Steckborn, das kleine Städtchen auf der Schweizer Seite des Untersees, ist gut für Geschichten, die, auch wenn sie scheinbar unbedeutend sind, einem manchmal unglaublich vorkommen. Es geht hier nicht um große Ereignisse wie in dem fiktiven Ort Schilda, der durch seine Schildbürgerstreiche gut bekannt ist. Obwohl, wenn ich es richtig bedenke, hat mein Lieblingsstädtchen am Untersee sich auch schon so einiges geleistet. Es geht hier um eine Kleinigkeit, die mich irritiert hat und nächtelang nicht schlafen ließ. Ich schwöre es. Es geht darum, dass man kaum verstehen kann, wenn etwas Gewohntes fehlt, wenn etwas nicht stimmt. So, wie wenn plötzlich Ihre Nase nicht mehr da wäre. Der Löwe war weg.

~Das Hotel-Restaurant „Loewen“ in grauer Vorzeit.~

Nun sollte man natürlich wissen, welchen Löwen ich meine. Es ist kein Löwe aus einem Tierpark oder gar dem Schweizer Nationalzirkus Knie der fehlt. Nein, nein. So sensationell ist es nicht. Es ist der Löwe auf einem an der Wand angebrachten Sockel des Restaurants „Löwen“ der fehlt. Schweizer Restaurants, vor allem in Steckborn, haben meist Namen wie Adler, Hirschen, Sonne oder eben Löwen. Und diese Namen sind gut illustriert durch einen Adler, einen Hirsch, eine Sonne etc. auf Tafeln, Wirtshausschildern etc. Oder in unserem Fall der Skulptur eines Löwen auf einem Sockel.

~Eine alte Postkarte die zeigt, wie bedeutend die Liegenschaft war.~

Nun muss man sich beim Hotel-Restaurant „Löwen“ über nichts wundern. Das stattliche Gebäude am Ratshausplatz – das ist der Platz auf den man kommt, wenn man von der Schiffsanlagestelle durch eine Durchgang des alten Ratshauses geht – hat eine imposante Geschichte. Immerhin übernachtete der berühmte Komponist Franz Liszt am 15.6.1835 hier. Die angesehene Bierbrauerei Falken betrieb hier lange ein Bierdepot. Und es gab sogar eine Kegelbahn. Das war früher in der Schweiz ein Indiz von besonderer Geselligkeit. Aber die Geschichte des Hotel-Restaurants „Löwen“ war meist unrühmlich. Nebst einem erfolgreichen Intermezzo ab 1938 unter der charmanten Wirtin Virgiana Weller, kurz „Wwe“ genannt, gab es endlose Besitzer- oder Wirtewechsel. Von 1890 bis 1987 wirkten immerhin 20 glücklose Betreiber im „Löwen“. Das ist vor allem in der Schweiz ein katastrophales Zeichen. Seit 1987 stand das Filetstück in der Steckborner Altstadt dann leer. Und das bei einem ordentlich erhaltenen Gebäude mit Seeterrasse zum Gewässer hin und durchgehender Bebauung bis zur renommierten Seestrasse. An das verwaiste Haus hatte ich mich gewöhnt. Ich vermute Erbstreitigkeiten, die einem Verkauf der Liegenschaft und einer erneuten Nutzung im Wege standen.

~Der brutal leere Sockel.~

Als ich eines schönen Morgens zum zweiten Kaffee über den Platz zur Beiz der Hofers an der Schiffsanlegestelle schlenderte, bemerkte ich es. Der Löwe auf dem Sockel war weg. Das war für mich, der Gewohntes liebt, ein Schock. Es war wie damals auf dem Markusplatz in Venedig. Da hatte ich das beunruhigende Gefühl, das etwas fehlte, auch. Es war der Markuslöwe, der auf seiner Säule fehlte. Schnell fand ich aber heraus, dass der zur Reparatur war. Beim Löwen in Stechborn war das anders. Die reizende Serviererin von Hofers Kneipe wusste nichts. Andere mir zur Verfügung stehend Menschen konnten auch nicht helfen. Ich war verzweifelt, auch wenn das außer mir keiner nachvollziehen konnte. Ich bin eben so. Alles sollte auf seinem Platz sein.

~Die Demontage des Löwen durch Urs Traber.~

Wäre ich im Stadtgespräch von Steckborn etwas intimer dabei, wäre ich nicht erschrocken gewesen. Es gab natürlich eine simple Erklärung. Die fand ich dann auch, als ich wie gewohnt recherchierte. Als erstes rief ich einen befreundeten Bildhauer in Steckborn an, den Urs Traber (http://www.traberstein.ch). Der weiß immer alles. Er war es selbst, der den Löwen entfernte. René Labhart, der die famose Website Alt Steckborn (http://www.alt-steckborn.ch) betreibt, wusste es natürlich auch. Der weiß auch immer alles. Was ich erst jetzt verlässlich weiß ist, dass die Liegenschaft schon längst verkauft war. An einen gewissen Berlinger Lorenz Haid, dem die Haid Handels AG gehört. Der hatte den Bildhauer Urs Traber gebeten, den Löwen zu entfernen, weil er das Haus mit einem Baugerüst versehen wollte. Der Grund war ein umfänglicher Neubau auf dem Grundstück des „Löwen“, der allerdings wegen seiner Protzigkeit durch Einsprachen vorerst scheiterte. Das kommt hier öfters vor. Der Löwe liegt nun auf einer Palette in einer Lagerhalle von Urs Trabers Frau. Und er ist nicht aus dem üblichen Sandstein, wie ich vermutete, sondern aus Terrakotta, innen also hohl und bemalt. So, nun weiß ich alles. Gott sei Dank.

