~Jetzt ist er endgültig da: der Frühling.~

„Wenn dir nichts anderes einfällt, schreib´ übers Wetter“, sagen so manche. Das stimmt, es ist fantasielos. Aber dieser erste Wärmeeinbruch, verbunden mit strahlender Sonne, wirkt wie eine Befreiung, eine Entfesselung von Sehnsüchten. Irgendwie hat doch alles mit Corona zu tun. Und mit den Einschränkungen, die diese Pandemie mit sich bringt. Auch wenn ich bei schlechtem Wetter immer in die Natur gehe, macht es bei Sonnenschein doch erheblich mehr Spaß. Und dazu kommt, dass die Natur einen nicht einschränkt, sondern geradezu auffordert, etwas zu tun.

~Noch etwas vorsichtig: auch an schattigen Stellen sprießt es.~

~Noch etwas matt: auf das satte Grün müssen wir warten.~

Frühlingsgefühle haben bei mir schon immer ein Kribbeln erzeugt. Und es passiert etwas. Jeden Tag, beinahe stündlich, verändert sich alles. Pflänzchen sprießen neugierig. Vögel zwitschern deutlich heftiger. Und selbst bei mürrischen Menschen entspannen sich die Gesichtszüge. Man hat das Gefühl, Teil einer großen Veränderung zu sein. Der Veränderung der Jahreszeit.

~Kein falscher Bildausschnitt: nur der Beweis für grenzenloses Blau.~

~Das Eis schmilzt: bald kommen die Enten zurück.~

Das Grün der Wiesen ist noch etwas matt. Das hat natürlich auch mit dem gleißenden Licht der Sonne zu tun. Dafür ist der Himmel makellos blau. Und die wärmenden Sonnenstrahlen lassen das Eis auf dem kleinen Teich schmelzen. Bald wird das Entenpaar zurückkehren. An sonnenbeschienenen Plätzen ist die Blütenpracht schon etwas weiter. Ich kenne es vom letzten Jahr. Alles gehorcht einem inneren Fahrplan.

~Auch eine Folge der Temperaturen: die Ziegen kommen nun öfters aus dem Stall.~

~Merkwürdig: Überbleibsel vom letzten Jahr.~

Falls Sie nun meinen, wir wären hier etwas mau und rückständig, haben Sie recht. Meine Fotos sind schon mehr als eine Woche alt. Aber so ist das mit der Bürozeit, wenn man wieder raus kann.

~Endlich: die erste Bank zum Ausruhen.~

 

Teile des Werkes von Jean Tinguely lernte ich zum ersten Mal auf der Expo in Lausanne kennen. Damals galt der Schweizer Maler und Bildhauer als Bürgerschreck, für viele zumindest. Mich haben seine rostigen Maschinen, die sinnlos – so schien es – arbeiteten, sofort fasziniert. Ist das Kunst? Bei Tinguely erübrigt sich die Frage, es ist Kunst total, bürgernah, lustig, „elektrisierend.“

~Brunnen am Basler Theaterplatz: eisig und schön.~

Die Vita Tinguelys ist ungewöhnlich: er war Schaufensterdekorateur, „Güfelistecker“, und auch Kommunist. Also jemand, den viele nicht ernst nehmen wollten. Ich habe seine skurrilen Phantastereien schon früh gemocht, vor allem seine Arbeiten mit Niki de Saint Phalle, mit der er in zweiter Ehe bis an sein Lebensende zusammen war und auch gearbeitet hat. Er ist als Künstler von Weltrang 1991 verstorben, im Inselspital in Bern. Aber seine Arbeiten haben nicht nur für mich die Kunstwelt verändert: Kunst wurde demokratisch(er), freundlich(er), unterhaltend(er). Seine Arbeiten erfreuen überall Menschen, in Basel, in Zürich, in Paris, in Moskau, in North Carolina etc. Zusammen mit Bernhard Luginbühl gehört er zu den interessantesten Bildhauern der jüngeren Kunstszene (des vergangenen Jahrhunderts) in der Schweiz. Darüber thront nur der große Alberto Giacometti, vielleicht noch Jean Arp (der Deutscher war, aber in der Schweiz teilweise lebte).

