Ein Kater namens Mio

September 8, 2017

Mio ist ein Kater in meiner Nachbarschaft. Er ist zirka fünf Jahre alt und gehört zur Gruppe der Angorakatzen, oder Perser wenn Sie wollen. Ich liebe Katzen, denn ich habe selbst zwei gehabt. Sie wohnen jetzt im Katzenhimmel. Hunde liebe ich natürlich auch. Eigentlich alle Tiere. Und seit dem ich weiß, dass die Biomasse lebender Insekten drastisch zurückgeht, trage ich jede Spinne in meiner Wohnung sorgfältig in den Garten. Das erfordert zwar Zeit, aber ich rette damit die Welt.

~Kater Mio: Der Star in der Nachbarschaft.~

Erst allmählich habe ich herausgefunden, wem Mio wirklich gehört. Denn Mio liebt Menschen und will immer in deren Nähe sein. So betrachtet er etliche verschiedene Wohnungen als sein zuhause. Er schläft oft bei einem kleinen Mädchen im Nachbarhaus und nicht bei den Besitzern. Die Kleine betrachtet er als seine besondere Freundin.

~Freundschaft für immer: Mio mit dem Nachbarsmädchen.~

Mio durchstreift ein besonders großes Revier und ist dabei ungewöhnlich experimentierfreudig auf seiner Pirsch. Ihm genügt es nicht schnell über die Straße zu huschen. Nein, er legt sich auf den Mittelstreifen und beobachtet dabei den Verkehr links und rechts. Hoffen wir, dass er noch lange lebt. Wenn ein Haus eingerüstet ist, ist er der erste, der das Gerüst über Treppen erklimmt. Die restlichen Katzen beobachten ihn dabei und wenn er erfolgreich ist, versuchen sie sein Kunststück nachzumachen. Er ist der Meister und hat eigentlich keine Feinde. Selbst die Hunde respektieren ihn.

Mio liebt Menschen, Menschenansammlungen. So soll er eines Tages den Bus im Quartier bestiegen haben und bis zum Bahnhof gefahren sein. Das sind immerhin neun Stationen ohne Ticket. Der Busfahrer hat ihn dann in den kreuzenden Bus am HB gesteckt und Mio fuhr wieder zurück. Das kann ich nicht verbürgen, denn ich war nicht dabei. Ich habe die Geschichte mehrfach gehört. Was gleich folgt kann ich aber verbürgen. Eines schönen Abends war ich um 17.00 Uhr an der Quartiersbushaltestelle. Um diese Zeit kommen immer viele Menschen aus der Stadt. Mio tummelte sich erst ausgiebig zwischen den vielen Menschenbeinen. Dann hat er sich einen sympathischen Zeitgenossen ausgesucht und ist mit ihm nach Hause gelaufen. Das macht er übrigens auch kurz vor Mitternacht. Dann ist wenig los im Quartier. Mio holt also jemand, der mit dem letzten Bus kommt, ab und begleitet ihn nach Hause. Immer dreißig Schritte vorpreschen, eine Pirouette schlagen, sich zum Kraulen hinlegen – das ist seine Devise.

~Kunststücke für jedermann: Mio bei guter Laune.~

Natürlich macht Mio normale Kunststücke wie eine normale Katze. Er gibt Pfötchen, geht kurz auf zwei Beinen, hascht nach Leckereien. Aber im Grunde genommen verfolgt er in seinem Leben nur das Eine: Er will von Menschen extrem beachtet und akzeptiert werden. So etwas habe ich in dieser Intensität bei Katzen noch nie beobachtet. In der vor kurzem abgelaufenen Urlaubszeit war es still im Quartier. Mio hat sehr gelitten. Er legte sich auf die Asphaltfläche vor meinem Straßenfenster und hoffte, dass jemand zum Garagentor muss. Das macht er sonst nie. Aber er legt sich vor geparkte Autos und wartet, dass jemand wegfahren will. Meist errät er sogar die Uhrzeit in der das Auto bewegt wird. In dieser langen Urlaubszeit waren wie gesagt wenig Menschen da. Mio verzweifelte und ich holte ihn bisweilen in meine Wohnung. Da war er für kurze Zeit glücklich. Nun kommt er immer. Ich bin Bestandteil seines Tagesprogramms. Aber nur ein kleiner. Mio ist in seiner Sucht nach Beachtung nicht zu bremsen.

~Trostlose Urlaubszeit: Asphalt ohne Menschen.~

Nur an Sylvester ist er für Tage nicht zu sehen. Er mag wie alle Katzen keine Knallerei. Da ist er ganz normal.

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Invasoren

August 18, 2017

Keine Angst, wir reden hier nicht von Invasoren aus dem All. Auch nicht vom Horror, den angeblich Chinesen in Paris verbreiteten, wie es in dem Film „Les Chinois à Paris“ von 1974 vorkommt. Da das Kunstwerk hier leider kaum bekannt ist nur ein kurzer Hinweis. Es spielt auf amüsante Weise mit der Angst der Franzosen vor der „Gelben Gefahr“ die damals herrschte. Und es zeigt die Absurdität, wie sich Franzosen mit den Fremden abfinden, die nicht nur ganz Frankreich, sondern auch das geliebte Paris okkupieren. Es ist eine großartige Fiktion über die Eigenart französischer Anpassungsfähigkeit. Sehr sehenswert und mein Beitrag heute zur Filmgeschichte.

Aber zurück zum Stück. Hier geht es um invasive Neophyten, die die heimische Flora bedrängen. Ich habe mich gelegentlich damit beschäftigt. Nun hat mich ein Artikel in der örtlichen Tageszeitung dazu veranlasst, mal über den Balkonrand zu schauen. Leider habe ich keinen eigenen Garten. Aber die, die einen haben wissen über invasive Neophyten wahrscheinlich genau Bescheid. Trotzdem, für meinen Vermieter könnte es interessant sein. Also: Ganz links steht eine wilde Kirsche. Der Baum gedeiht prächtig. Die Kirschen sind ungenießbar, aber viele Vögel haben Freude daran und scheißen dann ihren bläulichen Kot auf die Autodächer.