~Zu guter Letzt die schöne Seeterrasse heute.~

~Der „Frieden“: Das kleinste Haus am Herrenacker.~

Nachdem wir im ersten Teil des Artikels über die Schaffhauser Wirtschaft „zum Frieden“ ausgiebig in der Geschichte des Hauses gebadet haben, sind wir jetzt ganz in der Neuzeit. Das moderne und dynamische Gastronomieehepaar Heidi und Fabrice Bischoff bewirtschaftet den „Frieden“ seit Anfang Januar 2007 nach einem klaren Konzept. Im Vordergrund stehen die Mittag- und Abendküche und das Kredenzen von guten Weinen. Die Weine kommen hauptsächlich aus der Region Schaffhausen und dem Waadtland. Kein Wunder: Heidi ist in der Region Schaffhausen geboren und aufgewachsen. Fabrice, wie es im Namen anklingt, kommt aus der französischen Schweiz, genauer gesagt aus dem Waadtland. So finden sich aktuell auf der Weinkarte zum Beispiel bei den Weißweinen ein hervorragender „Les Echelette“ vom Genfer See und bei den Rotweinen ein „Albi Pinot Noir“ aus Uhwiesen bei Schaffhausen. Natürlich gibt es auch Franzosen und Italiener. Die Weinpreise sind eher gehoben, aber meist auch im Offenausschank erhältlich.

~Einladend: Der Schriftzug über der Eingangstüre.~

~Schön: Überall Blumen.~

~Interessant: Fundstück aus der Vergangenheit.~

Da die Menüs und Einzelgerichte immer frisch und jahreszeitlich angeboten werden, empfiehlt es sich vor Ort beraten zu lassen. Unvergesslich ist mir aus meinem ersten Besuch eine Kleinigkeit, ein raffiniert komponierter Blumenkohlsalat mit frischen Kräutern und Nüssen. Er war beinahe Michelin-Sterne würdig, anders als man das bei einem einfachen Gemüse wie Blumenkohl vermutet. Dies war damals mein Test. Mittlerweile wage ich mich an anspruchsvolle Menüs und habe keine Scheu, auch kritische Begleitungen mitzunehmen. Es ist tatsächlich immer ausgezeichnet und oft auch überraschend in den Kompositionen. Auf der Website finden sich die aktuelle Mittags- und Abendkarte.

~Köstlich: Der Blumenkohlsalat.~

~Edel: Ausgesuchte Weine aus der Region.~

~Historisch: Einer der Kachelöfen.~

Die mehrsprachige Heidi Bischoff leitet den Service und kümmert sich um das Große und Ganze. Fabrice Bischoff macht den Einkauf und kocht. Dazu kommt eine Garde von handverlesenem Personal in Service und Küche. Im Service gilt eines: Kompetenz und Freundlichkeit. Immer wieder Freundlichkeit. Das gilt auch für die Auszubildenden, die nach ihrer Lehre bestimmt fit sind.

~Allzeit freundlich: Die Serviererin.~

Im schönen Ambiente auf zwei Etagen und sommers im idyllischen Garten unter Weinlaub kann man ruhig einige Stunden verbringen. Das Interieur stammt aus der Geschichte des Hauses und ist hervorragend gepflegt. Wer etwas Aussicht auf den Herrenacker wünscht, sitzt am Fenster. Und wer es im Winter wohlig mag, an den historischen Kachelöfen in der Weinstube im Erdgeschoss oder direkt darüber in der ersten Etage. Diese Stuben sind mit gemütlichem Holz getäfert und zu Essenzeiten sind die mächtigen Tische mit blütenweißen Tischdecken bedeckt. Vornehm. Hinten gibt es natürlich einen Speisesaal und einen Zunftsaal für größere Gesellschaften.

Kommen wir zu dem, wozu der „Frieden“ sonst noch bekannt ist: Neben kleineren Gesellschaften gibt es Sitzungen von Gruppen und mehrere Stammtische. Das ist in der Schweiz ein Indiz für Beliebtheit und Qualität. Mein Stammtisch ist der am Samstag vor der Mittagszeit. Ich habe darüber hier schon berichtet.

~Stammtisch: Einige Herren im Garten.~

~Details: Großzügige Zunftstube.~

~Gemütlichkeit: Schon immer wurden Weine geschätzt.~

 

~Ungleichheit: Der „Frieden“ in der Häuserzeile am Herrenacker.~

Normalerweise würde man den „Frieden“ heute als gehobene Gaststätte oder Restaurant bezeichnen. Die jetzigen Betreiber Heidi und Fabrice Bischoff haben sich aber bewusst für „Wirtschaft“ entschieden. Das hat seinen Grund. Er liegt in ihrer Verbundenheit mit der langjährigen Geschichte des Hauses am Herrenacker 11 im Herzen Schaffhausens. Und früher sagte man eben Wirtschaft.

„Wie ein Küklein unter die Flügel der Gluggere duckt sich der ,Frieden’ unter die Nachbarsdächer“, schrieb 1921 der damalige Staatsarchivar Hans Werner über das Gebäude. Ein schönes Bild: Der Frieden als kleines Hühnchen unter der beschützenden Henne. Es stimmt. Das Haus „zum Frieden“ ist in der Reihe der Häuser auf der Südseite des Herrenackers das kleinste und beschützenswerteste.