~Ein zugefrorenes Detail: unglaublich, nichts rattert mehr.~

Irgendwann im Winter stand ich in Basel vor dem Theater. Die Luft war eisig und klar. Es war einer der seltenen Tage, die ich nicht gerne missen würde, denn ich stand vor dem Tinguely-Brunnen. Die Maschinen, die sonst ratterten, Wasser schaufelten, Wasser spieen, waren ihrer Bestimmung beraubt. Die Skulpturen im Brunnen waren festgefroren und mit Eis bedeckt. Kein Wunder, normalerweis arbeiteten sie ja mit Wasser. „Dr Schuffler“ (der Schaufler) schaufelte nicht mehr. „Dr Waggler“ (der Wackler) wackelte nicht mehr. „Dr Suuser“ (ist sonst ein junger Wein in der Schweiz, hier ein Sausewind) sauste nicht mehr. Aber es war schöner als sonst, es war ein Stück winterlicher Poesie. Die Sonne reflektierte im Eis. Wahrscheinlich mochte Tinguely den Brunnen in diesem Zustand besonders gerne, kam doch zu seiner Kreativität etwas Zusätzliches, wie es nur die Natur hervorbringen kann. Die Skulpturen wurden noch abstruser, schöner. Bingo! Das ist der Eindruck fürs Leben, ohne das man sich Kunst erarbeiten muss. Das versteht sich von selbst.

~So hätte es Tinguely gerne gesehen: Eis, Eis, Eis.~

Nun ist der Tinguely-Brunnen natürlich zu jeder Jahreszeit schön, die Natur macht auch im Sommer mit, etwa, wenn sich der erste oder letzte Sonnenstrahl in der Wassergischt bricht. Wer auf Tinguely neugierig geworden ist, dem empfehle ich das Museum Tinguely, ebenfalls in Basel (http://www.tinguely.ch), das ein Chemiemulti dem Ex-Kommunisten spendiert hat. Und natürlich die Auseinandersetzung mit der großartigen Niki de Saint Phalle.

~Was sich darunter verbirgt, ist mir unbekannt: so ist es ein Wasserfall.~

Eines gibt es noch, ein großartiger Blogger hat mich daran erinnert: großartige Künstler haben großartige Helfer. Ein ferner Freund von mir hat Beuys bei der Installation seiner Werke in Ausstellungsräumen geholfen. Keiner stellte Installationen so gut hin wie Beuys selbst, mit seinen Vertrauten, meint er. Niki und Jean hatten diese großartigen Helfer auch, schon bei der Herstellung der Kunstwerke. Nikis Nanas zum Beispiel haben einen Unterbau aus Metall. Für die „Hall of Fame“ (nur in Vertretung): Marcelo Zitelli (Assistent von Niki de Saint Phalle), Sepp Imhof (Mitarbeiter von Jean Tinguely).

Es gibt ihn doch

Januar 27, 2021

Wochenweise hatte ich auf ordentlich Schnee gewartet. Auf einen richtigen Winter. Aber nichts war: Wochenlang grauer Himmel und zu warme Temperaturen. Ab und zu etwas Sonnenaufhellung. Ansonsten graue Sauce. Langeweile.

~Der erste Schnee seit langem: zärtlich bedeckt er alles.~

Man ist ja verleitet zu glauben, dass es keine richtigen Jahreszeiten mehr gäbe. Jüngst habe ich gar gelesen, dass es keine Eiszeit mehr gäbe. Mit Neandertalern und Mammuts. Eine meiner Lieblingsvorstellungen. Eine nächste Eiszeit ist wirklich nicht sehr wahrscheinlich. Die selbstverursachte globale Erderwärmung durch Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxyd ist enorm. Die furzenden Rinder auf den abgeholzten Regenwälder Südamerikas sorgen nicht nur für billiges, alltägliches Fleisch auf unseren Esstischen, sondern auch für gigantische Methanwolken in der Atmosphäre. Methan kommt übrigens auch aus den auftauenden Permafrostböden, wo es wie Kohlenstoff gebunden war. So kommt eines zum andern. Abtauende Pole, Gletscher. Es gibt so vieles was wir falsch machen. Aber immerhin haben wir jetzt Greta Thunberg auf einer schwedischen Briefmarke. Obwohl sie jeden Personenkult kritisiert, hat sie es verdient.

~Lustiges Lichtspiel: Schnee auf den Carports.~

~Blick auf den Garten: noch ist alles unberührt.~

Nun will ich Ihnen nicht mit trübseligen Betrachtungen den Tag verderben. Hurra, es hat geschneit. In Madrid fahren sie sogar Hundeschlittenrennen auf den Bulevares. Bei uns war es wenig. Aber immerhin. Ich betrachte belustigt, wie der eine seine Zufahrt zur Garage freischaufelt und den Schnee auf die Zufahrt des Nachbarn schüttet. Schneemanagement muss wohl noch gelernt sein. Es ist herrlich. Gleich kommen die Kinder aus der Schule. Ich gönne ihnen den seltenen Spass im Schnee. Mit Mammuts wäre es natürlich noch schöner.