~Blick vom Balkon links: Wildkirschen für Vögel.~

~Blick vom Balkon rechts: Haselnüsse für niemand.~

Ganz rechts gedeiht ein prächtiger Haselstrauch. Er ist sehr ausladend und nimmt dem Nachbar unter mir die Aussicht. Aber der ist eh nur nachts da. Der Strauch trägt wenige Haselnüsse, die auch noch mickrig sind. Aber es ist eine regelrechte Partymeile für viele Singvögel, die mich mit ihrem Gesang erfreuen. In der Mitte steht ein obskurer Strauch, der auch schon eine ordentliche Größe hat. Auf dem Schurken sitzt nie ein Vogel. Andere Mitglieder der Fauna meiden ihn. Aha, ein invasiver Neophyt! Jetzt kann ich meinem Vermieter einen reindrücken. Ich fotografierte. Auf meinem Bild konnte ihn der pensionierte Kantonsschullehrer von vis-à-vis nicht benennen. Der weiß sonst immer alles. Auch Passanten, denen ich mein Foto zeigte, konnten mit dem Strauch nichts anfangen. Ominös. Kurz entschlossen schickte ich das Foto an Roman Fendt. Der ist zuständig für Biosicherheit in unserm Kanton. Ja, so was gibt es im Kanton Schaffhausen, der mit dem Slogan „Das kleine Paradies“ seit Jahren wirbt. Befinde ich mich in einem Paradies für invasive Neophyten? Na servus. Roman Fendt gab aber schon nach zwei Stunden per Mail Entwarnung. So schnell sind die hier. Und so freundlich. Das obskure Objekt ist wohl eine der 90 Arten der Tamariske. Sie ist eher im Mittelmeerraum beheimatet und diese Unterart zumindest europäisch. Also nix für einen Schikaneanruf bei der Hausverwaltung.

~Blick vom Balkon Mitte: Die obskureTamariske.~

Unser Garten ist also sauber. Aber so harmlos ist das Ganze nicht. Invasive Neophyten sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Sie waren es eigentlich schon immer. Aber anders als bei der asiatischen Kirschessigfliege, die die Weinstöcke schädigt, macht man bei Pflanzen offensichtlich kein großes Gedöhns daraus. Invasive Neophyten setzt man gelegentlich selbst in seinen Garten. Sie blühen meist prächtig. Gartencenter und neuerdings der Internethandel machen ein ebenso prächtiges Geschäft damit. Fantasienamen dienen der Verschleierung. Und sie werden meist auch nicht in der freien Natur entfernt. Eben weil sie so schön sind.

Machen wir uns nichts vor. Invasive Neophyten verdrängen die heimische Natur ohne dass sie den geringsten Nutzen bringen. Sie vermehren sich so aggressiv, dass mancherorts der Kampf schon verloren ist. Bei uns gibt es zirka 550 Arten. Hier die Steckbriefe der vier schlimmsten Plagen und Lösungsansätze: Das „Einjährige Berufskraut“ ist normalerweise in Nordamerika beheimatet und wurde bei uns als Gartenzierpflanze eingeführt. Mehrmals vom Mai bis Oktober vorsichtig mit der ganzen Wurzel ausreißen. Der „Essigbaum“ stammt aus dem östlichen Nordamerika und wurde schon um 1620 in Europa eingeführt. Er gefällt wegen der herbstlich roten Färbung. Jungpflanzen mehrmals von Mai bis November vorsichtig ausreißen und das über Jahre. Der „Japanische Staudenknöterich“, eigentlich in China, Korea und Japan beheimatet, wurde schon 1825 als Zier- und Viehfutterpflanze nach Europa gebracht. Die unterirdischen Ausläufer der Pflanze können zum Beispiel Mauerwerk und Asphalt durchdringen und sind nicht zu bremsen. Ein Entfernen ist deshalb schwierig. Der „Riesenbärenklau“ ist besonders ätzend, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Saft kann auf der Haut in Verbindung mit Sonnenlicht Verbrennungen bis zweiten Grades verursachen. Die Pflanzen sollten 20 bis 30 Zentimeter über dem Boden abgeschnitten und der Wurzelstock für eine nachhaltige Bekämpfung 20 Zentimeter unter dem Boden mit einem Spaten durchtrennt werden. Übrigens: Entfernte Neophyten gehören nicht auf den Kompost.

Nun doch noch etwas Versöhnliches zu Neophyten, keine invasiven diesmal. Tomate und Kartoffel sind welche. Sie haben bei uns aber den Status von Nutzpflanzen und wurden vor vielen, vielen Jahren von spanischen Entdeckern aus Südamerika mitgebracht. Die Kartoffel zum Beispiel gedieh erst in höfischen Gärten als Zierpflanze bevor der Wert der unterirdischen Knolle als Nahrungsmittel erkannt wurde. Ich könnte auf Tomaten und Kartoffeln nie verzichten.

~Die gute Kartoffel: Unglaublich, was man alles daraus zaubern kann.~

 

Mit diesem Beitrag schließt die Trilogie um die Entwicklung des Parfüms seit der Antike ab. Sie erinnern sich: Die erste Folge hieß „Das Chanel Nº 5 der Antike“ und sprach über ein Flakon, das im Grab der Pharaonin Hatschepsut entdeckt wurde. Klicke hier. Die zweite Folge „Parfümarchäologie und experimentelle Archäologie“ schilderte den neuen Zweig der Archäologie und die Möglichkeiten, durch Experimentalarchäologie Thesen nachzuweisen. Klicke hier. Hier geht es nun um Ergänzungen und vor allem darum, wie sich das, was wir heute als „Parfüm“ bezeichnen, entwickelt hat.

 Obwohl nicht nachgewiesen ist es evident, dass seit der Möglichkeit der Bewahrung des Feuers immer wieder wohlriechende Stoffe wie Pflanzenbestandteile verbrannt wurden um Wohlgerüche zu erzeugen. Es ist auch anzunehmen, dass diese Erzeugung von Düften ausschließlich kultische Hintergründe hatte. Höhlenmenschen brauchten noch keine Raumsprays. Seit der frühen Antike widmente man Weihrauch nachweislich den Göttern. Dass das Parfümfläschchen der Pharaonin Hatschepsut Weihrauch enthielt, ist auch deswegen erklärbar, weil es Hatschepsut als erste Frau auf dem Thron besonders wichtig war mit den Göttern in Verbindung zu stehen. Das gestand man sonst nur Pharaonen, also Männern zu. Es war sozusagen ihre Legimitation. Um Kritiker verstummen zu lassen, ließ sie sich später sogar als Mann abbilden.

Rauch

~Parfümierter Rauch als Brücke zu den Göttern.~

Während das Harz des Weihrauchbaumes als Rauch in der heutigen Zeit beinahe nur noch kultische Bedeutung hat, erfand man später wohlriechende Salben und noch später das Parfüm in heutiger Form auf Alkoholbasis. Davon nach einigen andern Schilderungen. Aber wie gesagt, Parfüms auf Ölbasis gab es schon im alten Ägypten. Mitglieder der Oberschicht salbten damit nicht nur sich, sondern auch Verstorbene ein, damit ihre Körper unversehrt ins Jenseits kamen. Beliebt war eine Mischung aus Zimtrinde, Sandelholz und Rosenblätter in Öl. Aus einem Papyrus ist zu entnehmen, dass reiche Ägypter sich auch eine Art Mundwasser – eine Mixtur aus Weihrauch, Myrre, Wachholderbeeren, Zypergras, Bockshorn, Kalmus und Rosinen – herstellen ließen. Die Damen der altägyptischen Oberschicht ließen sich parfümierte Fettkugeln ins Haar flechten. Sie schmolzen langsam und verbreitenden ihren Duft aus Anis-, Zitrone-, Rosmarin- und Orangenölen. Die Königin der Verführerinnen, Kleopatra, setzte noch einen drauf: Die Parfümfetischistin parfümierte sogar die Segel ihrer Yacht mit Rosenwasser um Julius Cäsar zu verführen. Man kann sich vorstellen was dann geschah. Der Wind strich durch die Segel und der Rosenwasserduft senkte sich zärtlich über die Lagerstatt der Herrscherin. Das Rosenwasser wurde übrigens vom persischen Arzt und Gelehrten Ibn Sina, latinisiert Avicenna, erfunden, der zwischen 980 und 1037 lebte. Dem Tausendsassa – er war unter anderem auch Philosoph, Mathematiker und Astronom – gelang es durch Destillation ein Rosenwasser herzustellen, welches den Blüten ihren Duft entzieht und ihn an die Flüssigkeit überträgt.