Das Haus „zum Frieden“, das anfänglich nicht „Frieden“ hieß, wurde 1445 vom Ratsherr Hans Kündig wohl gebaut, aber gesichert erworben. Es war auch keine Wirtschaft. Kündig wohnte darin. Ab 1477 wurde es kunstvoll. Der Bildhauer Franz Ahorn, genannt der „Herrgottsschnitzer“, frönte darin seinen Leidenschaften. Ab 1566 gehörte das Haus dem wackeren Magister Johannes Gaissenbock und es wurde „zum Gaissenbock“ genannt, obwohl Johannes mit einem Ziegenbock nichts zu tun hatte. 1579 kaufte es der Bürgermeister Dietegen von Wildenberg.

1661 kam es zum Streit mit den Nachbarn. Die damalige Besitzerin Margaretha Peyer im Hof stockte das Haus auf, um aus dem niedlichen Küklein eine prächtige Gluggere zu machen. Die Nachbarn klagten bei Gericht dagegen. Ein Grund war fix gefunden und der war mehr als 200 Jahre alt. Es gab schon damals Streit um den gemeinsamen Unterhalt der Giebelmauer zwischen Hans Kündig vom späteren „Frieden“ und Heinrich Merkly von der höheren und rechts gelegenen „Peyersburg“. 1445 einigten sich die Parteien vertraglich, dass der Unterhalt der Mauer bis zur Höhe des kleineren Hauses von beiden Parteien getragen wurde und der obere Rest vom Besitzer der „Peyersburg“. Autsch. Ein 200 Jahre alter Grund gegen die Aufstockung wurde gefunden. Marchgericht und Rat entschieden aufgrund der früheren Vereinbarung, die den Gebäudestatus offensichtlich zementierte, dass der bereits erstellte Aufbau wieder abgerissen werden musste. Aus Rache erbaute Frau Peyer im Hinterhof die „Trutzburg“, die dem bösen Peyersburg-Nachbarn die Sonne nahm. Im Volksmund wurde der spätere „Frieden“ nun das „Haus zum Streit“ genannt.

~Weihnachtlich: Der „Frieden“ im Winter.~

~Verheißungsvoll: Der „Frieden“ im Frühjahr.~

~Streitende: Der „Frieden“ am Erker.~

Aber wie kam es vom Streit zum Frieden? 1788 verkaufte ein gewisser Hans Felix Ziegler das Prozesshaus für 2800 Gulden an den Metzger Johannes Moser. Er machte den „Streit“ zum „Frieden“ und ließ diesen Namen flugs an den Erker malen. Der humorvolle Moser verkaufte in dem einen Teil des Hauses Fleisch, im andern schenkte er Wein aus. Bauern und Fuhrleute hielten an Markttagen im „Frieden“ Einkehr und es sind aus dieser Zeit keine größeren Streitigkeiten bekannt. Im Gegenteil. Man zechte und ließ es sich im Stübli bei Kutteln und Geschnetzeltem prächtig gehen. Die Pferde hatten es derweil im Stall hinter dem holprig gepflasterten Hausgang auch gut.

Nach dem Friedenstifter Moser kam der umtriebige Johann Rudolf Schelling. Der eröffnete zusätzlich noch ein Spezereigeschäft. So wurde aus dem kleinen Haus, dem Küklein, doch noch eine ansehnliche Henne, die goldene Eier legte. 1862 ging der „Frieden“ an Jakob Weber, der im vorderen Teil wirtete und im Hinterhaus Uhrenschalen fabrizierte. In Schaffhausen wurde die Uhrenfabrikation bedeutend. Gleichzeitig wurde der „Frieden“ als gut geführte Gaststätte bis weit über die Grenzen hinaus bekannt. Das lag wohl auch an der Ehefrau von Jakob. Luise Weber spielte mit den Fuhrleuten Karten und schnupfte zwischendurch aus ihrer legendären Tabakdose das, was meist nur Männern vorbehalten war. Nach den beiden Weltkriegen verliehen Edwin und Louise Bieler dem Wirtshaus neuen Glanz. 1984 übernahmen die Wirtsleute Martin und Anita Scherrer das Häuschen am Herrenacker. Der „Frieden“ war längst zur modern geführten Wirtschaft mutiert. Statt Bauern und Fuhrleute verkehrten nun Studenten und Politiker in der Weinstube, im Biedermeierstübli, in der Tessinerstube oder im Saal.

Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass hier nicht alle Besitzer- und Wirtewechsel aufgeführt sind. Der Text wäre überfrachtet. Die eingangs erwähnten heutigen Betreiber Heidi und Fabrice Bischoff hatten den „Frieden“ Anfang Januar 2007 von Erika Maier und Stefan Hofstetter gepachtet und dann Anfang Juli 2015 gekauft. Nun haben sie der einstigen Schänke den kulinarischen Kick verliehen. Das gepflegte und liebevoll restaurierte Ambiente, gepaart mit einer modernen, regionalen und frischen Küche ist auf dem Herrenacker einzigartig. Im zweiten Teil zum „Frieden“ erfahren Sie mehr über die Neuzeit. http://wirtschaft-frieden.ch