~Schneebaum: Mit blauem Himmel noch schöner.~

~Es gibt verschiedene Bethlehems auf unserem Erdball. Eines bei Steckborn.~

Das Bethlehem, von dem hier die Rede ist, liegt nicht im Westjordanland und ist auch nicht die hebräische Stadt des Brotes. Nein, nein. Es ist eines von vermutlich vielen Bethlehems auf unserem schönen Planeten. Genauer gesagt ist dieses Bethlehem ein kleines Fleckchen, sechs Straßenkilometer südlich vom reizenden Städtchen Steckborn am Untersee. Und noch genauer gesagt ist es eine kleine, immergrüne Kuhle beim aufregenden Dörfchen Unter-Hörstetten gegen das Thurtal hin. Und die Thur ist der Fluss, der dem Thurgau den Namen gab. Ich bin mir sicher, der Name „Bethlehem“ ist von Engeln verliehen oder zumindest von einem aufrechten Bauern ersonnen worden. Oder von der Bäuerin.

~Das weihnachtliche Bethlehem auf dem Seerücken am Untersee.~

Bethlehem ist etwas ganz Besonderes, denn da sagen sich Füchse und Hasen guten Tag. Aber nur, wenn sich der zärtliche Nebel vom Thurtal her lichtet. Tagsüber wärmt die fahle Wintersonne die fröstelnden Grashalme am Waldesrand und die Spatzen pfeifen auf den Kanalisationsdeckeln. Störche mit zerzausten Federn fliegen bisweilen zu den brachen Stoppelfeldern und die Katzenaugen putzen sich munter am Wegesrand. Gegen Abend geht die Sonne rechtschaffen unter und wenn es Nacht wird, erscheint ein übers andere Mal ein Komet am Firmament. So oft, dass es schon gar nicht mehr wahr ist. Diodor von Sizilien und Pythagoras von Samos sind ratlos. Kurz, Bethlehem ist ein Zauberort. Gerade in der winterlichen Zeit.

~Auch wenn es kein extra Strassenschild gibt, der Weiler heisst tatsächlich Bethlehem.~

Werden Balthasar, Melchior und Caspar es rechtzeitig zum Punsch schaffen? Werden Herodes und seine Häscher vom GPS verarscht werden? Gibt es Pulverschnee zu Weihnachten? Das alles bewegt die Menschen in Bethlehem. Die Vorplätze sind auf jeden Fall gefegt, das Heu in der Scheune und der Hofhund angekettet. Vater Joseph holt den Selbstgebrannten hervor und Mutter Maria stellt die „Chräbeli“ aus der schönen Blechdose bereit. Die Micky-Maus-Uhr im Kinderzimmer tickt erwartungsvoll. Es wird Weihnachten.

Na dann Servus und fröhliches Fest.

~Der Hof ist auf jeden Fall blitzblank gekehrt.~

P.S. Treue Leser werden es merken. Diesen Artikel habe ich schon mal gepostet. Aber es wollte mir zu Weihnachten partout nichts anderes einfallen.

 

Spaziergang im Nebel

Dezember 6, 2020

Viele Menschen mögen ja die kalte Jahreszeit nicht. Nicht den Regen, nicht den Nebel. Bei mir ist das komischerweise anders. Natürlich finde ich die Glut des Sommers toll. Die Üppigkeit der Natur. Das Überschwängliche. Aber vor allem der Nebel in der kalten Jahreszeit hat für mich etwas Aussergewöhnliches, etwas Geheimnisvolles.

~Ungewohnt: So ein Spaziergang kann ganz schön neblig sein.~

Ich bin am Bodensee, so ziemlich direkt am Ufer aufgewachsen. Da war es im Herbst wochenlang neblig. Manchmal war diese Laune der Natur so dicht, dass man seine Füsse am Boden kaum sah. Geschweige denn den Weg, auf dem man sich befand. Ganz früh als Kind stellte ich mir den Nebel als Zuckerwatte vor. Heute wäre mir diese Vorstellung zu klebrig.

~Beinahe unheimlich: Die Sonne wird heute wohl nicht durchdringen.~

~Schräge Farbe: Durch das doch etwas drängend Sonnenlicht wird die spriessende Saat knallgrün.~

Aber ich mochte den Nebel schon immer. Und auch die Schauergeschichten, die sich mit ihm verbanden. So, und jetzt muss ich etwas gestehen. Mit sechzehn Jahren schrieb ich meine erste Geschichte. Sozusagen Literatur. Ich habe den Text neulich in einem Schulheft auf dem Dachboden gefunden. Die Geschichte ist merkwürdig. Zwei alten Männer sind auf einem Spaziergang und unterhalten sich – Sie erraten es – im Nebel. Das Gespräch wird immer absurder, weil der eine Mann plötzlich zu husten anfängt. Die Luftfeuchtigkeit macht ihm wohl zu schaffen. Schliesslich hört das Gespräch ganz auf. Ganz schön gaga. Zu meiner Rechtfertigung muss ich anmerken, dass ich damals viel Unverdauliches gelesen habe. Texte zum Absurden Theater, Samuel Beckett, Eugène Ionesco und so. Es entstand der klassische Fall in zartem Alter: Überforderung und unglückliche Nachahmungsversuche.

