Hier nun der fünfte Artikel über das schöne Italien, genauer gesagt über einige Örtchen am Golf von Ligurien. Das eine Lokal bei Punta Chiappa, das Dö Spadin, was soviel wie „Schwertfisch“ heißt, habe ich schon beschrieben. Nun das zweite.

In Punta Chiappa gibt es also zwei Restaurants und beide sind ausgezeichnet. Beide sind um Ferragosto, also im Monat August, durchgehend geöffnet. Vor und nach der Hauptferienzeit reduziert sich das Engagement. Es macht also Sinn, vorher anzurufen, ob der Koch zugegen ist. Eine Abwesenheit wäre kein Wunder, denn Punta Chiappa ist zwar romantisch, aber winzig, und die Restaurants leben von Badegästen und Wanderern.

~Der Name für das Paradies: Il Mulino da Drin.~

Das „Da Drin“ liegt auf dem Weg von der Küste zur malerischen Kirche San Nicolò di Capodimonte und zeichnet sich durch eine ausgezeichnete Lage mit Aussicht aus. Wenn ich nun behaupte, seine Terrasse wäre paradiesisch, ist das eher eine Untertreibung. Das Da Drin besitzt die Terrasse schlechthin. Hinein kommt man durch ein verwunschenes Tor aus grünen Ranken und auch drinnen mischt sich die Farbe des Himmels mit dem saftigen Grün von Pflänzchen aller Art. Nur hinten, da ist das Dach fest, falls es mal regnen sollte. Aber das kommt nie vor. Selbst dann gäbe es noch eine Alternative, oben auf dem Haus. Da befindet sich der Restaurantteil, der häuslicher ist; aber mit ebenfalls hervorragender Sicht aufs Meer.

~Die Terrasse: Folgen Sie dem Schild.~

Bleiben wir auf der Terrasse und lassen uns von der Hitze des Tages, dem Mischlicht auf der Terrasse und dem Gefühl der absoluten Entspannung überwältigen. Und von der Speisekarte. Die Trattoria hat natürlich ein eindeutiges Angebot: Pasta, Meeresfrüchte, Fisch. Vielleicht das eine oder andere Stück Fleisch; aber wir sind in Ligurien, am Meer. Gekocht wird von der Mamma, und das nach allen Regeln der Kunst und der Tradition. Leicht. Serviert werden die Köstlichkeiten von jungen Damen mit stämmigen Beinen. Da wir nicht in Mailand sind, ist das ein Kompliment und keine Einschränkung weiblicher Schönheit. Stämmige Beine sind nämlich von Nöten, da jeder Teller über zig Stufen getragen werden muss. Und das geht schneller als die Hitze es erlaubt. So kommt den alles à la minute auf den Tisch und manchmal ist der Teller so heiß, dass man vor Verbrennungen ersten Grades gewarnt wird. Nichts ist langweiliger als ein kalter Fisch.

~Die grüne Lunge: Ein verwunschener Ort.~

Nun hängt alles von Ihnen ab: Sie können etwas über die Natur philosophieren, über Baukunst, über Lebensfreude. Für Ihren Gegenüber kann ich nicht garantieren, aber für das Fluidum, das jedes Gespräch im Da Drin belebt. Oder Sie kehren still in sich ein und konzentrieren sich auf den Sonnenfleck auf dem blütenweißen Tischtuch, auf das Rascheln im Laub, auf den Wind an Ihrer Haut. Und natürlich auf das Essen.

„Prendiamo il caffè!“ Aber vergessen Sie nicht der Besitzerin auf Wiedersehen zu sagen, sie freut sich.

~Für den Regenfall: Die schützende Bar.~

P.S. Seien Sie nicht irritiert, wenn der Ort, zum Beispiel auf Google, mitten im Grünen angezeigt wird. Die Trattoria liegt an dem gut ausgebauten Wanderweg von San Rocco nach Punta Chiappa. Direkt vor dem Küstenörtchen Punta Chiappa.

 

Dies ist nun der vierte Artikel über das schöne Italien, das allmählich wieder Luft bekommt. Er spielt wie alles vorherige im schönen Ligurien.

Fährt man von der Via Aurelia beim Ortskern des kleinen Ruta di Camogli kurz in die Berge hoch, ins Landesinnere, zum Monte Esoli, steht man schon nach wenigen hundert Metern vor einem kleinen, aber beeindruckenden Kirchenbau. Es ist die Chiesa Millenaria, eine Kirche in durch und durch romanischem Baustil, die im dreizehnten Jahrhundert erbaut wurde. Wenn Sie nun glauben, dieses wundersame Bauwerk wäre von Touristen belagert, muss ich Sie enttäuschen. Der Charme des Gemäuers mit den runden Fenstern und dem trotzigen Turm beruht auf seiner Lage, seiner Abgeschiedenheit.

