Oberkasseler Putten

Februar 27, 2017

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~Drakestraße: Putten satt.~

Nach dem Etymologischen Wörterbuch der Deutschen Sprache meint „Putte“ eine barocke Gipsfigur und der Begriff ist entlehnt aus dem italienischen „putto“, was soviel wie Knäblein bedeutet. Nun wissen wir alle, dass ab und zu altehrwürdige Hausfassaden auch von Engelchen geschmückt werden, die entweder weiblich oder sogar zwittrig sind. Im Grunde genommen geht es hier auch nicht um das Puttchen allein, sondern um Kunst am Bau schlechthin. Verzierungen, die dazu dienen, den bösen Nachbarn neidisch zu machen oder den blasierten Passanten zu erfreuen.

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~Luegallee: Pracht selbst am Kirchenseitenportal.~

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~Marktgrafenstraße: Figuren aus Stein.~

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~Cheruskerstraße: Ornamente aus Gips.~

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~Cheruskerstraße: Gips mit Backstein kombiniert.~

Putten sind meist aus Gips gefertigt, in unseren Breiten aber auch aus Sandstein gemeißelt. Etwa dem schönen mittelgrauen aus den Sprockhöveler Schichten, der etwa in Wetter an der Ruhr oder in Albringhausen abgebaut wird. Um es komplett zu machen: in diesem Sandstein sind vorwiegen Quarz-, Alkalifeldspat- und Plagioklasanteile zu finden. Was für eine Freude für den Steinhauer, wohlig rundliche Formen, elegante Gebärden und verschmitzte Gesichtszüge aus dem groben Klotz zu schaffen. Eigentlich ein Beruf, bei dem man sein Gehalt mitbringen müsste. Aber seien wir nicht vorschnell, die Steinmetzarbeit ist eine hohe Kunst. Zumindest wenn sie in Vollendung ausgeübt wird.

Putten aus Gips sind etwas einfacher herzustellen, denn hat man einmal die geniale Form gefunden, gießt man die Knäblein oder Weiblein ganz einfach seriell. Voilà. Gips wird in der Sprache der Chemiker als Calciumsulfat bezeichnet und ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der wasserhaltigen Sulfate. Irgendwo habe ich gelesen, dass Gips im Gegensatz zu Halit oder Calcit nur schwer im Wasser löslich ist. Dem entgegen steht die Feststellung von meinem Malermeister, dass Gips Feuchtigkeit zieht. Wunder über Wunder; so ist unsere Natur. Gips entstand übrigens geologisch durch Auskristallisieren aus Calciumsulfat-übersättigtem Meerwasser, und zwar wegen seiner geringen Wasserlöslichkeit als erstes Mineral noch vor dem Anhydrit. Und schon wieder was gelernt. Gips findet sich ganz natürlich auf der ganzen Welt, bei uns aber zum Beispiel im Neckar-Odenwald-Kreis, bei Osterode am Harz oder in Borken bei Kassel. Der Rohstoff Gips wird vorwiegend bergmännisch als Gipsgestein gewonnen. Was aber interessant ist, er fällt heute auch häufig als Nebenprodukt verschiedener chemischer großtechnischer Verfahren an. Gips gibt es also in Hülle und Fülle, wie unsere schöne Spalt-Tablette.

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~Cheruskerstraße: Irgendeiner brüllt.~

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~Barbarossaplatz: Stolz auf das Baujahr.~

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~Drakestraße: Ornamente und Natur.~

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~Drakestraße: Die gute Fee am Fenster.~

Wenn Sie nun als Heimwerker ausgerechnet an Gipskarton denken, muss ich Sie enttäuschen. Gips interessiert hier nur als weißes Pulver zum Anrühren mit etwas Wasser und zum Ausgießen einer schönen Form. Diese besteht heute aus Silikonkautschuk oder Gelatine. Spezielle andere Silikone kennen wir von Brustimplantaten und spezielle andere Gelatine vom Wackelpudding. Früher war das Formenmaterial Ton oder ein Leimgebinde. Der richtige Stuckateur rührt nun nicht einfach ein Gipspulver von Knauf an, sondern er verwendet ein Bindemittel aus Kalk und Gips, das mit Wasser und feinem Sand oder Marmormehl zu einem plastischen Brei verquirlt wird. Dieser bindet dann in die Form gegossen schnell ab. Der Versteifungsbeginn liegt etwa bei acht Minuten. Keine Zeit für die Bild-Zeitung. Am Bau werden dann die schönen Elemente mit einem Haftmörtel angeklebt und in schwereren Fällen mit Schrauben, Dübeln oder Drähten befestigt. Natürlich können die Dekorationen auch direkt vor Ort gefertigt werden. Der haftende Mörtel wird dann mit einer Grobschablone aus Holz in Form gebracht und danach fix mit einer Blechschablone nachgeformt. Ein Kinderspiel. Sollte Ihnen das hier zu spanisch vorkommen, fragen Sie doch einfach den Italiener Giovanni Battista Carlone, ein Meister seines Faches. Ein wahrer Stuckbildhauer. Bloß lebte der zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert und wird Ihnen schwerlich zur Verfügung stehen.

