Der Name „Rosenlaui“ könnte von einem lauschigen Feld mit Alpenrosen herkommen. Wikipedia weiß es aber besser: „Die Herkunft des Namens Rosenlaui wird aus dem Altdeutschen ross, für reissend und dem Haslideutschen laui, für Lawine hergeleitet und bedeutet reissende Lawine“. Wie auch immer. Im letzten Artikel hatte ich ja versprochen, dass es in die Berge geht. Mit dem Postauto.

~Früher war alles schöner: Das Postauto Saurer L4C „Alpenwagen III“.~

Das Rosenlaui liegt in den Bergen. Auf 1328 m ü. M., in der Mitte des Rosenlauitals, an der Passstraße über die Grosse Scheidegg. Rosenlaui gilt als die kleinste Ortschaft der Schweiz und besteht eigentlich nur aus einem historischen Hotel aus der Gründerzeit des Tourismus in der Schweiz. Wenn Sie mehr wissen wollen, fragen Sie am Besten Johann Wolfgang von Goethe. Der war wie viele Bildungsreisende da. Aber keine Sorge. Ich erzähle weiter. Der Tag steckte voller Überraschungen.

~Der Glanz vergangener Zeiten: Das Hotel Rosenlaui.~

Etwas früh warteten wir am Meiringer Bahnhof auf das Postauto, das leider heute nicht mehr so nostalgisch rund ist wie das Postauto Saurer L4C „Alpenwagen III“. Bleche werden heute nicht mehr nach Schönheit, sondern nach Wirtschaftlichkeit gebogen. Wir warteten aber auch auf Hans-Peter. Und das sollte eine Überraschung werden. Sie erinnern sich vielleicht. Hans-Peter Bysäth war unser bevorzugter Spielkamerad in Meiringen während der Kindheit. Ich hatte im Internet schon mal nach ihm geforscht und ihn auch gefunden. Er ist mittlerweile ganz schön groß geworden, ist in der Weltgeschichte herumgereist, und nun Architekt in Bern. Ich hatte schon einige Male mit ihm telefoniert und erfahren, dass er als Architekt in der großen Riege von Architekten beim Bau des Pariser Centre Pompidou mitarbeitete, das von Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini. Er ist der Liebe wegen nach Helsinki gezogen, dann der Nicht-Liebe wegen auch wieder weg. Er war in Amerika, in Italien und als Architekt auch im Berner Oberland. Ich wusste also ganz viel über ihn, aber nicht wie er aussieht.

~Vielleicht noch etwas früh: Ein zünftiger Znüni.~

Hans-Peter wollte mit uns die Tour ins Rosenlaui mittmachen und dann in Meiringen mit uns zu Abend essen. Wir fanden ihn schnell und wie am Telefon äußerst interessant. Im Postauto quatschen wir so viel, dass ich mich zwingen musste, auch mal nach draußen zu sehen. Im Herbst sehen die Almwiesen noch putziger aus als sonst. Sie können nicht mit großen Maschinen bewirtschaftet werden, denn überall liegen Felsbrocken. Aber um die herum sind die Wiesenstücke zur Herbstzeit wie mit der Nagelschere getrimmt, sauberer als der Golfplatz von Donald Trump. Die Schweiz ist halt ein ordentliches Land.

~Jugendstil in Arvenholz-Gemütlichkeit: Das Hotel Rosenlaui von innen.~

Irgendwann kamen wir im Rosenlaui an. Der kleine Ort lag schon immer an dem spätmittelalterlichen Saum- und Passweg über die Grosse Scheidegg hinunter nach Grindelwald. Er war und ist für die Milch- und Viehwirtschaft wichtig. Zu unserer Kindheit war die Straße noch nicht asphaltiert. Heute ist sie es. Ende des 18. Jahrhunderts wurden an Saumwegen erste Gasthäuser eröffnet, die durch Reiseberichte zu Weltruf kamen. 1788 wurde das Rosenlaui dank entdeckter Schwefelquellen sogar ein Kurbad. Es wurde zum Belle-Èpoque-Kurhaus und Touristenherberge. Nach einem Brand 1862 wurde der jetzige Zustand hergestellt. Jugendstil in Schweizer Arvenholz-Gemütlichkeit.

~Die Gletscherschlucht Rosenlaui: Mit Geräusch natürlich dramatischer.~

Etwas oberhalb des Hotels liegt die Gletscherschlucht Rosenlaui. Sie ist seit 1903 gut erschlossen und hat einen Weg von 573 Metern Länge und eine Höhendifferenz von 155 Metern. Bei der Höhendifferenz sollte man es geruhsam angehen. Nicht so Hans-Peter, der eine beneidenswerte Form hat.

~Auch bei durchwachsenem Wetter: Die Berge sind schön.~

Nach dem Mittagessen fuhren wir weiter bis zur Schwarzwaldalp. Dort findet sich ein Knotenpunkt mit einer andern Postautolinie über die besagte Grosse Scheidegg nach Grindelwald. Es gibt ein Hotel mit Restaurant, einen kleinen Stand mit Produkten aus der Almwirtschaft und ein historisches Sägewerk mit Wasserrad-Antrieb. Das ist das Sympathische an der Schweiz: Kulturdenkmäler werden restauriert und weiterbetrieben. Der Mann, den wir antrafen, wurde für diesen Job eigens angelernt und wusste so Einiges über die Entwicklung der Anfänge der Entwicklung in den Alpen. Lebendiges Museum.

~Romantik pur: Die Mühle mit dem alten Wasserrad.~

Was mich besonders beeindruckt hat war die Ruhe trotz einiger Touristen. Das emsige Geräusch der Kuhglocken störte nicht, sondern unterstützte die friedliche Atmosphäre. Das Wasserrad der Mühle ratterte und ich hörte die Ausführungen des Sägemannes wie in Tranche. So etwas ist Entschleunigung pur.

~Das Beste zur Entschleunigung: Die Schwarzwaldalp.~

Wir fuhren mit dem Postauto zurück und erinnerten uns, dass wir während der Kindheit einmal den letzten Autobus verpasst hatten. In sternklarer Nacht liefen wir talwärts und hatten, da es Neumond war, nur die beiden etwas helleren Streifen Kies, die die Straße andeuteten, als Orientierung. Wie gesagt, die Straße wurde spät asphaltiert.