~Die Chiesa Millenaria: Geheimnisvoll am frühen Morgen.~

Nur gelegentlich fährt der kleine Bus nach Torrente San Maria vorbei, nach Santa Maria del Campo. Nur ab und zu die Karosse eines Einheimischen. Die Ruhe dieses göttlichen Hauses wird nur selten gestört. Pinien werfen ihre markanten Schatten auf den stillen Wiesengrund, Winde streifen die ehrwürdigen behauenen Steine, Gitter schützen den heiligen Ort. Aber der schlichte romanische Kirchturm ist zu sehen, von weit her. Denn die Chiesa Millenaria steht zwar etwas einsam, aber stolz auf einem Hügel, mit Blick auf den schönen Golfo Paradiso. Sie steht da und das wird immer so sein.

Ich habe mir sagen lassen, dass Friedrich Nietzsche, der um 1886 in Ruta wohnte, ab und zu mit den Waldarbeitern auf dem Monte Esoli ein Schwätzchen hielt, sie beim Ausroden um die Pinien beobachtete. Das ist nicht gesichert, aber schön ist es. Er liebte Ruta. Vielleicht strich er um die Chiesa Millenaria herum, weit weg hauste er nicht. Nietzsche, dessen Bemerkungen über den Antichrist oft missverstanden wurden und der die Tage in Ruta sehr genossen hatte, die grandiose Landschaft, die seinen Wahnsinn kühlende Brise.

~Millenaria: Bedeutet mehr als tausend Jahre alt.~

Nun war ich ja im Nachsommer da und kann Nietzsches Gefühle nachempfinden, zumindest was die grandiose Landschaft anbelangt, die Ruhe, die Einsamkeit. Etwas habe ich in der Abgeschiedenheit aber dann doch bemerkt: Die Chiesa Millenaria gehört auch noch andern. Am Sonntagmorgen nämlich rücken Gärtner an und schmücken den Altar für kurze Gastspiele. Ehen werden an diesem denkwürdigen Ort geschlossen. Gerötete Wangen geküsst. Reden gehalten. Zu spät gekommene und aufgeregte Damen hasten in engen Röcken die Straße hoch. Eine mit einem auf der Haut unangenehm anzufühlenden Abendkleid, mit ihrem eifrig gestikulieren Partner. Auf dem kleinen Plätzchen unter den Bäumen steht die Gesellschaft. Giftige Blicke von Matronen ersterben in mildvollem Lächeln. Würdige Männer zupfen ihre Manschetten zurecht. Aber der Spuck ist schnell vorbei, die Gestecke werden abgeräumt und die Chiesa hat ihren Frieden.

~Der Turm: Wohnort der Fledermäuse.~

Die Abgeschiedenheit gefällt auch den Fledermäusen, die deshalb den Turm bewohnen. Beim Eindunkeln fliegen sie los, tüchtiger als Mauersegler, eleganter als andere Schwalben. Nicht nur einmal ist es passiert, dass ein besonders kluges Exemplar unser nahe gelegenes Haus aufsuchte, durch das enge Flurfenster der ersten Etage einen Kunstflug durch das Treppenhaus machte und nach einer Schleife in der Küche Erstaunen zurückließ. Göttliche Echoortung.

 

Dies ist mein dritter Artikel über das durch Corona so arg gebeutelte Italien. Vor allem über die Küche in friedlichen Zeiten.

Sollten Sie sich zufällig an diesen schönen Fleck der Erde verirren und ist es gerade Essenszeit, wird die Trattoria „Dö Spadin“ unweigerlich zum absoluten Bild Ihrer Sehnsüchte werden. Denn es gibt kaum einen Ort in Ligurien, der noch einsamer ist. Der von Wellen noch stetiger gestreichelt wird, der von Winden noch heftiger liebkost wird, der von der Sonne noch gnädiger verwöhnt wird. Und es gibt keine Lage, die idealer wäre, dem kulinarischen Reichtum Neptuns zu frönen. Denn das Dö Spadin liegt auf einer Aussichtsplattform am ligurischen Meer bei Punta Chiappa.

~Das Dö Spadin: Die schönste Trattoria am ligurischen Meer.~

~Gepflegte Gastlichkeit heute: Früher war es einfacher, aber auch schon romantisch.~

Die Geschichte der Trattoria mit dem Schwertfisch reicht lange zurück. Das Dö Spadin müsste so lange da sein wie es Punta Chiappa gibt. Meine Erinnerung reicht nicht so lange hin, aber ich kenne das Dö Spadin noch aus der Zeit, als der Sohn des Hauses mit hinten aus der Hose hervorlugendem Hemd über das Sträßchen vom kleinen Schuppen, indem die Küche war, zum Tisch der Damen schlurfte und ihnen ungeschickte Komplimente machte. Baulich hat sich seitdem nicht viel verändert. Die Trattoria mit ihrer Küche befindet sich immer noch in dem an den Hang gerückten Haus und gegessen wird immer noch auf der Terrasse über den Klippen. Aber das Angebot und die Kundschaft sind anspruchsvoller geworden. Der Sohn des Hauses hat geheiratet, sitzt zu Hause auf dem Sofa, verehrt Michelle Hunziker und hat mehr mit Chips als mit Fisch zu tun. Stattdessen gibt es eine engagierte Küchenmannschaft, eifrige und ausgesucht höfliche Kellner und eine Geschäftsführerin, die schon mal den Fisch filettiert, wenn die Gesellschaften groß sind. Kurz, das Dö Spadin ist nun ein fantastisches Restaurant ohne Wände, aber unter Sonnensegeln.