~Ibn Sina, auch Avicenna genannt. Er erfand das Rosenwasser.~

~Kleopatra, die Königin der Verführerinnen.~

Im alten Griechenland wurde der Körperduft ebenso Kult. Und zwar bei Männern. Die Körper der Wettkämpfer, die wohl weitestgehend nackt auftraten, salbte man mit wohlriechenden Ölen. So war ein Ringkampf keine übelriechende Sache. Natürlich gab es auch da Parfüms auf Ölbasis, wie zahlreiche Darstellungen und Funde belegen. Später wurden Düfte in jeglicher Form auch bei reichen Römern Pflicht. Die hatten es ja eh mit der Hygiene. Mit dem Zerfall des Römischen Reiches ging die Badekultur zugrunde und die Pflege des Körpers allgemein. Die dunkle Zeit des Mittelalters begann in Europa. Das war aber gar nicht so dunkel wie ich früher angenommen hatte. Im 13. Jahrhundert entwickelten Araber die Methode, hochprozentigen Alkohol herzustellen und damit das Parfüm in seiner alkoholischen Lösung, wie wir es heute kennen. Dieses Wissen gelang durch Handel allmählich auch an die europäischen Herrscherhäuser. Verschiedene Quellen sehen das „Wasser der Königin von Ungarn“ aus dem Jahre 1370 als erstes modernes Parfüm des Abendlandes. Hergestellt wurde es aus Rosmarin-Essenzen mit der Destilliertechnik der Araber. Dem steht entgegen, dass schon 1190 Philipp August von Frankreich die Gilde der Handschuh- und Parfümmeister ins Leben gerufen haben soll. Was solls, das Parfüm trat seinen Siegeszug an. Nur die Kirche hatte etwas dagegen. Sie verurteilte das Duftwasser als unkeusches Mittel und damit des Teufels. Trotzdem, am Hof der Könige von Frankreich wurden Düfte so exzessiv genutzt, dass das Versailles von König Louis XV „Hof des Parfüms“ genannt wurde. Madame Pompadour soll Unmengen am Wässerchen verbraucht haben um die Gunst des Königs zu erlangen. Unter uns: Parfüms überdeckten damals üble Körpergerüche, denn Baden war nicht besonders angesagt. Die französische Revolution machte Schluss damit. Aber schon der kleinwüchsige Napoleon Bonaparte unterstrich seinen Sex wieder durch Parfüm. Er rieb sich von Kopf bis Fuß mit Kölnisch Wasser ein und soll 120 Liter davon im Monat verbraucht haben.

~Griechische Ringkämpfer, wohlriechend.~

Der Mark der Parfüms heute ist gigantisch. Die Ausgabe der Werbekosten dafür auch. Jedes Jahr werden allein bei uns 200 neue Düfte eingeführt, davon 60 bis 80 Luxusdüfte. 97 Prozent werden nach drei Jahren wieder eingestellt, da sie sich nicht wirtschaftlich am Markt durchsetzen können. Die Nase und die Empfindungen für Düfte sind kompliziert. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass die Geschichte des Parfüms in Indien und China natürlich viel früher begann. Wen wundert es. Hier noch ein interessanter Artikel aus der Berliner Zeitung zur „Osmothèque“ in Paris, zur Verfügung gestellt von Arabella.

https://www.google.de/amp/amp.berliner-zeitung.de/wissen/unbezahlbar–parfum-museum-bewahrt-alte-duefte-4356668

 

Im letzten Beitrag habe ich über die altägyptische Pharaonin Hatschepsut berichtet, über ihr Grab und ein ominöses Parfümfläschchen, das darin gefunden wurde. Weiter über die Möglichkeit, den 3.500 Jahre alten Inhalt an mikroskopisch kleinen, vertrockneten Spuren zu identifizieren und ihn sogar nachzubauen.

Zuerst aber einmal zur Erklärung der oben in der Überschrift genannten Begriffe: Parfümarchäologie ist relativ jung und geht am Rande einher mit der konventionellen Archäologie. Das heißt, wird bei einer Ausgrabung etwa ein Flakon gefunden, untersucht man es auf Inhaltsstoffe. Es sind natürlich nur vertrocknete, winzige Spuren vorhanden, da der Inhalt sich verflüchtigt hat. Diese werden dann mittels modernster Technik untersucht und die ursprünglichen Inhaltsstoffe bestimmt. Etwa Öle, Duftstoffe etc. Da diese technischen Möglichkeiten nicht schon immer zur Verfügung standen, ist logischerweise das Fachgebiet neu. Mittlerweilen ist aber ein regelrechter Run auf solche Fundstücke und deren Untersuchung entstanden. Gerade im Mittelmeerraum und Vorderasien wird immer mehr untersucht. Das ist nicht verwunderlich. Ägypter, Mesopotamier, Griechen, Phönizier und Römer liebten Wohlgerüche oder verdienten an deren Handel. Auch in Asien und Afrika waren Düfte schon früh begehrt.

~Still aus dem Film „Kon-Tiki“, der Thor Heyerdahls Experiment nachspielt.~

Experimentelle Archäologie entstand aus dem Wunsch, wissenschaftliche Thesen zu erhärten oder zu belegen. Diese Experimente beziehen sich auf alle Lebensbereiche unserer Vorfahren. Der Norweger Thor Heyerdahl segelte zu Beispiel mit seinem selbst gebauten Floß „Kon-Tiki“ aus Basaltholz 1947 von Lima aus über den Pazifik, um zu beweisen, dass die Besiedlung Polynesiens von Südamerika aus mit den technischen Möglichkeiten des präkolumbianischen Perus vor der Zeit der Inka möglich war. Er baute später auch historische Schilfboote nach, um seine Besiedlungsthesen zu Inseln von Afrika aus zu beweisen. Am Rande: Er gehörte außerdem zu den ersten Umweltaktivisten. Gerade der Schiffsnachbau trieb die Experimentalarchäologie zu höchsten Blüten. Verbundtechniken von Materialien wie Holzplanken seit der Zeit der alten Ägypter wurden so erprobt. Vorlagen zu diesen Experimenten waren alte Darstellungen in Bild und Schrift oder später auch Fundstücke vom Meeresboden.

