Sirenen

Februar 16, 2018

In der Schweiz gibt es, neben vielen andern Merkwürdigkeiten, eine ganz besonders laute. Nein, es sind nicht die Alphörner, sondern es ist der Sirenentest. Landauf landab ertönen zum gleichen Zeitpunkt jährlich vehement laut, ja markerschütternd, sämtliche Sirenen auf allen Hausdächern. So auch in Schaffhausen, am vorletzten Mittwoch zwischen 13.30 und 14.15 Uhr. Böse Zungen behaupten, es wäre der Beamtenweckruf. Damit ist der Impuls an jene tüchtigen Zeitgenossen gemeint, die angeblich auf ihren bequemen Bürotischen schlafen. Und das in den schön renovierten Bürgerhäusern in der Stadt, denn viele Ämter sind quer durch die Innenstadt in diesen Kleinoden verteilt.

~Aufklärung: Plakate informieren.~

Um gleich mit obigen schändlichen Vorurteilen aufzuräumen sei klargestellt, dass man nur die Funktionstüchtigkeit der Sirenen testen will. Denn Sirenen können Leben retten, wie die Schaffhauser Polizei im Internet und auf Plakaten mittteilt. Der allgemeine Alarm soll bei Katastrophen aller Art warnen. Es ist daher eine Übung. Und damit gleich die Ehre der Staatsdiener wieder hergestellt wird, sei gesagt, dass viele Bedienstete wie die von der Feuerwehr an diesem Mittag tüchtig im Einsatz waren.

~Sirene: Die Ruhe vor dem Sturm.~

In der Schweiz gibt es beinahe für alles Notfallpläne. So habe ich irgendwo zwischen Spaghettistangen und Dosentomaten eine Jodtablette in meinem Küchenschrank, zur Verfügung gestellt von der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Mit der Einnahme der Pille soll im Fall einer Nuklearkatastrophe verhindert werden, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Alle 4,9 Millionen Einwohner im Radius von 50 Kilometern von Kernkraftwerke entfernt erhielten diese Tablette, auch meine schilddrüsenkranke Nachbarin. Das hat ordentlich Geld gekostet, insgesamt 20 Millionen Franken. Dieser Radius soll zukünftig noch erweitert werden. Aber da sind die AKW-Betreiber, organisiert in „Swissnuclear“, dagegen. Denn sie sollen sich an den Kosten der Jodtabletten künftig beteiligen. Ihrer Ansicht nach wäre die Möglichkeit eines Unfalls verschwindend gering. Statistisch.

~Bombardierung: Kriegsgeschenk der Alliierten für Schaffhausen.~

Zurück zu den Sirenen. Es ertönte ein regelmäßig auf und absteigender Heulton. So laut, dass ihn selbst unsere liebenswerten Nachbarn ennet der Grenze aufschreckten. So richtig gern hören ältere Schaffhauser Sirenen im Allgemeinen nicht. Sie erinnern sich an den 1. April 1944, als alliierte Bomber angeblich irrtümlich Teile von Schaffhausen in Schutt und Asche legten. 40 Menschen kamen ums Leben und 270 wurden verletzt. Offiziell wurde das von den Alliierten auf Navigationsfehler zurückgeführt. Aber da sie auch in Zürich, Oerlikon, Le Noirmont, Thayngen und Basel bombten, konnten das unmöglich Verwechslungen gewesen sein. Oder doch? Ich traue den Amys zumindest zu, dass sie in europäischer Geografie nicht so fit sind. Amerikanische Freunde, obwohl gebildet, wussten vor der Wiedervereinigung noch nicht mal, dass es zwei verschiedene Deutschlands gab. Und die Piloten verwechselten damals sogar Zürich mit Pforzheim, immerhin geografisch völlig unterschiedlich und viele Kilometer entfernt. Schwamm drüber, heute geht’s um Nordvietnam. Das ist Gott sei Dank weit weg von der Schweiz.

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Die Tricks der Fotografen

Februar 5, 2018

Beim Beschreiben der Tricks der Filmemacher, den Artikel können Sie hier anklicken, fielen mir natürlich auch die Tricks der Fotografen ein, die ähnlich arbeiten. Vorweg ein wichtiger Grund beim Tricksen einer Aufnahme: Gute Fotografen lieben es, ein Bild perfekt abzuliefern. Sprüche wie „Das machen wir in der Post“, der digitalen Nachbearbeitung, hören wir meist von schlechten oder faulen Fotografen. Anders als beim Film ist es hier nicht die Kosteneinsparung, sondern nur der Wille, perfekt alles beim Fotografieren zusammenzufügen.

~Eine stark belastete Brücke für die Kampagne „Hoffentlich ist es Beton“. Foto Thomas Herbrich.~

~Die Aufnahme in der Entstehung. Foto Thomas Herbrich.~

Das gilt in besonderem Maße für Thomas Herbrich, der ein guter Freund von mir ist, aber auch ein exzellenter Fotograf, ein wahrhaftiger Zauberer. Thomas arbeitet oft tage- oder wochenlang zur Vorbereitung der perfekten Belichtung. Für die Werbekampagne „Hoffentlich ist es Beton“ baute er eine Szene von 5 mal 3 Metern in einem Londoner Mietstudio. Eine Gruppe von Elefanten überquert eine Brücke zwischen zwei Felsen. Im Hintergrund ist ein Regenwald zu sehen. Die Felsen wurden vom Modellbauer Jerry Judah aus Styroporblöcken geschnitzt und mit Mörtel und Pigmentpulver belegt. Die Elefanten waren Dummies. Die Landschaft im Hintergrund wurde gebaut und mit tausenden Petersilienpflanzen bestückt. So meine Erinnerung. Mit etwas Nebelwabern sah alles täuschend echt aus. Eine solche Inszenierung hätte man in Natura nie gefunden. Bei einer Essenseinladung bei ihm wurde mir klar, wie Thomas auf seine Inszenierungsideen kommt. In seinem Bücherregal war mindestens ein laufender Meter Bücher über Zauberei zu finden. Klar, Thomas lenkt ab um den Betrachter zu täuschen. So genial ist es legitim. Das Bild ist ein Icon der Werbefotografie und hat zig Preise gewonnen.

~Die umgedeutete „Toteninsel“ nach Arnold Böcklin. Foto Thomas Herbrich.~

Wenn Thomas nicht für die Werbung arbeitet, das muss er, denn er ist Werbefotograf, inszeniert er seine eigenen Wunschmotive. So hat er das Bild „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin (1821 – 1901) nachfotografiert und umgedeutet. Es ist im Gegensatz zum todessehnsüchtigen Inhalt des Symbolisten Böcklin heiter und lustig. Statt der geheimnisvollen Figur bei Böcklin gibt es einen Mann mit bunten Luftballons und auf der Insel ein Kinderkarussell. Nun gab es dennoch eine Montage im Computer. Thomas hat vor den Monitor mit der fertigen oberen Bildhälfte, die Insel als Modell plus einkopiertes Boot und Kinderkarussell, die geriffelte Glasscheibe eines Kühlschranks gelegt. So erhielt er die perfekte Spiegelung einer Wasseroberfläche mit gekräuselten Wellen.