~Idyllisch: Der Garten im Frühjahr.~

~Himmlische Ruhe: Speisen unter Bäumen.~

~Alterswürde: Der knorrige Baum.~

~Versteckt: Etwas Kunst muss sein.~

~Der Oberhof: Eine leidlich gute Adresse.~

~Der Erker: Herausgeputzt ist in Schaffhausen üblich.~

Wie die Überschrift andeuten will, beschreibe ich hier selten Restaurantbesuche. Das war früher anders, auf Qype. Qype war eine Plattform auf der Restaurants bewertet werden sollten. Anderes auch, sogar Sonnenuntergänge. Aber hauptsächlich Restaurants. Qype war meine erste Tätigkeit im Internet. Ansonsten benutzte ich das Web nur für Recherchen und ähnliches. Mit Qype hatte ich also meine Unschuld verloren. Bis Qype an Amys verkauft wurde, war ich höchst erfolgreich. So erfolgreich, das meine Artikel oft kopiert wurden. Unter anderem von angesehenen Plattformen, die ihr Geld offensichtlich durch Textklau verdienen. Auch die mir manchmal eigentümlichen Formulieren wurden meist akkurat übernommen. Nur der „Gastro und Hotel-Tipp“ war etwas eigenwillig. Aus „… Frühmorgens, wenn der erste Kaffee von den noch bettwarmen Serviererinnen gebracht wird …“ strichen sie mir das „noch bettwarm“. Das hat mich persönlich sehr gekränkt. Die haben keine Ahnung von Serviererinnen.

Also hier wieder mal eine Restaurantbeschreibung, auch wenn ich an eine persönliche Bewertung von Restaurants nicht glaube. Meist schreiben ja nur Leute, denen die Suppe versalzen wurde. Oder solche, die vom Wirt durch einen Gratisschnaps bestochen wurden. Objektivität gibt es selten. Aber hier trotzdem etwas über den Oberhof im Herzen der Altstadt Schaffhausen. An der Adresse, an der Stadthausgasse 15, wurde schon 1910 von einem gewissen J. Meier-Tritschler eine Wirtschaft eröffnet. Vermutlich hieß sie schon damals Oberhof, nach dem Gebäude benannt. Der Oberhof wurde meines Wissens immer bewirtet. Erfolgreich oder auch nicht.

Am 19. Mai 2016 tat sich nach längerer Betriebspause etwas. Der Oberhof feierte die bis jetzt letzte Neueröffnung. Und zwar mit der Devise „Eastern & Oriental“. Will bedeuten vorderasiatische, orientalische Küche mit Schwerpunkt Mezzes. „Die Mezzekultur steht für Entschleunigung, sich Zeit lassen und sich austauschen.“ Warum die Presse einen so großen Wirbel um den Begriff macht, ist mir schleierhaft. In Schaffhausen lässt man sich gerade für das Essen immer Zeit. Und verschleiert muss Frau da auch nicht hin, es sei den es ist Karneval. Und selbstredend gibt es Elemente aus der Schweizer Küche zuhauf.

Der Oberhof hat sich schick herausgeputzt. Für die behäbige Stadt Schaffhausen ist man sehr modern. Es gibt sogar drei Screens im Gastraum, die die Arbeit in der Küche übermitteln. Die Bildschirme zeigen Authentizität und keine Konserve. Ich bin beim ersten Besuch in die Küche eingedrungen und habe mich überzeugt. Im Allgemeinen unterstützt das Interieur die Kundschaft. Zumindest mittags findet man nur smarte Geschäftsleute oder solche, die so tun. Eine orientalische Reise habe ich nicht erlebt. Kein Divan, kein Bauchtanz und so. Dafür eine solide Küche, die von den stark beworbenen orientalischen Gewürzen gar nicht so heftig gezeichnet ist. Beim ersten Besuch hatte ich allerdings nachträglich Bauchschmerzen. Eine so genannte Marketingexpertin sollte mir einen gut dotierten Job vermitteln. Sie brachte ihre ganze Büroentourage mit und ich habe, ohne jemals einen Job gesehen zu haben, die Rechnung bezahlt. Das ist hier selten. Später habe ich erfahren, dass der Mann, der den Job erhielt, ein Burnout erlitt. Kurz danach. Hüte dich rechtzeitig vor solchen Frauen. Sie wollen nur gratis und gut essen. Die späteren Besuche waren wesentlich angenehmer.

Im Moment ist das Restaurant geschlossen. Es gibt aber Catering auf Anfrage. Hoffentlich wird nicht wieder alles geändert. Es war gut. www.oberhof-schaffhausen.ch/

~Der Erkertisch: Mein Lieblingsplatz.~

~Sprudelndes Wasser: Mein Lieblingsgetränk.~

~Der obere Gastraum: Kontrolle zur Küche.~

~Liebevolle Details: Eine Deckenlampe.~

~Eine Wandschrift: Gilt nicht für mein Essen mit der Marketingexpertin.~

~Blick aus dem Erker: Auf meine Lieblingsgaststube, die Kerze.~

Oberkasseler Putten

Februar 27, 2017

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~Drakestraße: Putten satt.~

Nach dem Etymologischen Wörterbuch der Deutschen Sprache meint „Putte“ eine barocke Gipsfigur und der Begriff ist entlehnt aus dem italienischen „putto“, was soviel wie Knäblein bedeutet. Nun wissen wir alle, dass ab und zu altehrwürdige Hausfassaden auch von Engelchen geschmückt werden, die entweder weiblich oder sogar zwittrig sind. Im Grunde genommen geht es hier auch nicht um das Puttchen allein, sondern um Kunst am Bau schlechthin. Verzierungen, die dazu dienen, den bösen Nachbarn neidisch zu machen oder den blasierten Passanten zu erfreuen.