~Praktisch: Rastplatz für Krähen.~

~Absurd: Ein einsames Plakat erinnert an die Konzernverantwortungsinitiative.~

In letzter Zeit gehe ich häufig aus der Stadt heraus spazieren. Da führt der Weg übers freie Feld und es ist häufig neblig. Ich geniesse es.

~Tröstlich: Zuhause warten die warmen Pantoffeln.~

Wussten Sie, dass Robert Walser – nicht der Martin Walser, den finde ich öde – der Schweizer Schriftsteller Robert Walser, den Winter ganz besonders liebte. Er mochte den Sommer nicht, die überbordende Fülle. Nein, der Winter mit seiner Stille und Reduktion hatte es ihm angetan. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1956 starb er an einem Herzschlag bei einer Wanderung durch ein Schneefeld. Aber da sehe ich jetzt keine Verbindung zu meinen Spaziergängen.

Wer glaubt, der Oberrhein wäre die natürliche Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland, hat nur teilweise Recht. Speziell der Kanton Schaffhausen liegt zum grössten Teil auf der nördlichen Seite des Rheins, also der vermeintlich deutschen. Diese Fläche, der schweizerische Klettgau, ragt wie ein fetter Handballen mit einigen angedeuteten Fingern nach Deutschland hinein. Der Kanton ist auch zweigeteilt. Der grössere Teil mit der Kantonshauptstadt Schaffhausen liegt nördlich des Rheins westlich; der kleinere Teil mit dem Touristenstädtchen Stein am Rhein östlich.

~Das Juwel: Gasthaus und Weingut Bad Osterfingen.~

Es ist noch komplizierter. Nicht unweit von Schaffhausen, östlich, gibt es eine deutsche Enklave im schweizer Gebiet: Büsingen. Von Schaffhausen kann man leicht zu Fuss dahin. Die Büsinger fühlten sich lange Zeit als Deutsche benachteiligt. Als weiland der deutsche Bundespräsident Lübke mit einem Schiff den Rhein hochfuhr, standen Büsinger mit einem Transparent am Ufer auf dem stand „Deutschland hat Büsingen vergessen“. Und umgekehrt weigerte sich der Büsinger Pfarrer beim erstmaligen Umstellen auf die Sommerzeit, die in Deutschland früher als in der Schweiz erfolgte, am Zeiger seiner Kirchturmuhr zu drehen. Heute ist alles komplett entspannt. Einzig der Einkaufstourismus der Schweizer jeden Samstag stört ein bisschen. Vor allem den Schaffhauser Einzelhandel. Und zu Beginn der Coronapandemie waren die Grenzen plötzlich wieder zu. Da spielten sich aufwühlende Szenen am Schlagbaum zwischen auseinandergerissenen Bekanntschaften ab, wohlig betrachtet von Zollbeamten.

~Ideale Entspannung: der Blick vom blüttenweissen Tisch.~

~Etwas Ruhe: Kurz nach der Hauptessenszeit.~

Warum erzähle ich das alles? Erstens, weil es wahr ist und zweitens, weil das fabelhafte Gasthaus und Weingut Bad Osterfingen in einem vergessenen Eckchen des so zerklüfteten Kanton Schaffhausen zu Deutschland liegt. Wir waren an einem sonnigen Samstagmittag da, also vor einigen Wochen, als man noch gemütlich im Garten sitzen konnte. Das Gasthaus von Ariane und Michael Meyer ist wirklich ein Juwel. Vor allem wegen dem Garten, der eine breite Terrasse an abschüssigem Gelände ist. Man sitzt unter prächtigen Bäumen an erlesen gedeckten Tischen mit blütenweissen Tischtüchern. Auch drinnen wäre es schön. Schön historisch, denn das Gebäude ist ein kleines Schlösschen. Aber bei gutem Wetter ist der Garten ein Muss. Zumal darin jede Menge fleissiger Damen herumlaufen, die einem jeden Wunsch erfüllen. Unsere Bedienung schien eine Studentin zu sein. Jedenfalls mochte ich das glauben. Und so war es denn auch. Sie studiere in Konstanz und das wäre ihr Drittjob. So gut geht es unserer Jugend.

