. Mit Neandertalern und Mammuts. Eine meiner Lieblingsvorstellungen. Eine nächste Eiszeit ist wirklich nicht sehr wahrscheinlich. Die selbstverursachte globale Erderwärmung durch Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxyd ist enorm. Die furzenden Rinder auf den abgeholzten Regenwälder Südamerikas sorgen nicht nur für billiges, alltägliches Fleisch auf unseren Esstischen, sondern auch für gigantische Methanwolken in der Atmosphäre. Methan kommt übrigens auch aus den auftauenden Permafrostböden, wo es wie Kohlenstoff gebunden war. So kommt eines zum andern. Abtauende Pole, Gletscher. Es gibt so vieles was wir falsch machen. Aber immerhin haben wir jetzt Greta Thunberg auf einer schwedischen Briefmarke. Obwohl sie jeden Personenkult kritisiert, hat sie es verdient.

~Lustiges Lichtspiel: Schnee auf den Carports.~

~Blick auf den Garten: noch ist alles unberührt.~

Nun will ich Ihnen nicht mit trübseligen Betrachtungen den Tag verderben. Hurra, es hat geschneit. In Madrid fahren sie sogar Hundeschlittenrennen auf den Bulevares. Bei uns war es wenig. Aber immerhin. Ich betrachte belustigt, wie der eine seine Zufahrt zur Garage freischaufelt und den Schnee auf die Zufahrt des Nachbarn schüttet. Schneemanagement muss wohl noch gelernt sein. Es ist herrlich. Gleich kommen die Kinder aus der Schule. Ich gönne ihnen den seltenen Spass im Schnee. Mit Mammuts wäre es natürlich noch schöner.

~Schneebaum: Mit blauem Himmel noch schöner.~

~Es gibt verschiedene Bethlehems auf unserem Erdball. Eines bei Steckborn.~

Das Bethlehem, von dem hier die Rede ist, liegt nicht im Westjordanland und ist auch nicht die hebräische Stadt des Brotes. Nein, nein. Es ist eines von vermutlich vielen Bethlehems auf unserem schönen Planeten. Genauer gesagt ist dieses Bethlehem ein kleines Fleckchen, sechs Straßenkilometer südlich vom reizenden Städtchen Steckborn am Untersee. Und noch genauer gesagt ist es eine kleine, immergrüne Kuhle beim aufregenden Dörfchen Unter-Hörstetten gegen das Thurtal hin. Und die Thur ist der Fluss, der dem Thurgau den Namen gab. Ich bin mir sicher, der Name „Bethlehem“ ist von Engeln verliehen oder zumindest von einem aufrechten Bauern ersonnen worden. Oder von der Bäuerin.

~Das weihnachtliche Bethlehem auf dem Seerücken am Untersee.~

Bethlehem ist etwas ganz Besonderes, denn da sagen sich Füchse und Hasen guten Tag. Aber nur, wenn sich der zärtliche Nebel vom Thurtal her lichtet. Tagsüber wärmt die fahle Wintersonne die fröstelnden Grashalme am Waldesrand und die Spatzen pfeifen auf den Kanalisationsdeckeln. Störche mit zerzausten Federn fliegen bisweilen zu den brachen Stoppelfeldern und die Katzenaugen putzen sich munter am Wegesrand. Gegen Abend geht die Sonne rechtschaffen unter und wenn es Nacht wird, erscheint ein übers andere Mal ein Komet am Firmament. So oft, dass es schon gar nicht mehr wahr ist. Diodor von Sizilien und Pythagoras von Samos sind ratlos. Kurz, Bethlehem ist ein Zauberort. Gerade in der winterlichen Zeit.

~Auch wenn es kein extra Strassenschild gibt, der Weiler heisst tatsächlich Bethlehem.~

Werden Balthasar, Melchior und Caspar es rechtzeitig zum Punsch schaffen? Werden Herodes und seine Häscher vom GPS verarscht werden? Gibt es Pulverschnee zu Weihnachten? Das alles bewegt die Menschen in Bethlehem. Die Vorplätze sind auf jeden Fall gefegt, das Heu in der Scheune und der Hofhund angekettet. Vater Joseph holt den Selbstgebrannten hervor und Mutter Maria stellt die „Chräbeli“ aus der schönen Blechdose bereit. Die Micky-Maus-Uhr im Kinderzimmer tickt erwartungsvoll. Es wird Weihnachten.

Na dann Servus und fröhliches Fest.