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~Luegallee: Pracht selbst am Kirchenseitenportal.~

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~Marktgrafenstraße: Figuren aus Stein.~

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~Cheruskerstraße: Ornamente aus Gips.~

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~Cheruskerstraße: Gips mit Backstein kombiniert.~

Putten sind meist aus Gips gefertigt, in unseren Breiten aber auch aus Sandstein gemeißelt. Etwa dem schönen mittelgrauen aus den Sprockhöveler Schichten, der etwa in Wetter an der Ruhr oder in Albringhausen abgebaut wird. Um es komplett zu machen: in diesem Sandstein sind vorwiegen Quarz-, Alkalifeldspat- und Plagioklasanteile zu finden. Was für eine Freude für den Steinhauer, wohlig rundliche Formen, elegante Gebärden und verschmitzte Gesichtszüge aus dem groben Klotz zu schaffen. Eigentlich ein Beruf, bei dem man sein Gehalt mitbringen müsste. Aber seien wir nicht vorschnell, die Steinmetzarbeit ist eine hohe Kunst. Zumindest wenn sie in Vollendung ausgeübt wird.

Putten aus Gips sind etwas einfacher herzustellen, denn hat man einmal die geniale Form gefunden, gießt man die Knäblein oder Weiblein ganz einfach seriell. Voilà. Gips wird in der Sprache der Chemiker als Calciumsulfat bezeichnet und ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der wasserhaltigen Sulfate. Irgendwo habe ich gelesen, dass Gips im Gegensatz zu Halit oder Calcit nur schwer im Wasser löslich ist. Dem entgegen steht die Feststellung von meinem Malermeister, dass Gips Feuchtigkeit zieht. Wunder über Wunder; so ist unsere Natur. Gips entstand übrigens geologisch durch Auskristallisieren aus Calciumsulfat-übersättigtem Meerwasser, und zwar wegen seiner geringen Wasserlöslichkeit als erstes Mineral noch vor dem Anhydrit. Und schon wieder was gelernt. Gips findet sich ganz natürlich auf der ganzen Welt, bei uns aber zum Beispiel im Neckar-Odenwald-Kreis, bei Osterode am Harz oder in Borken bei Kassel. Der Rohstoff Gips wird vorwiegend bergmännisch als Gipsgestein gewonnen. Was aber interessant ist, er fällt heute auch häufig als Nebenprodukt verschiedener chemischer großtechnischer Verfahren an. Gips gibt es also in Hülle und Fülle, wie unsere schöne Spalt-Tablette.

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~Cheruskerstraße: Irgendeiner brüllt.~

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~Barbarossaplatz: Stolz auf das Baujahr.~

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~Drakestraße: Ornamente und Natur.~

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~Drakestraße: Die gute Fee am Fenster.~

Wenn Sie nun als Heimwerker ausgerechnet an Gipskarton denken, muss ich Sie enttäuschen. Gips interessiert hier nur als weißes Pulver zum Anrühren mit etwas Wasser und zum Ausgießen einer schönen Form. Diese besteht heute aus Silikonkautschuk oder Gelatine. Spezielle andere Silikone kennen wir von Brustimplantaten und spezielle andere Gelatine vom Wackelpudding. Früher war das Formenmaterial Ton oder ein Leimgebinde. Der richtige Stuckateur rührt nun nicht einfach ein Gipspulver von Knauf an, sondern er verwendet ein Bindemittel aus Kalk und Gips, das mit Wasser und feinem Sand oder Marmormehl zu einem plastischen Brei verquirlt wird. Dieser bindet dann in die Form gegossen schnell ab. Der Versteifungsbeginn liegt etwa bei acht Minuten. Keine Zeit für die Bild-Zeitung. Am Bau werden dann die schönen Elemente mit einem Haftmörtel angeklebt und in schwereren Fällen mit Schrauben, Dübeln oder Drähten befestigt. Natürlich können die Dekorationen auch direkt vor Ort gefertigt werden. Der haftende Mörtel wird dann mit einer Grobschablone aus Holz in Form gebracht und danach fix mit einer Blechschablone nachgeformt. Ein Kinderspiel. Sollte Ihnen das hier zu spanisch vorkommen, fragen Sie doch einfach den Italiener Giovanni Battista Carlone, ein Meister seines Faches. Ein wahrer Stuckbildhauer. Bloß lebte der zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert und wird Ihnen schwerlich zur Verfügung stehen.

Nun ging es hier vorerst um Stuckarbeiten allgemein, die innen an Decken und eben auch außen an Hausfassaden zu finden sind. Diese wunderschönen Dekorationen an Häusern werden dann mit Leinöl gegen Feuchtigkeit imprägniert und mein oben genannter Malermeister wird in Ruhe staunen können. Und das kann er in Oberkassel: Auf der Cheruskerstraße, der Drakestraße, der Glücksburgerstraße, der Dominikanerstraße und weiteren exquisiten Wohnadressen. Neben den eingangs erwähnten Puttchen gibt es ordinäre Gesimse, prachtvoll stilisierte Bänder, geometrische Dekore und florale Motive. Und das nicht zu knapp. Stucco soweit das Auge reicht. Vor allem in der Höhe. Und dazwischen auch so manch besonderen Leckerbissen. Wie zwei lüsterne Satyrn, die mit wehendem Schweif und klotziger Hufe ein Weiblein und ein Männlein jagen. Nur weil diese einen Sack mit Trauben gestohlen haben. Und das auch noch ums Hauseck rum. Da hätten die Stuckateure der Wessobrunner Schule ihre helle Freude daran. Oder Giovanni Battista.

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~Marktgrafenstraße: Satyrn auf der Jagd.~

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~Cheruskerstraße: Gips nicht nur am Giebel.~

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~Luegallee: Florale Ornamente an der Hauptverkehrsstraße.~

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~Cheruskerstraße: Gips als Weltanschauung.~

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~Cheruskerstraße: Gips beinahe religiös.~

Sehen Sie dazu auch den schönen Artikel Oberkasseler Giebel. Und: Für diesen Artikel hätte ich tatsächlich ein Design für viele Bilder gebraucht. Aber ich will es nicht ändern. Texte sind mir wichtig.

