Das Odeon, Café mit Bar und Restaurant, ist wunderschön und liegt in vorzüglicher Lage am Bellevue in Zürich. Das „Grand Café Odeon“ wurde exakt am 1. Juli 1911 um 18.00 Uhr eröffnet. Der Kaufmann Julius Uster, ehemaliger Oberst der Schweizer Armee, ließ an der Ecke Sonnenquai und Rämistrasse den Usterhof mit einer schönen Tuffsteinfassade bauen. Offiziere der Armee waren damals angesehen und hatten bürgerlichen Status. Uster wohl auch Geld. Der Usterhof mit seiner Lage in Zentrum war wie geschaffen für ein Grand Café. Das Odeon, im Stil der Wiener Kaffeehäuser, übertraf bei der Eröffnung alle Erwartungen der verwöhnten Zürcher und ist auch heute noch sehr angesagt. Der Raum ist zwei Etagen hoch und hat große Fenster, beinahe von der Decke bis zum Boden. Die Wände sind mit Marmor verkleiden, es gibt überall reichlich Messingverschnörkelungen und imposante Kronleuchter. Heute ist vom Café leider ein Teil durch eine Glasscheibe abgeteilt. Im abgetrennten Teil befindet sich eine Apotheke. Der Kommerz hat wohl seinen Tribut gefordert.

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~Das Odeon: Kaffeehauskultur seit 1911.~

Früher war das Café, mit einem riesigen, durchgehenden Raum über die ganze Hausseite, natürlich noch schöner und imposanter. Und früher saß ich oft morgens in einer der Raumnischen beim Kaffee und Buch. Nämlich dann, wenn eine Doppelstunde an der Kunstgewerbeschule, an der ich studierte, ausfiel oder ich einfach keinen Bock für Schule hatte. Es gab reizende Gespräche mit andern Gästen. Etwa mit zwei Hutmacherinnen aus dem Quartier oder mit Handwerkern, die gerade Pause einlegten. So erinnere ich mich. Im Odeon gab es zu meiner Studienzeit auch die Minirockrevolte unserer Klasse, die erste und einzige in Zürich. Sehen Sie den Artikel hier.

Aber die eigentlich erwähnenswerten Gäste über die Zeit waren die prominenten Intellektuellen, die das Odeon zu ihrem Wohnzimmer machten. Die Website zur Geschichte des Odeons sagt folgendes: „Die Namen aller Schriftsteller, Dichter, Maler und Musiker aufzuzählen, die im Odeon ein- und ausgingen, ergäbe sicherlich einen lückenlosen Querschnitt durch die musische Prominenz von weit mehr als einem halben Jahrhundert. Nur einige seien hier genannt, welche sich die Klinke in die Hand gaben und dem Odeon den Ruf eines Intellektuellentreffpunktes vermittelten: Franz Werfel, der österreichischer Lyriker und Erzähler war 1918 zum Aufführen des Stückes ,die Troerinnen’ nach Zürich gekommen. Das Stück hatte zu nie vorher erlebten Friedensdemonstrationen geführt. Stefan Zweig, Frank Wedekind und Karl Kraus, Verfasser der ,Fackel’ sowie William Sommerset Maugham, Verfasser von Theaterstücken und Kurzgeschichten oder Erich Maria Remarque, der Autor des Antikriegsromans ,Im Westen nichts Neues’ waren Gäste. Weiter Kurt Tucholsky, Ernst Rowohlt, Klaus Mann und Alfred Kerr. Der irische Autor James Joyce verbrachte insgesamt rund fünf Jahre in Zürich, unzählige Stunden davon im Odeon. In seinen Werken tauchten immer wieder Namen von Zürcher Strassen und Plätzen, Lokalen oder Personen in verschlüsselter Form auf. Ein Vertrauensmann der Emigranten und Stammgast im Odeon war Dr. Emil Oprecht, Verleger und Buchhändler in der Rämistrasse. Er half vielen Schriftstellern, indem er deren Werke druckte und auf den Markt brachte.“

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~Geschichte und Gemütlichkeit: Wo ist der Geist von James Joyce?~

Von den erwähnten Personen liegen mir James Joyce und Karl Kraus am nächsten. Joyce kam 1915 von Triest nach Zürich, da ihm als britischer Staatsbürger in Österreich-Ungarn, zu dem Triest gehörte, während des Ersten Weltkrieges die Inhaftierung als feindlicher Ausländer drohte. Ebenfalls nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) weilte Karl Kraus bisweilen in Zürich. Wann das genau war, ist mir unbekannt, da er auch immer wieder in Wien war. Aber datiert vom 1. August 1917 gibt es einen Brief von Frank Wedekind an Kraus in Zürich. Karl Kraus war wohl eher Pendler. Zu meiner Studentenzeit habe ich mich damals an der Lektüre der beiden Autoren vorwiegend im Odeon versucht. James Joyce mit seinem Monsterwerk „Ulysses“ war eine schwer verdaubare Odyssee für mich. Ich beiße mir auch heute noch die Zähne an dem wunderbaren Werk aus. Karl Kraus wähnte ich einfacher konsumierbar. „Die letzten Tage der Menschheit“, eine Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog, entsprach schon vom Titel her meinem damaligen Drang nach Aufmüpfigkeit, Fatalismus und Nihilismus und war für mich eher zu verstehen, sofern ich damals überhaupt etwas verstanden habe. Der streitbare und bissige Kraus rechnet darin mit dem Ersten Weltkrieg ab. In mehr als zweihundert nur lose zusammenhängenden Szenen vereint er Zitate aus Zeitungen, militärische Tagesbefehle, Gerichtsurteile etc. zu einem Mosaik, dass gedankenlose Rücksichtslosigkeit, Dummheit und Verlogenheit anprangert. Großartig, so fand ich damals, die Vorlage zu einem Theaterstück aus Schnipseln zu montieren.