~Der Hydrojet für die Expo. Foto Thomas Herbrich.~

Nun wieder eine Auftragsarbeit. Für die EXPO Hannover sollte er das Motiv „Hydrojet“, also die Technik des Wasserstoff-Antriebs, auf humorvolle Weise gestalten. Er fotografierte das Flugzeug in Natura separat und kombinierte es mit dem Modell einer Lafette mit Wasserflasche. Die Reifen des gebauten Modells sind Zahnpastatubendeckel.

Nun folgen vier Bilder bei denen Sie in etwa erraten, wie sie gemacht sind. Ein Weizenfeld aus Zollstöcken, eine Flut in Chicago, ein Hamsterflug, eine schwebende Insel.

~Weizenfeld aus Zollstöcken gebaut. Foto Thomas Herbrich.~

~Flut in der Großstadt. Foto Thomas Herbrich.~

~Ein humoristischer Hamsterflug. Foto Thomas Herbrich.~

~Die schwebende Insel. Foto Thomas Herbrich.~

Zu Schluss ein Lieblingsbild von mir. Es heißt „Berlin im Jahre 2100“. Es ist komplett aus Transistorteilen und anderem Schrott gebaut und erinnert an „The Blad Runner“ von Ridley Scott. Es ist auch deswegen mein Lieblingsbild, weil Thomas mir das einmal in verkleinerter Form zum Geburtstag geschenkt hat. Um mich zu nerven fragte er noch „Wo ist das Brandenburger Tor?“

~Berlin im Jahre 2100. Foto Thomas Herbrich.~

Thomas Herbrich sagt über sich: „In meinen Bildern geht es spektakulär, unterhaltsam und immer ein bisschen geheimnisvoll zu. Sie sind mit viel Liebe gemacht, und ich glaube, das spürt man. Für mich ist ein gutes Bild wie der erste Satz in einer Geschichte, und der Betrachter möchte sie weiterspinnen. Es sind also immer erzählende Bilder.“ Thomas Herbrich erlitt einen Kulturschock, als er erstmals Stanley Kubricks Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ sah. Ab da war er kein einfacher Still-Live-Fotograf mehr. Momentan tingelt er mit einer wissenschaftlichen Unterhaltungsshow durch die Lande. Sie heißt „Die Mutter aller Innovationen“. Was das ist habe ich noch nicht erraten. Es ist wohl schwierig und einfach zugleich. Sehen Sie zu seinen Fotos auch http://www.herbrich.com/

 

 

 

Die Tricks der Filmemacher

Januar 19, 2018

Im letzten Beitrag hatte ich über den 80zigsten Geburtstag von Ridley Scott gesprochen und damit einen der herausragenden Filmemacher der heutigen Zeit gewürdigt. Bei dieser Gelegenheit dachte ich an Möglichkeiten, mittels Tricks aufwändige Szenen machbar und wirtschaftlich zu gestalten. Ich habe oft in Filmstudios mitgekriegt, wie man beinahe Unmögliches durch einfache Mittel möglich macht. So kann sich zum Beispiel jedes Kind vorstellen, dass eine märchenhafte Landschaft bis zum fernen Horizont nicht wirklich in Natura gebaut wurde. Das wäre viel zu teuer. Die Lösung dafür ist „Matte Painting“. Davon gleich. Erwarten Sie hier aber nichts über Tricks, die die rasante Entwicklung der digitalen Technik im Film bietet. Da würde es einem zu schwindlig werden. Mir sind außerdem Filme, die nur aus Tricks bestehen und keine ordentliche Story haben, zuwider. Es sind hier daher eher handwerkliche Lösungen aus den den Anfängen der Filmtechnik beschrieben.

Eine berühmte Technik aus den Anfängen des Films ist die mit dem Spiegel. Stellen Sie sich vor, eine Lokomotive rast auf den Betrachter zu. Eine Kamera auf den Schienen zu postieren wäre unmöglich. Alte Farbfilmkameras hatten bisweilen drei Objektive und waren schwer. Die Lösung war ein Spiegel, der schnell entfernt werden konnte und das dramatische Bild in die Kamera spiegelte.

~Ein Schiffswrack im Studio durch ein Aquarium gefilmt.~

Etwas sehr lustiges entdeckte ich in den Londoner Pinewood Studios, die von Hollywood inspiriert wurden. Auf einem Hallenboden mit Sand, Muscheln und Korallen lag ein Piratenschiffswrack, so wie es nur spleenige Briten bauen können. Davor war ein großes Aquarium mit Fischen. Durch dieses gedreht hatte man eine perfekte Unterwasserszene. Es funktioniert fantastisch. Ich habe diese Technik mal bei einem Dreh angewandt. Statt des Tauchers haben wir eine Nixe an einem Seil aufgehängt.

Jetzt kommen wir zu der eingangs erwähnten Märchenlandschaft, die keine reale ist. Matte Paintings (von englisch „matte“ = Maske“ oder Vorsatzmalerei sind gemalte Teile von Kulissen in Filmsets auf Leinwand oder Glas. Sie müssen sich das so vorstellen. Der Vordergrund, auf dem die Aktion spielt, ist real gebaut. Vor der Kamera ist ein gemalter Hintergrund auf Glas der beispielsweise eine kunstvoll realistisch Landschaft bis zum Horizont darstellt. Die Kamera fügt dann beides sehr überzeugend zusammen. Diese Glass shots wurden erstmals 1907 von Norman A. Dawn (ASC) angewandt. Später kamen sie bei „King Kong“ und vielen weiteren Filmen wie „Der Zauberer von Oz“, „Blade Runner“, „Batman“ etc. zum Einsatz. Selbst die beeindruckende Schlussszene von „Jäger des verlorenen Schatzes“ von 1981, die wo ein Bundesbeamter die Kiste mit der Bundeslade in eine gigantische Halle mit unzähligen Wertgegenständen schiebt, ist gemalt. Das einzig reale ist der sich bewegende Mann mit der Kiste. Heute werden Füllbilder, gemalt oder im Computer erzeugt, digital eingesetzt.