Nun ging es hier vorerst um Stuckarbeiten allgemein, die innen an Decken und eben auch außen an Hausfassaden zu finden sind. Diese wunderschönen Dekorationen an Häusern werden dann mit Leinöl gegen Feuchtigkeit imprägniert und mein oben genannter Malermeister wird in Ruhe staunen können. Und das kann er in Oberkassel: Auf der Cheruskerstraße, der Drakestraße, der Glücksburgerstraße, der Dominikanerstraße und weiteren exquisiten Wohnadressen. Neben den eingangs erwähnten Puttchen gibt es ordinäre Gesimse, prachtvoll stilisierte Bänder, geometrische Dekore und florale Motive. Und das nicht zu knapp. Stucco soweit das Auge reicht. Vor allem in der Höhe. Und dazwischen auch so manch besonderen Leckerbissen. Wie zwei lüsterne Satyrn, die mit wehendem Schweif und klotziger Hufe ein Weiblein und ein Männlein jagen. Nur weil diese einen Sack mit Trauben gestohlen haben. Und das auch noch ums Hauseck rum. Da hätten die Stuckateure der Wessobrunner Schule ihre helle Freude daran. Oder Giovanni Battista.

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~Marktgrafenstraße: Satyrn auf der Jagd.~

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~Cheruskerstraße: Gips nicht nur am Giebel.~

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~Luegallee: Florale Ornamente an der Hauptverkehrsstraße.~

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~Cheruskerstraße: Gips als Weltanschauung.~

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~Cheruskerstraße: Gips beinahe religiös.~

Sehen Sie dazu auch den schönen Artikel Oberkasseler Giebel. Und: Für diesen Artikel hätte ich tatsächlich ein Design für viele Bilder gebraucht. Aber ich will es nicht ändern. Texte sind mir wichtig.

 

Oberkasseler Giebel

Februar 19, 2017

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~Oberkasseler Giebel: Ein buntes Popurri.~

Als ich mit Buch und Katz vor langer Zeit nach Düsseldorf zog, fiel mir gleich das Viertel auf der linksrheinischen Seite auf, das man von der Altstadt aus so schön sieht. Normale Leute nennen es Oberkassel, die Eingesessenen und Sprachkundigen die „angere Sitt“. „Andere Seite“ auch deshalb, weil die Oberkasseler schon immer anders und sogar etwas etepetete waren und es auch heute noch sind. Von der erwähnten Altstadt aus sieht man also über den träge fließenden Rhein und die weiten Auen bis zur Häuserfront, die die Puppenstube begrenzt.

Puppenstube? Oberkassel wirkte auf mich beim ersten Mal tatsächlich wie eine Puppenstube, denn die Häuseransammlung im Rheinbogen ist schmuck und im Krieg kaum gebombt worden. So kommt es, dass viele dieser Kleinode aus den frühen Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts herrühren. Teilweise sogar noch früher gebaut wurden. Und so kommt es auch, dass die Oberkasseler Damen wie verwöhnte Gören wirken, die in ihrer Puppenstube schalten und walten. Um es kurz zu machen, Oberkassel ist eine etwas vornehmere Wohngegend und es treibt sich so ziemlich der bürgerliche Klüngel um. Aber auch viele Japaner, Architekten und Werber. Ich bin auch da, auf der Kiefernstraße wollten sie mich damals nicht haben. Und das, obwohl ich von der Karriere eines Hausbesetzers träumte.

Das vornehme Getue auf dieser anderen Seite hat aber auch Vorteile. Denn es versteht sich von selbst, dass die teilweise sehr schönen Jugendstil- und andern Häuser exzellent gepflegt sind. Vor allem auch die Giebel. Es dünkt mich, dass es beinahe wie in San Gimignano ist. Da protzte man zwar mit der Höhe der Häuser, der Geschlechtertürme. In Oberkassel sind es die Giebel, die Status vermitteln. Durch putzigen Putz, Ornamente, Materialien und Figürchen.

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~Dominikanerstraße: Für einmal schön zurückhaltend.~

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~Drakestraße: Die schönste in Oberkassel insgesamt.~

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~Drakestraße: Ein weiterer von vielen faszinierenden Giebeln.~

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~Glücksburgerstraße: Glücklich, wer da wohnt.~

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~Sonderburgstraße: Viele besondere Giebel.~

Nun sollte man natürlich vor Augen haben, was ein ordentlicher Giebel ist. Selbstverständlich ist der Giebel die Wandfläche eines Gebäudes, die zwischen den Ortgang-Linien eines geneigten Daches liegt. Und als Ortgang bezeichnet man den seitlichen Abschluss der Dachfläche am senkrecht stehenden Giebel. Beim ordinären Satteldach ist diese Wandfläche dreieckig. Ordinär sind sie meist in Oberkassel. Falls Ihnen das alles zu akademisch ist, ein Vorschlag zur Güte: Gehen Sie durch die Straßen Oberkassels und schauen Sie einfach nach oben. Wie dieser Hans Guck-in-die-Luft. Da wissen Sie was gemeint ist. An den bisweilen störenden Baumkronen zur Sicht sind nicht die Giebel schuld, sondern die Etepetete-Oberkasseler. Die mögen nämlich nicht nur Giebel, sondern auch Bäume.