1915 erhielt das Odeon Besuch von den Dadaisten, die Besucher und Personal in seltsame Gespräche verwickelten. Später waren berühmte Musiker wie Alban Berg da, Wissenschaftler wie Albert Einstein und Mediziner wie Ferdinand Sauerbruch. Der damalige Direktor der chirurgischen Klinik des Kantonsspitals Sauerbruch verordnete sich nach getaner Arbeit mindestens eine Flasche Champagner. Um Aufsehen zu vermeiden, wurde der Champagner später vom Kellner Mateo in eine Kaffeekanne umgefüllt. Ab 1930 kamen die Emigranten, die den Glanz des Odeons aufpolierten. Um 1970 gab es Probleme mit sogenannten destruktiven Elementen. Heute ist das Odeon wieder normal. http://www.odeon.ch

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~Die Terrasse: Selbst bei schlechtem Wetter gut besucht. Ab Mittag.~

Mein Balkon

August 21, 2016

Endlich habe ich mal ein Thema für einen Beitrag, das keine großen Recherchen erfordert. Die letzte Zeit habe ich nämlich mehr recherchiert als geschrieben. Recherchen sind zwar notwendig, aber sie fressen Zeit. Gerade bei meinen letzten Vorhaben. Und ich weiß noch nicht einmal, ob das jemand interessiert. Ungezwungen schreiben macht dagegen Spaß. Mein beschriebenes Objekt liegt direkt vor meinen Augen, vor meinem Wohnzimmer. Es ist mein Balkon.

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~Frisches für die Küche: Basilikum, Rosmarin, Salbei.~

Also unbeschwert an die Tastatur. Ich habe nie einen Garten besessen, darum kann ich mit den vielen, vor allem weiblichen Experten hier, nicht mitreden. Rudimentäre Kenntnisse sind zwar aus der gelegentlichen Tätigkeit im Gemüsegarten meiner Eltern vorhanden. Aber das ist auch schon alles. Meine Freundin Ena hat aber einen wundervollen Garten mit Kunst meines Freundes gemischt. Hier der Link. Und knapp von meinem Haus entfernt gibt es eine Naturwiese, beinahe mitten in der Stadt. Sie wird von einem älteren Herrn, mit dem ich häufig rede, behutsam bewirtschaftet. Und hier dieser Link.

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~Jedes Jahr anders: Blumen, manchmal mehrjährig.~

Ich bin also der, der lächerliche zehn Quadratmeter zu Verfügung hat. Noch nicht einmal, denn da gibt es auch noch einen Tisch mit zwei Stühlen. Bei Sonne wird der Tisch zum Freilichtstudio für kleinere Gegenstände. Ich schätze den Balkon aber. Er ist ins Haus hineingebaut, also überdacht, und gibt den Blick auf den Garten der Nachbarn frei, der wunderschön ist. Manchmal arbeite ich an meinem Laptop auf dem Balkon. Aber eher selten, ich kann mich im Arbeitszimmer besser konzentrieren. Denn draußen gibt es immer etwas: Bienen, Hummeln und Wespen; manchmal Hornissen und ganz selten Maikäfer; natürlich Schmetterlinge; Jungvögel die sich durch das Blenden in der Scheibe verfliegen und die ich dann rette; Kinder im Garten des Nachbarn, die Fußball spielen. Ich lese oder tue einfach nichts oder betrachte die fliegenden Wolken. Köstlich.

Oleander

~Sprösslinge im Glas: Oleanderzucht.~

Die Natur auf dem Balkon spielt sich in Blumenkästen und Töpfen ab. Etwa ein Drittel der Naturfläche ist mit Küchenkräutern bestückt. Nur den wesentlichen: Schnittlauch, Petersilie, Basilikum, Salbei, Rosmarin, Thymian. Der Rest ist Blumenpracht. Da ich wie gesagt kein Experte bin, wähle ich die Blumen nach Farbe aus. Manchmal bin ich ganz schweizerisch in Rot-Weiß. Öfters aber labe ich in schönen Farben, die gut miteinander kontrastieren. Oft entfällt mir der Name der Pflanze schon kurz nach deren Einkauf. Lavendel kenne ich aber immer, auch Mohnblumen und solche mit komischen Namen wie Kapkörbchen. Sie stammen aus der Familie der Korbblütler. Ach so, und Hortensien habe ich auch. Und Oleander züchte ich.

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~Der Balkon unter sachtem Schnee: Rosmarin und anderes überwintert.~

 

Die Bodega Española ist ein spanisches Restaurant mit Tapas-Bar und angrenzender Weinhandlung auf der Münstergasse 15 in Zürich. Das Restaurant wurde bereits 1874 eröffnet. So weit, so gut. Lokale mit Tradition gibt es in Zürich zu Hauf. Aber das Besondere an der Bodega ist, dass sich seit langem nichts verändert hat, zumindest in der Tapas- und Weinbar im Erdgeschoss und in der „Sala Morisca“, dem maurische Saal, in der ersten Etage. Dies verfügte der ehemalige Besitzer in seinem Testament. Das war die Familie Gorgot aus Katalonien, die mit der „Casa Gorgot“ im Zürcher Niederdorf ihr Glück versuchten. Seit den 50er Jahren wird die Bodega von der Familie Winistörfer weitergeführt, und die haben sich an den testamentarischen Willen gehalten.

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~Die Bodega Española. Früher kehrte Lenin hier ein.~

So kann der Blick unverändert über die abgewetzten Holztische und Stühle im Erdgeschoss schweifen. Auch über die Holzwände mit Patina, über die sorgsam gemusterten Glasfenster und die prächtige Eingangstür. Im ersten Geschoss ist auch der Saal immer noch so, wie er 1892 von Handwerkern aus Katalonien ausstaffiert wurde. Mit Intarsienböden aus Holz, etwas kostbareren Stühlen und filigranen Schnitzereien an den Wänden. Hier wird zu Essenszeiten getafelt. Die Tapas- und Weinbar ist von 10 bis 24 Uhr geöffnet und man braucht keine Reservation. Ich mag die Tapasbar meist für ein kleines Häppchen zwischendurch. Auch Wladimir Iljitsch Lenin mochte den Raum im Erdgeschoss. Und das ist nun wirklich eine besondere Nachricht, zumal es darüber kaum Literatur im Web gibt. Lenin las da seine Tageszeitungen, immer an einem besonderen Tisch. Ich glaube zu wissen, wo der ist und setze mich immer gerne an ihn. Ober ob es der richtige Tisch ist, ist unklar. Fragen Sie auch nicht einen der freundlichen spanischen Kellner. Der wird, egal auf welchen Tisch Sie zeigen, immer zustimmend nicken.

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~Die Bodega innen: Abgewetzte Wände, Tische und Stühle.~

Neben vielen andern Berühmtheiten verkehrte da auch Max Frisch. Die Bodega gehörte zu seinen Lieblingskneipen, erzählte Marianne Frisch, die Frau des Schriftstellers. „Herrlich kann man hier einen ganzen Abend verplaudern“, sagte er. Frisch war aber auch im Café Odeon oder im Restaurant Kronenhalle. Lenin traue ich das weniger zu. Er war damals nicht sehr betucht und mochte bürgerliche Etablissements wohl hassen.

