Hitzespaziergang

August 22, 2018

Wenn es die Zeit erlaubt mache ich jeden Tag einen Spaziergang. Immer den gleichen. Zum Nägelsee, der eigentlich Egelsee heißen müsste. Denn da hat der letzte Scharfrichter Schaffhausens Blutegel gezüchtet. Scharfrichter waren im Nebenberuf Schröpfer. Der falsche Name stammt aus einem Irrtum in der Fortschreibung des Flurnamens. Das habe ich nach Recherchen von wenig verfügbarem Material herausgefunden. Aber weiter: Der Spaziergang ist wunderschön, denn ich entdecke immer wieder Neues, winters wie sommers.

~Abgeerntetes Weizenfeld: Da wächst vorerst nichts mehr.~

Wie allgemein bekannt, war es in diesem Sommer bis jetzt bullig heiß. Kein Problem, ich gehe früh. Auch wenn die Bauern in der Gegend kaum ernsthaft Ernteausfälle hatten, ist die Natur trotzdem in Mitleidenschaft gezogen. Die Erde ist krustig und staubtrocken, die Pflanzen sind eher braun als grün. Und der Nägelsee, der eigentlich aus drei Weihern besteht, ist von einer grünen Tunke bis zum Rand gefüllt. Es ist nicht die Entengrütze, die man ansonsten jährlich findet, sondern Schlamm. Ich vermute, dass das Wasser kaum Sauerstoff mehr hat. Die Enten sind wie zur Warnung weggezogen.

~Der Nägelsee: Ein schlammiger Tümpel, ganz anders als sonst.~

~Ein Zicklein: Etwas benommen im Halbschatten.~

Die Zicklein im nahen Gehege liegen faul im Schatten. Sonst kommen sie den Spaziergängern, den Müttern mit Kinderwagen, immer freudig erregt entgegen und blöken. Denn es gibt Futter. Popcorn und ähnliches. Auch die Wildsau liegt wie tot in der Gegend. Sie kommt sonst auch, wendiger als erwartet, bis zur Abzäunung. Übrigens hat sich ihr Grunzen zu einer Art Blöken verändert. Sie ist wohl ein verkleideter Papagei, die Wildsau.

~Die Wildsau: Kurz und mürrisch auf den Beinen.~

~Tomaten: Ob die wohl ein frisches Helles vertragen würden?~

Auf dem Rückweg entdecke ich Tomatenpflanzen im Schatten eines Sonnenschirms. Ich weiß wohl, dass deren Gärtner, ein Rentner, sehr fürsorglich ist. Aber das? Wie auch immer. Die Sonne brennt an diesem Morgen erbarmungslos. Ich bin froh, dass ich mich dem kühlenden Schatten meines Wohnhauses nähere. Kühle Luft empfängt mich. Mit etwas Modergeruch, da anscheinend die Kellertür offensteht. Aber auch das ist angenehm.

~Unbarmherzig: Die Sonne brennt. Nicht wirklich, nur sprichwörtlich.~

~Kühlender Schatten: Jetzt gibt es Eistee, natürlich selbstgemacht.~

Damit Sie sehen, wie schön der Nägelsee normalerweise ist, hier ein Link zum Sommer. Und zum Winter. Viel Spaß.

 

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Die Halle des Hauptbahnhofs Zürich wird Dank seines Betreibers SBB zu Events genutzt. Es gibt neben dem traditionellen Weihnachtsmarkt immer wieder Ereignisse, die nicht kommerzieller Natur sind. Vom 30. Juni bis 29. Juli 2018 gibt es nun durch die Fondation Beyeler, einer sehr verdienstvollen Stiftung mit Museum bei Basel, etwas Fantastisches in der 150 Jahre alten gigantischen Halle, die an sich schon sehr schön ist. Es ist das neueste Werk des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, der GaiaMotherTree. Eigentlich braucht man letzteres kaum zu übersetzen: Es ist der Mutter-Erde-Baum. Der Begriff „Mutter Erde“ kommt nicht nur in der Schöpfungsgeschichte der Alten Griechen vor, er hat vielmehr in vielen Kulturen eine sehr zentrale Bedeutung.

~Ernesto Neto. Bild Fonation Beyeler.~

Dass Ernesto Neto ihn verwendet, erstaunt nicht. Der 1964 in Rio geborene Brasilianer, Sohn eines Bauingenieurs und einer Landschaftsarchitektin, studierte Bildhauerei an der renommierten Escola de Artes Visuais do Parque Lagein Brasilien. Hauptsächlich schafft er raumgreifende biomorphe Gebilde aus natürlichen Materialien. „Biomorph“ bedeutet organisch, der Natur nachempfunden. In diesem Kunstwerk soll der Baum eine Verbindung zur Schöpfungsgeschichte herstellen. Das hatte ich ja oben schon angedeutet. Das filigrane Gebilde, zwanzig Meter hoch, ist aus 10´220 Metern orangen, grünen, braunen und gelben Baumwollbändern in einer Fingerhäkeltechnik geknüpft und verknotet. Eine Art Netz.In wochenlanger Arbeit haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Werk vorbereitet. Ich vermute mal, diese Knüpftechnik hat in Brasilien Tradition.

~Der GaiaMotherTree. Bild Fonation Beyeler.~

Dann wurde der GaiaMotherTree in der Halle ausgebreitet und installiert. Die vom Baum herabhängenden Gewichte, die dem Werk Form und Stabilität geben, sind mit gemahlenen Gewürzen gefüllt: Kurkuma, Gewürznelken, Kreuzkümmel und schwarzer Pfeffer. Fragen Sie mich nicht warum. Es ist Ernestos Geheimnis, aber es duftet betörend. Das andere Gewicht, ein Gegengewicht im Innern des Baumes, birgt Saatgut, und an der Wurzel befindet sich ein begehbarer Raum für Besucher, die sich auf Kissen ausruhen können. Am Boden beschweren 840 Kilo Erde das Werk. Sie ahnen es, Ernesto Neto spielt mit den physikalischen Gesetzen der Schwerkraft – das tut er übrigens bei den meisten seiner Werke – sagt Michiko Kono, Kuratorin bei der Fondation Beyeler. Außerdem wird klar, dass Neto eine gewisse Weltanschauung kommuniziert. „In den letzten Jahren hat sich Ernesto Neto nämlich mit einer neuen Werkserie beschäftigt, die er in Kooperation mit den Huni Kuin realisiert, einer indigenen Bevölkerungsgruppe, die im brasilianischen Amazonasgebiet nahe der peruanischen Grenze lebt. Ihre Kultur und Bräuche, ihre Sprache, ihr Wissen, ihr Handwerk, ihre Ästhetik, Werte, Weltanschauung und spirituelle Verbindung zur Natur haben Netos Auffassung von der Kunst verändert und sind wesentliche Bestandteile davon geworden“, so auf der Website der Fondation zu lesen.