~Schlussszene aus Jäger des verlorenen Schatzes. Nur der Mann mit der Kiste ist real. Der Rest ist Matte Painting.~

Beinahe täglich begegnet uns das Blue-Box- oder Bluescreen-Verfahren zum Beispiel in Nachrichtensendungen. Da wird der Kommentator vor einem blauen (manchmal auch grünem) Fond gefilmt. Dieser wird wegestanzt und zum Beispiel durch eine Wetterkarte ersetzt. Wichtig dabei ist, dass der Kommentator keine blaue Krawatte trägt. Diese würde sonst als Loch erscheinen. 🙂 Der Dieb von Bagdad (1940) war der erste Kinofilm, der mit der Bluesreen-Technik arbeitete. Diese Technik kommt auch in Kombination mit anderen heute überall zum Einsatz.

~Die gigantische Schlacht in Königreich der Himmel. Duplizierte Kämpfer.~

Ich habe mich oft gefragt, wie zum Beispiel Ridley Scott seine aufwändigen Schlachten mit hunderten- bzw. tausenden Personen drehte. Ein englischer Kameramann hat mir das verraten. Im Vordergrund, der noch detailliert beobachtet werden kann, agieren echte Kämpfer. Diese werden dann kopiert und in der richtigen Perspektive nach hinten oder verjüngend zur Seite immer wieder eingesetzt. Etwas Kampfnebel verdeckt die Brüche gnädig.

Damit das hier nicht zu lang wird, und wir trotzdem etwas über Stopptricks, Rück- und Aufpro, Vorsatzmodelle, Stop Motion etc. erfahren, hier der Hinweis auf einen Link. „Special Effects: Die Tricks der Filmemacher“ auf www.camgaroo.com. Ein heutiger Film, der eine wahre Fundgrube nicht nur für Technikbegeisterte ist, ist „Hugo Cabaret“ von großartigen Martin Scorsese 2011 erschaffen. Er verwendet alle möglichen Mittel. Er erhielt fünf Oscars. Zu Recht. Sehen Sie hierzu zu den Tricks auf YouTube „Hugo – Behind the Scenes Miniatures & VFX, New Deal Studios“ und „Hugo Cabret: 3D-Animation Making-of von Pixomondo“. Viel Vergnügen.

~Eine Szene aus Hugo Cabaret. Die Halle ist klein gebaut und eingefügt.~

 

Ridley Scott wurde achtzig

Dezember 10, 2017

Der Brite Sir Ridley Scott wurde am 30. November 80 Jahre alt. Ja, Sir. Er wurde für sein Werk 2003 geadelt. Für mich war er schon immer ein Genie, das einen solchen Titel verdient. Meine Begeisterung für ihn rührt natürlich aus meinem allgemeinen Faible für Filme, gute Filme, aber auch aus der Tatsache, dass sein Werk außergewöhnlich breit gefächert ist. So gelangen ihm so unterschiedliche Meisterwerke wie „Blade Runner“ (1982) und „Thelma & Louise“ (1991).

„Blade Runner“ ist ein Science-Fiction-Film, der in Los Angeles im Jahr 2019 spielt. Der ehemalige Kopfgeldjäger Rick Deckard (Harrison Ford) wird eingeschaltet, um einige von der mächtigen Tyrell Corporation hergestellte künstliche Menschen, so genannte Replikanten, auszuschalten. Diese sind von fernen Kolonien geflohen, um ihr drohendes Verfallsdatum von ihrem Schöpfer Dr. Eldon Tyrell (Joe Turkel) verlängern zu lassen. Es entwickelt sich eine hochbrisante Handlung, die in dem Showdown zwischen Rick Deckard und dem Superreplikanten Roy Batty (Rutger Hauer) endet. Den ganzen Film zu erzählen ist wohl müßig, da er bekannt ist. Nur soviel an Details, die mich absolut begeistern: Der Film spielt in mächtigen Art-Deco-Gebäuden, schäbigen futuristischen Wohnzellen, Häuserschluchten mit Flugverkehr und in einem Chinatown, wo künstliche Körperdetails wie Augen von spleenigen Handwerkern hergestellt werden. Es ist dauernd Nacht oder zumindest düster und es regnet ununterbrochen. Es herrscht eine geheimnisvoll beklemmende Atmosphäre. Der Film baut auf dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick auf. Ridley Scott hat sich allerdings kaum an den Roman gehalten. Er wollte den Film erst auch nicht machen, weil er gerade mit „Alien“ (1979) einen Science-Fiction-Erfolg gelandet und vorläufig keine Lust mehr auf das Genre hatte. Anfangs spielte der Film in den USA noch nicht einmal die Produktionskosten von 22 Mio. Dollar ein. Aber dann wurde er über den Umweg Europa zum Knüller und absoluten Kultfilm.

~Blade Runner: Der Replikant Roy in einer der Schlussszenen auf dem Dach eines Hochhauses.~

„Thelma & Louise“ ist das absolute Gegenteil von „Blade Runner“. Es ist ein Roadmovie quer durch die USA mit zwei Frauen und spielt in der Jetztzeit. Der Film verzichtet auf aufwändiges Decor und die Handlung ist erst absolut banal. Die etwas biedere Hausfrau Thelma Dickinson (Geena Davis) hat ihr Dasein und den despotischen Ehemann gründlich satt. Zusammen mit der lebenslustigen Freundin und Kellnerin Louise Sawyer (Susan Sarandon) fahren sie in Louises Ford-Thunderbird-Cabrio los um etwas Spaß zu haben. In einer heruntergekommenen Bar mitten in Arkansas flirtet Thelma mit einem Mann, der das Ganze missversteht und sie auf dem Parkplatz zu vergewaltigen versucht. Louise versucht den Mann mit einem mitgeführten Revolver in Schach zu halten. Da löst sich ein Schuss. Weil Thelma mit dem Mann zuvor angetrunken und tanzend gesehen wurde, fürchten die jungen Frauen, dass die Polizei ihnen den tatsächlichen Tatverlauf nicht abnehmen wird. Sie fliehen Richtung Mexiko. Nun nimmt die Geschichte Fahrt auf und wird dreckig. Es gibt eine kleine Liebesgeschichte mit dem Schmalspurgangster J. D. (Brad Pitt), einen Ladenraub und eine gewaltige Verfolgungsjagd durch die Polizei. Einzig der Polizist Hal Slocumb ((Harvey Keitel) versucht Schlimmeres zu verhindern. Nach mehreren Karambolagen mit den Verfolgern stehen die beiden Frauen mit ihrem Cabrio am Abgrund des Grand Canyon. Louise fährt auf Thelmas Vorschlag los und die beiden stürzen in den Tod. Hal kommt zu spät. Der Film ist deswegen so beeindruckend, weil er eigentlich nur mit dem grandiosen Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen auskommt.