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~Die Eingangstür. Nicht seitenverkehrt dargestellt, sondern von innen.~

Lenin kam zu Beginn des Ersten Weltkriegs in die Schweiz und erhielt zuerst in Genf und dann in Bern eine sogenannte „Toleranzbewilligung“, eine Genehmigung der Aufenthaltsgenehmigung ähnlich. Anfang 1916 bewarb er sich für eine solche in Zürich, mit der Begründung, die hiesige Zentralbibliothek für seine schriftstellerische Arbeit nutzen zu wollen. Er mietete sich für 24 Franken im Monat auf der Spiegelgasse 14 nicht unweit der Bodega ein, im Niederdorf. Er wohnte als Untermieter mit seiner Frau und Kampfgefährtin Nadeschda Konstantinowna Krupskaja bei Schuhmachermeister Titus Kammerer im zweiten Stock. Das einzige Zimmer war eng. Wenn mehr als drei Personen anwesend waren, mussten sich die Besucher aufs Bett setzen. Lenins Ehefrau fand die Unterkunft nicht gerade zweckdienlich. Sie sagte laut einem späteren Zeitungsartikel in der NZZ: „Zu Hause war es nicht sehr günstig zu arbeiten. Zwar war unsere Wohnung hell, aber die Fenster gingen auf den Hof hinaus, in dem es fürchterlich roch, weil sich dort eine Wurstfabrik befand.“ Diese Schilderung hört sich stark nach Sozialromantik an. Man muss aber einige Zeitfilter vom heutigen Zustand des schicken Niederdorfs wegnehmen, um zum Arbeiterviertel von 1916 zu gelangen.

Im Juni 1951 schrieb die NZZ: „Lenin habe öfters Mühe gehabt, den Mietzins von 24 Franken pünktlich zu bezahlen. Schuhmachermeister Kammerer sprach aber stets mit Achtung von seinem Untermieter, von dessen politischer Bedeutung er keine Ahnung gehabt haben soll. Das Ehepaar Kammerer habe es strikt abgelehnt, ehemalige Einrichtungsgegenstände Lenins zu veräussern. Selbst ein Angebot der Sowjetregierung, welche die ganze von Lenin benutzte Wohnungseinrichtung erwerben wollte, wies der Schuhmacher ab.“

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~Tapas. Ob es die zu Lenins Zeiten so schon gab?~

Es ist bei der räumlichen Wohnsituation Lenins nachvollziehbar, dass er häufig die Bodega Española aufsuchte. Sie befindet sich nur wenige Schritte von Lenins Exilwohnung entfernt. Das Haus wurde übrigens 1971 wegen Baufälligkeit abgerissen, neu aufgebaut, und die Fassade nach altem Muster wieder eingefügt. Der Wohnort Lenins wird bei Stadtführungen gerne angesteuert und ist durch ein kleines Schild markiert: „Hier wohnte vom 21. Februar 1916 bis 2. April 1917 Lenin, der Führer der russischen Revolution“. Schön, aber auch die Bodega ist in diesem Zusammenhang wichtig, wenn auch kaum erwähnt. http://bodega-espanola.ch

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~Bier und Brot. Das gab es sicherlich. Und Zeitungen.~

Dada wurde Hundert

August 11, 2016

Am 5. Februar 1916 eröffnete der deutsche Autor und Tausendsassa Hugo Ball mit seiner deutschen Freundin, Schriftstellerin und Kabarettistin, Emmy Hennings das Cabaret Voltaire in der Züricher Spielgasse 1. Beide waren, wie viele andere Künstler, vor der Situation des Ersten Weltkriegs nach Zürich emigriert. Zürich war damals eine Plattform, die internationalen Austausch gestattete. Lenin, zum Beispiel, residierte nur unweit der Spielgasse in einer Exilwohnung. Emmy sang im Voltaire Chansons und Hugo begleitete sie am Klavier. Bevor der Irrsinn begann war es also recht harmlos. Das sollte aber nicht so bleiben. Weitere Künstler wie der rumänische Dichter Tristan Tzara stießen dazu. Der deutsch-französische Maler, Bildhauer und Lyriker Hans Arp; der deutsche Erzähler, Dramatiker, Arzt und Psychoanalytiker Richard Huelsenbeck; der rumänisch-israelische Künstler, Schriftsteller und Architekt Marcel Janco folgten.

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~Hugo Balls Gedicht Karawane von 1917 in der Typografie der Erstveröffentlichung von 1920. Abb. lizenzfrei~

So, nun sollte ich eigentlich zerstörerischer und unverständlicher fortfahren. Der Dadaismus war eine Kunstbewegung, die die Gesellschaft ihrer Zeit, deren Wertesysteme und traditionelle Kunstformen ablehnte. Ein wichtiges Kampfmittel war zum Beispiel das Lautgedicht, eine Unsinnsansammlung, die mit der gewohnten Sprache nun gar nichts zu tun hatte. Deren Erfinder, wie könnte es anders sein, war Hugo Ball. Lautgedichte wurden kostümiert vorgetragen. Es gibt Fotos von Hugo Ball, wie er in einem kubistisch anmutenden Kostüm aus Pappe posiert. Hugo Ball war es auch, der am 14. Juli 1916 im Voltaire das erste dadaistische Manifest vorgelesen haben soll. Ich sage bewusst „soll“. Unbestritten hat er etwas vorgetragen, aber gleich ein Manifest? Einige Kunsthistoriker zweifeln. In der angesehenen Tageszeitung „NZZ“ ist von Magnus Wieland zu lesen: „Jedenfalls entspricht, was immer auch Hugo Ball am Abend des 14. Juli vorgetragen haben mag, nur bedingt dem, was heute als ,Eröffnungs-Manifest’ zirkuliert. Zumindest weicht der Wortlaut der in zahlreichen Anthologien noch heute abgedruckten Versionen mitunter erheblich vom Original-Manuskript ab, das im Nachlass des Autors überliefert ist. Bei dem im Schweizerischen Literaturarchiv aufbewahrten Dokument handelt es sich um zwei Typoskript-Seiten mit zum Teil schwer lesbaren handschriftlichen Ergänzungen und Korrekturen. Am linken Seitenrand ist von Hand vertikal der Titel ,Das erste dadaistische Manifest’ mit Bleistift hinzugefügt worden, was darauf schließen lässt, dass die Deklaration des Textes zum Manifest erst im Nachhinein erfolgte.“ Rums. Der ungesunde Dada-Menschenverstand sagt mir, dass die Dadaisten unmöglich so sorgsam vorgegangen sind, ein Eröffnungsmanifest vorzutragen. Obwohl es bei andern Kunstrichtungen so ist, wäre das nicht dadaistisch gewesen. Hugo Ball selbst bezeichnete das Vorgetragene als „Schwanengesang“, kurz bevor er den Zürcher Dadaisten den Rücken kehrte.