~Ihr Sitzplatz: Neben einem blühenden Strauch direkt am Meer.~

~Schon mal köstlich für den Anfang: Muscoli alla marinara.~

Bitte nehmen Sie an dem blütenweiß gedeckten Tisch Platz. Dass Sie neben einem prächtig blühenden Strauch direkt über dem Meer sitzen, stört Sie hoffentlich nicht. Auch nicht, dass Ihnen mit der Speisekarte unaufgefordert diese köstlich frittierten Teigbällchen mit Fisch gebracht werden, drei an der Zahl. Ich wusste es, Sie sind ein Gourmet! Als Antipasto werden Sie jetzt vielleicht „Muscoli alla marinara“ wählen. Oder den „Acciughe salate su pomodoro fresco“? Oder ein ordinäres „Antipasto misto Spadin“? Nehmen Sie den „Insalata di Polpe e patate“.

~Die typisch ligurische Alternative: Insalata di Polpe e patate.~

Mittlerweile steht der Wein auf dem Tisch, köstlicher ligurischer Weißwein. Aber nicht der der Cinque Terre, der ist für Touristen und den gibt es hier gar nicht. Aber das Mineralwasser aus den lombardischen Alpen gibt es, in Karaffen. Auch köstliches Brot, zum stippen, und dazu werden Sie noch reichlich Gelegenheit haben. Oh Gott, Sie müssten sich ja jetzt für den ersten Gang entscheiden. Ich schlage vor, Sie nehmen die „Spaghetti alla Corsara“, da wir am Meer sind. Blödsinn, die „Trenette al pesto di basilico“, wir sind ja auch in Ligurien. Oder die „Spaghetti con Acciugha fresca e pomodoro“, so köstlich kriegen Sie die nirgendwo. Ich wusste es schon wieder, Sie nehmen die „Spaghetti alla Bottarga“, weil Sie die dünn über die Pasta geriebenen luftgetrockneten Eier des Thunfisches mögen. Außerdem sind Sie ein Experte.

~Das sollten Sie auf keinen Fall verpassen: Spaghetti alla Bottarga.~

~Auch äusserst passend: Der Schwertfisch.~

Hallo, der Fischgang erfordert die Aufmerksamkeit! Es gibt nur Fisch als Zweites, aber was für welchen. Natürlich, ein „Fritto misto del Golfo“ wäre angebracht. Oder „Fritto di acciughe“? Aber die Acciughe hatten Sie vielleicht schon vorher, anders. Das wäre langweilig. „Pesce al Forno“ hört sich gewöhnlich an, er ist hier aber bestimmt ausgezeichnet. Eine „Leccia ai ferri“, eine Makrele? Nun mal ganz im Vertrauen: wenn Sie nicht einen „Pesce Spada“ nehmen, spreche ich nie wieder mit Ihnen. Wir sind hier im Dö Spadin! Außerdem steht er nicht auf der Karte und es gibt ihn ausnahmsweise in herrlich gegrillten Scheiben. Drei, mit Zitrone, Kapern und Gemüse.

~Dolce: Torten, Torten, Torten.~

~Originelles zum Kaffee: Weintrauben in flüssige Schokolade getaucht.~

Nun, da wir uns wieder vertragen, kann ich Ihnen noch erzählen, was es zum Nachtisch gibt: Torten, Torten, Torten, alle hausgemacht. Eis. Falls Sie unmenschlich satt sind eine frische Annanas. Und, oh Wunder, zum Kaffee gibt es Weintrauben, die nur kurz in flüssige Schokolade getaucht worden sind. Statt Plätzchen. Mehr noch, Seemöwen, so groß wie Hühner, auf dem Sonnensegel. Aber die sind domestiziert, verspeisen ihre gefangenen Fische und sind nur zum fotografiert werden da.

~Vollkommen gratis: Seemöven auf dem Dach.~

P.S. Sie werden das kleine Sträßchen, an dem das Dö Spadin liegt, die Via San Nicolò, auf der Karte nicht finden. Es ist aber da. Zwischen der Anlegestelle Porto Pidocchio und dem Wanderweg hinauf nach San Rocco.

 

Dies ist mein zweiter Artikel, der über die schlimme Corona-Zeit in Italien hinwegtrösten soll.

Den schönsten Spaziergang Europas machen Sie nicht im Harz, im Hohen Venn oder gar im Périgord Noir. Nein, es ist absolut das Gebiet um den Monte di Portofino, das dazu einlädt. Der Superlativ ist übrigens keine Erfindung von mir, sondern die Bezeichnung stammt von einem verbildeten Misanthropen, dem man nie was recht machen kann. Am wenigsten mit der Natur. Also, wenn der sich schon zu dieser Lobhudelei durchringt, muss wohl was dran sein.