~Der Hof ist auf jeden Fall blitzblank gekehrt.~

P.S. Treue Leser werden es merken. Diesen Artikel habe ich schon mal gepostet. Aber es wollte mir zu Weihnachten partout nichts anderes einfallen.

 

Spaziergang im Nebel

Dezember 6, 2020

Viele Menschen mögen ja die kalte Jahreszeit nicht. Nicht den Regen, nicht den Nebel. Bei mir ist das komischerweise anders. Natürlich finde ich die Glut des Sommers toll. Die Üppigkeit der Natur. Das Überschwängliche. Aber vor allem der Nebel in der kalten Jahreszeit hat für mich etwas Aussergewöhnliches, etwas Geheimnisvolles.

~Ungewohnt: So ein Spaziergang kann ganz schön neblig sein.~

Ich bin am Bodensee, so ziemlich direkt am Ufer aufgewachsen. Da war es im Herbst wochenlang neblig. Manchmal war diese Laune der Natur so dicht, dass man seine Füsse am Boden kaum sah. Geschweige denn den Weg, auf dem man sich befand. Ganz früh als Kind stellte ich mir den Nebel als Zuckerwatte vor. Heute wäre mir diese Vorstellung zu klebrig.

~Beinahe unheimlich: Die Sonne wird heute wohl nicht durchdringen.~

~Schräge Farbe: Durch das doch etwas drängend Sonnenlicht wird die spriessende Saat knallgrün.~

Aber ich mochte den Nebel schon immer. Und auch die Schauergeschichten, die sich mit ihm verbanden. So, und jetzt muss ich etwas gestehen. Mit sechzehn Jahren schrieb ich meine erste Geschichte. Sozusagen Literatur. Ich habe den Text neulich in einem Schulheft auf dem Dachboden gefunden. Die Geschichte ist merkwürdig. Zwei alten Männer sind auf einem Spaziergang und unterhalten sich – Sie erraten es – im Nebel. Das Gespräch wird immer absurder, weil der eine Mann plötzlich zu husten anfängt. Die Luftfeuchtigkeit macht ihm wohl zu schaffen. Schliesslich hört das Gespräch ganz auf. Ganz schön gaga. Zu meiner Rechtfertigung muss ich anmerken, dass ich damals viel Unverdauliches gelesen habe. Texte zum Absurden Theater, Samuel Beckett, Eugène Ionesco und so. Es entstand der klassische Fall in zartem Alter: Überforderung und unglückliche Nachahmungsversuche.

~Praktisch: Rastplatz für Krähen.~

~Absurd: Ein einsames Plakat erinnert an die Konzernverantwortungsinitiative.~

In letzter Zeit gehe ich häufig aus der Stadt heraus spazieren. Da führt der Weg übers freie Feld und es ist häufig neblig. Ich geniesse es.

~Tröstlich: Zuhause warten die warmen Pantoffeln.~

Wussten Sie, dass Robert Walser – nicht der Martin Walser, den finde ich öde – der Schweizer Schriftsteller Robert Walser, den Winter ganz besonders liebte. Er mochte den Sommer nicht, die überbordende Fülle. Nein, der Winter mit seiner Stille und Reduktion hatte es ihm angetan. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1956 starb er an einem Herzschlag bei einer Wanderung durch ein Schneefeld. Aber da sehe ich jetzt keine Verbindung zu meinen Spaziergängen.

Wer glaubt, der Oberrhein wäre die natürliche Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland, hat nur teilweise Recht. Speziell der Kanton Schaffhausen liegt zum grössten Teil auf der nördlichen Seite des Rheins, also der vermeintlich deutschen. Diese Fläche, der schweizerische Klettgau, ragt wie ein fetter Handballen mit einigen angedeuteten Fingern nach Deutschland hinein. Der Kanton ist auch zweigeteilt. Der grössere Teil mit der Kantonshauptstadt Schaffhausen liegt nördlich des Rheins westlich; der kleinere Teil mit dem Touristenstädtchen Stein am Rhein östlich.