Im letzten Artikel, am Ankunftstag, wollte ich ja noch kurz schildern, wie wir das Geburtshaus unseres Vaters in Balm suchten. Das hatten wir auch am ersten Tag gemacht. Nur wäre das mit der Anreise und all den Erinnerungen zu viel für einen Artikel geworden. Deshalb hier ein separater Text. Wir sind immer noch am Ankunftstag, so gegen Abend. Also machten wir einen Ausflug von Meiringen über die Brücke, die den Oberlauf der Aare überspannt, nach Balm. Balm schmiegt sich an eine gewaltige Felswand und ist übersichtlich, aber nicht mehr so übersichtlich schön wie früher.

~Ein wunderbares  Örtchen, Balm bei Meiringen.~

Die Aare hat im Oberlauf eine beachtliche Fließgeschwindigkeit und ist wie alle Bäche und Flüsse in der Gegend von einer beinahe unwirklich türkisblauen Farbe. Nun hatten wir ja einmal gelernt, dass Wasser die Farbe des Himmels widerspiegelt. Hier war das nicht der Fall. Ich vermute, dass das Wasser so rein ist, dass es diese Farbe hat. Oder auch Mineralien mitführt. Keine Ahnung.

~So ungefähr sieht ein Fels bei Balm aus.~

Nach der Aare bogen wir von der Hauptstraße in eine Nebenstraße ab, die mehr oder weniger parallel zur Felswand zum Militärflugplatz Unterbach-Meiringen führt. Wir staunten damals als Kinder nicht schlecht, wenn aus den unterirdischen Kavernen der Stolz der Schweizer Luftwaffe (heute F/A 18) herausrollte. Die hätten die Ruskis unter dem gewaltigen Felsmassiv nie gefunden.

Am Anfang des Dorfs steht immer noch eine Garage. Da saßen wir auf dem Mäuerchen und versuchten anhand des Motorengeräusches den Fahrzeugtyp zu erraten, ehe er ins Blickfeld geriet. Beidseits der Nebenstraße stehen immer noch schmucke Häuser. Sie sind teilweise liebevoll restauriert; manchmal hat sich ein Architekt bei der Neugestaltung einen üblen Scherz erlaubt.

~Das Bysäth-Haus wurde Balken für Balken ab- und wiederaufgebaut.~

Bei Vaters Geburtshaus waren wir nicht sicher, ob wir das Richtige ausgesucht hatten. Deswegen gibt es hier auch kein Foto. Auf jeden Fall steht an der Stelle ein schmuckes Etwas. Sicher waren wir beim Haus gegenüber. Es gehört immer noch den Bysäths. Hans-Peter ist gleich alt wie ich und war damals mein häufigster Spielkamerad. Das Bysäth-Haus hat eine verrückte Geschichte. Es stand dem Militärflugplatz im Wege und wurde Balken für Balken sorgfältig abgebaut und an der jetzigen Stelle wieder aufgebaut. Einige Häuser weiter folgt das ehemalige Haus von Tante Grifli. Eigentlich war sie unsere Großtante. Sie war ledig und wohnte zusammen mit ihren ebenfalls ledigen Bruder Jelli.

~Das Haus von Tante Gritli, immer noch verwunschen.~

Ich hatte es ja in der ersten Folge schon angedeutet. Alle Häuser waren nicht unterkellert und hatten deshalb erdgeschossig einen Stall und einen Werkraum, den man „Boutiqueli“ nannte. Sie erraten es, das Wort kommt von „Boutique“. Bei Gritli gab es statt Stall unten die Schnitzwerkstatt von Großonkel Jelli. Einige Häuser weiter gab es unten den fabelhaften Krämerladen, in dem es unglaublich paradiesisch roch. Heute gibt es keine Ställe mehr, dafür eingebaute Garagen. Auch die freistehenden Treppen mit dem Plumsklo sind abgebaut. Schade.

~Eine von mir gerettete Schnitzerei von Großonkel Jelli.~

Großtante Gritli war ein Phänomen. Sie schlief nachts nie und löste stattdessen Kreuzworträtsel. Kam man bei einer Diskussion um einen bestimmten italienischen Kleinwagen nicht auf seinen Namen, sagt sie „Ah, es Topolinoli“. Großonkel Jelli war wie gesagt Schnitzer. Er hatte tausend verschiedene Werkzeuge und schnitzte in vorgefertigte Holzwaren Muster. Die Vorlage dazu hatte er auf perforiertem Papier und rieb durch diese Löcher weißes Pulver. So zeichnete sich das Design schön weiß gepunktet ab. Eigentlich. Aber er hatte links eine Nasenverengung, die dazu führte, dass rechts die Luft mit einem gewaltigen Stoß seiner Nase entwich und das Pulver wegstob.

~Damit Sie es mir glauben, alle Häuser vor Ort sind so.~

Dass unsere Ferien paradiesisch waren, hatte auch mit der Nachsicht unserer Verwandtschaft zu tun. So räumten wir einmal alle beweglichen Gegenstände aus der ersten Etage von Tante Gritlis Haus und schrien dabei „Feuer, Feuer“. Und bei meiner Großmutter legte ich einmal während ihrer Abwesenheit ein Feuchtbiotop im Garten an. Wollte ich. Ich grub ein riesiges Loch, bepflanzte das Ufer und ließ über einen Schlauch Wasser einlaufen. Ohne ordentliche Bodenabdeckung wurde natürlich nichts daraus. Als meine Großmutter zurückkam sagte sie nur „Das wird wohl nix. Wir machen das Loch wieder zu“. Schade, ich hatte schon einige Frösche und Kaulquappen im Glas.

So, morgen geht´s los. In die Berge. Mit dem Postauto.

Sie erinnern sich an meine kindlichen Schwärmereien für Rimini und der Trauer, als Knirps nach Meiringen in die Ferien fahren zu müssen. Dabei war es unglaublich schön. So ist es im Leben. Man merkt erst später, wie super die eigene Kindheit war. Die Schnapsidee, alles mit Meiringen nochmals zu wiederholen, kam uns nach einem Nachmittag voller Plackerei. Wir bereiteten alles vor und wählten nur statt der Eisenbahn das Auto, um vor Ort flexibler zu sein.

~Luzern, die Stadt am Vierwaldstättersee und erster Aufenthalt.~

Wir fuhren vom Wohnort los. Über Zürich ging es nach Luzern. Früher mit dem Zug, jetzt mit dem Auto. In Luzern mussten wir damals immer einen Halt machen, bevor wir über den Brünigpass nach Meiringen gelangten. Die Gleisbreite der Brünigbahn entsprach nicht der Gleisbreite der SBB. Es war und ist immer noch eine Schmalspurbahn. Der Halt in Luzern kam mir recht. Die Stadt am Vierwaldstättersee ist interessant und normalerweise voller Japaner. Früher war es ruhiger. Recht war mir, dass mein Vater beim erzwungenen Halt damals eine Runde panierte Schnitzel spendierte. Mir war wohl nicht vom Zug fahren, sondern vor Aufregung regelmäßig schlecht. Das Schnitzel im Bahnhofbuffet war wie Medizin für meinen Magen. Jetzt wieder zur Jetztzeit. Da ich dem Angebot des Bahnhofbuffets nicht so recht traute, suchte ich im Internet für unsere Nostalgietour „Schnitzel Luzern“. Heraus kam eine Gartenwirtschaft am Ufer der Luzerner Reuss, das für uns ein passables Schnitzel bot. Es war um die Mittagszeit und wir im Timming.