~Thelma & Louise: Der grandiose Sturz in den Grand Canyon.~

Ridley Scott ist ein Meister in unterschiedlichsten Genres und hat Maßstäbe gesetzt. Neben kleinen intimen Geschichten breitet er großartige Historienepen aus wie „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ (1992), „Gladiator“ (2000) und „Königreich der Himmel“ (2005). Egal was er macht. Es ist alles Großartig. Zum Beispiel „Black Rain“ (1989), „Black Hawk Down“ (2001). 2017 hat er gerade „Alien: Covenant“ abgedreht, wieder ein Science-Fiktion. Zu seiner gelegentlichen Vorliebe fürs All sagt er: „Oh, der Weltraum ist so leer, man kann ihn mit allem füllen“.

~Großartig in allen Genres: Ridley Scott.~

Ridley Scott gilt in der Branche als ökonomischer Regisseur, da er in der Regel mit einem Drittel der Drehtage seiner Kollegen auskommt. Der Grund: Er dreht manche Szenen mit 15 Kameras gleichzeitig und kann sich so den besten Take aussuchen. Meine Begeisterung für die Machart seiner Filme rührt auch aus der Perfektion jeder einzelnen Szene. Gelegentlich schalte ich auf Einzelbildschaltung um, um Details genau zu prüfen. Was man auch wissen sollte: Ridley Scott war Werbefilmer. In seiner Produktionsfirma „Ridley Scott Associates“, der auch sein Bruder Tony Scott (Der Staatsfeind Nr. 1 etc.) und der großartige Alan Parker (Mississippi Burning etc.) angehörten, produzierte er über 2000 Werbespots mit vielen Auszeichnungen. Es sind vor allem Briten, die aus der Werbung kamen, die die Leinwand oder den Bildschirm mit Kostbarkeiten füllen. Und nicht zu vergessen, wie in der Werbung haben sie einen großen Stab von Spezialisten, die alles möglich machen. Hoffentlich dreht Ridley Scott noch viele Kostbarkeiten.

 

Der Diplom-Hirt 2): On Tour

November 27, 2017

Es geht hier immer noch um Otto Knöpfli, der Diplom-Hirt in den Schweizer Alpen ist. Ja, der typisch Schweizer Name stimmt und das mit dem Diplom auch. In der letzten Folge „Der Diplom-Hirt 1): Einstieg“ ging es um Hirten, Schafe, Herdenschutz- und Hütehunde allgemein. Nun wäre es interessant zu wissen, wie das Leben eines Hirten auf der Alp so abläuft.

~Otto Knöpflis Hütte.~

Otto Knöpfli war zumindest in der vergangenen Saison Springer. Das heißt, er war immer da, wo Not an Hütern war. Das bedeutete für ihn erst ein Gratis-Job in einer Gemeinde, die kein Geld für einen Hirten hatte. Dann wurde er über das Alpofon zu einem Notfall gerufen. Das Alpofon ist eine Schweizer Erfindung, die aber nichts mit dem legendären Alphorn zu tun hat. Auch nicht mit dem Musikinstrument Alpophon, das ähnlich wie ein Alphorn ist, nur anders. Das Alpofon, mit „f“ geschrieben, ist eine zentrale telefonische Vermittlungsstelle. Da sind die Schafhirten erfasst und werden gebucht.

~Die Alp Cadriola im Bündnerland.~

Auf der Alp „Cadriola“, die liegt zwischen dem Hinterrhein und dem Einshorn im Kanton Graubünden, wurde ein greiser Schafhirt plötzlich krank. Otto wurde zu Hilfe gerufen, und das hieß dalli-dalli. Um alles noch besser zu erklären muss man folgendes wissen: Es gibt die Schafbesitzer, die ihre Schafe jeden Sommer auf die Alp bringen. Dann den örtlichen Schafmeister, der die Alp verwaltet und den Schafhirten. In diesem Fall stellte sich das Problem, dass die Herde von 476 Schafen von drei verschiedenen Besitzern stammte. Sie war also nicht homogen. Dann hatte der ursprüngliche Hirt, obwohl sehr erfahren, auf Grund seines Alters in den letzten Tagen nicht mehr die Kraft seine Herde ordentlich zusammenzuhalten. Die Schafe grasten da, wo ihnen die Kräutlein am Besten schmeckten. Eben überall.

~Schön ist es hier, und einsam.~

Als Otto ankam, fand er eine skurrile Situation vor. In einer Notiz steht: „In den höher gelegenen Gebieten war wenig Gras vorhanden. Das hat sich im Verhalten der Schafe so ausgewirkt, dass sie sich in kleine Gruppen aufgeteilt haben und wo immer möglich einen Weg zu noch unberührtem Weideland gesucht wurde. So war zum Beispiel eine Gruppe von neun Schafen nachweislich durch die Flanke hinter dem Schientobel in die Horneralp gekommen, was das erste Mal so beobachtet werden konnte.“ Etc. etc. „Dieser Sommer war sicherlich außergewöhnlich in Sachen Hirtenschaft, aber auch wie oben erwähnt im Verhalten der Tiere. Auch darf man die acht Tage Schneewetter nicht vergessen.“ Um es kurz zu machen: Zu Ende der Saison fehlten sechs Tiere, die sich theoretisch auch fremden Herden angeschlossen haben könnten. Wenn man bedenkt, dass ein Schaf zwischen 400 und 700 Franken wert ist, tut das natürlich weh. Es steht aber auch: „Es gab keine Augenprobleme, keine Moderhinke, nur zwei Tiere mit Panaricium, keine Wurmprobleme und keine Räude.“

~Die Alphütte bei Ottos Ankunft.~

Otto Knöpfli hat mit seinen Hunden die Herde wieder zusammengetrieben. Die folgenden Tage waren aber trotzdem arbeitsreich, wie seine eng beschriebenen Tagebuchblätter zeigen. Immer wieder ist die Rede von „ausgebüxten“ Schafen, vom Zaunnetze reparieren, vom Augentröpfeln anfälliger Tiere. Vom schlechtem Wetter mit Hagel und Schnee. Vom Errichten der Nachtpferche für die Schafe. Auch von einer Wölfin mit acht Jungen, was außergewöhnlich ist. Otto beobachtet sie zum Einshorn hin. Vor ihrem Bau, im ihrem „Wohnzimmer“, wie er es nennt. Da die Hütte im Weidegebiet keinen elektrischen Strom hat, trägt er tagsüber ein Solarpanel auf seinem Rucksack. Für sein Mobiltelefon. Oft transportiert er auch Netze mit Pfählen. Die wiegen zusammen zusätzlich 40 Kg auf seinem Rucksack. Das ist ganz schön schwer in unwegsamem Gelände.