~Die Vorspeise: Eierschwämmli, mit Sahne oder etwas Butter.~

~Die Krönung: köstliche Chnöpfli, der Rest ist beinahe unwichtig.~

Neben der schönen Location und dem reizenden Personal gibt es natürlich den dritten Grund das Gasthaus Bad Osterfingen zu besuchen. Es ist das vorzügliche Essen. Weit über diesen Grenzbereich hinaus bekannt sind die frisch geschabten Spätzle, die in der Schweiz „Chnöpfli“ heissen. Der Form nach an Knöpfe erinnernd. Es ist natürlich eine Beilage zu Fleisch und anderem. Aber eigentlich sind sie die Krönung von allem, denn sie schmecken so fein butterig und kommen mit „Brösmeli“ daher – einer Art gerösteten Brotkrumen. Dazu gibt es zum Beispiel ein Kalbs- oder Lammfilet. Ich hatte Lamm mit einer kräftigen braunen Sauce. Natürlich nicht aus der Tüte, sondern so wie es sein soll aus dem Bratensatz aufmontiert. Ja ja die Saucen. Ein Gradmesser für gute Küche. Im „Falken“ in Schaffhausen gibt es zum Beispiel eine ganz ordentliche Bratwurst. Aber die ist erschlagen von Industriesauce und vorgefertigt gerösteten Zwiebeln. Man muss sich das mal vorstellen. Der Falken-Koch gehörte beim unweit gelegenen Mohrenbrunnen damit ertränkt oder zumindest geteert und gefedert. Ja ja der Mohrenbrunnen. Auch so ein Thema. Der Mohrenbrunnen ist ein Figurenbrunnen mit einem niedlichen Mohren als Dekoration, der aber nicht mehr in unsere wortkritische Zeit passt. Aus Ermanglung einer Ersatzfigur – ich hätte ja meinen Freund, den Künstler Erwin Gloor als Skulptur vorgeschlagen – wird das Thema nun ausgesessen.

~Ein letzter Blick: eine Adresse, die man in Erinnerung behält.~

A propos sitzen: Man konnte es gut aushalten. Als Vorspeise gab es „Eierschwämmli“, Pfifferlinge, und als Dessert gab es wunderbar schmeckende Waldbeeren.

Kunst am Bau in Köln

Oktober 21, 2020

Dies ist einer von meinen seltenen Beiträgen auf wordpress, der nur für eine eingeschränkte Zielgruppen gedacht ist. Aber für Freunde der Nierentischzeit, für Architekten, Stadtplaner und selbst Künstler öffnen diese Recherchen den Weg zu einer Fundgrube.

~Ganz schön merkwürdig: obskure Wand beim Rathaus.~

~Zierlich: geschmiedetes Tabakpflänzchen am Haus Neuerburg.~

In Köln gibt es eine Fülle von Kunst am Bau. Es handelt sich meist um kostbare Schöpfungen aus der Nierentischzeit. Vorherrschendes Material bei diesen Skulpturen und ähnlichen Versuchen ist Bronze, aber auch Stein ist sich nicht zu schade. Mancher Passant mag sich fragen, was diese Dekorationen wollen. Allgemein gesehen verschönern sie das Leben. Genau betrachtet sind sie wertvolle Zeitzeugen und nur durch den kölschen Klüngel der Stadtplaner, aber auch durch das Mäzenatentum Kölner Bürger und letztlich durch eine ungeheure Gestaltungsfreude Kölner Künstler möglich geworden.

~Ganz wie Kölner Beamte: Verwaltungsarchitektur, überbordernd lustig.~

~Für die Fröhlichkeit nach der Arbeit: Kneipenfenster.~

Beginnen wir die Stadttour am Rathaus: da stemmt sich ein mächtiges Steinrelief zwischen verschiedene Baustile. Hans Hollein, österreichischer Architekt und sensibler Meister architektonischer Verbindungen verschiedener Baustile, hätte seine helle Freude daran. Auch der kleine Balkon am Ratshausanbau links ist erlesen geschmückt. Es geht weiter: nicht weit vom Rathaus entfernt finden wir das Haus Neuerburg mit seinem zarten und sorgsam restaurierten Tabakpflänzchen aus Bronze an einer schmucken Ecke. Und weiter geht’s mit einem Verwaltungsgebäude: da findet sich zwischen einer Baustelle und dem eigentlichen Altbau ein wunderschönes architektonisches Verbindungsstück aus Beton, Ziegelstein und Glas; fröhlich gestaltet wie es Kölner Beamten entspricht. Die Absacker-Kneipe nicht weit davon entfernt birgt ein schmales Fenster mit unbekümmert, aber schön gestalteter Bleiverglasung.