 

Oberkasseler Giebel

Februar 19, 2017

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~Oberkasseler Giebel: Ein buntes Popurri.~

Als ich mit Buch und Katz vor langer Zeit nach Düsseldorf zog, fiel mir gleich das Viertel auf der linksrheinischen Seite auf, das man von der Altstadt aus so schön sieht. Normale Leute nennen es Oberkassel, die Eingesessenen und Sprachkundigen die „angere Sitt“. „Andere Seite“ auch deshalb, weil die Oberkasseler schon immer anders und sogar etwas etepetete waren und es auch heute noch sind. Von der erwähnten Altstadt aus sieht man also über den träge fließenden Rhein und die weiten Auen bis zur Häuserfront, die die Puppenstube begrenzt.

Puppenstube? Oberkassel wirkte auf mich beim ersten Mal tatsächlich wie eine Puppenstube, denn die Häuseransammlung im Rheinbogen ist schmuck und im Krieg kaum gebombt worden. So kommt es, dass viele dieser Kleinode aus den frühen Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts herrühren. Teilweise sogar noch früher gebaut wurden. Und so kommt es auch, dass die Oberkasseler Damen wie verwöhnte Gören wirken, die in ihrer Puppenstube schalten und walten. Um es kurz zu machen, Oberkassel ist eine etwas vornehmere Wohngegend und es treibt sich so ziemlich der bürgerliche Klüngel um. Aber auch viele Japaner, Architekten und Werber. Ich bin auch da, auf der Kiefernstraße wollten sie mich damals nicht haben. Und das, obwohl ich von der Karriere eines Hausbesetzers träumte.

Das vornehme Getue auf dieser anderen Seite hat aber auch Vorteile. Denn es versteht sich von selbst, dass die teilweise sehr schönen Jugendstil- und andern Häuser exzellent gepflegt sind. Vor allem auch die Giebel. Es dünkt mich, dass es beinahe wie in San Gimignano ist. Da protzte man zwar mit der Höhe der Häuser, der Geschlechtertürme. In Oberkassel sind es die Giebel, die Status vermitteln. Durch putzigen Putz, Ornamente, Materialien und Figürchen.

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~Dominikanerstraße: Für einmal schön zurückhaltend.~

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~Drakestraße: Die schönste in Oberkassel insgesamt.~

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~Drakestraße: Ein weiterer von vielen faszinierenden Giebeln.~

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~Glücksburgerstraße: Glücklich, wer da wohnt.~

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~Sonderburgstraße: Viele besondere Giebel.~

Nun sollte man natürlich vor Augen haben, was ein ordentlicher Giebel ist. Selbstverständlich ist der Giebel die Wandfläche eines Gebäudes, die zwischen den Ortgang-Linien eines geneigten Daches liegt. Und als Ortgang bezeichnet man den seitlichen Abschluss der Dachfläche am senkrecht stehenden Giebel. Beim ordinären Satteldach ist diese Wandfläche dreieckig. Ordinär sind sie meist in Oberkassel. Falls Ihnen das alles zu akademisch ist, ein Vorschlag zur Güte: Gehen Sie durch die Straßen Oberkassels und schauen Sie einfach nach oben. Wie dieser Hans Guck-in-die-Luft. Da wissen Sie was gemeint ist. An den bisweilen störenden Baumkronen zur Sicht sind nicht die Giebel schuld, sondern die Etepetete-Oberkasseler. Die mögen nämlich nicht nur Giebel, sondern auch Bäume.

 

Sie sollten sich bei Ihrem Luft-Spaziergang durch gar nichts beirren lassen, auch nicht durch hupende Autofahrer. Reviere wie die Drakestraße, die Dominikanerstraße, die Sonderburgstraße und die Glücksburgerstraße sind einen Kollateralschaden wert. Vor allem die Drakestraße. Da wird das ganze Füllhorn der Handwerkskunst ausgeschüttet. Dachgauben, Grate und Firste sind kunstvoll geformt. Tiere, Engelchen, Bösewichte und andere Fratzen grinsen. Verschlungene Ornamente geben Rätsel auf. Reichtum satt. Wenn Ihnen das in Ihrer Bescheidenheit zu opulent ist, hilft das Haus von Joseph Beuys. Es liegt gut versteckt in der Wildenbruchstraße hinter einem Vorplatz mit Tor. Und es ist etwas einfacher und keineswegs satteldachgiebelig. Aber ein kühn wölbender Schwung des Ortgangs ist da. Einfach aber schön. Ganz wie es der große Beuys liebte.

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~Wildenbruchstraße: Das Haus von Joseph Beuys.~

Sehen Sie dazu auch den schönen Artikel Oberkasseler Putten. Der kommt demnächst. Und Sie werden sicherlich wissen, dass ich mittlerweilen längst woanders wohne.

 

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~Alberto Giacometti: Frühes Selbstbildnis.~

Seitdem ich denken kann habe ich den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti verehrt. Er war ein ewiger Zweifler und hat trotzdem großartige Kunstwerke geschaffen. Nun zeigte das Kunsthaus Zürich vom 28. Oktober 2016 bis 15. Januar 2017 eine Sonderausstellung: „Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze“.