 

Sie sollten sich bei Ihrem Luft-Spaziergang durch gar nichts beirren lassen, auch nicht durch hupende Autofahrer. Reviere wie die Drakestraße, die Dominikanerstraße, die Sonderburgstraße und die Glücksburgerstraße sind einen Kollateralschaden wert. Vor allem die Drakestraße. Da wird das ganze Füllhorn der Handwerkskunst ausgeschüttet. Dachgauben, Grate und Firste sind kunstvoll geformt. Tiere, Engelchen, Bösewichte und andere Fratzen grinsen. Verschlungene Ornamente geben Rätsel auf. Reichtum satt. Wenn Ihnen das in Ihrer Bescheidenheit zu opulent ist, hilft das Haus von Joseph Beuys. Es liegt gut versteckt in der Wildenbruchstraße hinter einem Vorplatz mit Tor. Und es ist etwas einfacher und keineswegs satteldachgiebelig. Aber ein kühn wölbender Schwung des Ortgangs ist da. Einfach aber schön. Ganz wie es der große Beuys liebte.

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~Wildenbruchstraße: Das Haus von Joseph Beuys.~

Sehen Sie dazu auch den schönen Artikel Oberkasseler Putten. Der kommt demnächst. Und Sie werden sicherlich wissen, dass ich mittlerweilen längst woanders wohne.

 

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~Alberto Giacometti: Frühes Selbstbildnis.~

Seitdem ich denken kann habe ich den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti verehrt. Er war ein ewiger Zweifler und hat trotzdem großartige Kunstwerke geschaffen. Nun zeigte das Kunsthaus Zürich vom 28. Oktober 2016 bis 15. Januar 2017 eine Sonderausstellung: „Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze“.

Der Bündner, am 10. Oktober 1901 im schönen Bergell geboren, stammte aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater Giovanni war post-impressionistischer Maler, sein Bruder Diego war ebenfalls Bildhauer, sowie Möbel- und Objektgestalter. Freunde der Kronenhallenbar in Zürich können heute noch seine wunderbaren Wandleuchten im schummrigen Licht der Bar sehen. Diego sollte sich auch zu einem unersetzlichen Helfer für Alberto bei wichtigen Vorarbeiten wie beispielsweise Gipsabgüssen und andere handwerkliche Arbeiten entwickeln. Alberto verstarb am 11. Januar 1966 in Chur.

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~Torso-Konzept: Umsetzung organischer Figuren in geometrische Elemente.~

Alberto Giacometti gilt unbestritten als einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist vom Kubismus, Surrealismus und Existenzialismus geprägt. Er verbrachte den wichtigsten Teil seines Lebens in Paris. Giacometti unterhielt Freundschaften mit den wichtigsten Intellektuellen seiner Zeit; zu Man Ray, Louis Aragon (den von mir so geliebten Schriftsteller), Alexander Calder, Jean Cocteau, Max Ernst, Joan Miró, Hans Arp, André Breton, Pablo Picasso, Francis Bacon und eben Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Gerade letzteres ist mir besonders wichtig. Alberto Giacometti gilt als der Bildhauer des Existenzialismus. Seine bildnerische Suche nach der Wahrheit führte zu diesen schlanken, von seinen ungeduldigen Händen geformten Figuren mit kräftigen Fingerabdrücken, die ihn in seiner wichtigsten Phase so markant machen sollten. Währen der Kriegsjahre in seinem Exil in Genf, eigentlich seiner Schweizer Heimat, gerieten seine Figuren durch eine Schaffenskrise immer kleiner. Man erzählt sich, dass er nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Paris zurückkam und das Werk seines Exils in sechs Streichholzschachteln passte: kleine, nervös und schmal geformte Skulptürchen.