Der Schiffsbau ist aber nur ein kleiner Teil aus dem Gebiet der Experimentalarchäologie. Anhand von Fundstücken wird versucht, die Arbeitstechniken der Vergangenheit zu erschließen und diese werden dann mit den damals vorhanden Mitteln und Materialien nachvollzogen. Bekannt sind natürlich Waffennachbauten, aber auch Fertigungstechniken wie das Zubereiten von Nahrungsmitteln, Erstellen von Kleidung mit damaligen Mitteln etc. werden erprobt. Die Belegung von Vermutungen zu Arbeiten wie dem damalige Bronzeguss, Eisenverhüttung, Stein- oder Knochenbearbeitung werden dem Gebiet der Archäotechnik zugeordnet, die mit der Experimentalarchäologie verwandt ist. Als Vater der experimentellen Archäologie gilt der Amateurarchäologe Frederik Sehested, der 1879 in Dänemark mit steinzeitlichen Werkzeugen ein Blockhaus errichtete. Mir besonders lieb sind die Nachbauten von Wundermaschinen der Antike wie die von Archimedes, Ktesibios, Philon von Byzanz und Helon von Alexandria. Anhand von überlieferten Konstruktionszeichnungen können diese Kunstwerke nachgebaut und ihre Funktionstechnik bewiesen werden. Die Hydraulik und die Schraube beispielsweise sind keine Erfindungen der Neuzeit.

~ Experimentalarchäologische Arbeiten zur Errichtung eines frühzeitlichen Hauses des Landesmuseums Oldenburg.~

Da ich zur Parfümarchäologie speziell weiter ausholen muss und es hier zu lang würde, ein kurzer Hinweis zu dem, was im nächsten Beitrag folgen wird. Schon ab 7000 v. Chr. nutzten Priester in Mesopotamien und Ägypten Düfte zur Ehrung der Götter. Gutriechende Materialien wurden verbrannt, welche im Rauch zu den Gottheiten aufsteigen sollten. So entstand später das Wort „Parfüm“, auf lateinisch „Per Fumum“, was „durch den Rauch“ bedeutet. So wird der nächste Beitrag dann „Durch den Rauch: Die Entwicklung des Parfüms“ heißen. Sie werden aber sehen, dass es bis zum heutigen Parfüm noch ein weiter Weg sein wird.

Das Parfümfläschchen der Pharaonin Hatschepsut enthielt vermutlich Weihrauch oder andere Pflanzenbestandteile in einer Ölbasis.

Was war das für eine Aufregung, als der spleenige Engländer Howard Carter 1903 das Grab der altägyptischen Pharaonin Hatschepsut entdeckte. Dem Carter, der als Zeichner zum Ägyptologen wurde, traute man einiges zu. Er tummelte sich schon früh auf den Grabfeldern Ägyptens, dem Tal der Könige, und 1922 gelang ihm dann letztlich der große Coup. Er entdeckte das unversehrte Grab von Tutenchamun, das mit Grabbeilagen von exquisiter Köstlichkeit überhäuft war. Carter war ein schillernder Mann. Zu den ganzen Schätzen Tutenchamun kam dazu, dass einige seiner Mitstreiter später unter merkwürdigen Umständen zu Tode kamen oder durch Selbstmord endeten. Ja, ja: Der Fluch des Pharao. Bestimmt ist das eine Legende.

~Das Chanel Nº 5: Wohl prominentestes Beispiel eines heutigen Parfüms.~

Nun sind wir aber wieder beim früher Howard Carter, 1903 beim Grabmal KV20, dem Grab von Hatschepsut. Es liegt am östlichsten Arm des Tals der Könige. Eigentlich so richtig entdeckt wurde das Grab schon1799 durch Teilnehmer der Ägyptischen Expedition Napoléon Bonapartes. Die Gelehrten, die Napoléon auf seiner Reise mitführte, hatten aber bei der Fülle der Aufgaben keine Zeit für eine ordentliche Ausgrabung. So war es dann Howard Carter, der zwischen 1903 und 1904 das Grab aushob und ordentlich untersuchte. Carter ordnete es Hatschepsut und ihrem Vater Thutmosis I zu. Man nimmt an, dass das Grab allerdings zur Zeit von Thutmosis Tod nur zu zwei Dritteln ausgeschachtet war und es unter der Regentschaft von Hatschepsut mit einem Abstieg, einem weiteren Korridor, einer Grabkammer und drei Nebenkammern zum Doppelgrab ausgebaut wurde.

Hatschepsut, die zwischen 1479 und 1458 v. Chr. lebte, war eine außergewöhnliche Frau. Sie war, und das ist damals für eine Frau ungewöhnlich, Königin, Pharaonin, von Ober- und Unterägypten, also ungewöhnlich einflussreich. Normalerweise war der Pharao immer ein Mann. Ihre heute noch in Erinnerung verankerte Tat war ihre Expedition nach Punt, dem „Goldland“, wohl südöstlich des ägyptischen Reiches, südöstlich von Nubien. Auf Darstellungen in Hatschepsuts Totentempel wird gezeigt, was aus Punt alles mitgebracht wurde: Gold, wilde Tiere, Myrrhe, Weihrauchpflanzen und Ebenholz.

~3.500 Jahre altes Flakon: Wohlriechender Duft für die Königin Hatschepsut.~

Obwohl Hatschepsut gegen ihr Ende hin übergewichtig, zucker- und krebskrank war, schien sie sehr eitel und körperbewusst gewesen zu sein. In ihrem Grab fand sich ein Parfümflakon mit ihrem Siegel, sozusagen der erste Markenartikel der Welt. Er ist 3.500 Jahre alt. In einer Dauerausstellung der Universität Bonn ist er zu sehen. Forscher der Universität haben nun das Parfümfläschchen mittels Röntgenaufnahmen untersucht und an den Innenwänden eingetrocknete Reste von Flüssigkeit gefunden. Diese kleinen Partikelchen können nun chemisch analysiert werden und im besten Fall kann das Parfüm nachgebaut werden. Sicherlich sind Reste von Weihrauch zu finden, dem Duft der Götter. Voilà, das Chanel Nº 5 der Antike.

Demnächst werde ich weiter aus der Parfümarchäologie berichten und etwas mehr zur experimentellen Archäologie, dem Nachbau, sagen.