Hugo Ball

~Hugo Ball im kubistischen Pappkostüm. Pressebild Cabaret Voltaire~

Auch die Herkunft des Wortes „Dada“ für Dadaismus ist nebulös. Der deutsch-amerikanische Maler George Grosz, zeitweiliges Mitglied und Mitbegründer der Dada-Bewegung in Berlin, schrieb in seiner Autobiografie, dass Hugo Ball im Kreise einiger Künstler mit einem Messer in ein deutsch-französisches Wörterbuch stach und das Wort „Dada“ traf (französische Kindersprache für Stecken(Schaukel)pferd). Marcel Janco erklärte allerdings in einem Interview, die Geschichte mit dem Messer sei im Nachhinein erfunden worden, weil ein Märchen sich besser anhöre als die weniger poetische Wahrheit. Für wahrscheinlicher hielt er, dass ein in Zürich bekanntes Haarwaschmittel namens „DADA“ die Künstlergruppe zur Namensgebung anregte. Mir gefällt das. Die häufigste Annahme ist aber allgemein, dass das Wort der Kindersprache entnommen worden ist. Wie auch immer, die Dadaisten machen es einem nicht leicht. „Kubismus“ ist vom Wort her klarer (Schaffen einer Illusion, die Gegenstände räumlich und plastisch zeigt). Auch der Begriff „Futurismus“ (Zerstörung der Stofflichkeit durch Bewegung und Licht) ist klarer.

Wie auch immer. Seit jenem denkwürdigen Abend 1916 in Zürich war die Dada-Bewegung nicht aufzuhalten. Es gab Dada in New York, Berlin, Hannover, Köln, Dresden und Paris. Auch wenn von einigen Dadaisten ungeliebt, ist mir die zentrale Figur der Dadaisten in Hannover, Kurt Schwitters, besonders nahe. Auch Marcel Duchamp. Dada erobert alle Kunstrichtungen, von Text, Malerei, Theater, Fotografie etc. Zurück in Zürich: Im Cabaret Voltaire wurde das Jubiläumsjahr gebührend gefeiert. Unter anderem mit 165 sogenannten „Morgenandachten“ pünktlich ab 6.30 Uhr. Das Publikum goutierte viel Wissenswertes: Textlesungen, Rezitation von Lautgedichten, Vorträge von Vitas. Jetzt, nachdem der Spuk vorbei ist, lohnt das Cabare Voltaire immer noch einen Besuch. Es gibt ein frei zugängliches Café, einen Shop mit Kunstpostkarten und vielen Souvenirs. Gegen einen Obolus die Besichtigung der übrigen Räume mit Installationen und Videos. Performances von Mittwochabend bis Samstagabend und bisweilen Dada-Stadtführungen. Als ich da war brummte das Haus. www.cabaretvoltaire.ch

Haus

Hausinnere

Installation

~Das Cabaret Voltaire: Außen, innen, Installation im Keller~

1. August im Chabisland

August 8, 2016

Pünktlich zum Nationalfeiertag der Schweiz machte ich einen Besuch im «Chabisland». Es hätte auch eine Tour zur Rütliwiese, dem Ort des Gründungsschwurs der Eidgenossenschaft, sein können oder eine Tortur aufs Matterhorn. Auf dem Rütli, das früher «Grütli» > «kleine Rodung» hieß, war aber schon Frau Carla del Ponte, die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes Den Haag, als Festrednerin gebucht. Der wollte ich nicht über den Weg, respektive das Gras laufen. Und für eine Besteigung des Matterhorns bin ich zu alt. Die vielen Japaner da oben hätten mich ausgelacht. Den Rütlischwur, das glühende Bekenntnis zur Schweiz, konnte ich auch woanders leisten. So stand mein Herz schon früh offen für das Chabisland.

Nun sollte der geneigte Leser wissen, was das Chabisland ist. Chabis ist ja bekanntlich die schweizerische Übersetzung für Weißkraut. Kölner und andere Sprachkundige kennen es als Kappes. «Erzähl mir keinen Kappes.» Wenn man nun den ganzen Begriff nimmt wird unschwer klar, dass das Chabisland eine Anbaufläche für Weißkabis ist. Aber eigentlich früher war. Vor allem die alemannischen Eingeborenen beidseits des Oberrheins, die in Städtchen wohnten, hatten aus Platzmangel keine Anbauflächen für das Produkt, das so schön und wohlriechend in ihren Töpfen köcheln sollte. So haben die Gemeinden die Chabisländer außerhalb der Mauern auf fruchtbarer Erde geschaffen. Der Plural sagt Ihnen, dass es mehrere Chabisländer gibt. Mein Chabisland der Sehnsucht für den Nationalfeiertagsbesuch war das auf dem Gebiet der Gemeinde Diessenhofen. Es ist wie alle Chabisländer kein großes Anbaugebiet für Weißkabis mehr, sondern in viele Parzellen zu Schrebergärten unterteilt. Man sieht mein Chabisland, wenn man mit der Bahn von Diessenhofen nach Schlattingen fährt. Die vielen Fahnen in der Schrebergartenkolonie haben mich schon immer begeistert, denn wo Fahnen sind, ist auch Fröhlichkeit. Die mag ich über alles und dafür würde ich selbst mein Land verraten. Auch am 1. August, dem mir heiligen Nationalfeiertag.