Der Bündner, am 10. Oktober 1901 im schönen Bergell geboren, stammte aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater Giovanni war post-impressionistischer Maler, sein Bruder Diego war ebenfalls Bildhauer, sowie Möbel- und Objektgestalter. Freunde der Kronenhallenbar in Zürich können heute noch seine wunderbaren Wandleuchten im schummrigen Licht der Bar sehen. Diego sollte sich auch zu einem unersetzlichen Helfer für Alberto bei wichtigen Vorarbeiten wie beispielsweise Gipsabgüssen und andere handwerkliche Arbeiten entwickeln. Alberto verstarb am 11. Januar 1966 in Chur.

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~Torso-Konzept: Umsetzung organischer Figuren in geometrische Elemente.~

Alberto Giacometti gilt unbestritten als einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist vom Kubismus, Surrealismus und Existenzialismus geprägt. Er verbrachte den wichtigsten Teil seines Lebens in Paris. Giacometti unterhielt Freundschaften mit den wichtigsten Intellektuellen seiner Zeit; zu Man Ray, Louis Aragon (den von mir so geliebten Schriftsteller), Alexander Calder, Jean Cocteau, Max Ernst, Joan Miró, Hans Arp, André Breton, Pablo Picasso, Francis Bacon und eben Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Gerade letzteres ist mir besonders wichtig. Alberto Giacometti gilt als der Bildhauer des Existenzialismus. Seine bildnerische Suche nach der Wahrheit führte zu diesen schlanken, von seinen ungeduldigen Händen geformten Figuren mit kräftigen Fingerabdrücken, die ihn in seiner wichtigsten Phase so markant machen sollten. Währen der Kriegsjahre in seinem Exil in Genf, eigentlich seiner Schweizer Heimat, gerieten seine Figuren durch eine Schaffenskrise immer kleiner. Man erzählt sich, dass er nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Paris zurückkam und das Werk seines Exils in sechs Streichholzschachteln passte: kleine, nervös und schmal geformte Skulptürchen.

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~Bemalter Gipskopf: Nicht nur eine Vorstudie zu den Bronzen.~

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~Arbeitsutensilien: Giacometti malte wunderbare, monochrome Portraits.~

Giacometti ist im Kunsthaus wohlbekannt. Es besitzt eine ständige Sammlung von ihm. Diese temporäre Ausstellung hatte es sich aber zum Ziel gemacht, tiefere Einblicke zur Entstehung seiner Werke zu geben. So finden sich Vorstudien in Plastilin, Ton und Gips. Diese Gipse, von denen viele als Vorlagen für Bronzegüsse dienten, wurden in einem vierjährigen Forschungsprojekt am Kunsthaus untersucht und restauriert. Die meisten dieser Gipse hat der Künstler intensiv bearbeitet – etwa mittels Einritzen, Abschaben oder auch Bemalen. Interessant für jemand, der Giacometti eigentlich gut kennt. Auch war die Ausstellung in 17 angedeutete Räume unterteilt, die den zeitlichen Fortgang seines Schaffens zeigten. So spiegelte ein Raum zum Surrealismus etwa die Größe seines Pariser Ateliers an der Rue Hippolyte Maindron 46. Auf dem Boden und auf Schemeln liegen Werke wie zufällig verteilt. Giacometti liebte es, Werke einer Phase zusammen zu sehen.

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~Surrealistische Phase: „Femme cuillère“.~

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~Surrealistische Phase: Raum, dem Atelier nachempfunden.~

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~Surrealistische Phase: Einzelwerk.~

Ich kann hier nicht alles wiedergeben, was Giacometti ausmachte. Interessant könnten etwa die Arbeiten an dem Torso-Konzepts sein: die Umsetzung organischer Figuren in geometrische Elemente. Hier zeigte sich der junge Giacometti in der Nähe zu Jacques Lipchitz und Constantin Brancusi; nachkubistisch und mir bis dahin wenig bekannt. Auch wenig bekannt: zu Ende von Giacomettis Mitgliedschaft in der surrealistischen Bewegung entstanden ist „Cube“, das vielleicht rätselhafteste Werk. Es ist völlig abstrakt, als Polyeder mit zwölf Facetten gestaltet, und wurde vom Künstler als seine einzige abstrakte Skulptur bezeichnet. Ironie: Er wollte eigentlich erst einen monumentalen Kopf schaffen. Natürlich gibt es in der Ausstellung auch den gewohnten Giacometti in Bronze: die „Femme cuillère“, den berühmten „Hund“, „Le Chariot“, „Homme qui marche“ etc. Schön war dieser Alberto Giacometti auch diesmal.

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~Bronze: Der berühmte Hund.~

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~Bronze: „Le Chariot“.~

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~Bronze: Gruppe auf Sockel.~

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~Bronze: Büsten.~

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 ~Bronze: Kopf mit wuchtigen Modellierspuren.~

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~Die rätselhaftesten Objekte: Serie „Cube“.~

Isidor Feinstein Stone war der investigativste Journalist, der mir bekannt ist („investigativ“ kommt vom lateinischen „investigare“ > aufspüren, genauestens untersuchen; aber das wissen Sie sicherlich). Er sagte „Jede Regierung lügt“. Vielleicht sollte man das nicht so absolut sehen. Aber so unwahr ist es nicht.

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Pünktlich zur Amtseinführung von Donald Trump möchte ich I. F. Stone gedenken. Trumps Vorwürfe an die Presse, „Ihr seid Fake News“, ist natürlich ungehobelt und gänzlich übertrieben. Einer, der andauernd selbst Fakes produziert, macht sich dadurch lächerlich. Auch die mittlerweile nicht mehr zu hörenden, hasserfüllten Stimmen „Lügenpresse“ der AfD-Anhänger ist schäbig.