~Immer wieder ist Zaun reparieren angesagt.~

Wenn man das alles so liest, hört sich das nach Plackerei an. Ist es auch und nicht unbedingt eine romantische Schäferidylle. Aber schöne Momente gibt es natürlich. Es ist der klare Himmel nach einem Gewitter. Es ist die unbeschreiblich schöne Natur mit Ausblick. Es sind Momente der Zufriedenheit, wenn man ein verirrtes junges Lamm findet. Es ist einfach alles. In der nächsten Saison wird Otto wieder unterwegs sein. Wohin ihn das führt weiß er noch nicht.

~Otto Knöpfli mit seiner Lieblingshündin Joy.~

Der Diplom-Hirt 1): Einstieg

November 12, 2017

Das gibt es tatsächlich: Hirten mit Diplom. Ich kenne einen, Otto Knöpfli. Es ist ein Schulkamerad, der erst 40 Jahre mit seiner Frau einen gut gehendend Friseursalon betrieb. Friseur wollte Otto in jungen Jahren werden, weil er die Zweisamkeit mit Menschen schätzte. Dann wurde ihm das Ganze zu eng. Über die Sozialarbeit kam er schnell zu einem Beruf, in dem er Erfüllung in der freien Natur fand. Und da er alles sehr gründlich macht – als Friseur war er auch zehn Jahre Instrukteur – absolvierte er eine Ausbildung zum diplomierten Schafhirten. Da erfährt man wirklich alles: Organisation der Alpwirtschaft, Rechtliches, Schafhaltung, Tiergesundheit, Herdenschutz, Art der Arbeitshunde und deren Grundausbildung und vieles mehr. Natürlich gibt es auch nicht diplomierte Schafhirten. Das sind die, die ihre Arbeit seit vielen Jahren erfolgreich machen; sozusagen die Ehrendiplomierten.

~Otto Knöpfli mit seinem Diplom.~

Die Schaf- und Ziegenhaltung in den Alpen beschert uns natürlich hervorragende Produkte. Die Schafmilch enthält zum Beispiel mehr wichtige Vitamine A, D, E, B6, B12 und Vitamin C als Kuhmilch. Dass Schafmilch und der daraus gewonnene Käse ausgesprochen köstlich sind kann ich bezeugen. Kein Wunder, die feinen Alpenkräutlein entfalten ihre Wirkung. Mein Vater zum Beispiel hatte durch seine Berglerernährung ein Leben lang gesunde Zähne. Die Alpenbewirtung erfüllt aber auch eine ganz besondere Funktion. Grasende Tiere pflegen die Landschaft und halten sie gesund und intakt. Ganz im Gegenteil zu der unvernünftigen Landschaftsnutzung im Flachland.

~Ein Teil von Ottos Schafherde über den Wolken.~

Domestizierte Schafe gab es schon ab 8000 v. Chr. im „fruchtbaren Halbmond“, also um das Zweistromland herum. Kein Wunder, da entstanden auch die ersten festen Besiedelungen im Westen. Schafe sind Herdentiere, aber keineswegs dumm und durchaus individualistisch. Innerhalb einer Herde gibt es Freundschaften und eine klare Rangordnung. Dabei ist nicht der Widder der Boss, sondern ein erfahrenes Muttertier. Die wichtigsten Sinne von Schafen sind der Geruchs- und Gehörsinn. Der Geruchssinn ist wichtig für die Nahrungsaufnahme und der Bindung zwischen Muttertier und Lamm. Feinde orten sie eher mit dem Gehör. Die Paarungszeit ist im Herbst. Nach einer fünf- bis sechsmonatigen Tragezeit kommen ein oder mehrere Jungtiere zur Welt. In der Schweiz gibt es 19 Schafrassen, wobei das „weisse Alpenschaf“ den größten Anteil stellt.

~Die gesunde Landschaft auf der Bündner Alp Cadriola.~

Bei den Hunden gibt es zwei Funktionsgruppen. Herdenschutzhunde leben mit den Schafen zusammen. Im Idealfall werden Lämmer von klein auf an sie gewöhnt. Dabei nehmen die Hunde auch den typischen Geruch von Lanolin an, dem Fett in der Wolle von Schafen. Hüte- oder Treiberhunde leben nicht im Herdenverband. Sie halten die Herde von außen zusammen. Zwei Rassen sind in beiden Fällen häufig: Der „Maremmano Abruzzese“ und der „Montagne des Pyrénées“. Aus den Abruzzen und den Pyrenäen also, wo Schafe schon immer einen großen Stellenwert hatten.

Wer ein ordentlicher Schäfer ist hat den Hirten- oder Krummstab. Dieses Requisit gibt es seit dem Alten Ägypten als Symbol der Macht. Später nutzten es kirchliche Würdenträger. Er taucht auch oft in der Heraldik auf. Sehen Sie in der nächsten Folge „Der Diplom-Hirt 2): On Tour“.

~Der Hirtenstab, Symbol seit über 5000 Jahren.~

Ich schreibe immer wieder gerne über das Atelier Righini-Fries, das etwas abseits der Konzentration von Zürcher Kulturstätten ist. Das Atelier, das Haus, war der Wirkungsort von mehreren Generationen von Zürcher Malern, die vor allem national eine große Bedeutung hatten. Das Atelier ist heute eine Stiftung mit Sammlung und Wechselausstellungen. Vor allem zur letzten Malerin im Atelier habe ich eine besondere Beziehung: Zur fabelhaften Hanny Fries, die ich kurz vor ihrem Tod noch kennenlernte.

~Malerei: Das Theater von Belfort von Hanny Fries.~

Hanny Fries, geboren am 27. November 1918 in Zürich und verstorben am 7. Dezember 2009 ebenda, stammte aus einer Familie von Kunstmalern mehrerer Generationen. Die Stiftung Righini-Fries betreut alle Nachlässe und stellt aus dem reichen Fundus immer wieder Wechselausstellungen zusammen. Zur Langen Nacht der Zürcher Museen gab es etwas besonderes, eigentlich zu einem kleinen Thema aber gerade deswegen faszinierend. Unter dem Titel „Kleider machen Leute – Die Modezeichnungen der Hanny Fries“ zeigte die Stiftung unbekannte Zeichnungen der Künstlerin. Hanny Fries war vor allem Malerin, aber sie zeichnete auch ihr Leben lang. Sie illustrierte in ihren unsteten, ereignisreichen Leben unzählige Bücher und erstellte im gezeigten Fall Modezeichnungen für Anzeigen des ehemaligen Zürcher Modehauses Rom.