~Reklame am Mühlenbach: ist Werbung Kunst?~

~Gullydeckel: Orientierung mit Niveau.~

Langsam erwacht der Eifer: die FAZ-Reklame am Mühlenbach aus den 50er Jahren belegt eindeutig, dass Webung Kunst ist. Auch der Gullydeckel zu deren Füßen ist Kunst; er ist mit dem mittelalterlichen Stadtplan von Köln geschmückt. Achtlose, grobe Fußtritte haben ihm nicht geschadet. Den Vogel abgeschossen hat ein Kölner Stadtkünstler am Friedrich Wilhelm Gymnasium; da reckt sich Ikarus gegen den leicht versmogten Himmel. Er zeigt auch heute noch, dass der Wille zu Unmöglichem sinnvoll ist. Beenden wollen wir den Rundgang mit der Balustrade vis-à-vis des berühmtesten Kölner Wahrzeichens; meine Herren Dombaumeister, da zeigt sich doch, was wahre Kunst am Bau ist!

~Schmuck am Friedrich Wilhelm Gymnasium: hier passt eindeutig der Ikarus.~

~Balkon vis-à-vis vom Dom: zeigen wirs den alten Baumeistern.~

Also ist zu hoffen, dass demnächst Stadttouren zu diesem Thema veranstaltet werden. Köln ist ein wahres Schatzkästlein dazu.

Obst aus Nachbars Garten

Oktober 1, 2020

Wer kennt es nicht? Äpfel schmecken am besten, wenn sie aus einem fremden Garten sind. Als Kind habe ich mich darum manchmal an fremdem Eigentum vergriffen. Aber nur manchmal. Äusserst selten :-). Grün Schaffhausen nimmt einem nun das schlechte Gewissen. Grün Schaffhausen ist die Organisation der Stadt, die sich um kommunale Grünflächen kümmert. So auch um städtische Obstwiesen. Pünktlich zur Obsternte hat Grün Schaffhausen da überall hübsche Schilder aufgestellt, die zur Selbstbedienung auffordern.

~Nimmt das schlechte Gewissen: Aktion von Grün Schaffhausen.~

So eine Obstfläche befindet sich direkt in meiner Nachbarschaft. Es ist eine naturbelassene Wiese, die nur nach der Blütezeit gemäht wird. Ein Rentner pflanzt da auch seltene Blumen und Gräser und allerlei Zeugs. Es gibt da mehr Insekten als anderswo. Mehr Vögel. Ich habe darüber in meinem Artikel «Naturwiese» geschrieben. Klicken Sie hier.

~Der grosse Baum: Prächtig gewachsen und voller Äpfel.~

Auf dieser Wiese nun steht ein grosser und ein sehr kleiner Baum. Ein Bäumchen. Vor wenigen Jahren gepflanzt. Beide tragen ordentlich Äpfel. Beim grossen scheint das normal. Beim kleinen ist es ein Wunder. Nach etwas Mühe habe ich herausgefunden, dass es sich um die Sorte «Usterapfel» handelt. Um 1750 soll die Sorte von einem gewissen Herrn Blatter, einem Offizier der in den Niederlanden gedient hatte, von daselbst eingeführt worden sein. Zuerst nach dem schweizerischen Ort Uster, deshalb Usterapfel. Sie können aber auch «Ankebälleli», «Goldapfel», «Chnuppenapfel» oder auch «Chridebüchsler» zu ihm sagen. Er schmeckt gleichermassen gut. Leider wird der Baum wie viele alte Sorten, denn das ist er, nicht mehr häufig angebaut. Bei ihm folgt nämlich nach dem Tragejahr ein Pausenjahr. Das ist nicht konsumgerecht. Meine Lieblingsbezeichnung für den Apfel ist «Zitrönler», das kann man nämlich auch sagen. Das ist komisch, denn er schmeckt angenehm süss. Darum wurde er in der alten Zeit, als Zucker teuer war, sehr oft Süssbeilage verwendet. Man sagt, dass er gedörrt oder im Most, mit einer herbsauren Mostbirne vermischt, köstlich ist.

~Der kleine Baum: So jung und schon nützlich.~

Was nun merkwürdig an der Geschichte ist, die Aktion von Grün Schaffhausen, so schön sie scheint, wird nicht geteilt. Zumindest bei meiner Obstwiese. Ich bin der Einzige, der natürlich vornehm zurückhaltend, Äpfel gepflückt hat. Das ist schade. Um den grossen Baum liegt mittlerweile ein Friedhof voller Äpfel. Fallobst. In Gedenken an Karu, die hier bei wordpress die Expertin für Naturprodukte ist, habe ich einen gefallenen Apfel inspiziert. Er ist wunderbar geniessbar und absolut wurmfrei.

~Mein nicht gestohlener Apfel: Macht sich gut in der Obstschale.~

Als ich bereits über die Ignoranten, die lieber im Supermarkt in viel Plastik eingeblisterte Äpfel kaufen als sich kurz anzustrengen, nachdachte, bemerkte ich eines Morgens einen Mann, der Kistenweise Äpfel einpackte. Zwar auch nicht fein. Aber immerhin besser als alles verderben lassen.