~Die Wandelhalle im Hauptbahnhof. Bild Fonation Beyeler.~

Mir gefällt der Baum. Ich mag auch die Inspiration von indigenen Kulturen. Kunst hat oft viel banalere Bezüge. Außerdem hat Ernesto Neto vor über vier Jahren, als er den Bahnhof zum ersten mal besuchte, seine Idee spontan au eine Serviette der Brasserie Federal skizziert. Das ist die Brasserie direkt neben dem Kunstwerk in der geschäftigen Halle. Ich bin da häufig, wegen der Bratwurst. Sie sollte allerdings nicht so viel Industriesauce haben.

https://www.fondationbeyeler.ch/ernestoneto/

Die Arbeiten des großartigen amerikanischen Fotografen Irving Penn gab es jüngst in Berlin zu sehen. Eine angesehene Tageszeitung titelte in ihrem Feuilleton „Hundert Jahre Herrlichkeit“ dazu. Sie nimmt Bezug auf die Tatsache, dass er letztes Jahr Hundert geworden wäre. Das wäre er auch beinahe in seinem Leben, denn er ist am 16. Juni 1917 in New Jersey geboren und am 7. Oktober 2009 in New York verstorben. Aber hundert Jahre Herrlichkeit fasst nur in Ansätzen zusammen, wie reich und wichtig Penn für unsere Kunst-, Fotografie- und Werbegeschichte war und ist.

~Mohnblüten in all ihrer Schönheit.~

Ich mochte die Arbeiten des Sohnes eines jüdischen Uhrmachers schon immer, zumindest so lange ich mich für Fotografie interessiere. Also seit dem zarten Alter von siebzehn Jahren. Das hat seinen Grund. Irving Penns Arbeiten sind nicht nur großartig in jeder Beziehung, sondern auch ungewöhnlich vielschichtig. Man kann kaum glauben, dass so unterschiedliche Arbeiten von einem einzigen Fotografen stammen. Man könnte glauben, es gäbe viele Penns.

~Lisa Fonssagrives, Model und Penns Frau.~

Als Erstes sind die Modefotografien zu erwähnen, die er seit 1940 für die amerikanische Vogue schuf. Für die Vogue waren nur die Besten tätig. Penn arbeitete mit den berühmtesten Modellen für die exzellentesten Modefirmen. Eine Frau, das Mannequin Lisa Fonssagrives, heiratete es später und lebte bis an sein Lebensende mit ihr zusammen. Sie wurde früh sein Lieblingsmotiv. Neben der Arbeit mit Frauen machte er aber auch Aufnahmen, die man dem Still-Live-Bereich zuordnen könnte. Etwa das berühmte Foto für L´Oréal, das einen orchideenartig gespitzten Mund mit acht verschiedenfarbigen Lippenstiftspuren zeigt.

~Gruppe von Afrikanern in Stammestracht.~

~Akt, wahrscheinlich Lisa.~

Da wir wieder auf Menschen zurückkommen seien seine Portraits von berühmten Zeitgenossen erwähnt: Pablo Picasso mit Hut, Miles Davis mit Trompete, Igor Strawinsky etc. Letzteren in einer spitzwinkligen Ecke aus Pappmaché. Sie sollte zu einem seiner Markenzeichen werden. Die Ecke, meine ich. In dieser Ecke fotografierte er auch Marcel Duchamp, Salvador Dali, Georgia O´Keeffe und Spencer Tracy.

~Still-Live mit Wassermelone.~

Unmöglich, nicht auch auf seine berühmten Still-Lives hinzuweisen. Etwa das mit der Wassermelone, Traubenschüssel, Serviette, gebrochenem Brot, Kirsche und Nussschale. Manche der Stillleben, die Penn für die Vogue um 1947 arrangierte, wirken so, als hätten sie Caravaggio und einige Holländer sorgfältig gemalt. So präzise und zeitlos sind sie. Etwas hat mich dann doch verblüfft. Es gibt nämlich in der Ausstellung auch Fotos, die Irving Penn bei der Arbeit zeigen. Sonderbare Fotos. In einem kauert er auf einem Gehweg in New York und fotografiert in höchster Auflösung und Inbrunst einige ausgetretene Zigarettenstummel. Diese Fotos wirken wie die Arbeit eines Archäologen, der vergangene Spuren dokumentiert.

~Penn bei der Arbeit mit Zigarettenstummeln.~

Die Ausstellung war schon im New Yorker Metropolitan Museum zu sehen. Deren Kurator Jeff Rosenheim findet sie in Berlin noch schöner, was seiner Ansicht nach am Ausstellungsort liegt. Es ist das einstige Amerikahaus am Bahnhof Zoo, dieser Propagandaschönheit aus den Fünfzigern.

https://www.co-berlin.org/irving-penn-centennial-berlin

 

Ich hatte Kontakt mit Antonio Gaudí, da kannte ich ihn noch gar nicht. Mit sechzehn Jahren saß ich auf einer Bank in Barcelona und schaute auf die Stadt; mit einer gewissen Sarah Lopez. Sarah kannte Antonio auch nicht, aber sie war hinreißend. Es war im Park Güell, und der ist, wie wir wissen, von Antonio Gaudí und liegt auf einer Anhöhe über Barcelona.