~Illustrationen: Modezeichnungen von Hanny Fries.~

Schöpferin dieser Mode war die damals bekannte Alice M. Gelber, auch „Gelbi“ genannt. Sie war an diesem Abend wie das Ehepaar Rom anwesend und so konnte ich von der immer noch quirligen Dame mehr erfahren als das, was im Internet herauszufinden war. Um die Modeanzeigen von Hanny Fries rechtzeitig auf die Titelseiten von renommierten Tageszeitungen zu bringen gab es ein natürliches Hindernis. Die Modelle wurden sprichwörtlich mit der heißen Nadel genäht und wurden erst kurz vor der Show fertig. Aber „Gelbi“ hatte natürlich ihre Creationen im Kopf, bis zum letzten Detail. Also setzte sie sich mit Hanny Fries im Café-Restaurant „Gleich“, einem seit 2001 leider geschlossenen berühmten Tempel für Vegetarier, zusammen. Alice erzählte und beschrieb die Mode und Hanny zeichnete und zeichnete bis alles richtig war. Die Modeanzeigen sowie Vorstudien wurden für die Ausstellung an Wänden und in Vitrinen schön präsentiert. Es gab sogar drei Originalkostüme auf Schaufensterpuppe.

~Prominenz: A. M. Gelber (rechts) mit Freundin.~

Die Lange Nacht der Zürcher Museen im Atelier wurde aber durch ein weiteres Event ergänzt. Die junge Schauspielerin Sofie Erhardt las unter Assistenz von Maud Choteau aus Märchen, die thematisch mit der Mode verbunden waren: „Des Kaisers neue Kleider“, „Die Sterntaler“, „Der gestiefelte Kater“, „Das Hemd der Zufriedenen“, „Der Halskragen“. Bei letzterem wurde mir ein weiteres Mal bestätigt, wie großartig, ja wie genial absurd, H. C. Andersens Märchen ist. „Le Cabaret Avant-gardiste“ von Sofie Erhardt und Maud Choteau setzte mit genialen Inszenierungen den Texten noch das i-Tüpfelchen. Es war ein gelungener Abend für das außerordentlich zahlreich erschienene Publikum.

~Sofie Erhardt: Der gestiefelte Kater.~

~Sofie Erhardt: Des Kaisers neue Kleider.~

Ein Kater namens Mio

September 8, 2017

Mio ist ein Kater in meiner Nachbarschaft. Er ist zirka fünf Jahre alt und gehört zur Gruppe der Angorakatzen, oder Perser wenn Sie wollen. Ich liebe Katzen, denn ich habe selbst zwei gehabt. Sie wohnen jetzt im Katzenhimmel. Hunde liebe ich natürlich auch. Eigentlich alle Tiere. Und seit dem ich weiß, dass die Biomasse lebender Insekten drastisch zurückgeht, trage ich jede Spinne in meiner Wohnung sorgfältig in den Garten. Das erfordert zwar Zeit, aber ich rette damit die Welt.

~Kater Mio: Der Star in der Nachbarschaft.~

Erst allmählich habe ich herausgefunden, wem Mio wirklich gehört. Denn Mio liebt Menschen und will immer in deren Nähe sein. So betrachtet er etliche verschiedene Wohnungen als sein zuhause. Er schläft oft bei einem kleinen Mädchen im Nachbarhaus und nicht bei den Besitzern. Die Kleine betrachtet er als seine besondere Freundin.

~Freundschaft für immer: Mio mit dem Nachbarsmädchen.~

Mio durchstreift ein besonders großes Revier und ist dabei ungewöhnlich experimentierfreudig auf seiner Pirsch. Ihm genügt es nicht schnell über die Straße zu huschen. Nein, er legt sich auf den Mittelstreifen und beobachtet dabei den Verkehr links und rechts. Hoffen wir, dass er noch lange lebt. Wenn ein Haus eingerüstet ist, ist er der erste, der das Gerüst über Treppen erklimmt. Die restlichen Katzen beobachten ihn dabei und wenn er erfolgreich ist, versuchen sie sein Kunststück nachzumachen. Er ist der Meister und hat eigentlich keine Feinde. Selbst die Hunde respektieren ihn.

Mio liebt Menschen, Menschenansammlungen. So soll er eines Tages den Bus im Quartier bestiegen haben und bis zum Bahnhof gefahren sein. Das sind immerhin neun Stationen ohne Ticket. Der Busfahrer hat ihn dann in den kreuzenden Bus am HB gesteckt und Mio fuhr wieder zurück. Das kann ich nicht verbürgen, denn ich war nicht dabei. Ich habe die Geschichte mehrfach gehört. Was gleich folgt kann ich aber verbürgen. Eines schönen Abends war ich um 17.00 Uhr an der Quartiersbushaltestelle. Um diese Zeit kommen immer viele Menschen aus der Stadt. Mio tummelte sich erst ausgiebig zwischen den vielen Menschenbeinen. Dann hat er sich einen sympathischen Zeitgenossen ausgesucht und ist mit ihm nach Hause gelaufen. Das macht er übrigens auch kurz vor Mitternacht. Dann ist wenig los im Quartier. Mio holt also jemand, der mit dem letzten Bus kommt, ab und begleitet ihn nach Hause. Immer dreißig Schritte vorpreschen, eine Pirouette schlagen, sich zum Kraulen hinlegen – das ist seine Devise.

~Kunststücke für jedermann: Mio bei guter Laune.~

Natürlich macht Mio normale Kunststücke wie eine normale Katze. Er gibt Pfötchen, geht kurz auf zwei Beinen, hascht nach Leckereien. Aber im Grunde genommen verfolgt er in seinem Leben nur das Eine: Er will von Menschen extrem beachtet und akzeptiert werden. So etwas habe ich in dieser Intensität bei Katzen noch nie beobachtet. In der vor kurzem abgelaufenen Urlaubszeit war es still im Quartier. Mio hat sehr gelitten. Er legte sich auf die Asphaltfläche vor meinem Straßenfenster und hoffte, dass jemand zum Garagentor muss. Das macht er sonst nie. Aber er legt sich vor geparkte Autos und wartet, dass jemand wegfahren will. Meist errät er sogar die Uhrzeit in der das Auto bewegt wird. In dieser langen Urlaubszeit waren wie gesagt wenig Menschen da. Mio verzweifelte und ich holte ihn bisweilen in meine Wohnung. Da war er für kurze Zeit glücklich. Nun kommt er immer. Ich bin Bestandteil seines Tagesprogramms. Aber nur ein kleiner. Mio ist in seiner Sucht nach Beachtung nicht zu bremsen.

~Trostlose Urlaubszeit: Asphalt ohne Menschen.~

Nur an Sylvester ist er für Tage nicht zu sehen. Er mag wie alle Katzen keine Knallerei. Da ist er ganz normal.