Die Behauptung, die ich als Überschrift gewählt habe, stammt so oder ähnlich von einem befreundeten Journalisten, der immerhin Chefredaktor des schweizerischen Tages-Anzeigers war. Ich gehe da in etwa mit, auch wenn mir aus dem Stand noch einige weitere Beizen – Gaststuben – hier in der Gegend einfallen, die dieses Lob verdienen.

~Legendär: Wirtschaft und Hotel Tanne in Schaffhausen.~

Die Tanne ist eine hübsch getäfelte, altbekannte Weinstube in der Altstadt von Schaffhausen. Ich will mich nicht lange mit der Geschichte aufhalten, nur soviel: 1912 kaufte ein gewisser Reinhard Zimmermann Gaststube und Hotel „Tanne“ und vererbte später beides an seine Kinder Reinhard und Max sowie Margrit. Diese betrieben Wirtschaft und Hotel erst zu dritt. Nach dem Tod der Brüder sorgte sich „Fräulein“ Margrit um das Geschäft. Ihr war es immer wichtig, dass man „Fräulein“ zu ihr sagte. Alles andere wäre eine Todsünde gewesen, denn sie blieb Zeit ihres Lebens unverheiratet.

~Attraktiv: über die Jahre gingen viele illustre Gäste die Stufen hinauf.~

Da wir schon bei Fräulein Zimmermann sind. Es gibt zumindest für mich eine Verbindung zur Gaststätte „Kronenhalle“ in Zürich. Falls Sie die Kronenhalle interessiert, klicken Sie hier auf meinen Artikel. Auch die Kronenhalle wurde früher von einer Frau geführt, der legendären Hulda Zumsteg. Sie scharte ähnlich wie Margrit Zimmermann ein Heer von meist intellektuellen Stammgästen um sich. Natürlich waren Gäste und Inneneinrichtung der Kronenhalle noch etwas luxeriöser. Aber immerhin.

~Kurios: normalerweise geschlossen, aber am Samstag für den Stammtisch geöffnet.~

Meine Beziehung zur Tanne reicht lange zurück. Während meiner Ausbildung wohnte ich in Schaffhausen. Ich frequentierte wie alle Jugendlichen in meinem Alter andere Kneipen. Die Tanne mit ihrem Charme zog mich aber an. Mit meinen langen Haaren, dem langen Mantel und den schwarzen Hemden und schwarzen Seidenkrawatten vom Flohmarkt wirkte ich wohl in der bürgerlichen Atmosphäre wie ein Fremdkörper. Nach langem Aufenthalt in der Welt kehrte ich nach Schaffhausen zurück. Aus Sentimentalität. Mir wurde gesagt, die Tanne hätte zugemacht. Das stimmte aber nicht ganz. Das Fräulein Zimmermann, betagt, öffnete die Wirtschaft nur samstags und nur für anderthalb Stunden. Und nur für einen Altherrenstammtisch. Ein Kuriosum.

~Politisch durchmischt: der samstägliche Altherrenstammtisch.~

Ich forschte etwas im Netz und stieß auf den Namen eines Stammtischkunden: Rolf Wessendorf. Ein stolzer Mann mit weißen Haaren, Fotograf mit beachtlicher Vergangenheit. Also platzte ich eines samstags in die Runde und stellte mich Rolf Wessendorf vor. Heute sind wir Freunde fürs Leben.

~Kostbar: die Fenster zur Straße.~

Außer dem eigentlichen Stammtisch gab es noch den der älteren Damen und den der Linken, der Salonbolschewiken, wie wir sie nannten. Ich gebe zu, manchmal schielte ich etwas neidisch zu denen rüber. Anyway. Wir hatten die anderthalb Stunden organisiert, um dem Fräulein Zimmermann so gut es ging zu helfen. Einer von uns holte den Wein aus dem Kellner. Wenn einer ein „Gipfeli“ verspeiste, wurden die Krümel zu einem Häufchen geschichtet, um die Abrechnung zu erleichtern. Ich schleppte leere Gläser zur Theke. Einmal wollte ich spülen. Fräulein Zimmermann meinte, das wäre nicht nötig. Daraufhin sagte ich „Ah, Sie haben einen“. Ich meinte zwar den Geschirrspüler. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Sie meine verdeckte Anspielung auf Männer gut verstand.