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~Unter dem 1.-August-Ballon: Geselligkeit im Chabisland~

Nun wusste ich, dass es in meinem Chabisland nicht mehr viele Schweizer gibt. Schweizer haben kaum Schrebergärten. Sie fahren für ihr Gemüse lieber zu Aldi oder Lidl. Aber unsere ausländischen Gäste mögen Schrebergärten. Nicht ausschließlich zum Gemüseanbau, sondern auch für Festivitäten. Ich fuhr nicht unvorbereitet. Laut Roland Moresi von der Bürgergemeine Diessenhofen, die für dieses Chabisland zuständig ist, gibt es da auf den 92 Parzellen zirka 15% Schweizer, nur noch maximal 10% Italiener, einige Menschen vom Balkan und überwiegend Portugiesen. Sie alle zeigen ihre Nationalfahnen in einem multikulturellen Durcheinander von Fahnenmasten. Integration und Durchmischung, der Lieblingsgedanke von Festrednern am 1. August, ist da gelebte Realität. In einer Tragetasche von Denner mit aufgedrucktem Schweizerkreuz hatte ich Speis und Trank, sowie etwas Feuerwerk. Ich wollte ja als Fremder nicht mit leeren Händen daherkommen. Das machte mich beliebt und schuf erste Kontakte. Gerade Südländer sind da unkompliziert. Die Schweizer Nationalhymne haben wir zwar nicht gesungen, aber einige andere schöne Lieder. Singen können die Chabisländler schon. Das hat man bei der letzten Europameisterschaft im Fußball eindrücklich gesehen. Vor allem die Italiener und die Portugiesen bewiesen dabei Leidenschaft. Mehr als die Spieler der Schweizer Nationalmannschaft. Aber die bestehen ja zum großen Teil aus Albanesen.

Übrigens: Für eine Parzelle muss man je nach Größe zwischen 40 und 60 Franken im Jahr berappen. Das ist nicht allzuviel. Aber auf eine freigegebene Parzelle wartet man länger als auf einen Weidlingpfosten in Schaffhausen. Das ist der Pfahl am Rheinufer mit 10 Metern Wasser dahinter als Liegeplatz für Boote.

Auch in diesem Motiv der Serie „Aufgespießt“ geht es um einen Werbespot. Es ist ein 60-Sekünder für auxmoney, dem nach eigenen Angaben „größten Kreditmarktplatzes Deutschlands“. Das 2007 gegründete Unternehmen vermittelt Geld von meist Kleinanlegern und gibt es an Interessierte weiter. Wie das genau funktioniert will ich hier nicht weiter ausführen. Wichtig ist nur diese grobe Beschreibung, damit man das Storytelling des Spots versteht. Auch über das Produkt will ich mich hier nicht weiter äußern, da es mir nur um die Filmsprache geht. Und die ist großartig.

Der von der Berliner Werbeagentur „Aimaq von Lobenstein“ kreierte Spot ist der erste der im vergangenen Jahr gestarteten Markenkampagne für auxmoney. Ich nenne ihn „Berghütte“. Einen zweiten mit der Bezeichnung „Roadmovie“ gibt es auch. Er ist aktuell auf den Sendern. Der erste entspricht mir als mögliche Zielperson aber genauer. Ich bin eher der kleine romantische Schriftsteller als der prächtige Motorradrocker à la Easyrider. Um verständlich zu sein gestattet eine gut gemachte Story aber das Ableiten einer fremden Geschichte auf seine eigenen Fantasien. Werber nennen das gerne „die Markenbotschaft verstehen“. Die heißt bei auxmoney „Alle für einen“. Wie das?

Hier eine kurze Beschreibung des Films, der aus atemberaubenden Bildern und einer sympathischen Geschichte besteht: Ein junger Mann, Typ moderner Schriftsteller, steuert in einem Boot eine Hütte am Ufer an. Im klaren Wasser spiegelt sich eine großartige Landschaft von Bergen. Die Wasseroberfläche ist makellos still. Symmetrisch zeichnen sich kleine Fahrtwellen. Der aufmerksame Filmbetrachter entdeckt sogar eine Schreibmaschine der Marke „Royal“ auf einer Holzbank des Schiffes. Das ist aber nicht so wichtig, es zeigt nur die sorgfältige Gestaltung. Auf dem Balkon der Hütte erwartet den jungen ein älterer Mann mit einem Hund. Schnell wird klar, dass der junge Mann die Hütte für seine Schriftstellerzeit mieten oder kaufen will. „Willkommen. Schön dass wir uns endlich kennenlernen. Alles ist vorbereitet. Sie können direkt einziehen. Haben Sie das Geld?“, sagt der ältere Mann. Die Kamera zieht zu einem Hügelfries auf. Dort erscheint eine lange Reihe von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Der junge Mann: „Ich nicht. Aber die“. Off: „So leiht man Geld heute. Von Mensch zu Mensch. Alle für einen. auxmoney.“ Großartig. Den Film finden Sie auf YouTube unter „auxmoney TV-Spot. #berghuette“.

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~Still aus dem auxmoney TV-Spot „Berghütte, Quelle auxmoney~

Produziert wurde der Spot von Czar mit dem Regisseur Parker Ellermann. Der See ist der Pragser Wildsee in Südtirol. Die Szene mit der Menschengruppe wurde in den Julischen Alpen in Slowenien gedreht und eingefügt. Raffael Johnen ist Gründer und CEO von auxmoney. Ihm sei für das Gespür für gute Werbung gedankt. Die Agentur Aimaq von Lobstein wird heute von André Aimaq (Gründer von Aimaq & Stolle) und Hubertus von Lobenstein (Ex-TBWA-Chef) geleitet. Sie sagen: „Mit Storymaking machen wir Geschichten für den Konsumenten erlebbar“. http://www.avlberlin.com

Den ersten Teil der Serie mit dem Werbespot Hornbach finden Sie hier. Den zweiten Teil mit dem Werbespot Valser Wasser finden Sie hier.

 

In diesem zweiten Artikel der Serie „Aufgespießt“ geht es um den Werbespot „Valser Wasser“. Er ist meines Wissens nur im Verbreitungsgebiet des Mineralwassers, also nur in der Schweiz zu sehen. Valser ist eine Schweizer Alpenquelle, die auf 1`806 Meter Höhe entspringt. Sie ist eine der höchsten Quellen Europas und so ungewöhnlich rein. Der Werbespot kommt ganz bescheiden daher und ist somit sympathisch. Er macht eigentlich nichts anderes als den Weg des Wassers durch Schnee, Eis und Felsgestein zu beschreiben. Er zeigt die Herkunft des Produkts. Werber nennen das „mit der Heritage, Heimat, arbeiten“. Ich liebe solche Spots, die kein Klimbim machen. Heritage ist in einer Welt, in der Identitäten verloren gehen, wichtig. Heimat schafft Vertrauen. Ich liebe diesen Spot auch noch aus einem andern Grund. Er gibt das Gefühl, dass nichts verschwendet wird. Dass kein unnötiges Werbegeld nur zum Ruhm der Macher investiert wird. Aber die sorgfältigen Bilder sind grandios.