Steckborn, das kleine Städtchen auf der Schweizer Seite des Untersees, ist gut für Geschichten, die, auch wenn sie scheinbar unbedeutend sind, einem manchmal unglaublich vorkommen. Es geht hier nicht um große Ereignisse wie in dem fiktiven Ort Schilda, der durch seine Schildbürgerstreiche gut bekannt ist. Obwohl, wenn ich es richtig bedenke, hat mein Lieblingsstädtchen am Untersee sich auch schon so einiges geleistet. Es geht hier um eine Kleinigkeit, die mich irritiert hat und nächtelang nicht schlafen ließ. Ich schwöre es. Es geht darum, dass man kaum verstehen kann, wenn etwas Gewohntes fehlt, wenn etwas nicht stimmt. So, wie wenn plötzlich Ihre Nase nicht mehr da wäre. Der Löwe war weg.

~Das Hotel-Restaurant „Loewen“ in grauer Vorzeit.~

Nun sollte man natürlich wissen, welchen Löwen ich meine. Es ist kein Löwe aus einem Tierpark oder gar dem Schweizer Nationalzirkus Knie der fehlt. Nein, nein. So sensationell ist es nicht. Es ist der Löwe auf einem an der Wand angebrachten Sockel des Restaurants „Löwen“ der fehlt. Schweizer Restaurants, vor allem in Steckborn, haben meist Namen wie Adler, Hirschen, Sonne oder eben Löwen. Und diese Namen sind gut illustriert durch einen Adler, einen Hirsch, eine Sonne etc. auf Tafeln, Wirtshausschildern etc. Oder in unserem Fall der Skulptur eines Löwen auf einem Sockel.

~Eine alte Postkarte die zeigt, wie bedeutend die Liegenschaft war.~

Nun muss man sich beim Hotel-Restaurant „Löwen“ über nichts wundern. Das stattliche Gebäude am Ratshausplatz – das ist der Platz auf den man kommt, wenn man von der Schiffsanlagestelle durch eine Durchgang des alten Ratshauses geht – hat eine imposante Geschichte. Immerhin übernachtete der berühmte Komponist Franz Liszt am 15.6.1835 hier. Die angesehene Bierbrauerei Falken betrieb hier lange ein Bierdepot. Und es gab sogar eine Kegelbahn. Das war früher in der Schweiz ein Indiz von besonderer Geselligkeit. Aber die Geschichte des Hotel-Restaurants „Löwen“ war meist unrühmlich. Nebst einem erfolgreichen Intermezzo ab 1938 unter der charmanten Wirtin Virgiana Weller, kurz „Wwe“ genannt, gab es endlose Besitzer- oder Wirtewechsel. Von 1890 bis 1987 wirkten immerhin 20 glücklose Betreiber im „Löwen“. Das ist vor allem in der Schweiz ein katastrophales Zeichen. Seit 1987 stand das Filetstück in der Steckborner Altstadt dann leer. Und das bei einem ordentlich erhaltenen Gebäude mit Seeterrasse zum Gewässer hin und durchgehender Bebauung bis zur renommierten Seestrasse. An das verwaiste Haus hatte ich mich gewöhnt. Ich vermute Erbstreitigkeiten, die einem Verkauf der Liegenschaft und einer erneuten Nutzung im Wege standen.

~Der brutal leere Sockel.~

Als ich eines schönen Morgens zum zweiten Kaffee über den Platz zur Beiz der Hofers an der Schiffsanlegestelle schlenderte, bemerkte ich es. Der Löwe auf dem Sockel war weg. Das war für mich, der Gewohntes liebt, ein Schock. Es war wie damals auf dem Markusplatz in Venedig. Da hatte ich das beunruhigende Gefühl, das etwas fehlte, auch. Es war der Markuslöwe, der auf seiner Säule fehlte. Schnell fand ich aber heraus, dass der zur Reparatur war. Beim Löwen in Stechborn war das anders. Die reizende Serviererin von Hofers Kneipe wusste nichts. Andere mir zur Verfügung stehend Menschen konnten auch nicht helfen. Ich war verzweifelt, auch wenn das außer mir keiner nachvollziehen konnte. Ich bin eben so. Alles sollte auf seinem Platz sein.

~Die Demontage des Löwen durch Urs Traber.~

Wäre ich im Stadtgespräch von Steckborn etwas intimer dabei, wäre ich nicht erschrocken gewesen. Es gab natürlich eine simple Erklärung. Die fand ich dann auch, als ich wie gewohnt recherchierte. Als erstes rief ich einen befreundeten Bildhauer in Steckborn an, den Urs Traber (http://www.traberstein.ch). Der weiß immer alles. Er war es selbst, der den Löwen entfernte. René Labhart, der die famose Website Alt Steckborn (http://www.alt-steckborn.ch) betreibt, wusste es natürlich auch. Der weiß auch immer alles. Was ich erst jetzt verlässlich weiß ist, dass die Liegenschaft schon längst verkauft war. An einen gewissen Berlinger Lorenz Haid, dem die Haid Handels AG gehört. Der hatte den Bildhauer Urs Traber gebeten, den Löwen zu entfernen, weil er das Haus mit einem Baugerüst versehen wollte. Der Grund war ein umfänglicher Neubau auf dem Grundstück des „Löwen“, der allerdings wegen seiner Protzigkeit durch Einsprachen vorerst scheiterte. Das kommt hier öfters vor. Der Löwe liegt nun auf einer Palette in einer Lagerhalle von Urs Trabers Frau. Und er ist nicht aus dem üblichen Sandstein, wie ich vermutete, sondern aus Terrakotta, innen also hohl und bemalt. So, nun weiß ich alles. Gott sei Dank.

~Zu guter Letzt die schöne Seeterrasse heute.~

~Der „Frieden“: Das kleinste Haus am Herrenacker.~

Nachdem wir im ersten Teil des Artikels über die Schaffhauser Wirtschaft „zum Frieden“ ausgiebig in der Geschichte des Hauses gebadet haben, sind wir jetzt ganz in der Neuzeit. Das moderne und dynamische Gastronomieehepaar Heidi und Fabrice Bischoff bewirtschaftet den „Frieden“ seit Anfang Januar 2007 nach einem klaren Konzept. Im Vordergrund stehen die Mittag- und Abendküche und das Kredenzen von guten Weinen. Die Weine kommen hauptsächlich aus der Region Schaffhausen und dem Waadtland. Kein Wunder: Heidi ist in der Region Schaffhausen geboren und aufgewachsen. Fabrice, wie es im Namen anklingt, kommt aus der französischen Schweiz, genauer gesagt aus dem Waadtland. So finden sich aktuell auf der Weinkarte zum Beispiel bei den Weißweinen ein hervorragender „Les Echelette“ vom Genfer See und bei den Rotweinen ein „Albi Pinot Noir“ aus Uhwiesen bei Schaffhausen. Natürlich gibt es auch Franzosen und Italiener. Die Weinpreise sind eher gehoben, aber meist auch im Offenausschank erhältlich.