~Das Schnitzel, das gute Laune und den Magen ruhig machte.~

Nach diesem Intermezzo fuhren wir los, den Vierwaldstättersee rechts herum Richtung Berge. Wir kurvten erst durch das Sarneraatal im Kanton Obwalden Richtung Grimselpass, nicht ohne in Gedenken an einen teuren Verstorben oberhalb des Lungerersees kurz Halt zu machen. Er ging da immer fischen und in der Tat schwappt der See über vor gegräteten Köstlichkeiten. Nun wurde die Landschaft immer romantischer, wilder. Die ersten jähen Felsstürzte zeigten sich. Zwischen Waldstücken lagen idyllische Hügel mit puzzigen Heuschobern. Das hatte mir schon in der Kindheit nach der Schnitzel-Pause gefallen.

~Der Lungerersee, voll von gegräteten Köstlichkeiten.~

Am Brünigpass, auf 1002 m ü. M., trafen wir dann auf die Bahnstrecke Luzern-Interlaken oder Meiringen am Bahnhof Brünig-Hasliberg. Für die ewigen Antik-Stöberer gibt es da komischerweise in der Einöde ein riesiges Brockenhaus und das Restaurant „Passhöhe 1013“, das normalerweise von Horden von motorradfahrenden Rockern belagert ist. An diesem Tag war absolut nix los. Wahrscheinlich war das letzte Schnitzel für einen von ihnen nicht bekömmlich. Danach fuhren wir runter ins Haslital, nach Meiringen.

~Die Schmalspurbahnstation auf der Passhöhe.~

Meiringen ist ein Ort, der schon früh touristisch war. Wahrscheinlich hat das langsame Entstehen dazu für eine normale Gegenwart gesorgt. Aber ich erinnere mich, dass während meiner Kindheit die Begrüßung der Meiringer Gäste zur 1.-August-Feier in acht Sprachen abgehalten wurde. In schweizerdeutsch, deutsch, französisch, italienisch, rätoromanisch, englisch, spanisch und japanisch. Auf russisch hatten wir schon damals verzichtet. Ganz schön verrückt und eine Herausforderung für den Redner. Zur Erklärung: Der 1. August ist das Gedenken an die Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft am 01.08.1291. Früher wurden am 1. August auf den Gipfeln Höhenfeuer entzündet. Dazu wurden Holzstapel von kräftigen Männern hochgewuchtet. Diese Feuer waren Freudenfeuer, um der Vertreibung der Habsburger Vögte und ihrem klerikalen Klüngel 1291 zu gedenken. Die Innerschweizer Kantone litten damals unter der Knute der Habsburger.

~Blick vom Hotel Alpbach auf die Berge.~

Als wir im Meiringer Hotel „Alpbach“ nachmittags eincheckten, zog der Himmel zu. Es wurde finster. Gefährlich gluckste der Alpbachfall, der dem Hotel den Namen gab und die schroffen Felsen oberhalb des Hotels drohten. Wir deponierten unser Gepäck in den freundlichen Zimmern und genehmigten uns einen Aperitif auf der Terrasse. Es fing an zu regnen. Wie schön. Ich mochte das schon immer. Unter einer breiten Markise sitzen, in die Botanik schauen und entspannen. Nach dem Regen fuhren wir mit dem Auto nach Balm, einem Dorf bei Meiringen, und suchten das Geburtshaus meines Vaters. Doch davon im nächsten Kapitel. Das Abendessen wartet.

~Die „Chäshörnli“ mit Gourmetdekoration.~

Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir unsere Erinnerung auf dieser Tour nicht zu sehr strapazieren wollten. Aber als wir im gemütlichen Restaurant des Hotels Platz nahmen, gab es keine Speisekarte und das Tischtuch war mit allerlei Krimskrams aus den Bergen dekoriert. Ich schaute ratlos gegen die mit Arvenholz getäferte Wand. Meine Begleitung schmunzelte „Hier gibt es keine Speisekarte“. Aha. Zeit, die beiden hübschen deutschen Frauen am Nebentisch verstohlen zu mustern. Die hatten sich anscheinend für den Folgetag eine anspruchsvolle Bergtour vorgenommen.

~Der Tomatensalat, heruntergestylt auf Normal.~

Endlich kam das Essen. Es gab „Chäshörnli“ mit Tomatensalat. Das hatte uns in der Kindheit Großtante Gritli immer am Ankunftsabend serviert. Ohne mein Wissen wurde die Hotelküche verrückt gemacht. Es war ein etwas feineres Restaurant mit Tellern mit breiten Rändern und so. So kam auch der Tomatensalat auf einem dieser Teller, mit verstreuter Petersilie auf dem breiten Rand, und die Bedienung war untröstlich, nicht noch etwas Mozzarella mit Basilikum dazu servieren zu dürfen. Wir wollten das Ganze puristisch und urtümlich haben und das die „Chäshörnli“ separat kamen war ein Unding, das wir aber geduldig hinnahmen, denn die „Hörnli“, die Teigwaren, waren von einem fantastischen Schmelzkäse überzogen. Es war mindestens so gut wie bei Großtante Gritli. Beim Dessert durfte ich dann frei wählen. Und jetzt ab ins Bett. Noch nicht ganz.

Meiringen liegt im östlichen Berner Oberland, im Haslital am Oberlauf der Aare. Der Ort ist umgeben von mittelhohen Bergen und Ausgangspunkt einiger Passstraßen. Meiringen ist eingebettet in ein U-Tal, d.h. der Boden breitet sich breit aus, im Gegensatz zum V-Tal, das unten spitz zuläuft. Der Name „Meiringen“ wird erstmals 1201 urkundlich erwähnt. So, nun hätten wir das Wesentliche, wenn da nicht mein Vater wäre. Er wurde 1913 in Meiringen geboren, sprach einen unaussprechlichen Dialekt, hatte sein Leben lang gesunde Zähne und lief auch im Winter in kurzen Hosen herum. Das mit den Hosen ist leicht erklärt. Er hatte darunter Großmutters selbstgestrickte dicke Strumpfhosen. Und die gesunden Zähne hatte er vom Kauen auf hartem Bergkäse.