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~Bemalter Gipskopf: Nicht nur eine Vorstudie zu den Bronzen.~

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~Arbeitsutensilien: Giacometti malte wunderbare, monochrome Portraits.~

Giacometti ist im Kunsthaus wohlbekannt. Es besitzt eine ständige Sammlung von ihm. Diese temporäre Ausstellung hatte es sich aber zum Ziel gemacht, tiefere Einblicke zur Entstehung seiner Werke zu geben. So finden sich Vorstudien in Plastilin, Ton und Gips. Diese Gipse, von denen viele als Vorlagen für Bronzegüsse dienten, wurden in einem vierjährigen Forschungsprojekt am Kunsthaus untersucht und restauriert. Die meisten dieser Gipse hat der Künstler intensiv bearbeitet – etwa mittels Einritzen, Abschaben oder auch Bemalen. Interessant für jemand, der Giacometti eigentlich gut kennt. Auch war die Ausstellung in 17 angedeutete Räume unterteilt, die den zeitlichen Fortgang seines Schaffens zeigten. So spiegelte ein Raum zum Surrealismus etwa die Größe seines Pariser Ateliers an der Rue Hippolyte Maindron 46. Auf dem Boden und auf Schemeln liegen Werke wie zufällig verteilt. Giacometti liebte es, Werke einer Phase zusammen zu sehen.

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~Surrealistische Phase: „Femme cuillère“.~

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~Surrealistische Phase: Raum, dem Atelier nachempfunden.~

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~Surrealistische Phase: Einzelwerk.~

Ich kann hier nicht alles wiedergeben, was Giacometti ausmachte. Interessant könnten etwa die Arbeiten an dem Torso-Konzepts sein: die Umsetzung organischer Figuren in geometrische Elemente. Hier zeigte sich der junge Giacometti in der Nähe zu Jacques Lipchitz und Constantin Brancusi; nachkubistisch und mir bis dahin wenig bekannt. Auch wenig bekannt: zu Ende von Giacomettis Mitgliedschaft in der surrealistischen Bewegung entstanden ist „Cube“, das vielleicht rätselhafteste Werk. Es ist völlig abstrakt, als Polyeder mit zwölf Facetten gestaltet, und wurde vom Künstler als seine einzige abstrakte Skulptur bezeichnet. Ironie: Er wollte eigentlich erst einen monumentalen Kopf schaffen. Natürlich gibt es in der Ausstellung auch den gewohnten Giacometti in Bronze: die „Femme cuillère“, den berühmten „Hund“, „Le Chariot“, „Homme qui marche“ etc. Schön war dieser Alberto Giacometti auch diesmal.

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~Bronze: Der berühmte Hund.~

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~Bronze: „Le Chariot“.~

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~Bronze: Gruppe auf Sockel.~

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~Bronze: Büsten.~

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 ~Bronze: Kopf mit wuchtigen Modellierspuren.~

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~Die rätselhaftesten Objekte: Serie „Cube“.~

Isidor Feinstein Stone war der investigativste Journalist, der mir bekannt ist („investigativ“ kommt vom lateinischen „investigare“ > aufspüren, genauestens untersuchen; aber das wissen Sie sicherlich). Er sagte „Jede Regierung lügt“. Vielleicht sollte man das nicht so absolut sehen. Aber so unwahr ist es nicht.

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Pünktlich zur Amtseinführung von Donald Trump möchte ich I. F. Stone gedenken. Trumps Vorwürfe an die Presse, „Ihr seid Fake News“, ist natürlich ungehobelt und gänzlich übertrieben. Einer, der andauernd selbst Fakes produziert, macht sich dadurch lächerlich. Auch die mittlerweile nicht mehr zu hörenden, hasserfüllten Stimmen „Lügenpresse“ der AfD-Anhänger ist schäbig.

I.F. Stone verfolgte andere, ehrenwerte Ziele. Der Amerikaner war dafür bekannt, dass er sich dem Mainstream der Medien entzog, genauestens recherchierte und unbestechlich war. Hätte man auf ihn gehört, hätte es zum Beispiel den Vietnamkrieg nie gegeben. Vieles Unsägliche andere auch. Aber wer hört schon auf einen einsamen Journalisten, wenn er sich mit der gesamten Politik und Wirtschaft anlegt?

Hier auf die Schnelle ein Portrait auf Wikipedia und einen Link zur offiziellen Website I. F. Stone.

Neues vom Wetter

Januar 15, 2017

Ein Freund, der das ewige Genörgel um weiße Weihnachten satt hat, schlug neulich vor, man sollte den Heiligabend künftig auf den 24. Januar verlegen und Silvester auf den 31. Januar gleich mit. Nach seiner Beobachtung kommt der Schnee immer später. Zugleich könnte man Karneval im Rheinland im Juni stattfinden lassen. Das hätte den Vorteil, dass man weniger steifgefrorene, humorlose Karnevalsprinzen sähe und dafür mehr heiße Sambatänzerinnen.