~Antonio Gaudí: Vom Sohn eines Kupferschmiedes zum genialen Architekten.~

Antonio Gaudí wurde am 25. Juni 1852 in Reus, möglicherweise in Riudoms, Spanien, als Sohn eines Kupferschmieds geboren. Sein Großvater und sein Urgroßvater waren ebenfalls Schmiede, Kesselschmiede, und das prägte. Wie es heißt, wurde er früh in der Werkstatt seines Vaters mit geometrischen Formen konfrontiert. In einer Schule der Piaristenpater in Reus und später auf der Architekturschule in Barcelona war er ein mittelmäßiger Schüler, wie alle späteren Berühmtheiten, aber ein begnadeter Zeichner. Beim Abschluss des Studiums 1878 am Institut Elies Rogent soll der Direktor gesagt haben: „Qui sap si hem donat el diploma a un boig o a un geni: el temps ens ho dirà.“ (Wer weiß ob wir den Titel einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben – nur die Zeit wird es uns sagen.)

Um es gleich vorwegzunehmen, Antonio Gaudí wurde zum Genie, er ist immerhin der herausragendste Vertreter des spanischen Jugendstils. Das zeigte mir schon damals seine steinerne Bank im Park Güell, die weit geschwungen und mit Mosaiken reich dekoriert war. Im Park Güell findet sich auch das Wohnhaus Gaudís, zwei Pförtnerhäuser, der besagte Terrassenplatz und weitere schöne Dinge mit den so charakteristischen Mosaiken. Antonio verwendete nämlich gleich die Abfallscherben der nahen Keramikfabrik. Der Namensgeber des Parks, der Industrielle Eusebi Güell, wurde in der Folge zum wichtigsten Mäzen Gaudís. Neben vielen Bauwerken Antonios, nicht nur in Barcelona, ist die Sagrada Família das Bekannteste und es ist schon deswegen merkwürdig, weil es anscheinen nie vollendet wird. Der Herrgott hat zur Vollendung unserer Erde, und da ist meines Wissens der Himmel auch dabei, nur sechs Tage gebraucht, und die Oberfläche der Erde ist immerhin 510,1 Millionen Quadratkilometer groß. Die Sagrada Família ist da wesentlich kleiner.

~Die Sagrada Família: Die Jugendstilkirche die anscheinend nie fertig wird.~

Mit dem Bau des „Temple Expiatori de la Sagrada Família“ wurde 1882 begonnen, auf einem freien Feld mehrere Kilometer vom damaligen Stadtkern entfernt. Es war auch nicht Gaudí, der erst die Ehre hatte, sondern Francesc del Villar. Ab 1883 gestaltete Antonio Gaudí die Pläne um und es entstand etwas Wunderbares: eine Kirche, die es so noch nicht gegeben hatte, moderne, von der Natur übernommene Formen mit einer ganz private Spiritualität in Szene gesetzt. Überall finden sich fantastische Figuren und Details, Zitate an Flora und Fauna. Das Schönste sind die zwölf spindelartigen Türme, an denen zu jeder Zeit irgendwo ein Kran klebt. Sie sind immer noch in Bau, teilweise 115 Meter hoch, und erinnern den despektierlichen Betrachter an Maiskolben. Der größte geplante, in deren Mitte, soll dereinst 170 Meter hoch werden. Oh Gott! Auch das Mittelschiff ist nun prächtiger denn je, Dank der Spenden, die arme Pilger in die kleinen Holzschatullen bei der Besichtigung werfen. Und natürlich Dank der umsichtigen Unterstützung Wohlhabender, von der konservativen Klientel der katholischen Kirche, aber auch selbst von Japanern. 2026 sollen die Baumaßnahmen abgeschlossen sein. Die Sagrada Família liegt nun inmitten der wuchernden Stadt und das Wahrzeichen hat jährlich über zwei Millionen Besucher. Unnötig zu sagen, dass sowohl der Park Güell als auch die Sagrada Família UNESCO Weltkulturerbe sind.

Antonio Gaudí, der Sohn eines Kupferschmieds aus dem Örtchen Reus, avancierte zum gefeierten Vertreter des katalanischen Jugendstils, ja zu seinem Begründer. Am 7. Juni 1926 wurde er auf dem Weg vom „Oratorium des heiligen Philipp Neri“ zu seiner Sagrada Família von einer Straßenbahn erfasst. Passanten verbrachten ihn auf Grund seines etwas verwahrlosten Äußeren zunächst ins Armenhospital „Hospital de la Santa Creu“. Am 10. Juni 1926 verstarb er. Nun ruht er mit päpstlichem Segen  in der Krypta der noch unvollendeten Sagrada Família.

Bilder zur Sagrada Família finden Sie auf der offiziellen Website http://www.sagradafamilia.org/. Das Portrait ist aus einem meiner Bücher über Gaudí. Eine weitere, interessante Webseite zum Museum im Park Güell finden Sie unter: http://www.casamuseugaudi.org/cat/index.htm

 

Ich habe in meinem Leben vielleicht zweimal einen Toast Hawaii gegessen, maximal, und noch nie eine mit einer Mandel gefüllte Erdbeere. Sie vielleicht? Altgediente Gourmets mögen es mir verzeihen, wenn ich mit einer für mich absolut neuen Entdeckung aufwarte. Ich bin ja nicht von hier und mein Geschmack ist eher italienisch oder französisch geprägt. Vielleicht noch durch die Pfadfinderküche. Letztere ist so ähnlich wie die Survival-Küche von Rüdiger Nehberg und lange nicht so reichhaltig wie die im Dschungelcamp.