~Das Juwel: Gasthaus und Weingut Bad Osterfingen.~

Es ist noch komplizierter. Nicht unweit von Schaffhausen, östlich, gibt es eine deutsche Enklave im schweizer Gebiet: Büsingen. Von Schaffhausen kann man leicht zu Fuss dahin. Die Büsinger fühlten sich lange Zeit als Deutsche benachteiligt. Als weiland der deutsche Bundespräsident Lübke mit einem Schiff den Rhein hochfuhr, standen Büsinger mit einem Transparent am Ufer auf dem stand „Deutschland hat Büsingen vergessen“. Und umgekehrt weigerte sich der Büsinger Pfarrer beim erstmaligen Umstellen auf die Sommerzeit, die in Deutschland früher als in der Schweiz erfolgte, am Zeiger seiner Kirchturmuhr zu drehen. Heute ist alles komplett entspannt. Einzig der Einkaufstourismus der Schweizer jeden Samstag stört ein bisschen. Vor allem den Schaffhauser Einzelhandel. Und zu Beginn der Coronapandemie waren die Grenzen plötzlich wieder zu. Da spielten sich aufwühlende Szenen am Schlagbaum zwischen auseinandergerissenen Bekanntschaften ab, wohlig betrachtet von Zollbeamten.

~Ideale Entspannung: der Blick vom blüttenweissen Tisch.~

~Etwas Ruhe: Kurz nach der Hauptessenszeit.~

Warum erzähle ich das alles? Erstens, weil es wahr ist und zweitens, weil das fabelhafte Gasthaus und Weingut Bad Osterfingen in einem vergessenen Eckchen des so zerklüfteten Kanton Schaffhausen zu Deutschland liegt. Wir waren an einem sonnigen Samstagmittag da, also vor einigen Wochen, als man noch gemütlich im Garten sitzen konnte. Das Gasthaus von Ariane und Michael Meyer ist wirklich ein Juwel. Vor allem wegen dem Garten, der eine breite Terrasse an abschüssigem Gelände ist. Man sitzt unter prächtigen Bäumen an erlesen gedeckten Tischen mit blütenweissen Tischtüchern. Auch drinnen wäre es schön. Schön historisch, denn das Gebäude ist ein kleines Schlösschen. Aber bei gutem Wetter ist der Garten ein Muss. Zumal darin jede Menge fleissiger Damen herumlaufen, die einem jeden Wunsch erfüllen. Unsere Bedienung schien eine Studentin zu sein. Jedenfalls mochte ich das glauben. Und so war es denn auch. Sie studiere in Konstanz und das wäre ihr Drittjob. So gut geht es unserer Jugend.

~Die Vorspeise: Eierschwämmli, mit Sahne oder etwas Butter.~

~Die Krönung: köstliche Chnöpfli, der Rest ist beinahe unwichtig.~

Neben der schönen Location und dem reizenden Personal gibt es natürlich den dritten Grund das Gasthaus Bad Osterfingen zu besuchen. Es ist das vorzügliche Essen. Weit über diesen Grenzbereich hinaus bekannt sind die frisch geschabten Spätzle, die in der Schweiz „Chnöpfli“ heissen. Der Form nach an Knöpfe erinnernd. Es ist natürlich eine Beilage zu Fleisch und anderem. Aber eigentlich sind sie die Krönung von allem, denn sie schmecken so fein butterig und kommen mit „Brösmeli“ daher – einer Art gerösteten Brotkrumen. Dazu gibt es zum Beispiel ein Kalbs- oder Lammfilet. Ich hatte Lamm mit einer kräftigen braunen Sauce. Natürlich nicht aus der Tüte, sondern so wie es sein soll aus dem Bratensatz aufmontiert. Ja ja die Saucen. Ein Gradmesser für gute Küche. Im „Falken“ in Schaffhausen gibt es zum Beispiel eine ganz ordentliche Bratwurst. Aber die ist erschlagen von Industriesauce und vorgefertigt gerösteten Zwiebeln. Man muss sich das mal vorstellen. Der Falken-Koch gehörte beim unweit gelegenen Mohrenbrunnen damit ertränkt oder zumindest geteert und gefedert. Ja ja der Mohrenbrunnen. Auch so ein Thema. Der Mohrenbrunnen ist ein Figurenbrunnen mit einem niedlichen Mohren als Dekoration, der aber nicht mehr in unsere wortkritische Zeit passt. Aus Ermanglung einer Ersatzfigur – ich hätte ja meinen Freund, den Künstler Erwin Gloor als Skulptur vorgeschlagen – wird das Thema nun ausgesessen.

~Ein letzter Blick: eine Adresse, die man in Erinnerung behält.~

A propos sitzen: Man konnte es gut aushalten. Als Vorspeise gab es „Eierschwämmli“, Pfifferlinge, und als Dessert gab es wunderbar schmeckende Waldbeeren.