Invasoren

August 18, 2017

Keine Angst, wir reden hier nicht von Invasoren aus dem All. Auch nicht vom Horror, den angeblich Chinesen in Paris verbreiteten, wie es in dem Film „Les Chinois à Paris“ von 1974 vorkommt. Da das Kunstwerk hier leider kaum bekannt ist nur ein kurzer Hinweis. Es spielt auf amüsante Weise mit der Angst der Franzosen vor der „Gelben Gefahr“ die damals herrschte. Und es zeigt die Absurdität, wie sich Franzosen mit den Fremden abfinden, die nicht nur ganz Frankreich, sondern auch das geliebte Paris okkupieren. Es ist eine großartige Fiktion über die Eigenart französischer Anpassungsfähigkeit. Sehr sehenswert und mein Beitrag heute zur Filmgeschichte.

Aber zurück zum Stück. Hier geht es um invasive Neophyten, die die heimische Flora bedrängen. Ich habe mich gelegentlich damit beschäftigt. Nun hat mich ein Artikel in der örtlichen Tageszeitung dazu veranlasst, mal über den Balkonrand zu schauen. Leider habe ich keinen eigenen Garten. Aber die, die einen haben wissen über invasive Neophyten wahrscheinlich genau Bescheid. Trotzdem, für meinen Vermieter könnte es interessant sein. Also: Ganz links steht eine wilde Kirsche. Der Baum gedeiht prächtig. Die Kirschen sind ungenießbar, aber viele Vögel haben Freude daran und scheißen dann ihren bläulichen Kot auf die Autodächer.

~Blick vom Balkon links: Wildkirschen für Vögel.~

~Blick vom Balkon rechts: Haselnüsse für niemand.~

Ganz rechts gedeiht ein prächtiger Haselstrauch. Er ist sehr ausladend und nimmt dem Nachbar unter mir die Aussicht. Aber der ist eh nur nachts da. Der Strauch trägt wenige Haselnüsse, die auch noch mickrig sind. Aber es ist eine regelrechte Partymeile für viele Singvögel, die mich mit ihrem Gesang erfreuen. In der Mitte steht ein obskurer Strauch, der auch schon eine ordentliche Größe hat. Auf dem Schurken sitzt nie ein Vogel. Andere Mitglieder der Fauna meiden ihn. Aha, ein invasiver Neophyt! Jetzt kann ich meinem Vermieter einen reindrücken. Ich fotografierte. Auf meinem Bild konnte ihn der pensionierte Kantonsschullehrer von vis-à-vis nicht benennen. Der weiß sonst immer alles. Auch Passanten, denen ich mein Foto zeigte, konnten mit dem Strauch nichts anfangen. Ominös. Kurz entschlossen schickte ich das Foto an Roman Fendt. Der ist zuständig für Biosicherheit in unserm Kanton. Ja, so was gibt es im Kanton Schaffhausen, der mit dem Slogan „Das kleine Paradies“ seit Jahren wirbt. Befinde ich mich in einem Paradies für invasive Neophyten? Na servus. Roman Fendt gab aber schon nach zwei Stunden per Mail Entwarnung. So schnell sind die hier. Und so freundlich. Das obskure Objekt ist wohl eine der 90 Arten der Tamariske. Sie ist eher im Mittelmeerraum beheimatet und diese Unterart zumindest europäisch. Also nix für einen Schikaneanruf bei der Hausverwaltung.

~Blick vom Balkon Mitte: Die obskureTamariske.~

Unser Garten ist also sauber. Aber so harmlos ist das Ganze nicht. Invasive Neophyten sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Sie waren es eigentlich schon immer. Aber anders als bei der asiatischen Kirschessigfliege, die die Weinstöcke schädigt, macht man bei Pflanzen offensichtlich kein großes Gedöhns daraus. Invasive Neophyten setzt man gelegentlich selbst in seinen Garten. Sie blühen meist prächtig. Gartencenter und neuerdings der Internethandel machen ein ebenso prächtiges Geschäft damit. Fantasienamen dienen der Verschleierung. Und sie werden meist auch nicht in der freien Natur entfernt. Eben weil sie so schön sind.

Machen wir uns nichts vor. Invasive Neophyten verdrängen die heimische Natur ohne dass sie den geringsten Nutzen bringen. Sie vermehren sich so aggressiv, dass mancherorts der Kampf schon verloren ist. Bei uns gibt es zirka 550 Arten. Hier die Steckbriefe der vier schlimmsten Plagen und Lösungsansätze: Das „Einjährige Berufskraut“ ist normalerweise in Nordamerika beheimatet und wurde bei uns als Gartenzierpflanze eingeführt. Mehrmals vom Mai bis Oktober vorsichtig mit der ganzen Wurzel ausreißen. Der „Essigbaum“ stammt aus dem östlichen Nordamerika und wurde schon um 1620 in Europa eingeführt. Er gefällt wegen der herbstlich roten Färbung. Jungpflanzen mehrmals von Mai bis November vorsichtig ausreißen und das über Jahre. Der „Japanische Staudenknöterich“, eigentlich in China, Korea und Japan beheimatet, wurde schon 1825 als Zier- und Viehfutterpflanze nach Europa gebracht. Die unterirdischen Ausläufer der Pflanze können zum Beispiel Mauerwerk und Asphalt durchdringen und sind nicht zu bremsen. Ein Entfernen ist deshalb schwierig. Der „Riesenbärenklau“ ist besonders ätzend, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Saft kann auf der Haut in Verbindung mit Sonnenlicht Verbrennungen bis zweiten Grades verursachen. Die Pflanzen sollten 20 bis 30 Zentimeter über dem Boden abgeschnitten und der Wurzelstock für eine nachhaltige Bekämpfung 20 Zentimeter unter dem Boden mit einem Spaten durchtrennt werden. Übrigens: Entfernte Neophyten gehören nicht auf den Kompost.

Nun doch noch etwas Versöhnliches zu Neophyten, keine invasiven diesmal. Tomate und Kartoffel sind welche. Sie haben bei uns aber den Status von Nutzpflanzen und wurden vor vielen, vielen Jahren von spanischen Entdeckern aus Südamerika mitgebracht. Die Kartoffel zum Beispiel gedieh erst in höfischen Gärten als Zierpflanze bevor der Wert der unterirdischen Knolle als Nahrungsmittel erkannt wurde. Ich könnte auf Tomaten und Kartoffeln nie verzichten.

~Die gute Kartoffel: Unglaublich, was man alles daraus zaubern kann.~

 

Mit diesem Beitrag schließt die Trilogie um die Entwicklung des Parfüms seit der Antike ab. Sie erinnern sich: Die erste Folge hieß „Das Chanel Nº 5 der Antike“ und sprach über ein Flakon, das im Grab der Pharaonin Hatschepsut entdeckt wurde. Klicke hier. Die zweite Folge „Parfümarchäologie und experimentelle Archäologie“ schilderte den neuen Zweig der Archäologie und die Möglichkeiten, durch Experimentalarchäologie Thesen nachzuweisen. Klicke hier. Hier geht es nun um Ergänzungen und vor allem darum, wie sich das, was wir heute als „Parfüm“ bezeichnen, entwickelt hat.