~Clemens Wilmenrod: Damit begann das Elend mit den Fernsehköchen.~

Aber zurück zum Toast Hawaii. Der ist, wie wir wissen, eine Errungenschaft des deutschen Wirtschaftswunders und erfunden hat ihn auch jemand: Carl Clemens Hahn, oder besser bekannt unter seinem Künstlernamen Clemens Wilmenrod. Der lebte von 1906 bis 1967, also genau im richtigen Moment. Clemens war eigentlich Schauspieler, aber eher unterbeschäftigt. Anlässlich eines Bewerbungsgesprächs im neu entstandenen Sender NWDR sah er sich aus lauter Langeweile bei der Warterei und eher zufällig eine naturkundliche Sendung an. Und da geschah es. In einem Interview mit dem Radiomann Herbert Hoven schilderte er seinen Geistesblitz später so: „Meine Frau und ich sahen einen Berliner Giftforscher mit einer Schlange hantieren – in Großaufnahme. Man sah nur die Hände des Forschers, der das Tier kameragerecht placierte und ihm aus den triefenden Kiefern das glitzernde Gift entnahm. Es war aufregend im Höchstmaße! Nach Schluss der Sendung zerrte ich meine Frau in die nächste Kneipe. ,Stell dir vor‘ flüsterte ich, ,dieses Biest wäre ein Omelett gewesen.‘ “

~Der Toast Hawaii: Errungenschaft des Wirtschaftswunders.~

Omelett? Aber wissen Sie was? Der Fernsehkoch war geboren. Der Vater aller Lafers und Mälzers und wie sie alle heißen. Der gelernte Schauspieler kapierte, dass man nur etwas in Großaufnahme demonstrieren muss, um die Herzen der TV-Zuschauer im Flug zu gewinnen. Vor allem der weiblichen. Denn Clemens, der sich fortan nach seinem Geburtsort „Willmenrod“, aber nur mit einem „l“ nannte, wurde zum Schwarm aller Schwiegermütter. Und nicht nur derer. Etwa so wie Kloppo heute. Dabei konnte Carl Clemens Hahn gar nicht kochen. Nicht die Bohne. Das tat seine Frau Erika und ein Schnellbräter der Marke „Heinzelkoch“ im Off des Fernsehstudios des NWDR und später des WDR. Das Ganze wurde ihm dann appetitlich ins Bild gelegt und er fummelte nur noch etwas daran herum. Aber schauspielern konnte er hervorragend. In 185 Sendungen begrüßte er seine Fans mit etwa dem Satz: „Ihr lieben goldigen Menschen.“

~Ketchup: Unverzichtbar für die Wilmenrodsche Küche.~

Daraufhin legte er zur besten Sendezeit am Freitagabend los. Ungeniert kreierte er seinen „Toast Hawaii“, das „Arabische Reiterfleisch“ und eben die mit einer Mandel gefüllte Erdbeere. Als ihm daraufhin ein Studiozuschauer – denn die gab es schon damals während dieser Sendungen – zurief, das wäre nicht neu, fuchtelte er mit seinem scharfen Messer herum und drohte, es sich durch seine Wilmenrod-Schürze in die Brust zu rammen, wäre nur ein Mensch auf diesem Erdball, der schon einmal eine Erdbeere gefüllt hätte. Nur ein einziger. Wilmenrod schuf nicht nur ein völlig neues Genre, sondern er beeinflusste auch das Kaufverhalten der Wirtschaftswunderdeutschen enorm. Quälte er einen Kabeljau, war andertags der Kabeljau in Minuten ausverkauft. Überall. Von Flensburg bis Saarbrücken. Er verhalf dem Knoblauch zur Popularität, dem Olivenöl, der Pasta und Pizza. Er revolutionierte deutsche Gewohnheiten und war sich aber auch nicht zu schade, zwanglos Dosengemüse mit Innereien zu kredenzen. Fertigsoßen und Ketchup waren natürlich Pflicht. Schon bald, wohl auch durch seine geschäftstüchtige Frau angespornt, begann er seine Popularität zu nutzen und erfand am deutschen Bildschirm das Product Placement. Er machte den Rumtopf populär, ganz einfach weil er einem Rumvermarkter – Ihnen kann ich es ja sagen, es war Pott Rum – gefällig sein wollte. Als sein Konterfei auf immer mehr Produkten erschien, bekam er Ärger. Dem Magazin „Der Spiegel“ war diese Debatte 1959 sogar eine Titelstory wert.

~Die unschuldige Erdbeere: Gut versteckte Mandel.~

In der Sendung mit dem Titel „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“ verzauberte er von 1953 bis 1964 alle Hausfrauen und verblüffte er alle Ehemänner. Er war ein Idol. Später, als er seine Sendung anspruchsvoller gestalten wollte, erfand er die Anrede „Liebe Freunde in Lucullus“ und „Verehrte Feinschmeckergemeinde“. Seine feuilletonistischen Kochbücher erreichten eine für damalige Verhältnisse beträchtliche Gesamtauflage von 250.000 Exemplaren. Bei Hoffmann und Campe und danach bei Rowohlt. Am 12. April 1967 starb Clemens Wilmenrod in einem Münchner Krankenhaus von eigener Hand und, wie es hieß, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Er hatte Magenkrebs. Er ruht nun da wo er hingehört, in Willmenrod mit zwei „ll“. Im Auftrag des NDR wurde sein Leben gerade von filmpool Köln unter dem Titel „Es liegt mir auf der Zunge“ mit Jan Josef Liefers und Anna Loosverfilmt. Danke für die Aufmerksamkeit, ihr lieben goldigen Menschen.

~Reminiszenz an Wilmenrod: Entwurf für meine neue Bratpfanne.~

 

Teile des Werkes von Jean Tinguely lernte ich zum ersten Mal auf der Expo in Lausanne kennen. Damals galt der Schweizer Maler und Bildhauer als Bürgerschreck, für viele zumindest. Mich haben seine rostigen Maschinen, die sinnlos – so schien es – arbeiteten, sofort fasziniert. Ist das Kunst? Bei Tinguely erübrigt sich die Frage, es ist Kunst total, bürgernah, lustig, „elektrisierend.“

~Der Tinguely-Brunnen vor dem Theater in Basel.~

Die Vita Tinguelys ist ungewöhnlich: er war Schaufensterdekorateur, „Güfelistecker“, und auch Kommunist. Also jemand, den viele nicht ernst nehmen wollten. Ich habe seine skurrilen Phantastereien schon früh gemocht, vor allem seine Arbeiten mit Niki de Saint Phalle, mit der er in zweiter Ehe bis an sein Lebensende zusammen war und auch gearbeitet hat. Er ist als Künstler von Weltrang 1991 verstorben, im Inselspital in Bern. Aber seine Arbeiten haben nicht nur für mich die Kunstwelt verändert: Kunst wurde demokratisch(er), freundlich(er), unterhaltend(er). Seine Arbeiten erfreuen überall Menschen, in Basel, in Zürich, in Paris, in Moskau, in North Carolina etc. Zusammen mit Bernhard Luginbühl gehört er zu den interessantesten Bildhauern der jüngeren Kunstszene (des vergangenen Jahrhunderts) in der Schweiz. Darüber thront nur der große Alberto Giacometti, vielleicht noch Jean Arp (der Deutscher war, aber in der Schweiz teilweise lebte).