~Der schönste Spaziergang Europas: Nicht immer geht es so leicht ebenaus wie hier.~

Das Gebiet um den Monte di Portofino ist die Halbinsel, an deren Spitze in etwa der Nobel- und Hafenort Portofino liegt. Die Landschaft mit mediterranem Buschwald und Ölbaumhainen, deren Küsten bisweilen steil abfallen, ist seit vielen Jahren Naturschutzgebiet. Das wäre an sich nicht besonders aufregend, wenn nicht irgendein Beamter im fernen Rom den unkontrollierten Abschuss von Wildschweinen verboten hätte. Es gibt da nämlich niedliche Wildschweine, und das Verbot hat zur Folge, dass nun der Hobbyjäger Frau und Kind nicht mehr mit würzigsten Stücken vom Grill ernähren kann und die Viecher nachts in die Gemüsegärten einfallen. Es gibt zu viele Schweine und der Wald scheint sie offensichtlich nicht mehr ausreichend zu ernähren.

~Mediterran: Ein kurzer Ausblick auf das, was Sie erwartet.~

Wie auch immer man zu Gesetzen steht, dieses Vorgebirge bei Portofino ist von einer unglaublichen Schönheit und Sie sind nicht zu verstehen, wenn Sie es links liegen lassen. Ich würde vorschlagen, Sie fahren von Camogli mit den Buß nach Ruta, möglichst in aller Frühe, wenn der Tag jung und die Kräfte unverbraucht sind. Ruta ist übrigens der Ort, wo Nietzsche einen Esel geküsst haben soll, ganz zu Schluss seines aufregenden Lebens. Danach dürfen Sie aber nicht fragen, Sie würden Unverständnis von den Einheimischen ernten. Fragen Sie lieber nach der Kirche, nicht nach der romanischen mit den Fledermäusen, sondern nach der ordinären Dorfkirche. Falls man Ihnen keine Auskunft gibt, weil alle mit den Vorbereitungen zum Kirchfest zugange sind, blicken Sie einfach vor dem Tunnel gen Himmel, die Böschung hoch. Da ist die Kirche und auch der Einstieg zum Trip. Rechts von der Strasse Genua-Rapallo.

~Schon mal vorweggenommen: Piettre Strette, auf der Hälfte des Weges.~

Nun sind Sie mir dankbar, dass ich geraten habe, früh aufzustehen. Haben Sie auch bequeme Schuhe an, oder die High Heels vom Vorabend? Letzteres wäre falsch, denn es geht in die Wildnis, auch wenn diese ihnen wie ein Paradies vorkommen wird. Über einen Saumweg geht es erst hartnäckig aufwärts. Machen Sie es wie Reinhold Messner und treten Sie immer auf die tiefsten Stellen im Geläuf. Das erspart Ihnen das Abrollen auf lockerem Gestein und einen schmerzenden Knöchel. Im Wald ist es kühl und Sie finden Ihre Ruhe. Es ist himmlisch, etwas für den Körper zu tun. Der pittoreske Weg führt Richtung Portofino Vetta, einem Luxushotel und irgendeinem Richtmast. Schade, den köstlichen Cappuccino auf der Terrasse mit Aussicht auf den Golfo Paradiso gibt es erst ab Elf.

~Der Märchenwald: Welcher Riese hat hier mit Felsbrocken gespielt?~

Weiter über den Saumweg noch immer aufwärts Richtung Portofino. Irgendwann sind Sie bei den Piettre Strette, einer verwunschenen Ansammlung von Felsbrocken, die die Erdgeschichte zurückgelassen hat. Was immer Sie da machen wollen, Sie haben beinahe die Hälfte der Tour Natur hinter sich. Schade? Nein, gar nicht, denn es geht abwärts und nun öffnet sich der Blick beidseitig durch die Vegetation aufs Meer. Ich neige nicht zu Übertreibungen, aber es ist unglaublich schön. Sie werden mir die Empfehlung danken, spätestens jetzt. Zwischendurch hätte es sogar Wegesalternativen gegeben, rechts runter nach San Fruttuoso etwa, noch pittoresker und steiler. Aber der Weg ist das Ziel, jeder. Ungefähr nach Dreivierteln der Wanderung erreichen Sie den verschlafenen Weiler Olmi und die ersten Azzurri mit ihren Enduros kommen Ihnen entgegen. Manchmal auch ein lesender, verträumter Philosophiestudent aus Perugia oder ein Crewmitglied einer Nobelyacht, der zwei Kampfhunde ausführt.

~Langsam geht es abwärts: Je nach Situation links oder rechts der Blick aufs Meer.~

Apropos Philosophie: in Olmi gab es eine hervorragend Trattoria mit Garten, zwischen mannshohen Hecken aus Hortensien und einem Dach aus Weinlaub. Dort saß man und ließ sich von den Töchtern des Hauses verwöhnen, mit Köstlichkeiten, die immer seltener werden. Nicht nur einmal ist es mir passiert, dass ich von Amor verführt und von Bacchus berauscht in Träumereien glitt und das harte Wort Heidegger oder ähnlich Anspruchsvolles mich zur Besinnung rief. Olmi war anscheinend oft der Hort der Philosophen auf Urlaub. Schlemmen und Denken, nicht das Schlechteste. Noch ganz kurz zu den Töchtern des Hauses: ich habe mich nach dem Verbleib der Trattoria erkundigt und hörte, dass die Hübschen verheiratet sind. Natürlich mit Postbeamten, die hatten das ganze Jahr über Zeit, zu akquirieren. Es lag ja auf dem ihrem Weg. Aber deswegen gleich die Trattoria des Echten und Wahren schließen?