~Einladend: Der Schriftzug über der Eingangstüre.~

~Schön: Überall Blumen.~

~Interessant: Fundstück aus der Vergangenheit.~

Da die Menüs und Einzelgerichte immer frisch und jahreszeitlich angeboten werden, empfiehlt es sich vor Ort beraten zu lassen. Unvergesslich ist mir aus meinem ersten Besuch eine Kleinigkeit, ein raffiniert komponierter Blumenkohlsalat mit frischen Kräutern und Nüssen. Er war beinahe Michelin-Sterne würdig, anders als man das bei einem einfachen Gemüse wie Blumenkohl vermutet. Dies war damals mein Test. Mittlerweile wage ich mich an anspruchsvolle Menüs und habe keine Scheu, auch kritische Begleitungen mitzunehmen. Es ist tatsächlich immer ausgezeichnet und oft auch überraschend in den Kompositionen. Auf der Website finden sich die aktuelle Mittags- und Abendkarte.

~Köstlich: Der Blumenkohlsalat.~

~Edel: Ausgesuchte Weine aus der Region.~

~Historisch: Einer der Kachelöfen.~

Die mehrsprachige Heidi Bischoff leitet den Service und kümmert sich um das Große und Ganze. Fabrice Bischoff macht den Einkauf und kocht. Dazu kommt eine Garde von handverlesenem Personal in Service und Küche. Im Service gilt eines: Kompetenz und Freundlichkeit. Immer wieder Freundlichkeit. Das gilt auch für die Auszubildenden, die nach ihrer Lehre bestimmt fit sind.

~Allzeit freundlich: Die Serviererin.~

Im schönen Ambiente auf zwei Etagen und sommers im idyllischen Garten unter Weinlaub kann man ruhig einige Stunden verbringen. Das Interieur stammt aus der Geschichte des Hauses und ist hervorragend gepflegt. Wer etwas Aussicht auf den Herrenacker wünscht, sitzt am Fenster. Und wer es im Winter wohlig mag, an den historischen Kachelöfen in der Weinstube im Erdgeschoss oder direkt darüber in der ersten Etage. Diese Stuben sind mit gemütlichem Holz getäfert und zu Essenzeiten sind die mächtigen Tische mit blütenweißen Tischdecken bedeckt. Vornehm. Hinten gibt es natürlich einen Speisesaal und einen Zunftsaal für größere Gesellschaften.

Kommen wir zu dem, wozu der „Frieden“ sonst noch bekannt ist: Neben kleineren Gesellschaften gibt es Sitzungen von Gruppen und mehrere Stammtische. Das ist in der Schweiz ein Indiz für Beliebtheit und Qualität. Mein Stammtisch ist der am Samstag vor der Mittagszeit. Ich habe darüber hier schon berichtet.

~Stammtisch: Einige Herren im Garten.~

~Details: Großzügige Zunftstube.~

~Gemütlichkeit: Schon immer wurden Weine geschätzt.~

 

~Ungleichheit: Der „Frieden“ in der Häuserzeile am Herrenacker.~

Normalerweise würde man den „Frieden“ heute als gehobene Gaststätte oder Restaurant bezeichnen. Die jetzigen Betreiber Heidi und Fabrice Bischoff haben sich aber bewusst für „Wirtschaft“ entschieden. Das hat seinen Grund. Er liegt in ihrer Verbundenheit mit der langjährigen Geschichte des Hauses am Herrenacker 11 im Herzen Schaffhausens. Und früher sagte man eben Wirtschaft.

„Wie ein Küklein unter die Flügel der Gluggere duckt sich der ,Frieden’ unter die Nachbarsdächer“, schrieb 1921 der damalige Staatsarchivar Hans Werner über das Gebäude. Ein schönes Bild: Der Frieden als kleines Hühnchen unter der beschützenden Henne. Es stimmt. Das Haus „zum Frieden“ ist in der Reihe der Häuser auf der Südseite des Herrenackers das kleinste und beschützenswerteste.

Das Haus „zum Frieden“, das anfänglich nicht „Frieden“ hieß, wurde 1445 vom Ratsherr Hans Kündig wohl gebaut, aber gesichert erworben. Es war auch keine Wirtschaft. Kündig wohnte darin. Ab 1477 wurde es kunstvoll. Der Bildhauer Franz Ahorn, genannt der „Herrgottsschnitzer“, frönte darin seinen Leidenschaften. Ab 1566 gehörte das Haus dem wackeren Magister Johannes Gaissenbock und es wurde „zum Gaissenbock“ genannt, obwohl Johannes mit einem Ziegenbock nichts zu tun hatte. 1579 kaufte es der Bürgermeister Dietegen von Wildenberg.

1661 kam es zum Streit mit den Nachbarn. Die damalige Besitzerin Margaretha Peyer im Hof stockte das Haus auf, um aus dem niedlichen Küklein eine prächtige Gluggere zu machen. Die Nachbarn klagten bei Gericht dagegen. Ein Grund war fix gefunden und der war mehr als 200 Jahre alt. Es gab schon damals Streit um den gemeinsamen Unterhalt der Giebelmauer zwischen Hans Kündig vom späteren „Frieden“ und Heinrich Merkly von der höheren und rechts gelegenen „Peyersburg“. 1445 einigten sich die Parteien vertraglich, dass der Unterhalt der Mauer bis zur Höhe des kleineren Hauses von beiden Parteien getragen wurde und der obere Rest vom Besitzer der „Peyersburg“. Autsch. Ein 200 Jahre alter Grund gegen die Aufstockung wurde gefunden. Marchgericht und Rat entschieden aufgrund der früheren Vereinbarung, die den Gebäudestatus offensichtlich zementierte, dass der bereits erstellte Aufbau wieder abgerissen werden musste. Aus Rache erbaute Frau Peyer im Hinterhof die „Trutzburg“, die dem bösen Peyersburg-Nachbarn die Sonne nahm. Im Volksmund wurde der spätere „Frieden“ nun das „Haus zum Streit“ genannt.

~Weihnachtlich: Der „Frieden“ im Winter.~

~Verheißungsvoll: Der „Frieden“ im Frühjahr.~

~Streitende: Der „Frieden“ am Erker.~

Aber wie kam es vom Streit zum Frieden? 1788 verkaufte ein gewisser Hans Felix Ziegler das Prozesshaus für 2800 Gulden an den Metzger Johannes Moser. Er machte den „Streit“ zum „Frieden“ und ließ diesen Namen flugs an den Erker malen. Der humorvolle Moser verkaufte in dem einen Teil des Hauses Fleisch, im andern schenkte er Wein aus. Bauern und Fuhrleute hielten an Markttagen im „Frieden“ Einkehr und es sind aus dieser Zeit keine größeren Streitigkeiten bekannt. Im Gegenteil. Man zechte und ließ es sich im Stübli bei Kutteln und Geschnetzeltem prächtig gehen. Die Pferde hatten es derweil im Stall hinter dem holprig gepflasterten Hausgang auch gut.