~Der Tinguely-Brunnen in seiner ganzen unnützen Pracht.~

Irgendwann im Winter stand ich in Basel vor dem Theater. Die Luft war eisig und klar. Es war einer der seltenen Tage, die ich nicht gerne missen würde, denn ich stand vor dem Tinguely-Brunnen. Die Maschinen, die sonst ratterten, Wasser schaufelten, Wasser spieen, waren ihrer Bestimmung beraubt. Die Skulpturen im Brunnen waren festgefroren und mit Eis bedeckt. „Dr Schuffler“ (der Schaufler) schaufelte nicht mehr. „Dr Waggler“ (der Wackler) wackelte nicht mehr. „Dr Suuser“ (ist sonst ein junger Wein in der Schweiz, hier ein Sausewind) sauste nicht mehr. Aber es war schöner als sonst, es war ein Stück winterlicher Poesie. Die Sonne reflektierte im Eis. Wahrscheinlich mochte Tinguely den Brunnen in diesem Zustand besonders gerne, kam doch zu seiner Kreativität etwas Zusätzliches, wie es nur die Natur hervorbringen kann. Die Skulpturen wurden noch abstruser, schöner. Bingo! Das ist der Eindruck fürs Leben, ohne das man sich Kunst erarbeiten muss. Das versteht sich von selbst.

~Der Tinguely-Brunnen mit einer eingefrorenen Fontäne.~

Nun ist der Tinguely-Brunnen natürlich zu jeder Jahreszeit schön, die Natur macht auch im Sommer mit, etwa, wenn sich der erste oder letzte Sonnenstrahl in der Wassergischt bricht. Wer auf Tinguely neugierig geworden ist, dem empfehle ich das Museum Tinguely, ebenfalls in Basel (http://www.tinguely.ch), das ein Chemiemulti dem Ex-Kommunisten spendiert hat. Und natürlich die Auseinandersetzung mit der großartigen Niki de Saint Phalle.

~Der Tinguely-Brunnen mit einem Wasserrad.~

Eines gibt es noch, ein Freund hat mich daran erinnert: großartige Künstler haben großartige Helfer. Ein ferner Freund von mir hat Beuys bei der Installation seiner Werke in Ausstellungsräumen geholfen. Keiner stellte Installationen so gut hin wie Beuys selbst, mit seinen Vertrauten, meint er. Niki und Jean hatten diese großartigen Helfer auch, schon bei der Herstellung der Kunstwerke. Nikis Nanas zum Beispiel haben einen Unterbau aus Metall. Für die „Hall of Fame“ (nur in Vertretung): Marcelo Zitelli (Assistent von Niki de Saint Phalle), Sepp Imhof (Mitarbeiter von Jean Tinguely).

~Der Tinguely-Brunnen mit einer Maschine.~

 

Niki de Saint Phalle, mit bürgerlichem Namen Cathérine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle (wirklich), war eine der ungewöhnlichsten Frauen, Malerin und Bildhauerin, die die Kunstwelt hervorgebracht hat. Sie wurde 1930 in Neuilly-sur-Seine (bei Paris) geboren und verstarb 2002 in San Diego, USA.~Niki de Saint Phalle in jungen Jahren.~

Ihre Lebensgeschichte war so ungewöhnlich wie es ihre Kunst ist. Sie stammte aus einer vornehmen Familie, Ihr Vater war der Spross einer Landadelsfamilie, Bankier und missbrauchte sie, als sie elf Jahre alt war. Die gehobene Gesellschaft schwieg. Die Mutter war Amerikanerin und großbürgerlicher Herkunft. Niki lebte mit ihrer Familie während des Faschismus in Amerika, dann wieder in Frankreich, teils bei den Großeltern und teils im Internat. Traurig.

Umso bemerkenswerter ist das, was sie aus ihrem Leben gemacht hat. Hübsch wie sie war, arbeitete sie als Model, bevor sie sich der Kunst zuwandte. Dazwischen nahm sie Schauspielunterricht, heiratete einen Harry Matthews und bekam zwei Kinder. Später einen Nervenzusammenbruch; sie wurde wegen Suizidgefahr in eine Klinik in Nizza eingewiesen.

~Der Tarot-Garten: Die Herrscherin.~

1953 entstanden ihre ersten Bilder, die so genannten „Schiessbilder“ (Tirs), schneeweiße Gipsreliefs mit Farbbeuteln, auf die sie während der Vernissage schoss, bis sich die Farbe über das unschuldige Weiß ergoss. „Ich schoss gegen Daddy, gegen alle Männer, gegen alle, gegen die Gesellschaft, gegen mich selbst.“

In Paris lernte sie ihren zweiten Ehemann, Jean Tinguely, und andere Mitglieder der Künstlergruppe „Nouveau Realisme“ kennen. Etwa Yves Klein und Marcel Duchamp. Sie war die einzige Frau in diesem exquisiten Verein. Ab 1964 entstanden die großen „Nanas“, fröhlich-bunt bemalte, sehr weibliche Frauenfiguren aus Polyester. Diese Nanas sind das, wofür ich Niki de Saint Phalle liebe und verehre. Es ist Kunst, die von einer unglaublichen Lebensfreude ist, an der jeder teilhaben darf, unabhängig von Nationalität oder Bildung. Eigentlich selbstverständlich, aber leider nicht immer praktiziert. Kunst von einer starken und außergewöhnlich begabten Frau. Das Wort „Nana“ entstammt übrigens der französischen Umgangssprache und bedeutet „Göre“ oder „Mietze“, und so sind denn die Skulpturen auch durchaus erotisch.