~Die ersten Häuser: Bald sind wir in Portofino.~

Nun wollen Sie bestimmt, dass wir zum Schluss kommen. Kommen wir auch, nach zirka einer halben Stunde sind Sie in Portofino, dem Brennpunkt der High Society. Durch schmucke Gässlein finden Sie bestimmt die Piazza. Jetzt gibt es einen kleinen Lunch am Hafen.

Da zurzeit Italien nur an Leid erinnert, möchte ich gerne erzählen, wie schön es da normalerweise ist. Und hoffen, dass es bald wieder so sein wird. Dies ist der Anfang einer Serie.

Die Bar Da Nicco liegt hoch über Camogli, Ligurische Küste, an einem der schönsten Plätze der Welt. Genauer gesagt kurz hinter der Abzweigung, die von der Via Aurelia nach dem malerischen Örtchen San Rocco führt. Dass ich mich mit meiner Behauptung so weit aus dem Fenster lehne, hat nicht damit zu tun, dass man selten drinnen sitzt, sondern mit dem Zauber, den dieser Ort ausübt. Bei Da Nicco sitzt man draußen auf der Terrasse und lässt es sich gut gehen. Schon morgens, wenn die Tische in italienisch untypisch emsiger Sorgfalt gerichtet werden, bringt einen ein kleiner Kaffee gut in den Tag. Den Einkauf für das Frühstück neben sich, eine Zeitung vom nahen Kiosk, beobachtet man gut gelaunt die Sanitäter aus der nahen Station oder einige alte Männer, die Bewegendes zur Weltpolitik diskutieren.

~Der schönste Platz der Welt: Niccos Bar.~

Nicco, der Inhaber, ist für seine köstlich gestikulierende Art bekannt, für seine Herzlichkeit, für seine manchmal verwirrende Sicht der Dinge. Eines ist aber klar: bei Da Nicco gibt es nicht nur Unmengen an professionell gemixten Cocktails, jede Sorte Kaffeegetränke, feinste ligurische Weine, Aperitifs mit äußerst schmackhaften Häppchen, Pannini und Bruschette mit fantasievollen Einlagen – von maritimen Köstlichkeiten bis zum Tiroler Speck – sondern auch kleinere Gerichte wie Caprese, Meeresfrüchtesalat und natürlich die ligurische Lasagne oder Linguine mit Pesto alla genovese. Nachtisch eingeschlossen. Für die gleichbleibende Qualität sorgt der emsige Nicco und sein ruhiger Bruder, der die Küche beaufsichtigt. Eine der Remouladen zwischen den Brotscheiben heißt übrigens Fantasia und dieser Name entspricht der Örtlichkeit enorm, da die Bar Da Nicco wie keine zweite dazu angetan ist, die Fantasie zu beleben. Nicht nur die meist vorwiegenden Italiener mit ihren Tischgesprächen sorgen dafür, sondern auch die unglaubliche Natur. Obwohl die ligurische Küste gerade über Camogli stark bebaut ist, hat man doch durch das steil abfallende Gelände einen vorzüglichen Blick aufs Meer. So kommen wir also zu dem, was Da Nicco eigentlich ausmacht: die Aussicht auf das Paradies.

~Typisch italienisch: Politik wird auf der Straße gemacht.~

Sie müssen wissen, der Meeresstreifen, der das Auge erfreut, heißt Golfo Paradiso, und das zu Recht. Schon tagsüber ist die Sicht atemberaubend, wenn die weite Fläche der See am Horizont mit dem unendlichen Himmel im Dunst verschmilzt. Die Yachten aus Portofino unverschämt stolz ihre Segel blähen. Die schweren Tanker weit in der Ferne den Hafen suchen. Abends ist dies alles durch nichts auf der Welt zu übertreffen und ich kenne manche die behaupten, dass der Sonnenuntergang von Da Nicco aus gesehen, der schönste ist.

~Wie im Paradies: Blick auf den Golfo Paradiso.~

Es fängt mit einem sachten Nachlassen des Lichtes an, einer Reduktion der sommerlichen Hitze. Dann verändern sich die Farben auf der spiegelnden Fläche des Meeres. Es wird zu einer silbernen Projektion der Sehnsüchte und langsam rötlich und dunkler. Nun stört kaum eine düstere Silhouette das friedliche Bild, kaum das kleine Dreieck einer Yacht oder die größere Raute eines Containerschiffes. Nicht dass sie auf den Betrachter Rücksicht nähmen, nein nein. Die großen Pötte haben längst in Genua dicht gemacht und die Eigner der kleinen Schiffe sitzen Zuhause an mit groß geblümten Decken versehenen Tischen und harren der Spaghettata. Wie schön, dass es windstill ist und die Wasseroberfläche beinahe metallisch wird. Silbern geschlossen, alles Elend unter sich begrabend. Nun schweift der Blick nach oben zum Horizont, wo bald das Finale stattfinden wird. Die zuvor im Dunst versunkenen Hügelzüge des Küstenbogens werden nun deutlicher, gut gegen den Himmel gezeichnet. Ein prächtiger Nachthimmel senkt sich langsam. Der Streifen Licht wird schmaler, noch rötlicher, und die unter der Kimme untergehende Sonne verwandelt zum letzten Mal mit kärglichen, aber deutlichen Akzenten alles in eine wundersame Welt des Halblichtes. Langsam wird das Funkeln der Sterne spürbar. Nicco steht stolz neben uns und räuspert sich. Bella Liguria.