~Das Örtchen Meiringen: Fotografiert um 1935.~

Aber warum beginne ich diesen Artikel über die Berge, der später zu einer Serie werden soll, mit „Rimini“? Alljährlich im August fuhren unsere Nachbarn in ihren Opel Kadett in Urlaub nach Italien, nach Rimini. Wenn sie zurückkamen, hatten sie diese schicken Autoaufkleber auf der Heckscheibe mit dem geschwungenen Schriftzug „Rimini“. Italien brauchte damals noch nicht Oliviero Toscani, um Werbung zu machen. Ich war unendlich eifersüchtig auf unsere Nachbarn und ihr Rimini, denn wir fuhren als ordentliche Arbeiterfamilie immer mit der Schweizerischen Bundesbahn zweiter Klasse nach Meiringen, genauer gesagt in das Fleckchen „Balm“ bei Meiringen, dem Geburtsort meines Vaters. Um es vorweg zu sagen, Meiringen war damals unendlich schön und aufregend für einen Knirps wie mich. Aber das estimierte ich damals nicht.

~Rimini: Autoaufkleber, der Sehnsüchte erweckte.~

Ich wollte nach Rimini. Mit hart verdientem Geld fuhr ich als Jugendlicher dann dahin, um eine deutsche Freundin mit ihrer Mutter im Urlaub zu besuchen. Mein Gott, was für eine Enttäuschung. Rimini war nicht das Rimini aus „Amarcord“, an das sich der großartige Federico Fellini in seinem gleichnamigen Film erinnert. Rimini war das, was man einen „Teutonengrill“ nennt. Alles geregelt. Deswegen mochten es wohl meine Nachbarn. Zurück zu meinem Rimini. Da die Mutter meiner Freundin hartnäckig auf die Keuschheit ihrer Tochter achtete, musste ich in einer Pension separat nächtigen. Die gab es wie Sand am Meer. Als Alleinstehender setzte man mich zum Abendessen an einen Tisch mit zwei netten Berlinern, Vater und Sohn. Das wäre ja nicht schlimm gewesen. Aber der Sohnemann wollte seinem Vater unbedingt das richtige Spaghettiessen beibringen. So im Löffel oder am Tellerrand auf die Gabel gerollt. Ich war jedesmal über und über bekleckert von Nachbarn Senior und die langen Nudeln gab es jeden zweiten Tag.

~Köstliches Schaumgebäck: Hier Meringues mit Kastanienpüree in Spaghettiform.~

In Meiringen konnte das nicht passieren. Es gab hartes Brot, Bergkäse, süße Waffeln und wenn´s hoch kam Süßigkeiten zum Lutschen aus dem Dorfladen, der vom Heftpflaster, über Mehl und Eiern bis zu Seilerwaren alles führte. Was für eine olfaktorische Orgie. Es war wunderbar und die Erinnerung an diesen Duft betäubt mich noch heute. Meringue, dieses fabelhafte Schaumgebäck aus gezuckertem Eischnee gab es da nicht. Obwohl Aufzeichnungen andeuten, dass Meringues von einem Konditor namens Gasparini erstmals um 1600 in Meirngen hergestellt wurden. Er selbst nannte seine Schöpfung „Meringue“ wohl nach dem Ort Meiringen.

Meine Eltern wohnten im Haus meiner Großeltern. Wir Kinder bei einer benachbarten Großtante. Beide Häuser waren ähnlich gebaut, aus Holz wie es üblich war. Stall und Werkraum befanden sich im Erdgeschoss und eine freistehende Treppe führte in die erste Etage. War man oben, stand man erst vor dem Plumsklo, indem es nach feuchtem Holz und akkurat aus Zeitungspapier geschnitten Streifen roch. Klopapier gab es damals in den Bergen noch nicht. Rechts ging es dann erst in die Küche, dann ins Wohnzimmer und in die Schlafzimmer. In meiner Erinnerung kommen mir die Häuser mit ihren niedrigen Decken wie ein Märchenhäuser vor. Das hatte wohl auch mit seinen Bewohnern zu tun. Die Großtante war ledig und einzigartig. Meine Großmutter war von einer unglaublichen Güte und meinem Großvater sehr rätselhaft. Er sagte nie ein Wort und schaute liebevoll, wenn ich ihm vergeblich Fragen stellte. Übrigens, mein Vater war ähnlich schweigsam. Er hat das Sprechen spät gelernt.

So, erstmal ist Schluss. Am Montag geht es los in die Berge. Wir wollen eine Erinnerungstour machen. Schauen, ob wir alles nochmals ähnlich erleben können.

Anselm Kiefer gehört sicherlich zu den bedeutendsten moderneren Künstlern aus Deutschland nach Beuys. Dass einiges von ihm umstritten sein soll oder von wenigen nicht verstanden werden will, tut dem keinen Abbruch. Für mich ist sein Werk ein gigantischer Kosmos faszinierender Ideen, die mich noch lange beschäftigen werden. Nun war er vor geraumer Zeit im Pariser Grand Palais mit seinem „Chute d´étoiles“ oder Sternenfall zu sehen und die erste, einem lebenden deutschen Künstler gewidmete Ausstellung in der riesigen Kuppel des Grand Palais wurde von Frankreichs Presse als Kulturereignis des Jahres gefeiert. Auch weil Kiefer die zukünftig jährliche Show der Monumenta im Grand Palais wohl erfolgreich eröffnet hat. Es folgten Richard Serra und Christian Boltanski.

~“Innenraum“, 1981.~

~“Sulamith“, 1983.~

Sein mystisches Werk, das von vielen unter dem Begriff „Neuer Symbolismus“ eingeordnet werden will, setzte er auch in dieser Pariser Ausstellung geradlinig fort. Eigentlich knüpfte er formal an seine Häuser und Türme in Barjac in den gebirgigen Cevennen an, wo auf 35 Hektar Land, in seinem Freiluftatelier, der ehemaligen Seidenspinnerei „La Ribaute“, rund vierzig solcher Objekte stehen. Kernstück im Grand Palais war ohne Zweifel der 17 Meter hohe Turm „Sternenfall“, der aus Betonplatten und dem von Kiefer geliebten Blei besteht. Dann seine „Milchstraße“, ein 7,10 langes und 8,0 Meter hohes Materialbild aus Öl, Acryl, Schellack und Blei. Dazu kommen sieben weitere Installationen, die Anselm Kiefer „Häuser“ nennt; mit beziehungsvollen Inschriften wie „Celan“, „Chlebnikow“, „Bachmann“, „Célin“. Ferner drei monumentale Skulpturen und dreißig rostig-braune Tafeln, auf denen der Künstler mit Baumfarnen spielt. Eine dieser riesigen Ikonostasen nennt er andeutungsvoll „Palmsontag“, wie wenn er seinen Umzug von Barjac nach Paris feiern wollte.