~Der Tarot-Garten: Weg zur Herrscherin.~

Es gibt viele Arbeiten von Niki de Saint Phalle überall auf der Welt, hier nur ein kleiner Hinweis zu einem fantastischen Projekt in Italien, dem „Il Giardino dei Tarocchi“ oder dem Tarot-Garten in der südlichsten Toscana. Der parkähnliche Garten mit Olivenbäumen und knorrigen Korkeichen beherbergt wunderschöne begehbare Monumentalskulpturen nach Motiven der 22 Karten des Tarot-Spiels. Der „Herrscherin“ etwa, dem „Magier“, der „Hohepriesterin“, dem „Narr“, dem „Rad des Schicksals“, dem „l´arbre de la vie“, dem “l´oiseau de feu“, dem „Hierophant“, der „Sphinx“ etc. Allein schon die Namen der Werke sind Poesie. Sie sind mit viel Liebe und etwas Hilfe von Jean Tinguely und Vermittlung ihrer Freundin Marella Agnelli entstanden. Von italienischer Handwerkskunst beeinflusst, spielte sie erstmals mit Spiegel-, Glas- und Keramikmosaiken. Vieles im Garten erinnert ein wenig an Antonio Gaudi – eine würdige Verwandtschaft.

~Der Tarot-Garten: Der Hierophant.~

Niki sagte zum Tarot-Garten: „Er soll ein begehbares Sinnbild sein für die Prüfungen, die ein Mensch durchlaufen muss, um geistig zu reifen. Er beinhaltet sowohl Elemente der klassischen Gartenkunst, wie auch mystische Elemente der Kabbala“. Sie wohnte während der Bauarbeiten in der Sphinx und sah sich in der Karte des Narren. „Der Narr geht herum mit der Nase in der Luft auf der Suche nach geistiger Identität – und genau das tat ich, als ich den Garten baute“. Finanziert hat sie diesen Wundergarten mit einem eigens kreierten Parfum.

Am 21. Mai 2002 ist Niki de Saint Phalle in San Diego verstorben. Ich habe sie kurz zuvor in einem TV-Interview gesehen und sie sprach davon, dass die Luft in Kalifornien ihr gut täte. Polyesterdämpfe sind ungesund.

~Der Tarot-Garten: Schloß des Herrschers.~

P.S. Ein Besuch des Tarot-Gartens lässt sich unschwer mit einem Badeurlaub bei Grosseto verbinden. (Wir hatten mit großer Gruppe ein wunderschönes Haus direkt am Strand gemietet). Noch etwas weiter südlich gibt es einen „trompe d’oeil“-Garten aus der Renaissance-Zeit, der eines gesonderten Beitrags würdig ist. Und nördlich winkt die kulturelle Wucht der Toscana.

~Karte zur Fondazione „Il Giardino dei Tarocchi“.~

 

1969 kamen neun großformatige Bilder Mark Rothkos in die Tate Gallery, die darauf den permanenten „Rothko Room“ installierte. Meines Wissens handelt es sich um Werke, die ursprünglich in den späten 1950er Jahren für das Restaurant „Four Seasons“ im Seagram Building auf der New Yorker Park Avenue konzipiert waren. Der Raum in der Tate ist wie geschaffen für die Werke des außergewöhnlichen Künstlers, liegt er doch in einer ruhigen Ecke der Modern Tate und es herrscht gedämpftes Licht. Vorzugsweise besuche ich diesen Raum zu Zeiten, an denen zu erwarten ist, dass man ungestört bleibt. Für Rothko braucht man Ruhe und Zeit. Viel Zeit.

~Mark Rothko: Für mich einer der grössten Künstler der Farbfeldmalerei.~

Mark Rothko wurde am 25. September 1903 als Marcus Rothkowitz im russischen Dwinks als viertes Kind des jüdischen Apothekers Jacob und seiner Frau Anna Goldin Rothkowitz geboren. Antisemitische Pogrome im Zarenreich machten das Leben unerfreulich und die Familie entschloss sich 1912, in die USA auszuwandern. Nach einem nicht abgeschlossenen Studium an der Yale University zog Marcus Rothkowitz 1923 nach New York. Bis 1927 nahm er Schauspielunterricht und studierte auch Malerei bei Max Weber. 1929 begann er seine Lehrtätigkeit an der Center Academy of the Brooklyn Jewish Center. 1932 heiratete er Edith Sachar. 1938 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an und nannte sich nun Mark Rothko. Er war Gründungsmitglied der Artist Union in New York und später formierte er die unabhängige Künstlergruppe „The Ten“ mit. 1945 heiratete er erneut und hatte mit Mell Beistle die Tochter Kate und den Sohn Christopher.

~So ähnlich in der Tate: Brown Black Sienna on Dark Wine, 1963.~

Mark Rothko gehört mit seinem ab 1949 entstandenen Hauptwerk zu den bedeutendsten Repräsentanten des Abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei. Die Werke in der Tate Gallery gehören dazu. Es sind großformatige Ölgemälde, teilweise in Dimensionen bis zu 300 cm, die sich durch monochrome, übereinander geschichtete, verschwommene Farbflächen auszeichnen. Sie haben bezeichnende Namen, wie „Black on Maroon“ oder „Red on Maroon“, was Ihnen einen Hinweis auf die Wucht der Farbkraft geben sollte. Maroon ist eine göttliche Farbe, in der Mystik und auch sonst.