~Das große Finale: Wer jetzt noch unglücklich ist, ist selbst schuld.~

Der Golzheimer Friedhof ist, wie der Name schon klar macht, ein Friedhof im Düsseldorfer Stadtteil Golzheim. Ein ehemaliger Friedhof, genauer gesagt, und nahe zum Rhein hin. Gegen 2008 ballte sich ein gewaltiger Sturm zusammen und Winde fegten durch die prächtigen Baumkronen der Linden, Eichen und Pappeln. Auch durch die Gemüter braver Düsseldorfer Bürger. Denn der Friedhof, immer noch im Eigentum der Stadt, sollte verkauft werden. An die Victoria, respektive an die Ergo-Versicherungsgruppe, zu der auch die Victoria gehört. Die Victoria hatte sich im Umfeld des schönen Friedhofs schon mach interessantes Filetstück gesichert und ihr Hauptgebäude ragt weit in den Düsseldorfer Himmel.

~Die Victoriaversicherung: Protz gegen Natur.~

Die damaligen Oberbürgermeister Erwin von der CDU und Frau Strack-Zimmerman von der FDP sahen in dem geplanten Geschäft gar eine Dringlichkeitssituation: „Die Victoria-Versicherung AG will nach eigenen Angaben so kurzfristig wie möglich ihre firmenstrategischen Überlegungen bezüglich des Sitzes ihrer Hauptverwaltung mit dem Erwerb des hier in Rede stehenden Grundstücks absichern. Ein schnellstmöglicher Abschluss eines Kaufvertrages ist notwendig.“ Da der schöne Golzheimer Friedhof unter Denkmalschutz steht, und nicht nur deshalb, hatte sich die Bürgerinitiative „Rettet den Golzheimer Friedhof“ gebildet. Am 17.02.2008 sollte es zum Bürgerentscheid kommen. Aber es gab eine Modifikation des Bauvorhabens. Nur der neben dem Friedhof liegende Parkplatz wurde bebaut.

~Der Golzheimer Friedhof: Ort für einsame Gedanken.~

~Natur und Gräber: Glücklich ist, wer so einen Platz gefunden hat.~

~Idylle: Hier findet jeder seine Ruhe.~

Fakt ist, dass der Golzheimer Friedhof ein wunderschönes Juwel in der Düsseldorfer Parklandschaft ist, aber auch ein Dornröschendasein fristet. Mir hat das immer gefallen, so wie es war. Durch die langen Alleen vorbei an den moosbewachsenen Gräbern streifte kaum ein Mensch. Die nahe Fischerstraße mit ihren Verkehrslawinen war kaum spürbar. Man war allein mit sich, der prächtigen Natur und einigen unbekannten Seelen, die in tiefem Schlafe waren. Schon 1805 wurde die so genannte Golzheimer Insel für Beisetzungen genutzt. Der königliche Gartenbaurat Maximilian Friedrich Weyhe sorgte 1816 für eine Erweiterung und gärtnerische Gestaltung des Friedhofs. Er gliederte das um das Dreifache vergrößerte Areal durch Längs- und Querwege in acht Begräbnisfelder. Das Zentrum des Friedhofs markierte Weyhe mit einem Baumrondell und einem ehrwürdigen Friedhofskreuz in der Mitte. Dies ist beinahe alles noch erhalten. 1939 wurden noch 668 Grabmäler gezählt, heute sind es noch knapp 350. 1897 wurde der Friedhof für neue Begräbnisse geschlossen und er ist seitdem ein fantastischer Park.

~Brachial: Jeder so wie er will.~

~Einsam: Und selbst im Winter schön.~

~Grabinschrift: Nicht immer ist sie so gut zu lesen.~

Nicht zum letzten Mal fuhr ich in der Vorweihnachtszeit dahin. Das Gelände lag einsam und verlassen da, so wie es für einen unvergleichlichen Eindruck nötig ist. Die fahle Wintersonne schien durch die nackten Baumverästelungen und legte ihre karge Wärme sanft auf die verwitterten und vom Moos grün eingefärbten Sandsteine. Ich habe mir sagen lassen, dass Johann Friedrich Benzenberg da ruhen soll, ein Physiker. Elisabeth Grube, eine Poetin. Dann die Maler Johann Peter Hasenclever und Theodor Hildebrandt. Der Schriftsteller und Dramatiker Carl Leberecht Immermann. Der Bildhauer Dietrich Meinardus. Weitere Maler wie Christian Köhler, Alfred Rethel, Friedrich Wilhelm von Schadow, Christian Sell und August Weber. Und natürlich unser Gartenarchitekt Maximilian Friedrich Weyhe, in seinem eigenen Totenhaus. Viele Namen sollten Düsseldorfer Bürgern geläufig sein, aus dem Stadtplan. Übrigens, Jim Morrison ist nicht da. Der ruht in Paris, auf dem Friedhof Cimetière du Père Lachaise.