~Margarethe“, 1981.~

Schon seit geraumer Zeit beschäftigt sich Kiefer mit der Kosmologie und deren Mystik. Er hat sich in seinen jüngeren Arbeiten vom erdschweren Ballast befreit. Dr. Birgit Sonna von der Neuen Zürcher Zeitung schrieb zur letzten größeren Ausstellung seines neueren Werkes: „Allein der von Mao Tse Thung entliehene Ausstellungstitel ‘Lasst tausend Blumen blühen’ spricht in seinem Romantizismus schon Bände über die Konvertierung zur floralen Heiterkeit. Jeder Pflanze, so glaubt Kiefer, sei eine Figur am Firmament, ein Stern zuzuordnen. Während sich Kiefer früher symbolisch Asche aufs Haupt stäubte und den Bußgang durch die Nazigeschichte bis hin zu den altgermanischen Sagenkreisen unternahm, ist er nun von dem kruden Tenor seiner Geschichtsbilder zu einem kosmologisch weit gespannten Gedankenhorizont übergegangen. Himmelskarten, Sternennebel und veritable alchemistische Rätsel lösen die vormalige Trauerarbeit des ‘Meisters aus Deutschland’ in eine fast überpersönlich gelassene Sicht auf den Existenzgrund der Dinge auf.“

~“Sternenfall“; 1998.~

Es ist meiner Meinung nach so wie immer, wenn man sensible Kunst mit Worten deuten will: bei diesem Zitat sträubt sich in mir doch etwas und es scheint zu oberflächlich. Es stimmt, Anselm Kiefer hat sich von seiner Melancholie gelöst, von seinem dumpfen, fast schon depressiv wirkenden, zerstörerischen Duktus der frühen Arbeiten. Seine ersten Werke, die mir 1984 bei der Düsseldorfer Ausstellung „Von hier aus“ begegnet sind, sind düster. Damals hatte ich als kurzzeitiger Mitarbeiter des Ausstellungsmachers Kasper König die Möglichkeit, den großformatigen Materialbildern besonders nahe zu sein, den fantastischen Werken aus Öl, Acryl, Stroh und Erde auf Leinwand. Auch die Arbeiten der Ausstellung 1987 im New Yorker Museum of Modern Art, bei der ich das Vergnügen hatte, japanischen Touristen Kiefer erklären zu können (zu erklären zu versuchen) wirkten drohend. Das 1981 gemalte Bild „Innenraum“ oder das 1983 gemalte Werk „Sulamith“ wirken schwer (es sind die beiden gewaltigen Darstellungen von Innenräumen im Bildanhang), und ich schämte mich ob der teutonischen Thematik beinahe, einen scheinbaren Nazikünstler erklären zu müssen.

~“Gewitter der Rosen“,2000.~

Anselm Kiefer ist weit davon entfernt, teutonisch zu sein, auch wenn er sich mit deutscher Mythologie beschäftigt hat. Er war auch nie spekulativ, selbst wenn seine Werke gerade bei amerikanischen Sammlern schwindelerregende Preise erzielen. Er ist ein moderner Deuter des Mikro- und Makrokosmos, des Existenziellen schlechthin. Er schafft Bezüge, versucht zu erklären. Er versucht Gewissheit und Wahrheit zu finden. Dabei ist er Alchemist. Er sagt zu seinem liebsten Werkstoff Blei: „Blei ist der Stoff der Melancholiker und Alchemisten … Und Melancholie wurde in der Renaissance gleichgesetzt mit Künstlertum.“

~“Osiris“,1991.~

Anselm Kiefer ist vor allem Maler. Seine Malerei nutzt oft Fotografien, die er übermalt und mit Material wie früher Stroh und Erde versieht. Er zeichnet wie jeder ordentliche Künstler und gestaltet Objekte. Meine Lieblingsarbeiten von ihm waren die großformatigen Materialbilder, oft mit beziehungsvollen Texten in seiner Sütterlinschrift versehen. Aber auch seine Buchseiten zwischen Bleiplatten, die unendlich viel offenbaren. In New York wurden sie zur vollen Stunde von einem distinguierten Mann mit weißen Handschuhen sorgsam umgeblättert. Nun werden zu meinen Lieblingsarbeiten auch seine Häuser gehören.

„The secret live of plants“, 1997.~

Anselm Kiefer hat sich wie oft in seinem Leben durch Umzug gehäutet. Der Transfer vom roten Labyrinth einer Ziegelei im Odenwald in seinen Fuchsbau bei Barjac und jetzt nach Paris, erst in den Grand Palais und dann vorerst endgültig ins Marais-Viertel, scheint für sein Schaffen notwendig. Die Faszination seiner Kunst wird aber an jedem Ort der Welt bestehen können.

Neues aus der Wüste

Juni 20, 2022

Es sollte der heißeste Tag bisher in diesem Jahr werden. Also schalte ich alles auf Energie sparen. Das ist ja eh angebracht. Kein Sport. Churchill hatte ja schon gesagt „Sport ist Mord“. Nicht nach draußen gehen. Auch nicht zum Morgenspaziergang. Rollläden geschlossen halten. Markise auf dem Balkon bis zum Anschlag senken. Davor Blumen schön kalt abduschen. Rezepte für einen kalten und frischen Imbiss zu Mittag schon mal im Kopf zurechtlegen. Und dann wird es langweilig. Also schalte ich die Glotze an und suche nach einer Reportage oder einen Spielfilm, der im Winter spielt. Der möglichst Eis klettern beinhaltet.

Das wird schwierig. Ich schalte zu Arte. Das ist meist die Rettung. Und siehe da: Es gibt eine wunderbare Reportage über New Mexico und Nevada. Inklusive brütender Hitze. Aber das ist egal. Arte weiß immer, was ich will. Der Sender zeigt eine Reportage über „Land Art“ oder „Earth Works“. Diese Kunstrichtung ist Ende der 1960er Jahre in den USA entstanden. Sie hören zum ersten Mal davon? „Prägendes Merkmal der Land Art ist der gestalterische, bevorzugt minimalistische und oft radikale Eingriff in eine Landschaft zur Schaffung eines dreidimensionalen, stets ortsspezifischen und häufig vergänglichen Kunstwerks.“ Christo und Jeanne-Claude gehören interessanterweise nicht dazu. Obwohl sie mit dem „Valley Curtain“, einem Projekt in den Rocky Mountains in Colorado, einen Vorhang durch ein 400 m breites Tal gespannt haben. Wahrscheinlich wurden sie eher durch Verhüllungen wie das des Berliner Reichstagsgebäudes stilbildend. Aber jetzt zurück zur Wüste.