Rothko liebte Michelangelos Laurentianische Bibliothek in Florenz mit ihrer zurückhaltenden Lichtstimmung. So ist es in der Modern Tate, im Rothko-Raum. Rothko empfahl auch, seine grandiosen Gemälde aus zirka 45 cm Entfernung zu betrachten. Ich habe es schon das erste Mal instinktiv so gemacht, ich konnte nicht anders. Ich versuchte, der Struktur seiner kaum wahrnehmbaren Pinselstriche zu folgen, die Begrenzungen der Farbflächen zu orten, die Farbe in mich aufzunehmen. Ich kann mir vorstellen, dass beinahe jeder Mensch auf unserem Erdball von dieser tiefen Ehrfurcht ergriffen wird, die ich dabei empfand. Meist war es so, dass ich nach einer unendlichen Ewigkeit aus einem köstlichen Traum aufwache und feststelle, dass ich das Denken völlig eingestellt hatte. Rothko ist für mich die reinste Form der Meditation. Die Farbflächen sind dazu da, in ihnen zu versinken. Echt.

~Sugestiv: Yellow over Purple, 1956.~

Schon 1947 formulierte Rothko: „Ein Bild lebt durch die Gesellschaft eines sensiblen Betrachters, in dessen Bewusstsein es sich entfaltet und wächst. Es stirbt, wenn diese Gemeinschaft fehlt. Deshalb ist es ein gewagtes und gefühlvolles Unterfangen, ein Bild in die Welt zu entsenden.“ Rothko kommentierte sein eigenes Werk nie und lehnte es nach 1950 kategorisch ab, interpretatorische Hinweise zu seiner Kunst zu geben. Rothko war religiös, auf irgendeine Art und Weise, er zehrte vom Alten und Neuen Testament, von Mythen und Archaismen. Er suchte die ewige Gültigkeit. Am 25. Februar 1970 wählte Mark Rothko den Freitod.

„Es wäre schön, wenn man überall im Lande Orte einrichten könnte, ähnlich kleinen Kapellen, in denen ein Reisender oder Wanderer eine Zeit lang über ein einziges, in einem kleinen Raum hängendes Bild meditieren könnte.“ (Mark Rothko, 1954)

Kleiner Hinweis: Es sind hier nicht nur Bilder aus der Tate gezeigt. In der Tate Gallery sind sie vorwiegend rötlich. De Reproduktionen geben einen nur sehr unzulänglichen Eindruck. Die Körperlichkeit der Farbflächen spürt man nur, wenn man direkt davor steht, in der Modern Tate.

~Körperlichkeit der Farbflächen: Green on Blue, 1956.~

Irritationen um Beuys

März 14, 2018

Eigentlich habe ich gedacht, ich hätte meinen Beuys verstanden. Ich meine damit den von einigen immer noch umstrittenen Künstler Joseph Beuys. Dass er von diesen abgelehnt wird, hat nur mit Unkenntnis oder Nachplappern von Vorurteilen zu tun. Ein Scharlatan war er nie, vielleicht ein Schamane. Ein Künstler, der ungewohnte Wege ging.

Beuys gelangte einige Male zu ungewollter Prominenz. So kann er nichts dafür, dass es 1987 einen Ata-Werbespot gab, in dem ein Kunstwerk, eine Badewanne mit Fettecken, von zwei tüchtigen Putzfrauen irrtümlich gereinigt und das Werk somit zerstört wurde. Beuys war schon damals für seine Fettecken berühmt. Mir war aber lange nicht bekannt, dass es für diesen Spot ein Vorbild in der Realität gab. Im Herbst 1973 suchten zwei SPD-Frauen, Marianne Klein und Hilde Müller, etwas um Getränke für eine Feier im Museum Schloss Morsbroich zu kühlen. Sie fanden die Beuys-Badewanne im Magazinraum, wo sie für eine Ausstellung zwischengelagert war. Da die Badewanne von Beuys mit Mullbinden, Pflastern und Fett versehen war, versuchten die zwar ordentlichen, aber ahnungslosen Damen die Badewanne für ihre Kühlzwecke zu reinigen. Opela, ein Kunstwerk von damals 80.000 D-Mark war zerstört. Dies und weitere irrtümliche Fettecken-Zerstörungen machten Beuys zwar auch unter Neue-Revue-Leserinnen bekannt, beschädigte aber auch seinen Ruf als ernstzunehmender Künstler. Beuys übrigens hat das Ganze belustigt hingenommen.

~Sagenhaft: Die Badewanne von Joseph Beuys.~

Zugegeben, Beuys macht es einem mit seinem Filz und Fett, seinen Aktionen, nicht leicht. Wenn man sich aber nicht nur damit abfinden will, dass er ein international sehr anerkannter Künstler ist, dessen Werke mit gigantischen Summen gehandelt werden, sondern einiges verstehen will, braucht es guten Willen und sehr viel Zeit. Aber das ist es mir zumindest wert. Und ich glaubte, einiges verstanden zu haben. Außerdem mag ich seine Art, Kunst und die Welt zu sehen. Banal und uninteressant wie viele neuere Kunst ist es nie. Und wenn es Leute gibt, die meine Begeisterung nicht teilen, empfehle ich zumindest seine Aktion zur Documenta 1982 in Kassel, wo er mit Helfern 7000 Bäume, begleitet von jeweils einem Basaltstein, in die Erde wuchtete. Diese künstlerische und ökologische Intervention in den urbanen Raum ist doch auch für Skeptiker interessant. Welcher Künstler pflanzt schon 70000 Eichen? Das ist doch Kunst zum Allgemeinwohl.

~Nützlich: 7000 Eichen in Kassel.~

So, also mein Glaube zu Beuys war bis vor kurzem unerschütterlich. Aber ich machte den Fehler, eine Veranstaltung vom Kunstverein Schaffhausen zu besuchen. Da wurde eine so genannte Filmbiografie von Andres Veiel über den Künstler Beuys gezeigt. Sie wurde mit Lob angekündigt. Vor allem ihre neuartige optische Darstellungsweise wurde erwähnt. Mich hat sie fertig gemacht. Weil Veiel wohl glaubte, man müsste Beuys neuartig inszenieren, gab es unendlich oft den Blick auf einen Leuchtkasten mit Dias, aus denen einzelnen sich dann eine Filmsequenz entwickelte. Jedes Kind weiß, dass Dias Dias sind und Film Film. Durch dieses optische Gedöhns wurden die zum Teil erstmals gezeigten Archivfilme über Beuys überlagert. Wer Beuys nicht verstehen wollte wurde darin bestärkt. Kuddelmuddel. Mühsam gelang es mir, mich auf das Wesentliche und für mich Neue zu konzentrieren.