Die Verlegung des Krippenfestes würde aber schon beim an und für sich modernen Papst für Kopfschütteln sorgen und die Schokoladenindustrie würde laut aufschreien. Wie könnte man die übrig gebliebenen Schokonikoläuse so zeitig in Osterhasen umgießen, wenn dann zirka ein Monat fehlen würde? Denn Ostern, da bin ich mir sicher, würde selbst mein Freund nicht verschieben wollen. Da fliegt er nämlich immer nach Mallorca, um bei den fabelhaften Osterprozession mit Kutten und Kreuzen zu sein. – Die Kuttenträger sehen übrigens aus wie Ku-Klux-Klan-Mitglieder. Das scheint ihm zu gefallen. – Also, die geheimbündnerischen Mallorquiner würden bestimmt etwas gegen eine Verlegung ihrer Tradition haben. Andere auch. Lassen wir das, nicht nur mit Ostern. Sonst könnte ja jeder im gregorianischen Kalender fleddern.

Aber es stimmt, Weihnachten war grasgrün. Dann gab es hier etwas Schnee und dann schnell wieder Schneematsch. Die Arbeiten am Eisfeld von den Kindern im Nachbarsgarten wurden bald aufgegeben. Wie wenn an der Klimaerwärmung was dran wäre. Nur der 3. Januar war perfekt für Fotos zu meiner Bilddatenbank. Aber hurra. Jetzt schneit es andauernd in dicken Flocken. Bald sieht es aus wie auf einigen nordgriechischen Inseln.

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~Verästelungen. Da fällt mir ein, dass wir wie der Neandertaler vom Homo erectus abstammen.~

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~Findling. Da fällt mir ein, dass der Rhein zu Ende der Riß-Eiszeit ohne Rheinfall früher durch den Klettgau floss.~

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~Bauernhof. Da fällt mir ein, dass ich noch frische Eier vom Hofladen holen muss.~

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~Straße. Da fällt mir ein, dass ich froh bin, dass es hier Jahreszeiten gibt.~

Das kennen Sie sicherlich, nicht nur aus der Jugendzeit. Ich mache das immer, wenn nach einem opulenten Essen im Gasthof Schiff in Mammern etwas Bewegung angesagt ist. Den Artikel zum Gasthof finden Sie hier.

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~Der Untersee bei Mammern: Auch im Spätherbst schön.~

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~Der Dorfbach: Er hat extra für Sie flache Kiesel bereit. Nur suchen.~

Mit nur wenigen Schritten Sind Sie am Landungssteg, dem Seeufer des Untersees. Da fliesst der Dorfbach in den See und weiter in den Oberrhein. Flache Kiesel gibt es zuhauf. Rechts vom Dorfbach könnte man in dem schönen Park der Klinik Schloss Mammern lustwandeln. Der Park ist allerdings nur die Rekonvaleszenten gedacht und durch ein schönes, schmiedeeisernes Tor verschlossen. Ein wenig weiter links vom Dorfbach gäbe es ein kleines Strandbad, das sympathisch unorganisiert wirkt. Es gibt keinen Kiosk, kein Rummel. Auf der kleinen Liegewiese sind Sie oft allein mit dem satten Grün, dem klaren Wasser und dem atemberaubenden Ausblick ans deutsche Gegenufer. Genau da wurde im Zweiten Weltkrieg auch mal ein abgeschossener Pilot aus dem See gerettet.

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~Das Tor zum Park der Klinik Schloss Mammern: Geschlossenes Paradies.~

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~Zwei verbotene Blicke: Wie schön ist es hier.~

Aber wir haben jetzt Spätherbst und der alte Krieg ist vorbei. Also geht es ans Kiesel suchen. Das ist einfach. Sie liegen nur für Sie da. Bei gelungenen oder misslungenen Versuchen kann man so schön nachdenken. Über den Unsinn jeder Kriegshandlung, über das Leid in der Welt, über das eigene Wohlbefinden. Das schlechte Gewissen, das jetzt in Ihnen hochsteigt, kann nicht falsch sein. Es führt dazu, dass Sie nicht mehr so wohlgefällig sind. Per Geburt sind Sie bevorzugt. Sie könnten genau so in Aleppo im Bombenhagel für ein winziges Stück Menschenwürde ausharren. Genauso.

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~Spätherbstliche Sitzgelegenheiten: Zeit zum nachdenken.~

Rums, da trägt aber einer dicke auf. Bestimmt nicht, das Schiff in Mammern am Untersee ist eines der wenigen Restaurants die ich kenne, die über mehrere Generationen hinweg immer unbeschreiblich gut waren und sind. Es gehört der Familie Meier, und das seit vier Generationen. Tauchen wir ein in die Frühgeschichte: mein Großvater belieferte immer das nahe liegende Kurhaus mit feinen Fleischwaren. Das gab´s damals noch. Selbst im tiefsten Winter quälte er sich über die Schnee verwehte Straße einmal die Woche nach Mammern. Zum Lohn gab es dann einen „Zmorge“ (zweites Frühstück) im Schiff. Seitdem sind unsere Familien befreundet. Ich bin also parteiisch.

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~Der Landgasthof Schiff in Mammern: Qualität seit vier Generationen.~

Er hat dann im Gasthaus auch sein Hochzeitsbankett ausgerichtet. Später mein Vater auch. Beinahe alle Familienfeiern finden im Schiff statt und das oft, da die Familie groß ist. Kommen wir aber zu der Empfehlung und Beschreibung, Sie haben bestimmt keine Lust, sich mit meiner Familienchronik zu beschäftigen.