Man sieht in ruhigen Sequenzen zunächst fallenden Schnee im Hochgebirge, dann Tropfen am Fels, dann immer wieder Tropfen am Eis, fließendes Wasser durch Eis und Kiesbett. Alle Bilder sind in extremer Slow Motion und oft im Close-up realisiert. Dazu wird der Text in Dialekt gesprochen (hier in Deutsch): „Ich schwebe, ich falle. Ich bin 10`000 Tropfen. Lachende, leuchtende Perlen. Und ich falle und ich fließe durch die Zeit auf meiner Reise. Denn ich habe Dich gefunden. Tropfen, die leisen, das bin ich. Ich bin Valser“. Bevor ein Bild mit tosendem Wasser und nur dem Schriftzug Valser nebst Claim (Slogan) erscheint, sieht man hinter einer wasserbenetzten Glasscheibe eine junge Frau, die, auch wenn sie es ist, nicht wie ein Model aussieht. Großartige Bilder und die Machart des Films überzeugen. Er braucht auch keine Abbildung des Produkts, wie es im Handel angeboten wird. Nichts, nur der stille Weg des Wassers wird gezeigt. „Valser. Vo Berga gmacht“.

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~Schlussbild aus dem Valser-Spot. Mit freundlicher Genehmigung von Chocolate Films Zürich. http://www.chocolatefilms.ch~

Der Spot wird in drei Längen angeboten: 60, 30 und 20 Sekunden. Er ist auf YouTube unter „Valser. Vo Berga gmacht“ zu finden. Mir ist die 30-Sekunden-Version am liebsten.

Da Valser keine Werbeagentur beschäftigt, wird Snøhetta (Oslo/New York) als Auftraggeber angegeben. Die machen normalerweise das Design der Valser Produkte. Die verantwortliche Filmproduktion ist Chocolate Films Zürich. Ihr Regisseur für den Spot ist der leider vor kurzem verstorbene Schweizer Marcel Langenegger aus Los Angeles. Der Dialektsprecher ist der großartige Bündner Andrea Zogg. Ich hatte ursprünglich vermutet, dass der Spot aus Archivbildern kreiert wurde. Die Inhaberin der Filmproduktion, Michela Trümpi, sagte mir allerdings, alles wäre vor Ort gedreht worden. Marcel Langenegger war für seine Besessenheit authentischer Bilder bekannt. Dieser Spot ist für mich eine stille, gewaltige Botschaft im lauten Werbekonzert. Valser gehört heute übrigens zu Coca-Cola. Wenn dem nicht so wäre, würden sie zu Nestlé gehören. Leider können kleine Anbieter nicht mehr selbstständig überleben.

Den ersten Teil der Serie mit dem Werbespot Hornbach finden Sie hier.

 

In dieser Serie soll es um positive Erlebnisse, die ich bei der Beobachtung von Mediennachrichten gemacht habe, gehen. Fangen wir doch gleich mit einem Werbespot an. Werbung im Fernsehen ist zumeist dämlich. Da bin ich mit Ihnen einig. Es gibt aber auch löbliche Ausnahmen. Eine davon ist Werbung für den Baumarkt „Hornbach“. Während Baumarktwerbung im Kreativland Großbritannien ungefähr so öde ist wie der neue britische Außenminister Boris Johnson und beim Big-Spender-Werbeland USA die Spots wie POS-Videos daherkommen (das sind diese kleinen Filmchen im Baumarkt, die zum Beispiel die Anwendung einer Stichsäge zeigen), hat sich in Deutschland eine feine Werbekultur in diesem Segment entwickelt. Vorreiter ist Hornbach mit seiner Werbeagentur „Heimat“. Hornbach und seine Agentur habe ich schon lange auf dem Werbezettel. Alle Aktivitäten sind köstlich, weil sie auf ungewöhnliche Art unterhalten und mich deswegen überzeugen. Das heißt, sie den guten Willen für den Baumarkt bei mir wecken.

Zur Hornbach-Werbung gäbe es viel zu sagen und zur Berliner Werbeagentur Heimat auch. Ich beschränke mich hier auf den Spot der neuen europaweiten Frühjahrskampagne „Du lebst. Erinnerst Du Dich?“ Nichts ist von Produkten zu sehen. Kaum etwas von Anwendungen. Hier geht es um das taktile Erfahren mit Elementen: Luft, Gras, Kies, Holzspäne, Erde, Schlamm. Webeblättchen titeln schon „Der Wahnsinn kehrt zurück“ und sehen in dem 60-Sekünder „die fast schon symbiotische Verbindung zwischen Heimwerkern und Baumaterialien“. Man kann es so sehen, obwohl ich Deutungen nicht mag. Mir macht der Spot unbändigen Spaß, weil er mutig ist. Er sagt ganz einfach „Du lebst. Erinnerst Du Dich?“

Was geschieht? Ein ordentlich fettleibiger, nackter Mann stürzt sich einen Felsen herunter, schlingert durch Gras, Kies, Bretter, Holzspäne, Unterholz und Erde und landet in einem Schlammloch, das sein zukünftiger Gartenteich sein könnte. Dabei strahlt er und seine Tour ist so hart, dass es einem persönlich weh tut. Den Spot finden Sie auf youtube unter „Hornbach – Du lebst. Erinnerst Du Dich?“ Das Besondere der von der Filmproduktion „Partizan“ unter der Regie des Australiers Tom Noakes produzierten Spots ist, das er nahezu ohne Special-Effekts gedreht wurde, sozusagen „in camera“. Aua. Kreativchef Guido Heffels der Werbeagentur Heimat dazu: „So in etwa mag sich der Spa-Effekt eines umfassend Frühjahrsprojekt im Sinne von Hornbach anfühlen, einem Ort jenseits der zunehmend Urbanisierung und Digitalisierung unserer Welt“. Marketingchef International von Hornbach, Thomas Schnaitmann, sagt vorsorglich: „Mit bloßen Händen Großes zu schaffen, sei ein einzigartiges Gefühl, das jeder Handwerker kenne“. Etwas rationale Erklärung für den irrwitzigen Spot sei einem Mann, der täglich Werbegeld verantworten muss, wohl gestattet.