 Obwohl nicht nachgewiesen ist es evident, dass seit der Möglichkeit der Bewahrung des Feuers immer wieder wohlriechende Stoffe wie Pflanzenbestandteile verbrannt wurden um Wohlgerüche zu erzeugen. Es ist auch anzunehmen, dass diese Erzeugung von Düften ausschließlich kultische Hintergründe hatte. Höhlenmenschen brauchten noch keine Raumsprays. Seit der frühen Antike widmente man Weihrauch nachweislich den Göttern. Dass das Parfümfläschchen der Pharaonin Hatschepsut Weihrauch enthielt, ist auch deswegen erklärbar, weil es Hatschepsut als erste Frau auf dem Thron besonders wichtig war mit den Göttern in Verbindung zu stehen. Das gestand man sonst nur Pharaonen, also Männern zu. Es war sozusagen ihre Legimitation. Um Kritiker verstummen zu lassen, ließ sie sich später sogar als Mann abbilden.

Rauch

~Parfümierter Rauch als Brücke zu den Göttern.~

Während das Harz des Weihrauchbaumes als Rauch in der heutigen Zeit beinahe nur noch kultische Bedeutung hat, erfand man später wohlriechende Salben und noch später das Parfüm in heutiger Form auf Alkoholbasis. Davon nach einigen andern Schilderungen. Aber wie gesagt, Parfüms auf Ölbasis gab es schon im alten Ägypten. Mitglieder der Oberschicht salbten damit nicht nur sich, sondern auch Verstorbene ein, damit ihre Körper unversehrt ins Jenseits kamen. Beliebt war eine Mischung aus Zimtrinde, Sandelholz und Rosenblätter in Öl. Aus einem Papyrus ist zu entnehmen, dass reiche Ägypter sich auch eine Art Mundwasser – eine Mixtur aus Weihrauch, Myrre, Wachholderbeeren, Zypergras, Bockshorn, Kalmus und Rosinen – herstellen ließen. Die Damen der altägyptischen Oberschicht ließen sich parfümierte Fettkugeln ins Haar flechten. Sie schmolzen langsam und verbreitenden ihren Duft aus Anis-, Zitrone-, Rosmarin- und Orangenölen. Die Königin der Verführerinnen, Kleopatra, setzte noch einen drauf: Die Parfümfetischistin parfümierte sogar die Segel ihrer Yacht mit Rosenwasser um Julius Cäsar zu verführen. Man kann sich vorstellen was dann geschah. Der Wind strich durch die Segel und der Rosenwasserduft senkte sich zärtlich über die Lagerstatt der Herrscherin. Das Rosenwasser wurde übrigens vom persischen Arzt und Gelehrten Ibn Sina, latinisiert Avicenna, erfunden, der zwischen 980 und 1037 lebte. Dem Tausendsassa – er war unter anderem auch Philosoph, Mathematiker und Astronom – gelang es durch Destillation ein Rosenwasser herzustellen, welches den Blüten ihren Duft entzieht und ihn an die Flüssigkeit überträgt.

~Ibn Sina, auch Avicenna genannt. Er erfand das Rosenwasser.~

~Kleopatra, die Königin der Verführerinnen.~

Im alten Griechenland wurde der Körperduft ebenso Kult. Und zwar bei Männern. Die Körper der Wettkämpfer, die wohl weitestgehend nackt auftraten, salbte man mit wohlriechenden Ölen. So war ein Ringkampf keine übelriechende Sache. Natürlich gab es auch da Parfüms auf Ölbasis, wie zahlreiche Darstellungen und Funde belegen. Später wurden Düfte in jeglicher Form auch bei reichen Römern Pflicht. Die hatten es ja eh mit der Hygiene. Mit dem Zerfall des Römischen Reiches ging die Badekultur zugrunde und die Pflege des Körpers allgemein. Die dunkle Zeit des Mittelalters begann in Europa. Das war aber gar nicht so dunkel wie ich früher angenommen hatte. Im 13. Jahrhundert entwickelten Araber die Methode, hochprozentigen Alkohol herzustellen und damit das Parfüm in seiner alkoholischen Lösung, wie wir es heute kennen. Dieses Wissen gelang durch Handel allmählich auch an die europäischen Herrscherhäuser. Verschiedene Quellen sehen das „Wasser der Königin von Ungarn“ aus dem Jahre 1370 als erstes modernes Parfüm des Abendlandes. Hergestellt wurde es aus Rosmarin-Essenzen mit der Destilliertechnik der Araber. Dem steht entgegen, dass schon 1190 Philipp August von Frankreich die Gilde der Handschuh- und Parfümmeister ins Leben gerufen haben soll. Was solls, das Parfüm trat seinen Siegeszug an. Nur die Kirche hatte etwas dagegen. Sie verurteilte das Duftwasser als unkeusches Mittel und damit des Teufels. Trotzdem, am Hof der Könige von Frankreich wurden Düfte so exzessiv genutzt, dass das Versailles von König Louis XV „Hof des Parfüms“ genannt wurde. Madame Pompadour soll Unmengen am Wässerchen verbraucht haben um die Gunst des Königs zu erlangen. Unter uns: Parfüms überdeckten damals üble Körpergerüche, denn Baden war nicht besonders angesagt. Die französische Revolution machte Schluss damit. Aber schon der kleinwüchsige Napoleon Bonaparte unterstrich seinen Sex wieder durch Parfüm. Er rieb sich von Kopf bis Fuß mit Kölnisch Wasser ein und soll 120 Liter davon im Monat verbraucht haben.

~Griechische Ringkämpfer, wohlriechend.~

Der Mark der Parfüms heute ist gigantisch. Die Ausgabe der Werbekosten dafür auch. Jedes Jahr werden allein bei uns 200 neue Düfte eingeführt, davon 60 bis 80 Luxusdüfte. 97 Prozent werden nach drei Jahren wieder eingestellt, da sie sich nicht wirtschaftlich am Markt durchsetzen können. Die Nase und die Empfindungen für Düfte sind kompliziert. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass die Geschichte des Parfüms in Indien und China natürlich viel früher begann. Wen wundert es. Hier noch ein interessanter Artikel aus der Berliner Zeitung zur „Osmothèque“ in Paris, zur Verfügung gestellt von Arabella.

https://www.google.de/amp/amp.berliner-zeitung.de/wissen/unbezahlbar–parfum-museum-bewahrt-alte-duefte-4356668