Das Restaurant befindet sich in einer mit Holz getäfelten Stube mit niedrigen Decken und schmucken Sprossenfenstern. Es gibt einen Kachelofen von einem der berühmtesten Ofenbauern am Bodensee. Alles ist also ein Stück Geschichte, aber einer lebendigen. Die Küche ist groß und sauber wie sich das gehört. Im Sommer empfehle ich den Garten mit dem unvergleichlichen Landambiente. Frisch Verliebte übernachten in einem kleinen Häuschen direkt hinter dem Trubel.

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~Das Schild links neben der Eingangstreppe: Wahrscheinlich hat mein Großvater das schon gesehen.~

Da das Lokal in Familienbesitz ist, kümmern sich Herr und Frau Meier höchstpersönlich um jeden Gast. Er in der Küche, sie in der Gaststube. Das restliche Personal ist handverlesen. Frau Meier ist auch für den Einkauf zuständig und garantiert, dass nur höchste Qualität auf den Tisch kommt. Der Begriff „biologischer Anbau“ kommt ihr sonderbar vor, seit immer und für alle Zeit werden im Schiff nur Produkte verarbeitet, die allen strengen Kriterien genügen. Bis zum letzten Salatblatt. Der Fisch im Schiff kommt natürlich aus dem Untersee. Der Fischer wohnt direkt vor Ort. Die Güggeli haben ein glückliches Leben, man nennt sie „Mischtchrazerli“. Sie ahnen warum.

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~Schön gedeckte Tische: Hier bei einem Osterbesuch.~

Haben Sie die Servietten parat? Beginnen würde ich mit einem kleinen Omelett mit „Güggeliläberli“. Lassen Sie sich ruhig ein Stück von dem schmackhaften Brot dazugeben, wenn Frau Meier diesen Wunsch nicht erahnt. Das Sößchen ist ausgesprochen delikat. Dann gibt es einen gemischten Salat, der schmeckt wie aus dem Garten, ist er auch. Nun haben Sie die schwere Entscheidung zwischen Fisch, Fleisch oder Geflügel. Das „Mischtchrazerli“ aus Eigenmast ist eine gute Wahl, ein Entrecote auch. Aber: Glauben Sie es mir, den Fisch sollten Sie nicht versäumen. Fischgerichte gibt es ganz nach Jahreszeit. Unterseefische sind zu gewissen Zeiten geschützt, nämlich dann, wenn sie sich vermehren. Im Spätsommer und Herbst gibt es Hecht oder „Chrezer“. Der wird frisch gebacken auf den Tisch gebracht, portionsweise. Frau Meier schaut dann immer kurz nach, was der Appetit macht und liefert frisch nach.

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~Das Wirtshausschild: Ausgesuchte Weine gibt es von örtlichen Winzern.~

Entspannen wir uns kurz vor dem Dessert mit einem Spaziergang zum nahe gelegenen See. Dann gibt es selbst gemachtes Eis mit Meringue (Schaumgebäck aus Eischnee und Zucker) und „Schlagrahm“ (Sahne). Im Sommer ist ein kühler Obstsalat bekömmlicher. Dann kommt der Kaffee mit selbst gebrannten Obstschnäpsen für Erziehungsberechtigte. Einmalig ist ein Quittengeist oder Mirabellengeist. Es soll Leute geben, die bestellen ihn gleich als Doppel. Das geht aber nur, wenn Sie mit der Unterseeschifffahrt (Neue Deutsche Rechtschreibung: auf so ein Wort haben Sie bestimmt gewartet) nach Hause wollen.

Was ich hier schlecht beschreiben kann ist die Zufriedenheit, die sich nach einem solchen Gesamtgenuss einstellt. Machen Sie einfach die Augen zu und denken Sie an den wirklich schönsten Moment in Ihrem Leben. Ja? – Genau so ist es im Schiff. Nun können Sie die Augen wieder aufmachen. Tatsache ist, dass man das Schiff eigentlich als Geheimtipp behandeln sollte. Es ist da zu fantastisch. Aber bei Ihnen mache ich eine Ausnahme.

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~Vor dem Dessert: Ein kurzer Verdauungsspaziergang zur Anlegestelle.~

 

Wirtshausschilder und andere

November 20, 2016

Wirtshausschilder, Schilder von Zunfthäusern oder Hotels und Schilder, die auf ein Gewerbe hinweisen, werden technisch als „Nasenschilder“ bezeichnet. Aber nur, wenn sie rechtwinklig zur Hauswand montiert sind. Sie ragen wie eine Nase ins Geschehen hinein. Im Supermarkt nennt man ähnliches aus Pappe gar „Regalnasen“. Sie sind wie die Wirtshausschilder in Laufrichtung montiert, damit sie gut sichtbar sind. Mich haben Bezeichnungen, die komisch klingen, schon immer begeistert. Ich habe halt ein Faible für lustige Sprachschöpfungen.