~Double Negative: Imposantes Werk von Michael Heizer.~

Der Amerikaner Michael Heizer, am 4. November 1944 in Berkeley, Kalifornien geboren, schuf 1969 mit seinem Werk „Double Negative“ in der wüstenartigen Hochebene Mormon Mesa bei Las Vegas ein Werk, das einem den Schweiß ins Gesicht treibt. Mit Bulldozern und Dynamit wurden zwei neun Meter breite und 15 Meter tiefe, exakt lineare Einschnitte mit einer Gesamtlänge von mehr als 450 Metern in die Erosionskante der Hochebene getrieben. 240.000 Tonnen Gestein mussten bewegt werden. Seinen Worten nach sollte eine erlebbare „negative“ Skulptur, die man nicht wie gewohnt nur von außen betrachten, sondern die man begehen und als meditativen Raum erfahren sollte, geschaffen werden.

~Seven Magic Mountains: Liebevolle Fantasie von Ugo Rondinone.~

Aber es geht auch weniger brachial. Der Schweizer Künstler Ugo Rondinone, am 30. November 1964 in Brunnen, Schwyz geboren, ist nicht typisch für die Land Art. Das liegt daran, dass er sehr vielfältig in seinen Ausdrucksformen ist. Seit 2016 ragen „Seven Magic Mountains“ in den Wüstenhimmel von Nevada, südlich von Las Vegas. Jeweils drei bis sechs Felsbrocken des örtlichen Kalksteins wurden für die sieben Objekte aufeinandergestapelt und in leuchtenden Farben bemalt. Sie sollen ein Symbol für den Gegensatz „Natürlichkeit“ und „Künstlichkeit“ sein. Ob die Wüste und die Stadt Las Vegas damit zu tun haben? Oder soll das Objekt eine Mischung aus natürlicher geologischer Formation und abstrakter Komposition darstellen, wie es in der Literatur steht?

Der dritte Teil der Portraitserie hat mich am Meisten beeindruckt. Es ging um die am 6. September 1965 in Escondido, Kalifornien, geborene amerikanische Bildhauerin Andrea Zittel. Nicht nur weil sie Kunst extrem ganzheitlich sieht, ähnlich wie die Künstler des Deutschen Bauhauses, sondern weil sie auch eine angenehme Stimme hat. Wikipedia schreibt: „Zittel verwandelt ihre Werke, die aus Skulpturen und Installationen, aus Einrichtungsgegenständen und Kleidungsstücken bestehen, in eine bewohnbare, artifizielle Welt, in der sich die Grenzen zwischen Kunst und Leben verwischen und die ein eigenes soziales Umfeld entstehen lassen.“

~Planar Pavilions: Eckige Figurationen von Andrea Zittel.~

Zu kompliziert? Überhaupt nicht. Sie lebt und arbeitet in einem Umfeld, das sie laufend analysiert und dokumentiert. Erst in einem dreistöckigen Gebäude in Brooklyn, New York, mit dem Projekt „A-Z East“. In ihm erforschte sie Ess-, Schlaf-, Bekleidungs- und Waschgewohnheiten der temporären Bewohner, um festzustellen, was wichtig ist. Seit 1999 mit dem Projekt „A-Z West“ in der Mojave-Wüste bei Joshua Tree, wo sie ihre „Experiments in Living“ weiterentwickelt. In der Wüste mit ihren extremen Bedingungen gewinnt sie neue Einsichten.

Weiter: „The Institute of Investigative Living“ nennt die Künstlerin ihre Arbeit, die mehr Experiment als Kunstwerk ist. Mitten in der Wüste werden die zentralen Dinge unseres Alltags – Haus, Möbel, Kleider und Nahrung – zu einer Versuchsanordnung mit unseren Grundbedürfnissen. Was ist Gemeinschaft? Und wie lebt es sich jenseits von Überfluss? Design, Architektur und Kunst bilden eine Einheit. Ihre Land Art entsteht nebenher. Wenn man Andrea Zittels Kunst auf eine einzige Form reduzieren müsste wäre es das Rechteck.

~Nazca-Linien: Von Tausend Füßen in die Hochebene gescharrte Bilder.~

Übrigens: Die Nazca-Linien oder Scharrbilder in der Wüste bei Nazca und Palpa in Peru könnten auch zur Land Art gerechnet werden. Sie sind so richtig nur aus der Luft erkennbar und riesig. Es sind abstrakte Gebilde oder Tierdarstellungen. Da sie zwischen 200 v. Chr. und 600 n. Chr. entstanden sind, ist dies ein Scherz am Rande.

Gestern schenkte mir ein freundlicher Mensch einen prächtigen Strauß Alpenrosen. Ich glaube, es sind Rostblättrige Alpenrosen. Bei der Bewimperten Alpenrose wäre der Blattrand deutlich bewimpert, das heißt es würden sich feine Haare am Blattrand finden.

Nach diesem kurzen Gang in die Botanik ein Hinweis zur Herkunft. Wie Sie vielleicht wissen kommen Alpenrosen in den Bergen vor. Mein Strauß stammt von einer Schweizer Alm, also aus einer Höhenlage von mindestens 2000 Metern. Sie wurden von einem Mann gepflückt, der an Wochentagen wahrscheinlich mit einem Seniorenticket der Schweizerischen Bundesbahnen ins Berner Oberland fährt und die Alpenrosen danach ziemlich frisch auf einem Wochenmarkt am Züricher Bürkliplatz verkauft.

~Die Alpenrose: Ein Strauß prächtiger Erinnerungen an einen Sommer.~

Es gibt Leute die sagen, Alpenrosen hätten keinen Geruch. Meine duften ziemlich kräftig. Ich habe sie in einem Zwischenflur zuhause stehen und jedes Mal wenn ich daran vorbeilaufe scheinen sie mit einem Duft aus klirrender Hitze und feuchter Erde zu sagen „Komm´in die Berge. Hier ist es schön“. Nun muss ich gestehen, dass es mein größter Wunsch in meiner Kindheit war, einmal einen Urlaub in Rimini zu verbringen. Das rührte daher, dass unsere Nachbarn immer mit diesen Autoaufklebern aus Italien zurückkamen. Wir hatten kein Auto und fuhren mit dem Zug in die Berge.