Nach dem Friedenstifter Moser kam der umtriebige Johann Rudolf Schelling. Der eröffnete zusätzlich noch ein Spezereigeschäft. So wurde aus dem kleinen Haus, dem Küklein, doch noch eine ansehnliche Henne, die goldene Eier legte. 1862 ging der „Frieden“ an Jakob Weber, der im vorderen Teil wirtete und im Hinterhaus Uhrenschalen fabrizierte. In Schaffhausen wurde die Uhrenfabrikation bedeutend. Gleichzeitig wurde der „Frieden“ als gut geführte Gaststätte bis weit über die Grenzen hinaus bekannt. Das lag wohl auch an der Ehefrau von Jakob. Luise Weber spielte mit den Fuhrleuten Karten und schnupfte zwischendurch aus ihrer legendären Tabakdose das, was meist nur Männern vorbehalten war. Nach den beiden Weltkriegen verliehen Edwin und Louise Bieler dem Wirtshaus neuen Glanz. 1984 übernahmen die Wirtsleute Martin und Anita Scherrer das Häuschen am Herrenacker. Der „Frieden“ war längst zur modern geführten Wirtschaft mutiert. Statt Bauern und Fuhrleute verkehrten nun Studenten und Politiker in der Weinstube, im Biedermeierstübli, in der Tessinerstube oder im Saal.

Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass hier nicht alle Besitzer- und Wirtewechsel aufgeführt sind. Der Text wäre überfrachtet. Die eingangs erwähnten heutigen Betreiber Heidi und Fabrice Bischoff hatten den „Frieden“ Anfang Januar 2007 von Erika Maier und Stefan Hofstetter gepachtet und dann Anfang Juli 2015 gekauft. Nun haben sie der einstigen Schänke den kulinarischen Kick verliehen. Das gepflegte und liebevoll restaurierte Ambiente, gepaart mit einer modernen, regionalen und frischen Küche ist auf dem Herrenacker einzigartig. Im zweiten Teil zum „Frieden“ erfahren Sie mehr über die Neuzeit. http://wirtschaft-frieden.ch

~Idyllisch: Der Garten im Frühjahr.~

~Himmlische Ruhe: Speisen unter Bäumen.~

~Alterswürde: Der knorrige Baum.~

~Versteckt: Etwas Kunst muss sein.~

~Der Oberhof: Eine leidlich gute Adresse.~

~Der Erker: Herausgeputzt ist in Schaffhausen üblich.~

Wie die Überschrift andeuten will, beschreibe ich hier selten Restaurantbesuche. Das war früher anders, auf Qype. Qype war eine Plattform auf der Restaurants bewertet werden sollten. Anderes auch, sogar Sonnenuntergänge. Aber hauptsächlich Restaurants. Qype war meine erste Tätigkeit im Internet. Ansonsten benutzte ich das Web nur für Recherchen und ähnliches. Mit Qype hatte ich also meine Unschuld verloren. Bis Qype an Amys verkauft wurde, war ich höchst erfolgreich. So erfolgreich, das meine Artikel oft kopiert wurden. Unter anderem von angesehenen Plattformen, die ihr Geld offensichtlich durch Textklau verdienen. Auch die mir manchmal eigentümlichen Formulieren wurden meist akkurat übernommen. Nur der „Gastro und Hotel-Tipp“ war etwas eigenwillig. Aus „… Frühmorgens, wenn der erste Kaffee von den noch bettwarmen Serviererinnen gebracht wird …“ strichen sie mir das „noch bettwarm“. Das hat mich persönlich sehr gekränkt. Die haben keine Ahnung von Serviererinnen.

Also hier wieder mal eine Restaurantbeschreibung, auch wenn ich an eine persönliche Bewertung von Restaurants nicht glaube. Meist schreiben ja nur Leute, denen die Suppe versalzen wurde. Oder solche, die vom Wirt durch einen Gratisschnaps bestochen wurden. Objektivität gibt es selten. Aber hier trotzdem etwas über den Oberhof im Herzen der Altstadt Schaffhausen. An der Adresse, an der Stadthausgasse 15, wurde schon 1910 von einem gewissen J. Meier-Tritschler eine Wirtschaft eröffnet. Vermutlich hieß sie schon damals Oberhof, nach dem Gebäude benannt. Der Oberhof wurde meines Wissens immer bewirtet. Erfolgreich oder auch nicht.

Am 19. Mai 2016 tat sich nach längerer Betriebspause etwas. Der Oberhof feierte die bis jetzt letzte Neueröffnung. Und zwar mit der Devise „Eastern & Oriental“. Will bedeuten vorderasiatische, orientalische Küche mit Schwerpunkt Mezzes. „Die Mezzekultur steht für Entschleunigung, sich Zeit lassen und sich austauschen.“ Warum die Presse einen so großen Wirbel um den Begriff macht, ist mir schleierhaft. In Schaffhausen lässt man sich gerade für das Essen immer Zeit. Und verschleiert muss Frau da auch nicht hin, es sei den es ist Karneval. Und selbstredend gibt es Elemente aus der Schweizer Küche zuhauf.

Der Oberhof hat sich schick herausgeputzt. Für die behäbige Stadt Schaffhausen ist man sehr modern. Es gibt sogar drei Screens im Gastraum, die die Arbeit in der Küche übermitteln. Die Bildschirme zeigen Authentizität und keine Konserve. Ich bin beim ersten Besuch in die Küche eingedrungen und habe mich überzeugt. Im Allgemeinen unterstützt das Interieur die Kundschaft. Zumindest mittags findet man nur smarte Geschäftsleute oder solche, die so tun. Eine orientalische Reise habe ich nicht erlebt. Kein Divan, kein Bauchtanz und so. Dafür eine solide Küche, die von den stark beworbenen orientalischen Gewürzen gar nicht so heftig gezeichnet ist. Beim ersten Besuch hatte ich allerdings nachträglich Bauchschmerzen. Eine so genannte Marketingexpertin sollte mir einen gut dotierten Job vermitteln. Sie brachte ihre ganze Büroentourage mit und ich habe, ohne jemals einen Job gesehen zu haben, die Rechnung bezahlt. Das ist hier selten. Später habe ich erfahren, dass der Mann, der den Job erhielt, ein Burnout erlitt. Kurz danach. Hüte dich rechtzeitig vor solchen Frauen. Sie wollen nur gratis und gut essen. Die späteren Besuche waren wesentlich angenehmer.