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~Das Restaurant zum Felsen. Hier gibt es nicht nur Steiner Wein, sondern auch Bier.~

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~Die Weinstube Zum Rothen Ochsen . Früher mein Lieblingslokal.~

Ein wahres Eldorado für Wirtshausschilder und andere ist die Altstadt von Stein am Rhein, vorzugsweise der Rathausplatz. Die „Staaner“ hatten schon immer eine Liebe für geschmückte Häuser. Zwar noch nicht in der Spätantike, als die Römer am Abfluss des Bodensees zum Rhein erstmals eine Festung bauten. Aber dann 1385, als Stein am Rhein zur ordentlichen Stadt wurde. Sie schmückten die Häuser am Rathausplatz mit bunten Fresken und eben auch mit Schildern. Jede Gastwirtschaft hatte eins und es gab viele davon, denn die „Staaner“ waren schon immer durstig. Aber auch das Gewerbe mehrte sich rasant und das brauchte zur Werbung auch Schilder. Diese werden auch heute noch mit Liebe gepflegt. Nicht nur wegen der Touristen, die gerade in den Sommermonaten wie Heuschrecken in der Stadt einfallen. Die meisten dieser Schilder sind selbst für Japaner selbsterklärend. Eine Sonne ist auch für sie eine Sonne und ein Fisch ein Fisch. Hier am Rathausplatz ein Salm. Und wenn die Freunde aus dem Reich der Sonne nicht wissen, dass der Salm ein Fisch ist, dann wissen sie es durch die schön gehämmerte Darstellung jetzt. Wissenstransfer par excellence.

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~Der Tierarzt. Gut gekennzeichnet durch den Äskulapstab.~

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~Die Goldschmiedekunst. Gibt es hier auch Brillen?~

Die Darstellungen sind aber nicht immer gehämmert, sondern meist geschmiedet und mit ausgeschnittenen und bemalten Dekorationsstücken aus Blech versehen. Alle Schilder sind meist sehr gepflegt und gut in Schuss. Für den Steiner sind sie Visitenkarten. Nicht nur für alt eingesessene Wirtshäuser, sondern auch für Apotheker oder Optiker beispielsweise. Die traditionellen Schilder haben auch noch einen Vorteil. In der denkmalgeschützten Innenstadt haben selbst die Behörden nichts dagegen. Eine Leuchtreklame wäre hier undenkbar. Und ein McDonald hätte hier eh keine Chance. Die „Staaner“ sind mit ihrem Rathausplatz eben eigen. Das mit dem Mc wäre für sie weitaus schlimmer als eine Werbeunterbrechung bei Arte.

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~Der Rathausplatz von Stein am Rhein. Auch durch Schilder schön.~

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~So schön können Schilder sein.~

Da ich schon lange nichts mehr für die Serie „Brutzeln“ geschrieben habe hier einige Sätze zur Erklärung. Um es gleich vorwegzunehmen: Noch halte ich Sie, verehrte Leserin und verehrter Leser, für unbedarft wie es in der Überschrift steht. Noch bin ich selbst unbedarft, eine absolute Niete, wenn es ums Kochen und Braten geht. Aber ich bin bequem und manchmal einfach zu beschäftig, um aufwändig zu zaubern. Trotzdem möchte ich täglich gerne gut essen, preiswert einkaufen und problemlos zubereiten. Das trifft vielleicht auch auf Sie zu.

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~Der Federkohl: Jungfräulich wie ihn die Natur geschaffen hat.~

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~Zutaten: Speck, Salz, Pfeffer, Muskat, Kartoffel zur Bindung.~

Zum Federkohl, in Deutschland auch Grünkohl genannt, habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Warum? Dass er nicht so schön kompakt wie beispielsweise ein Wirsing ist, stört mich nicht. Der durchaus filigrane Federkohl lässt sich auch schnell schneiden. Mich stört, dass aktuell ein absoluter Hype um den Federkohl entstanden ist. Ausgehend von den USA hat diese gewaltige Mode Deutschland und die Schweiz erreicht. Besonders die Schweiz. Wer jetzt im Spätherbst nicht einen schönen Federkohl in seiner Einkaufstasche hat wird bemitleidet. Das führt dazu, dass zum Beispiel die reichen Stadtzürcherinnen auf dem Biomarkt am Bürkliplatz sich regelrecht um das grüne Objekt der Begierde streiten. Das finde ich sonderbar. Im Rheinland, wo ich lange gelebt habe, weiß jedes Kind und jede Oma, was Federkohl respektive Grünkohl ist. Aus der modischen Neugierde heraus kam also ein Federkohl in meine Küche. Ich wollte feststellen, ob er mir immer noch so gut schmeckt wie ich ihn in Erinnerung habe. Außerdem steigt damit meine Anerkennung am Bürkliplatz.