Mit meinem ersten mühsam verdienten Geld fuhr ich nach Rimini. Es war nicht so wie in Fellinis Filmen, sondern grässlich und ich sagte mir „Nie wieder“. Rimini war schon damals eben nicht Italien, sondern eine schnöde Touristikhochburg, die man nur mit Mengen an billigem Rotwein ertragen konnte.

Wie schön, dass ich jetzt meine Nase in den Alpenrosenstrauß stecken und mir Erinnerungen gönnen kann. An die mindestens zehn Sommerzeiten im Berner Oberland. An die prächtigen Bergwiesen, wo von Hand gemäht werden musste. An die unendlich weiten Felder mit leuchtenden Alpenrosen. An die Kolonien mit dutzenden, ja hunderten Murmeltieren. An die klirrend staubige Hitze und den munteren Bergbach, der durch die Wiese mäanderte und in einer kleinen Kuhle Frische versprach. Erinnerungen an das echte Leben eben.

Earendel

Mai 16, 2022

Ich habe mich schon immer für das Weltall interessiert. Das hat aber nie dazu geführt, dass ich eine Karriere als Astronaut angestrebt hätte. Nein. 🙂 Der Blick nach oben war für mich trotzdem immer faszinieren. Im zarten Alter bastelte ich mir nach einer Anleitung aus „Helveticus“ ein Teleskop, bestehend aus zwei ineinander geschobenen Pappröhren mit unterschiedlichen Durchmessern, einem Brillenglas vorne und einem Okular hinten. Die Röhren waren innen mit schwarzer Tusche angemalt. Die ineinander geschobenen Röhren mussten so justiert werden, dass die Brennweite stimmte. So saß ich nächtelang auf dem Balkon und beobachtete den Mond 40-fach vergrößert.

Das Interesse für das Überirdische hat mich dann ein ganzes Leben lang begleitet. Nicht heftig, aber als Grundrauschen war es immer da. Mal ehrlich: Wer ist von einem Nachthimmel ohne Lichtsmog nicht überwältigt? Etwa auf dem Hochplateau der Abruzzen, wo keiner stört. Ich kannte schnell die wichtigsten Sternbilder. Etwa den „Großen Bären“ und den kleinen. Den Stern Sirius etc.

~Earendel: Der bis jetzt am weitesten entfernte Stern im Universum (kleiner Punkt mit Pfeil gekennzeichnet).~

Nun wurde vor kurzem vermeldet, das ein Stern entdeckt wurde, der 12,9 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt ist. Das ist ein gewaltiger Sprung nach draußen. Frühere Entdeckungen von fernen Sternen galten Himmelskörpern, die wesentlich weniger weit weg waren. Wesentlich. „Earendel“ ist der altenglische Begriff für Morgenstern. Man schätzt, dass das Objekt mindestens die 50-fache Masse unserer Sonne hat und millionenfach heller ist als die massivsten bekannten Sterne.

Was bei der Sache interessant ist, ist das Stern vermutlich oder mit Sicherheit nicht mehr existiert. Wir sehen in 12,9 Milliarden Lichtjahren Entfernung ja nur das, was früher war. Also das, was ein Licht aussandte, das 12,9 Milliarden Jahre zur Erde unterwegs war. Aber positiv gesehen sehen wir das, was kurz nach dem Urknall im Universum da war. Vor sehr langer Zeit. Seit dem Urknall, der das Entstehen von Materie, Raum und Zeit aus der Singularität, einem winzigen unendlich heißen und unendlich energiedichten Punkt bedeutet, wuchs das Universum rasant. Atome, also Materie bildete sich, Elemente entstanden, das Universum strebte rasant auseinander. Heute nimmt die Geschwindigkeit noch zu und das ist gegen unsere Vorstellung.

Wenn wir annehmen, dass das Universum vor 13,8 Milliarden Jahre entstanden ist, ist das Beobachten eines Sterns, der vor 12,9 Milliarden Jahren existiert hat, äußerst aufregend. Beobachten wir doch etwas, was kurz nach der Entstehung des Universums entstanden ist. Diese Ursterne, die sich aus Staub und Gas entwickelt haben, bestanden vermutlich nur aus Wasserstoff, Helium und Spuren von Lithium, der Ursuppe des Universums. Andere Elemente, die für unser Leben wichtig sind, entstanden später. Vor allem Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel.

Nun zu einer Besonderheit der Entdeckung. Ein so hell strahlender Stern wäre in dieser unendlichen Entfernung ohne die natürliche Vergrößerung durch einen riesigen Galaxienhaufen, in diesem Fall WHL0137-08, der sich zwischen uns und Earendel befindet, nicht zu sehen. Die Masse des Galaxienhaufens verformt den Raum und schafft so ein starkes natürliches Vergrößerungsglas, das das Licht von fernen Objekten dahinter verzerrt und stark verstärkt.

~Weltraumteleskop Hubble: Machs gut alte Metallkiste.~

Und dann noch etwas: Die Entdeckung haben wir dem Weltraumteleskop Hubble zu verdanken. Das von der NASA und ESA gemeinsam entwickelte Weltraumteleskop wurde 1990 mit einer Space-Shuttle-Mission in den Weltraum geschickt und musste 1993 im All repariert werden da sein Hauptspiegel Fehler hatte. Nach mehr als 30 Jahren verdienstvoller Arbeit wird es nun durch das James Webb Space Telescope ersetzt. Mal schauen, womit wir nun weiter überrascht werden.

Bei uns in der Familie ist es seit Generationen üblich, Eier an Ostern in einer Tunke aus ausgekochten Zwiebelschalen zu färben. Aber damit sie dann am Ende österlich fröhlich aussehen, müssen sie erst mit dekorativen Kräutlein umwickelt werden.

~Frisch aus der Natur: Fröhliche Wiesenkräutlein.~

Aber im Detail der Reihe nach. Erstens: Zwiebelschalen über einige Tage sammeln oder sie dem Gemüsehändler Ihres Vertrauens abschwatzen. Der ist froh, wenn er sie los ist. Zweitens: Frühmorgens Kräuter sammeln. Sie müssen möglichst interessante Silhouetten haben. Das Sammeln lässt sich mit einem erfrischenden Osterspaziergang verbinden. Die Kräuter in einer Schüssel mit etwas Wasser frisch halten. Drittens: Die Zweibelschalen gut auskochen, bis ein kräftig dunkler Sud entsteht. Sud beiseite stellen.