Über seine Zeit als Gründungsmitglied der Grünen wusste ich wenig. Und ich hatte wohl verdrängt, dass Beuys mit 15 Jahren Mitglied der Hitlerjugend war. Pfui. Belustigt erfuhr ich, dass er seinen Flugzeugabsturz als Bordschütze mit der Stuka am 16. März 1944 nur deshalb so glimpflich überlebte hätte, weil er von nomadisierenden Krimtartaren acht Tage lang mit Filz warmgehalten und seine Wunden mit Fett gepflegt worden wären. Dies ist natürlich etwas, womit er eine Legende bilden wollte und frei erfunden war. Selbst seine Frau, die meine Vorliebe für sein Filz und Fett teilt, glaubte ihm nicht. Aber so war er eben. Viel tiefgründiges, Neues und etwas Nebelkerzen. Nach etwas Verärgerung über die unglückliche Optik des Films war ich dann trotzdem zufrieden. Es wurden nämlich noch weitere mir unbekannte Filmdokumente gezeigt und der Rahmenvortag von Christoph Bauer, Museumsleiter vom Kunstmuseum Singen, war lustig und äußerst informierend. Und ich war baff, dass die Mitglieder des Kunstvereins äußerst interessiert wirkten. Eine wichtige Person sagte mir anschließend „Jetzt sehe ich Beuys mit andern Augen“. Wie er das wohl gemeint hat?

~Ärgerlich: Beuys-Werk „Das Kapital“, verschwunden aus den „Hallen für Neue Kunst“.~

Man muss abschließend aber dankbar sein, dass Schaffhausen etwas für moderne Kunst tut. Nach dem Debakel um das Beuys-Werk „Das Kapital“, das die „Hallen für Neue Kunst“ unter Urs Raussmüller zwar erworben, aber wegen nicht geklärter Eigentumsrechte wieder verloren hatten, gibt es für Kunstinteressierte wenig Grund nach Schaffhausen zu reisen. Ein Debakel war es auch deshalb, weil Raussmüller so lange prozessiert hatte, bis der Etat der Hallen alle war.

 

Sirenen

Februar 16, 2018

In der Schweiz gibt es, neben vielen andern Merkwürdigkeiten, eine ganz besonders laute. Nein, es sind nicht die Alphörner, sondern es ist der Sirenentest. Landauf landab ertönen zum gleichen Zeitpunkt jährlich vehement laut, ja markerschütternd, sämtliche Sirenen auf allen Hausdächern. So auch in Schaffhausen, am vorletzten Mittwoch zwischen 13.30 und 14.15 Uhr. Böse Zungen behaupten, es wäre der Beamtenweckruf. Damit ist der Impuls an jene tüchtigen Zeitgenossen gemeint, die angeblich auf ihren bequemen Bürotischen schlafen. Und das in den schön renovierten Bürgerhäusern in der Stadt, denn viele Ämter sind quer durch die Innenstadt in diesen Kleinoden verteilt.

~Aufklärung: Plakate informieren.~

Um gleich mit obigen schändlichen Vorurteilen aufzuräumen sei klargestellt, dass man nur die Funktionstüchtigkeit der Sirenen testen will. Denn Sirenen können Leben retten, wie die Schaffhauser Polizei im Internet und auf Plakaten mittteilt. Der allgemeine Alarm soll bei Katastrophen aller Art warnen. Es ist daher eine Übung. Und damit gleich die Ehre der Staatsdiener wieder hergestellt wird, sei gesagt, dass viele Bedienstete wie die von der Feuerwehr an diesem Mittag tüchtig im Einsatz waren.

~Sirene: Die Ruhe vor dem Sturm.~

In der Schweiz gibt es beinahe für alles Notfallpläne. So habe ich irgendwo zwischen Spaghettistangen und Dosentomaten eine Jodtablette in meinem Küchenschrank, zur Verfügung gestellt von der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Mit der Einnahme der Pille soll im Fall einer Nuklearkatastrophe verhindert werden, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Alle 4,9 Millionen Einwohner im Radius von 50 Kilometern von Kernkraftwerke entfernt erhielten diese Tablette, auch meine schilddrüsenkranke Nachbarin. Das hat ordentlich Geld gekostet, insgesamt 20 Millionen Franken. Dieser Radius soll zukünftig noch erweitert werden. Aber da sind die AKW-Betreiber, organisiert in „Swissnuclear“, dagegen. Denn sie sollen sich an den Kosten der Jodtabletten künftig beteiligen. Ihrer Ansicht nach wäre die Möglichkeit eines Unfalls verschwindend gering. Statistisch.

~Bombardierung: Kriegsgeschenk der Alliierten für Schaffhausen.~

Zurück zu den Sirenen. Es ertönte ein regelmäßig auf und absteigender Heulton. So laut, dass ihn selbst unsere liebenswerten Nachbarn ennet der Grenze aufschreckten. So richtig gern hören ältere Schaffhauser Sirenen im Allgemeinen nicht. Sie erinnern sich an den 1. April 1944, als alliierte Bomber angeblich irrtümlich Teile von Schaffhausen in Schutt und Asche legten. 40 Menschen kamen ums Leben und 270 wurden verletzt. Offiziell wurde das von den Alliierten auf Navigationsfehler zurückgeführt. Aber da sie auch in Zürich, Oerlikon, Le Noirmont, Thayngen und Basel bombten, konnten das unmöglich Verwechslungen gewesen sein. Oder doch? Ich traue den Amys zumindest zu, dass sie in europäischer Geografie nicht so fit sind. Amerikanische Freunde, obwohl gebildet, wussten vor der Wiedervereinigung noch nicht mal, dass es zwei verschiedene Deutschlands gab. Und die Piloten verwechselten damals sogar Zürich mit Pforzheim, immerhin geografisch völlig unterschiedlich und viele Kilometer entfernt. Schwamm drüber, heute geht’s um Nordvietnam. Das ist Gott sei Dank weit weg von der Schweiz.