~Grabplatte: Die Natur verschlingt alles.~

~Grün bemoost: Ein gütiger Engel.~

~Orientierungstafel: Zeit für etwas Information.~

So also streifte ich herum in der winterlichen Kälte und versuchte das eine oder andere Detail auf den Grabsteinen zu erkunden; die antiken Symbole zu entziffern, die mit christlichen Bildwelten eigentlich nichts zu tun haben. Ich entdeckte wundersame Schmetterlinge, verwitterte Lorbeerkränze, geheimnisvolle Schlafmohnkapseln, abgebrochene Säulen oder verlöschende Fackeln. Viele Grabmäler in klassizistischem, neugotischem oder neuromanischem Stil. Schöne Schlussstriche unter erfüllte Leben.

~Dämmerung: Es wird Zeit für den Abschied.~

~Ende: Und aus.~

 

Ein ganz normaler Tag

März 18, 2020

Gestern hatte ich wieder einmal ausgiebig gefrühstückt. Für meine Verhältnisse. Das tägliche Briefing des Robert Koch-Instituts mit Professor Dr. Lothar H. Wieler zur Corona-Epidemie ließ ich aus. Es deprimiert mich zu sehr, wie Wieler ab und zu von Journalisten in die Pfanne gehauen wird. Dann wollte ich einkaufen gehen. Zur Erklärung: Viele Möglichkeiten gibt es hier nicht. Ich wohne am Stadtrand, in einem eingemeindeten Dorf. Es ist ganz hübsch und es gibt sogar einige ehemalige Bauernhäuser zwischen den Tempeln der Neuzeit.

Zum Einkauf fehlte mir etwas Geld. Aber es gibt einen Bankautomat. Einen einzigen. Der war außer Betrieb. Also galt es sich gut zu überlegen, was wichtig ist und fehlt. Klopapier, Salat, Brot. Bei der Migros, die immer gut sortiert ist, sah es aus wie im Krieg. Die Regale waren teilweise leergeräumt. Nicht alle. Es gibt offensichtlich ein Muster für Panikkäufe. Klopapier gehört dazu.

~Eigentlich war das der Platz für den Coronavirus. Aber den sieht man ja bei jeder Fernsehsendung als Hintergrundbild.~

Ich muß gestehen, ich ließ mich von der Hektik etwas anstecken. Da ich schon mal da war, legte ich eine einsam verschmähte Dose Leipziger Allerlei in meinen Warenkorb. Ravioli mit Tomatensoße in Dosen gab es leider nicht mehr. Schade, die mochte ich früher sehr. Sie schmecken etwas nach Weißblech. Komischerweise gab es frisches Gemüse und Obst. Brot auch. Das gehört wohl nicht zu den Ramschkäufen.

Als ich die Migros verließ bemerkte ich ein angekettetes Fläschchen Desinfektionsmittel auf einem Stehtischchen. Praktisch. In der Stadt hatte ich am Samstag 100 g flüssig gekauft. Für 15 Franken. Ganz schön happig für etwas Industriealkohol mit Glyzerin. Nur 100 g! Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, auch Brennspiritus zu kaufen. Den gibt es in Literflaschen für einen Pappenstil. Und das ist auch Alkohol nur ohne Hautschonung.

Beim Rausgehen sah ich einen jungen Mann mit einem Gerät zur Personenzählung. Das Klopapier ließ mir keine Ruhe. Sollte ich vorsorglich Zeitungspapier in handliche Stücke schneiden wie bei meiner Großmutter im Berner Oberland? Das war in grauer Vorzeit. Vielleicht entwickelt sich unsere Zivilisation ja wieder zurück. Bei Denner vis-a-vis sollte es gestern noch Klopapier gegeben haben. Stundenweise. So raunte man sich unter der Hand zu. Fehlanzeige. Aber Haushaltspapier gab es.

Ich machte kurzentschlossen einen wunderbaren Spaziergang. Und über allem dieser unglaublich schöne Himmel.

Seit längerer Zeit lebe ich nun nicht mehr in Düsseldorf, aber in einem großen Koffer finde ich immer noch viele Erinnerungen. So an das Café Muggel, das lange Jahre mein zweites Wohnzimmer war. Es hat sich einfach so ergeben. Obwohl mehrfach umgezogen, hielt es mich immer im selben Quartier, in Düsseldorf Oberkassel. Oberkassel liegt auf der andern Rheinseite, gegenüber der vielgerühmten Düsseldorfer Altstadt, die eigentlich ziemlich öde ist. Oberkassel ist voller schöner Jugendstilhäuser, aber auch voller alter Leute, Werber und Japaner. Joseph Beuys wohnte da, und ich vis-a-vis von ihm. Als er als Lehrer an der Kunstakademie nach Schwierigkeiten mit der Behörde in einem selbstgeschnitzten Einbaum von seinem Schüler Anatol triumphal über den Rhein zurück gerudert wurde, war ich natürlich Zuschauer.