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~Aus Ermanglung von Stills aus dem Spot, die geschützt sind, hier ein unverfängliches Bild, Quelle Hornbach~

Die Werbeagentur mit dem sympathischen Namen „Heimat“, 1999 in Berlin von Matthias von Bechtolsheim, Guido Heffels und Andreas Mengele gegründet, beschäftigt an vier Standorten zirka 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und gehört seit Mitte 2014 zu 70% zum internationalen Agentur-Netzwerk TBWA. http://www.heimat-berlin.com

Es reicht

Juni 18, 2016

Seit 2013 sind einige Musiker gestorben, die ich liebte und die meinen Musikgeschmack sehr geprägt haben. Falls Sie meine hier geschilderte Vorliebe befremdet und Sie musikalisch anders empfinden, kann ich versichern, dass alle drei hier extrem talentiert waren. Sie haben unzählige andere Musikerinnen und Musiker geprägt und beeinflusst. Nun sind sie tot. Sie werden sagen, dass ist doch nicht schlimm. Wir haben ja ihr Werk auf Datenträgern. Falsch. Alle drei haben sich ständig weiterentwickelt und uns mit neuen Ideen beglückt. Das ist bei Musikern, die älter werden, nicht selbstverständlich.

Der erste, der verstorben ist, war der amerikanische Singer-Songwriter und Gitarrist Lou Reed. Er wurde am 2. März 1942 in New York City geboren und sein Leben erlosch am 27. Oktober 2013 in East Hampton bei New York. Ihm war früh klar, dass er Musiker werden wollte. Reed sagte, sein Ziel sei es, die Empfindsamkeit und Intelligenz des Romans als Songwriter auf die Rockmusik zu übertragen. Er gründete zusammen mit John Cale die von Andy Warhol inspirierte Band „The Velvet Underground“. Dort spielte er Gitarre, sang und schrieb die meisten Songs. Obwohl die Band kommerziell nicht erfolgreich war, gilt Velvet als eine der einflussreichsten Untergrund-Bands aller Zeiten und als Wegbereiter der späteren Independent- und Punk-Musik.

Nach der Trennung von „The Velvet Underground“ startete Lou Reed 1970 seine Solokarriere. Im selben Jahr veröffentlichte Reed das Glam-Rock-Album „Transformer“, aus dem mein Lieblingstitel „Walk on the Wild Side“ stammt. Nach einem harten Arbeitstag fuhr ich mit diesem Song auf dem Nachhauseweg immer noch ein halbes Stündchen durch die Natur. Der Text ist ein ironischer Gruß an Außenseiter. Seine Songtexte sind im Allgemeinen illusionslos pessimistisch, aber eher mitfühlend als zynisch. Seine Gitarrenmusik war immer experimentell. Bisweilen stimmte er alle Saiten seiner Gitarre etwas tiefer, um einen sogenannten „Drone“, einen Brummbass, zu erzeugen. Das Doppelalbum „Metal Machine Music“ von 1975 besteht vor allem aus Gitarrenfeedbacks. Soweit zu seiner Musik. Reed heirate dreimal. Zu Schluss 2008 die US-amerikanische Performance-Künstlerin Laurie Anderson. Lou Reeds Leben war zeitweise überschattet von Alkohol- und Drogenkonsum. Trotzdem gelangen ihm immer wieder fantastische Songs, die berühren.

David Bowie ist der zweite, den ich vermisse. Er wurde am 8. Januar 1947 in Brixton, London, geboren und verstarb am 10. Januar 2016 in New York. David war Musiker, Sänger, Produzent, Schauspieler und Maler. Er hat im Laufe seiner über 40-jährigen Karriere über 25 Platten eingespielt und mehr als 140 Millionen Tonträger verkauft. David Bowie wurde von vielen als Camäleon bezeichnet, da er so vielschichtig war und sich dauernd veränderte. Nicht nur, weil er sein Tätigkeitsgebiet häufig wechselte, sondern weil er auch in seinem Hauptgebiet als Musiker immer wieder neu war. Zu Beginn seiner Karriere ließ er sich von moderner Beatmusik, aber auch von der britischen Tradition des Novelty-Songs inspirieren. Er interessierte sich dann für „The Velvet Underground“. Mit seinem Umzug in die Vereinigten Staaten rückte 1973 zunächst die Soul-Musik und Rhythm and Blues in seinen Fokus. Seit 1974 entwickelte er auch ein starkes Interesse an deutscher elektronischer Musik von Kraftwerk und Neu! sowie der Musik von Steve Reich. In den 1980er Jahren wurde Bowie massentauglich. Mit der Single „Lets´Dance“ schaffte er es in den Vereinigten Staaten auf Platz eins der Charts. Disco-Musik, aber eben in Bowie-Manier. Mit dem Album „Heathen“ gelang Bowie 2002 eine Neufindung. Künstlerisch war es für viele Fans eine Rückkehr zum klassischen Bowie-Werk.

David Bowie schrieb unendlich viele Songs, auch für andere Künstler. Als Produzent war er für manche wichtig. Seine Zusammenarbeit mit etlichen Musikern wie dem Gitarristen Mick Ronson, dem Singer-Songwriter Iggy Pop und vor allem dem Klangkünstler Brian Eno ist gut dokumentiert. Bowie liebte es, sich auf der Bühne zu verkleiden. Auch sein Spiel mit sexuellen Identitäten genoss er. Meine von ihm geschaffene Lieblingskunstfigur ist der sphärische Ziggi Stardust von 1972. Bowie experimentierte zeitweise mit harten Drogen. Er war zweimal verheiratet. Zuerst ab 1970 für kurze Zeit mit dem Model Angela Barnett, mit der er einen Sohn zeugte. Ab 1992 mit dem somalischen Fotomodel und Schauspielerin Iman Abdulmajid. David Bowie war eine schillernde, manchmal irritierende Figur, aber ein großer Musiker.

Prince ist der Letztverstorbene in meiner Dreiergruppe. Er wurde am 7. Juni 1958 in Minneapolis, Minnesota, geboren und verstarb am 21. April 2016 in Chanhassen, Minnesota. Der US-amerikanische Sänger war auch Komponist, Songwriter, Musikinstrumentalist und Musikproduzent. Vor allem in den 1980er Jahren beeinflusste er die internationale Musikszene, indem er unterschiedliche Musikgenres miteinander kombinierte. Die stilistische Bandbreite reichte von Rhythm and Blues, Funk, Soul, Pop, Rock, Blues bis hin zum Jazz. Er komponierte, arrangierte und produzierte seine Songs. Außerdem spielte er Instrumente wie E-Bass, Gitarre, Klavier, Keyboard und Schlagzeug. Bei den meisten seiner Studioaufnahmen spielte er alle Instrumente selbst. Auch seine Liedtexte schrieb Prince selbst. Der internationale Durchbruch gelang Prince 1984 mit der Single und dem Album „Purple Rain“ zum gleichnamigen Film, in dem er auch die Hauptrolle spielte. Zu Lebzeiten verkaufte er weltweit über 100 Millionen Tonträger, gewann sieben Grammy Awards, 1985 einen Oscar und 2007 einen Golden Globe Award. 2004 wurde er in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.