Im Moment ist das Restaurant geschlossen. Es gibt aber Catering auf Anfrage. Hoffentlich wird nicht wieder alles geändert. Es war gut. www.oberhof-schaffhausen.ch/

~Der Erkertisch: Mein Lieblingsplatz.~

~Sprudelndes Wasser: Mein Lieblingsgetränk.~

~Der obere Gastraum: Kontrolle zur Küche.~

~Liebevolle Details: Eine Deckenlampe.~

~Eine Wandschrift: Gilt nicht für mein Essen mit der Marketingexpertin.~

~Blick aus dem Erker: Auf meine Lieblingsgaststube, die Kerze.~

Oberkasseler Putten

Februar 27, 2017

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~Drakestraße: Putten satt.~

Nach dem Etymologischen Wörterbuch der Deutschen Sprache meint „Putte“ eine barocke Gipsfigur und der Begriff ist entlehnt aus dem italienischen „putto“, was soviel wie Knäblein bedeutet. Nun wissen wir alle, dass ab und zu altehrwürdige Hausfassaden auch von Engelchen geschmückt werden, die entweder weiblich oder sogar zwittrig sind. Im Grunde genommen geht es hier auch nicht um das Puttchen allein, sondern um Kunst am Bau schlechthin. Verzierungen, die dazu dienen, den bösen Nachbarn neidisch zu machen oder den blasierten Passanten zu erfreuen.

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~Luegallee: Pracht selbst am Kirchenseitenportal.~

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~Marktgrafenstraße: Figuren aus Stein.~

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~Cheruskerstraße: Ornamente aus Gips.~

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~Cheruskerstraße: Gips mit Backstein kombiniert.~

Putten sind meist aus Gips gefertigt, in unseren Breiten aber auch aus Sandstein gemeißelt. Etwa dem schönen mittelgrauen aus den Sprockhöveler Schichten, der etwa in Wetter an der Ruhr oder in Albringhausen abgebaut wird. Um es komplett zu machen: in diesem Sandstein sind vorwiegen Quarz-, Alkalifeldspat- und Plagioklasanteile zu finden. Was für eine Freude für den Steinhauer, wohlig rundliche Formen, elegante Gebärden und verschmitzte Gesichtszüge aus dem groben Klotz zu schaffen. Eigentlich ein Beruf, bei dem man sein Gehalt mitbringen müsste. Aber seien wir nicht vorschnell, die Steinmetzarbeit ist eine hohe Kunst. Zumindest wenn sie in Vollendung ausgeübt wird.

Putten aus Gips sind etwas einfacher herzustellen, denn hat man einmal die geniale Form gefunden, gießt man die Knäblein oder Weiblein ganz einfach seriell. Voilà. Gips wird in der Sprache der Chemiker als Calciumsulfat bezeichnet und ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der wasserhaltigen Sulfate. Irgendwo habe ich gelesen, dass Gips im Gegensatz zu Halit oder Calcit nur schwer im Wasser löslich ist. Dem entgegen steht die Feststellung von meinem Malermeister, dass Gips Feuchtigkeit zieht. Wunder über Wunder; so ist unsere Natur. Gips entstand übrigens geologisch durch Auskristallisieren aus Calciumsulfat-übersättigtem Meerwasser, und zwar wegen seiner geringen Wasserlöslichkeit als erstes Mineral noch vor dem Anhydrit. Und schon wieder was gelernt. Gips findet sich ganz natürlich auf der ganzen Welt, bei uns aber zum Beispiel im Neckar-Odenwald-Kreis, bei Osterode am Harz oder in Borken bei Kassel. Der Rohstoff Gips wird vorwiegend bergmännisch als Gipsgestein gewonnen. Was aber interessant ist, er fällt heute auch häufig als Nebenprodukt verschiedener chemischer großtechnischer Verfahren an. Gips gibt es also in Hülle und Fülle, wie unsere schöne Spalt-Tablette.

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~Cheruskerstraße: Irgendeiner brüllt.~

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~Barbarossaplatz: Stolz auf das Baujahr.~

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~Drakestraße: Ornamente und Natur.~

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~Drakestraße: Die gute Fee am Fenster.~

Wenn Sie nun als Heimwerker ausgerechnet an Gipskarton denken, muss ich Sie enttäuschen. Gips interessiert hier nur als weißes Pulver zum Anrühren mit etwas Wasser und zum Ausgießen einer schönen Form. Diese besteht heute aus Silikonkautschuk oder Gelatine. Spezielle andere Silikone kennen wir von Brustimplantaten und spezielle andere Gelatine vom Wackelpudding. Früher war das Formenmaterial Ton oder ein Leimgebinde. Der richtige Stuckateur rührt nun nicht einfach ein Gipspulver von Knauf an, sondern er verwendet ein Bindemittel aus Kalk und Gips, das mit Wasser und feinem Sand oder Marmormehl zu einem plastischen Brei verquirlt wird. Dieser bindet dann in die Form gegossen schnell ab. Der Versteifungsbeginn liegt etwa bei acht Minuten. Keine Zeit für die Bild-Zeitung. Am Bau werden dann die schönen Elemente mit einem Haftmörtel angeklebt und in schwereren Fällen mit Schrauben, Dübeln oder Drähten befestigt. Natürlich können die Dekorationen auch direkt vor Ort gefertigt werden. Der haftende Mörtel wird dann mit einer Grobschablone aus Holz in Form gebracht und danach fix mit einer Blechschablone nachgeformt. Ein Kinderspiel. Sollte Ihnen das hier zu spanisch vorkommen, fragen Sie doch einfach den Italiener Giovanni Battista Carlone, ein Meister seines Faches. Ein wahrer Stuckbildhauer. Bloß lebte der zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert und wird Ihnen schwerlich zur Verfügung stehen.

Nun ging es hier vorerst um Stuckarbeiten allgemein, die innen an Decken und eben auch außen an Hausfassaden zu finden sind. Diese wunderschönen Dekorationen an Häusern werden dann mit Leinöl gegen Feuchtigkeit imprägniert und mein oben genannter Malermeister wird in Ruhe staunen können. Und das kann er in Oberkassel: Auf der Cheruskerstraße, der Drakestraße, der Glücksburgerstraße, der Dominikanerstraße und weiteren exquisiten Wohnadressen. Neben den eingangs erwähnten Puttchen gibt es ordinäre Gesimse, prachtvoll stilisierte Bänder, geometrische Dekore und florale Motive. Und das nicht zu knapp. Stucco soweit das Auge reicht. Vor allem in der Höhe. Und dazwischen auch so manch besonderen Leckerbissen. Wie zwei lüsterne Satyrn, die mit wehendem Schweif und klotziger Hufe ein Weiblein und ein Männlein jagen. Nur weil diese einen Sack mit Trauben gestohlen haben. Und das auch noch ums Hauseck rum. Da hätten die Stuckateure der Wessobrunner Schule ihre helle Freude daran. Oder Giovanni Battista.

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~Marktgrafenstraße: Satyrn auf der Jagd.~

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~Cheruskerstraße: Gips nicht nur am Giebel.~

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~Luegallee: Florale Ornamente an der Hauptverkehrsstraße.~

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~Cheruskerstraße: Gips als Weltanschauung.~

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~Cheruskerstraße: Gips beinahe religiös.~

Sehen Sie dazu auch den schönen Artikel Oberkasseler Giebel. Und: Für diesen Artikel hätte ich tatsächlich ein Design für viele Bilder gebraucht. Aber ich will es nicht ändern. Texte sind mir wichtig.