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~Das Blanchierbad: Wichtig, auch wenn Sie einen Salat davon machen.~

Also, für die, die Federkohl noch nicht kennen oder ihn vergessen haben. Zutaten für sechs Personen oder vier Heißhungrige: 1 Körbchen Kohl, 2 Liter Brühwasser, 1 Löffel Öl, 2 Löffel Speckwürfel, ½ gehackte Zwiebel, 1 Löffel Mehl (ich rasple lieber einen Teil einer rohen Kartoffel zur Bindung), 1 Tasse Fleisch- oder Gemüsebrühe, Salz, Muskat, Pfeffer. Ideal ist es, wenn der Kohl schon etwas Frost abgekriegt hat. Er schmeckt besser. Die Kohlblätter werden gewaschen und die Rippen entfernt. Dann gelangt er in den Genuss der 2 Liter siedendes Wasser. Blanchieren nennt man das. Im heißen Öl werden die gehackten Zwiebeln und Speck mit dem gut abgetropften Kohl und etwas geriebener Kartoffel gedünstet und anschließend mit der Fleisch- oder Gemüsebrühe abgelöscht. Während 20 – 25 Min. abgedeckt kochen. Abgeschmeckt wird mit Salz, Pfeffer und Muskat. Muskat nehme ich immer etwas mehr als empfohlen. Die Stimulanz hilft mir bei der Erinnerung an die Damen vom Bürkliplatz. Der Aufstieg in diese Liga der Stadtzürcherinnen ist so einfach, dass ich mich kaum traue, diesen Artikel zu posten. Ach so, Federkohl ist gesund. Er gehört zu den Kohlsorten mit dem höchsten Gehalt an Vitamin C.

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~Schmoren: In meiner guten Pfanne von Oma.~

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~Anrichten: Ein Würstchen darf nicht fehlen.~

Hans ist der Mann, der mit seinem kleinen Seat den ganzen Tag oft ziellos durch die Gegend fährt. Sein Hobby hat ihm schon mehr als 100.000 Kilometer auf dem Tacho eingebracht. Wenn der „Ritter auf vier Rädern“ nicht Damen durch die Gegend fährt – das tut er selten, denn er ist gerne allein –, widmet er sich Entdeckungen. Neulich kam er mit einer kruden Idee an: Er wollte Wildwarner testen, akustische Wildwarner.

Obwohl Hans scheinbar etwas verrückt ist, war sein Interesse an diesem Wunderwerk der Technik gar nicht so verrückt. Wildwarner, zumal akustische, gehören zu den Optionen im Wildschutz, die schon von ernstzunehmenden Wissenschaftlern getestet wurden. So hatte ein gewisser Dr. Ernst Moser in einem groß angelegten Feldversuch herausgefunden, dass es von 2002 bis 2007 einen Rückgang von 93,6% der Verkehrsopfer gab. 2002 war das Jahr der teilweisen Einführung von akustischen Wildwarnern. Und mit Verkehrsopfer sind meist niedliche Rehe gemeint, die bis dahin noch keine Verkehrslotsen hatten. Da Hans, der Bauernsohn und Technikbegeisterte, zwar Rehbraten liebt, aber keine toten Rehe auf der Straße, musste er hin. Irgendwohin wo es Wildwarner gibt. Er wählte dazu auch einen regenreichen, düsteren Spätnachmittag und ein Waldstück. Statistiken glauben ist eine Sache, vor Ort sein eine andere.

Hans hat zwar keine Rehe gesehen, aber akustische Wildwarner. Ordinäre, weiß-schwarz gestrichene Leitpfosten, deren normale Reflektoren Wild bei auftreffendem Licht schon optisch warnen, aber auch einen hohen Pfeifton erzeugen. Das testete er, indem er das Scheinwerferlicht seines kleinen Seats auf sie richtete. Und höre da, es pfiff. Hans war entzückt wie ein kleines Reh. Durchgefroren kam er in die Kneipe und machte sein Erlebnis gleich zum Thema. Ein Oberförster war auch in der Runde und gab dem Ganzen den berufsmäßig erfahrenen Segen. Ich hätte noch gerne darüber diskutiert, ob die Sonnenkollektoren den Wildwarner den ganzen Winter über speisen können, aber ein anderer kam dazwischen und sprach von seinem Unfall mit einem klitzekleinen Reh. Das wollte nun eigentlich keiner hören. Aber wild war seine Geschichte schon. Er hatte nämlich das Wild an einer Kantonsgrenze angefahren. Diese entspricht einer Ländergrenze in Deutschland. Nach unzähligen Mobilanrufen hatte es dann Stunden gedauert bis klar war, welcher Kantonsförster den Schaden aufnehmen sollte. Und flugs stand der Oberförster in der Kritik. Wahre Geschichten können unglaublich sein.