Prince war sehr talentiert, aber auch exzentrisch. Seine Bühnenshows waren es, aber auch sein Umgang mit Menschen. Darauf angesprochen sagte er, dass er eigentlich schüchtern wäre. Prince machte vieles anders als andere Musiker. Er legte sich mit seinen Plattenlabels an, weil er nichts so sehr schätzte wie seine Freiheit. Das führte dazu, dass er in den letzten Zeiten bei Warner Bros. Records seinen Namen nicht mehr nannte und durch ein unaussprechbares Symbol erstzte. Folgerichtig eröffnete er 1987 sein eigenes Paisley Park Studio in Chanhassen. Ende des gleichen Jahres verhinderte er die Auslieferung seines, seiner Ansicht nach nicht perfekten „Black Albums“, weil er dachte, dass er jeden Moment sterben könnte und nicht danach beurteilt werden wollte. Prince lebte aber noch lange und erdachte neue Vertriebswege für seine Produkte. Zum Beispiel über seine eigene Website, über Gratiszugaben bei Konzerten oder als Beilage in Zeitschriften wie dem Musikmagazin Rolling Stone. Er sicherte sich ab 2014 die Urheberrechte an allen seinen Songs. Legendär sind auch seine Aftershow-Partys in kleinen Clubs. Charakteristisch waren für Prince sein zeitweilen hoher Falsettgesang und seine bisweilen obszöne Songtexte. Von August 1985 bis Ende April 1986 war Prince mit der US-amerikanischen Sängerin Susannah Melvoin verlobt, ab 1987 mit der US-amerikanischen Musikerin Sheila E. Im August 1990 lernte er die Tänzerin Mayte Janell Garcia kennen und heiratete sie 1996. Nach der Scheidung heiratete Prince 2001die Kanadierin Manuela Testolini. Meldungen, die sein Privatleben betrafen, kommentierte Prince ausgesprochen selten. Prince hatte keine bekannten Drogenprobleme. Nach seinem Tod sagte Barack Obama: „Heute haben wir eine kreative Ikone verloren“. Mick Jagger bezeichnete Prince´s Talent als grenzenlos. Madonna schrieb, Prince habe die Welt verändert. Elton John meinte: „Der beste Künstler, den ich je gesehen habe“.

Such a perfect day

März 23, 2016

Der Titel dieses Artikels ist inspiriert durch einen Song von Lou Reed. Der am 2. März 1942 in Brooklyn, New York, geborene und am 27. Oktober 2013 in Southampton, New York, verstorbene Singer-Songwriter und Gitarrist Lou Reed bestimmte weite Teile meiner Leidenschaft für Musik. Nicht nur, weil er Gründungsmitglied der legendären Band „The Velvet Underground“ war. Andy Warhol stand dabei Pate. Lou Reed hatte mit vielen berühmten Musikern zusammengearbeitet und fantastische Songs geschrieben.

Einer davon ist „Perfect Day“. Das Stück stammt aus dem Jahr 1972 und ist durch seine ungewöhnliche Komposition und seinen Text unglaublich schön. 1973 wurde es auf der B-Seite der Single „Walk on the Wild Side“ erstmals veröffentlicht. Produziert wurde es von David Bowie und Mick Ronson. Lou Reed hatte danach sein Stück 2003 für sein Album „The Raven“ neu aufgenommen. Dazwischen wurde es von vielen Künstlern gecovert: Unter anderem von Duran Duran, Kirsty MacColl, Antony Hegarty etc. Am Besten gefällt mir die Version von Patti Smith. Wen wundert es? Die liebe ich auch. BBC verwendete den Song 1997 für eine aufwändige Werbekampagne um Gebühren. Das kam nicht gut an. Kurze Zeit danach korrigierte sich die BBC mit einer Single zugunsten der Aktion „Children in Need“. Jede Textzeile wurde von einem andern berühmten Künstler gesungen. Die Aktion spielte viel Geld für Kinder in Not ein.

Der Text von Lou Reed hat in seiner Interpretation viele Deuter. Manche Kommentatoren verstehen den Text wegen seiner simplen und romantischen Grundstimmung als eine Anspielung auf Reeds intime Beziehung zu Bettye Kronstadt (seine spätere erste Ehefrau) und seine Probleme mit der eigenen Sexualität, mit Drogen und mit seinem Ego. Andere Kommentatoren sehen den Text als Zeichen von Reeds romantisierter Einstellung zu seiner eigenen Heroinabhängigkeit bzw. als „heroin song“. (Quelle hierzu Wikipedia). Ich mache es mir einfach. Da ich kein Musikkritiker bin, höre ich. Eingeschobene Textzeilen wie „You just keep me hanging on“ (Du hilfst mir durchzuhalten) und „I thought I was someone else, someone good“ (Ich dachte, ich wäre jemand anderes, jemand Gutes) machen mich betroffen und nachdenklich. Und das in einem Song, der einen perfekten Tag lobt.

Aber was ist nun für mich ein perfekter Tag? Es ist einfach. Ich stehe auf, frühstücke, lese meine eMails und arbeite. So weit, so gut. Ein perfekter Tag wird es werden, wenn meine Arbeit honoriert wird, zum Beispiel von Zeitungsredaktionen oder Buchverlagen. „Klingende Münze und klingendes Lob“ heißt es ja. Aber auch hier im Web ist mir Anerkennung wichtig. Da Anerkennung nicht immer erfolgt, habe ich ein einfaches Prinzip: Ich erwarte nicht viel und ärgere mich nicht. Schon ein einfaches Telefonat oder ein kleines Gespräch auf der Straße machen mich glücklich. Es sind kleine Dinge, die meine Motivation beflügeln. Schlechte Nachrichten in den Medien machen mich unglücklich. Das Wetter macht mich nicht unglücklich. Es kann regnen soviel es will. Ein ordentliches Gewitter kann für mich der Höhepunkt des Tages sein. Da rumst es ordentlich. Schlecht gelaunt bin ich, wenn ich für befreundete Familien schlecht koche. Ich bin kritisch und weiß selbst, wie gut ich jeweils bin. Aber Freunde verzeihen ja alles. Also ist der Tag perfekt.

~Der Himmel nach einem perfekten Tag~

 

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