~Romantisch: Detail draußen.~

Die anderthalb Stunden in der Tanne waren schön, aber auch eigentümlich. Die Weinpreise auf der Schiefertafel waren seit Jahren nicht erhöht worden. Die Journale am Zeitungsständer waren mindestens ein Jahr alt. Die Hotelzimmer in den oberen Etagen wurden nicht mehr betrieben. Einmal hatte ich Gelegenheit, ein Zimmer zu inspizieren. Es war so wie vor hundert Jahren. Kein fließendes Wasser, dafür ein hübscher Krug. Die einstigen Stallungen im Hof dienten als Garage. Und die ebenfalls im Hof befindliche Toilette war sehr sauber aber uralt. Dazu eine Geschichte: Auf die Frage nach ihrem legendär zubereiteten Kalbskopf sagte Fräulein Zimmermann einmal „Gehe hinaus aufs Klo und schaue in den Spiegel. Dann siehst du einen“.

~Sauber: die Toilette im Hof.~

Als das Fräulein Zimmermann ins Pflegeheim musste, verkaufte sie die Tanne an die Stadt mit der Auflage, die Beiz weiterhin ohne Veränderung der Inneneinrichtung betreiben zu lassen. Bis zu einer Neueröffnung hatte es nun Monate, wenn nicht Jahre gedauert. So ist die Stadt eben. In der Zwischenzeit zog unser Stammtisch um. An einen neuen, ebenfalls schönen Ort. Der Wirtschaft „Zum Frieden“, nur einige Meter entfernt. Nun ist die Tanne wieder in Betrieb und schön renoviert. Der Stammtisch ist wieder da. Aber das Fräulein Zimmermann fehlt.

~Immer dabei: die Nikon von Rolf Wessendorf.~

Es gibt übrigens einen schönen Fotoband in edlem schwarz/weiß über die Tanne und ihre Gäste. Fotografiert über Jahre vom oben erwähnten Rolf Wessendorf. Herausgeber Roland Schöttle, Gestaltung Erwin Gloor, Textbeiträge Bea Hauser und Roland Schöttle. ISBN 3-9523132-0-3

Ich gehe eigentlich jeden Tag spazieren. Dabei haben sich Lieblingsstrecken herausgebildet. Eine führt stadtauswärts zum Nägelsee. Den habe ich auf wordpress schon beschrieben. Klicken Sie auf Sommer oder Winter, um die Berichte zu sehen. Zur Nägelsee-Route gibt es eine Erweiterung durch weite Felder und an einsam stehenden Bauernhöfen vorbei. Nichts Besonderes. Bis die Alpakas meine gemütlichen Wanderungen veränderten.

~Alpakas: Genügsam, nützlich, intelligent.~

Das Alpaka (Vicugna pacos) findet man normalerweise in den südamerikanischen Anden. Eigentlich gehört es da auch hin. Das Alpaka ist eine domestizierte Kamelform, die wegen ihrer Wolle gezüchtet wird. In Peru gibt es etwa 3,5 Millionen dieser nützlichen Tiere. In Europa wird das Alpaka wegen seines ruhigen und friedlichen Charakters auch in der tiergestützten Therapie eingesetzt. Vielleicht haben Sie schon Pferde gesehen, die in der Arbeit autistischen Kindern helfen, Gefühle zu entwickeln. So ähnlich muss das auch mit den Alpakas sein.

~Die Köpfe fotografieren?: Schwierig, da sie anscheinend unentwegt fressen.~

Der Bauernhof an meinem Spazierweg beherbergt vier dieser komischen Tiere. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Nicht weil ich eine Therapie bräuchte, sondern weil sie ganz einfach liebenswert sind. Sie scheinen sich auch keine Gedanken zu machen, dass die Menschen hier anders als in den Anden aussehen. Sie sind also großzügig.

~Mein Lieblingskörperteil: Der Kopf.~

Wie bei allen Kamelen ist der Körperbau der Alpakas durch relativ langgestreckte, schlanke Beine, einen langen, dünnen Hals und einen kleinen, dreieckigen Kopf charakterisiert. Und der wirkt auf mich hinreissend komisch. Wer weiss, was sie von meinem Kopf denken. Alpakas sind soziale, also Herdentiere. Sie sind Pflanzenfresser und ernähren sich fast ausschließlich von Gräsern.

~Geruhsam: Die einladende Bank vis-a-vis der Weide.~

In Deutschland und auch in der Schweiz sind Alpakas als landwirtschaftliche Nutztiere anerkannt. Sie dürfen ohne weitere Genehmigung auch von Privatpersonen gehalten werden. Meine Alpakas gehören wie gesagt zu einem Bauernhof und grasen meist friedlich mit einigen Pferden zusammen auf einer riesigen Koppel. Vor dem Stall, in dem sie sich wohl nachts aufhalten, gibt es eine Scheuermöglichkeit, ein präpariertes Brett, und einen Wälzplatz. Sie haben alles, was sie brauchen. Warum der Landwirt sie braucht, habe ich nicht herausgefunden.