I.F. Stone verfolgte andere, ehrenwerte Ziele. Der Amerikaner war dafür bekannt, dass er sich dem Mainstream der Medien entzog, genauestens recherchierte und unbestechlich war. Hätte man auf ihn gehört, hätte es zum Beispiel den Vietnamkrieg nie gegeben. Vieles Unsägliche andere auch. Aber wer hört schon auf einen einsamen Journalisten, wenn er sich mit der gesamten Politik und Wirtschaft anlegt?

Hier auf die Schnelle ein Portrait auf Wikipedia und einen Link zur offiziellen Website I. F. Stone.

Neues vom Wetter

Januar 15, 2017

Ein Freund, der das ewige Genörgel um weiße Weihnachten satt hat, schlug neulich vor, man sollte den Heiligabend künftig auf den 24. Januar verlegen und Silvester auf den 31. Januar gleich mit. Nach seiner Beobachtung kommt der Schnee immer später. Zugleich könnte man Karneval im Rheinland im Juni stattfinden lassen. Das hätte den Vorteil, dass man weniger steifgefrorene, humorlose Karnevalsprinzen sähe und dafür mehr heiße Sambatänzerinnen.

Die Verlegung des Krippenfestes würde aber schon beim an und für sich modernen Papst für Kopfschütteln sorgen und die Schokoladenindustrie würde laut aufschreien. Wie könnte man die übrig gebliebenen Schokonikoläuse so zeitig in Osterhasen umgießen, wenn dann zirka ein Monat fehlen würde? Denn Ostern, da bin ich mir sicher, würde selbst mein Freund nicht verschieben wollen. Da fliegt er nämlich immer nach Mallorca, um bei den fabelhaften Osterprozession mit Kutten und Kreuzen zu sein. – Die Kuttenträger sehen übrigens aus wie Ku-Klux-Klan-Mitglieder. Das scheint ihm zu gefallen. – Also, die geheimbündnerischen Mallorquiner würden bestimmt etwas gegen eine Verlegung ihrer Tradition haben. Andere auch. Lassen wir das, nicht nur mit Ostern. Sonst könnte ja jeder im gregorianischen Kalender fleddern.

Aber es stimmt, Weihnachten war grasgrün. Dann gab es hier etwas Schnee und dann schnell wieder Schneematsch. Die Arbeiten am Eisfeld von den Kindern im Nachbarsgarten wurden bald aufgegeben. Wie wenn an der Klimaerwärmung was dran wäre. Nur der 3. Januar war perfekt für Fotos zu meiner Bilddatenbank. Aber hurra. Jetzt schneit es andauernd in dicken Flocken. Bald sieht es aus wie auf einigen nordgriechischen Inseln.

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~Verästelungen. Da fällt mir ein, dass wir wie der Neandertaler vom Homo erectus abstammen.~

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~Findling. Da fällt mir ein, dass der Rhein zu Ende der Riß-Eiszeit ohne Rheinfall früher durch den Klettgau floss.~

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~Bauernhof. Da fällt mir ein, dass ich noch frische Eier vom Hofladen holen muss.~

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~Straße. Da fällt mir ein, dass ich froh bin, dass es hier Jahreszeiten gibt.~

Das kennen Sie sicherlich, nicht nur aus der Jugendzeit. Ich mache das immer, wenn nach einem opulenten Essen im Gasthof Schiff in Mammern etwas Bewegung angesagt ist. Den Artikel zum Gasthof finden Sie hier.

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~Der Untersee bei Mammern: Auch im Spätherbst schön.~

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~Der Dorfbach: Er hat extra für Sie flache Kiesel bereit. Nur suchen.~

Mit nur wenigen Schritten Sind Sie am Landungssteg, dem Seeufer des Untersees. Da fliesst der Dorfbach in den See und weiter in den Oberrhein. Flache Kiesel gibt es zuhauf. Rechts vom Dorfbach könnte man in dem schönen Park der Klinik Schloss Mammern lustwandeln. Der Park ist allerdings nur die Rekonvaleszenten gedacht und durch ein schönes, schmiedeeisernes Tor verschlossen. Ein wenig weiter links vom Dorfbach gäbe es ein kleines Strandbad, das sympathisch unorganisiert wirkt. Es gibt keinen Kiosk, kein Rummel. Auf der kleinen Liegewiese sind Sie oft allein mit dem satten Grün, dem klaren Wasser und dem atemberaubenden Ausblick ans deutsche Gegenufer. Genau da wurde im Zweiten Weltkrieg auch mal ein abgeschossener Pilot aus dem See gerettet.

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~Das Tor zum Park der Klinik Schloss Mammern: Geschlossenes Paradies.~

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~Zwei verbotene Blicke: Wie schön ist es hier.~

Aber wir haben jetzt Spätherbst und der alte Krieg ist vorbei. Also geht es ans Kiesel suchen. Das ist einfach. Sie liegen nur für Sie da. Bei gelungenen oder misslungenen Versuchen kann man so schön nachdenken. Über den Unsinn jeder Kriegshandlung, über das Leid in der Welt, über das eigene Wohlbefinden. Das schlechte Gewissen, das jetzt in Ihnen hochsteigt, kann nicht falsch sein. Es führt dazu, dass Sie nicht mehr so wohlgefällig sind. Per Geburt sind Sie bevorzugt. Sie könnten genau so in Aleppo im Bombenhagel für ein winziges Stück Menschenwürde ausharren. Genauso.

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~Spätherbstliche Sitzgelegenheiten: Zeit zum nachdenken.~