~Ausgesprochen nützlich: Zwiebelschalen für den Färbsud.~

Dann und viertens: Rohe Eier bereitstellen. Sie sollten weiß sein. Bindfaden und Damenstrümpfe bereitlegen. Sie sollten möglichst nicht von Ihrer Lebenspartnerin sein, sondern günstig gekauft. Die Fußenden werden nämlich abgeschnitten. Kräuter und Geduld bereithalten.

~Es dampft auf dem Herd: Der Sud, der den Eiern die schöne Farbe gibt.~

Fünftens: Ein Ei in die Hand nehmen und ein Kräutlein darauf platzieren. Hier lohnt es, dass es vom Frischhalten feucht ist. Es haftet besser. Das Kraut glattstreichen, sodass es klebt. Ganz Mutige schmücken nun auch die Rückseite. Sechstens: Das „dekorierte“ Ei vorsichtig in das Stück Fußende des Strumpfes stecken. Das offene Ende zusammendrehen und mit dem Bindfaden verschnüren.

~Das umwickelte Ei: Kostbares hinter dem Damenstrumpf.~

Siebtens: Die Eier im Sud normal hartkochen. Herausnehmen und von Strupf und Kräutern befreien. Ich garantiere, sie werden so schön, dass Sie Mühe haben werden, sie zu verzehren. Nur, an Weihnachten sind sie hinüber.

~Das Endergebnis: Gefärbte Eier, die jeden interessieren.~

Natürlich wird hier nicht die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, der am 12. Oktober 1492 erstmals auf einer Insel der Bahamas an Land ging, beschrieben. Kolumbus meinte ja, dass er westwärts einen Seeweg nach Indien gefunden hätte. Dem reichen Gewürz-Indien, dass seine Schätze nur über die nervigen arabischen Zwischenhändler preisgab. Von dieser Entdeckung möchte ich gar nicht berichten, weil in der Folge Spanier und Portugiesen durch ihre Gier nach Gold in Südamerika ordentlich wüteten. Pfui.

~Wikinger: Nicht die ersten in Amerika, aber sehr früh.~

Nein, das wäre auch historisch falsch. Vor Christoph Kolumbus statten mit Sicherheit die Wikinger um 1021 zumindest Nordamerika einen Besuch ab. Sie bezwangen die stürmischen Nordmeere und segelten von Island über Grönland bis an die Küste Neufundlands. Sie bauten ihre Holzhäuser, waren friedlich. Blieben aber nicht lange.

~Hochinteressant: Mögliche Routen der Besiedlung Amerikas.~

Als eigentliche Besiedlung Amerikas durch den modernen Menschen, den Homo Sapiens, gilt eine These, dass vor 13.000 Jahren während der letzten Eiszeit Menschen aus Nordostasien über eine Landbrücke der Beringstraße in das menschenleere Nordamerika eingewandert sind. Das Meerwasser war damals in großen Mengen zu Eis gebunden und der Meeresspiegel deutlich tiefer.

~Mysteriös: Ob Lucy wohl so ausgesehen hat?~

Nun muss ich zur Entwicklung der Menschheit allgemein etwas ausholen. Nach der immer noch gängigen Out-of-Africa-Theorie entwickelte sich der moderne Mensch, der Homo Sapiens, unser Vorfahre, in Afrika. Paläoanthropologische Spuren wurden im Süden Äthiopiens, der „Wiege der Menschheit“, gefunden. Sie sind 1,8 Millionen Jahre alt. Die berühmte Lucy, das Teilskelett einer frühen Hominini-Art (menschenähnlichen Art) ist sogar noch älter, nämlich 3,2 Millionen Jahre. Weil Lebensräume trockener wurden und wohl auch aus Neugierde verbreitete sich der der Homo Sapiens von Afrika über die arabische Halbinsel nach Asien und weiter bis Australien. Andere eroberten eisfreie Gebiete in Europa und Nordostasien.

~Interessanter Fundort: Felsen bei Pedra Furada.~

Zurück zur Beringstraße und der Besiedlung Amerikas: Man vermutet, dass dann die Menschen über eisfreie Korridore oder über Küstenrandgebiete nach Süden gewandert sind und Nordamerika besiedelten. Die Verfechter der Beringstraßen-Theorie waren sich einigermaßen sicher, da ausgegrabene Funde wie Werkzeuge und Waffen aus Tierknochen von Alaska über New Mexico bis Feuerland alle nicht älter als 13.350 Jahre waren, also der Zeit der Überwindung der Beringstraße. Die Werkzeuge und Speerspitzen glichen sich 400 Jahre lang so sehr, dass von einer einheitlichen Kultur, der Clovis-Kultur, gesprochen wurde. Clovis ist ein erster Fundort im US-Bundesstaat New Mexico.

~Anschaulich: Gruppe von Menschen mit Tieren.~

Aber auch die Clovis-First-Theorie scheint nun überholt zu sein. In der brasilianischen Serra da Capivara lebten schon vor 30.000 Jahren Menschen. Einer der prominentesten Fundorte ist Pedra Furada. Die Brasilianerin Niède Guidon war die erste, die sich mit der Erforschung der mit über 50.000 Felsenzeichnungen einzigartigen Fundstellenkonzentration beschäftigte. Aber die verlässliche Datierung der Malereien und der im Umfeld gefundenen Siedlungsreste stellten erst ein großes Problem dar.

~Wie heute: Menschen bei der Arbeit.~

Schließlich bekam Guidon Unterstützung von Wissenschaftlern aus Europa. Mit Hilfe der „Thermolumineszenz-Analyse“ wurden Proben bei völliger Dunkelheit aus einer Schicht entnommen und die Strahlung im Labor gemessen. So lässt sich das Alter einer Schicht und damit das Alter der Fundstücke genau bestimmen. Alle Fundschichten waren mehr als 30.000 Jahre alt. Somit scheint Amerika als Erstes nicht von den Clovis-Menschen besiedelt worden zu sein. Gegen diese erste Besiedlung spricht auch die Anatomie. Clovis Menschen hatten eine eher sibirisch-asiatische Schädelform. Die Menschen aus der Serra da Capivara hatten sehr viel Ähnlichkeit mit Afrikanern. Nach meiner Lieblingsvorstellung sind sie übers Meer gekommen. Auf Schilfbooten wie sie später im Alten Ägypten üblich waren. Bei einigen Felszeichnungen kann man mit viel Fantasie Boote erkennen. Unterstützt bei der Reise ins Ungewisse hatte sie dabei der Südäquatorialstrom aus Westafrika.

~Kommentar eines Forschers: Gruppensex.~

Die Besiedlungspopulation in der Serra da Capivara muss sehr groß und dauerhaft gewesen sein. Um so interessanter ist die Frage: Wohin sind diese ersten Amerikaner verschwunden?