~Das Café Muggel: Schild meines zweiten Wohnzimmers.~

Aber es geht hier um das Café Muggel. Das gibt es schon immer und es ist seit einigen Jahren wieder so voll, so wie es zu seinen Gründungszeiten war. Da das hier gerade reinpasst: Der Kneipenname „Muggel“ ist nicht inspiriert von der Figur Muggel aus Harry Potter. Das Muggel gibt es bedeutend länger als Harry Potter und ich kann mich erinnern, dass zu Gründerzeiten ein Bild von einem Oberkasseler Original namens Muggel an der Wand hieng.

~Verführerisch: Wandbilddetail im Innern.~

Für Düsseldorf-Oberkassel ist das Muggel eine Institution. Tagsüber treffen sich die älteren Herrschaften mit ihrer taz, meist Architekten mit Müßiggang. Daneben auch jüngere mit ihrem Diary, meist Fotografen ohne Job. Speziell um 15:00 Uhr Spaziergänger zur Hundeschau, auch Mütter mit ihren Kindern. Etwas später Schüler. In der warmen Jahreszeit sitzt man bequem draussen an Tischen. Abends ist es normal gemischt.

~Gepflegte Gastlichkeit: Kaffee, Tee, Champagner.~

Nicht nur abends kann man essen, gar nicht so schlecht. Es gibt eine Mittagskarte bis 15 Uhr: Verschiedene Tapas ab Euro 4,20, Asiatische Gemüsepfanne zu Euro 9,50, etc. Die Abendkarte ab 18 Uhr empfiehlt aktuell Thunfisch-Sashimi mit Wasabi-Püree zu Euro 15,50, Linguine mit frischen Trüffeln zu Euro 15,80, etc. Getränke hat das Muggel in reicher Auswahl vorrätig: Bionade, Tee, Kaffee, Bier, Wein, Prosecco. Einfach das übliche Programm, aber gut. Cigarren gibt es immer noch an der Theke, aus dem Humidor, obwohl das Muggel mittlerweile natürlich rauchfrei ist.

~Appetitlich: Tischdeko draussen.~

Wer raucht, stellt sich vor die Türe. Und wenn’s warm ist gibt es draußen die erwähnten schöne Tische. Die Musik ist immer angenehm, aber unaufdringlich. Und die Bedienung ist ausgesprochen nett, manchmal hübsch bis sehr hübsch und immer motiviert. Ich spreche da von den Damen.

Aber das Schönste am Muggel ist der Keller. Da gibt es ein kleines Kino mit Filmraritäten. Wer möchte Riddley Scotts „Blade Runner“ oder „Black Rain“ oder Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango“ nicht zum fünften Mal sehen? Nur bei „1900“ von ihm, von Bernardo, tat der Stuhl etwas weh, ich hatte beide Teile am Stück sehen wollen. Das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt am Kino, es ist ein schmaler Kellerraum und wer zu letzt kommt, den bestraft das Leben. Mit schlechter Sicht und unbequemer Bestuhlung.

~Hinweis: Das Souterrain-Kino mit ansprechendem Programm.~

Tipp: Meines Wissens kann man das Kino für geschlossene Filmveranstaltungen mieten. Und einmal hatten wir sogar eine geschlossene Gesellschaft mit ehemaligen Mitarbeitern einer Firma, bei der ich lange beschäftigt war. Es war schon komisch. Normalerweise finde ich immer Leute, die ich kenne. Diesmal kannte ich alle. Es war anstrengend und zum Verrücktwerden. Spätetens als Peter auf mich zukam und wie immer sagte: „Walter mein Sohn“. Dabei ist er nur anderthalb Jahre älter als ich.

Also, das Grüne Heupferd, (Tettigonia viridissima), ist die größte in Mitteleuropa vorkommende Laubheuschrecke. Als Kind nannten wir sie Grashüpfer. Vor kurzem, nach einem Sturm in der Nacht, fand ich ein Exemplar auf meinem Balkon. Das fabelhafte Tier war ausgetrocknet und tot. Aber immer noch hübsch anzusehen. Ich legte es sorgfältig in eine Glasschale, in der ich noch andere Trouvaillen aufbewahre. Schon als kleiner Junge hatte ich mir angewöhnt, Fundstücke zu sammeln. Vor allem wenn sie schön und interessant und aus der Natur sind.

Das Grüne Heupferd – ich hoffe mal, dass es eins ist, denn mein Fundstück ist größer als in der Literatur angegeben – kommt in Europa und Asien von der Atlantik- bis zur Pazifikküste vor. Es lebt mit Vorliebe in Brachen, sonnigen Weg- und Waldrändern, Gärten und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Als sogenannter Kulturfolger besiedelt es immer mehr menschliche Siedlungsgebiete und sogar Zentren von Großstädten.

~Das Grüne Heupferd: Nur ein Symbol für den drastischen Insektenschwund.~

So, nun komme ich zur Nachdenklichkeit. Das Grüne Heupferd ist durch seine enorme Verbreitung nicht bedroht. Wir werden noch lange Freude an ihm haben. Aber es ist eine Tatsache, dass wir einen dramatischen Rückgang der Insekten, d.h. deren Biomasse, feststellen können. Auch die Anzahl der Arten ist dramatisch rückläufig. Mehr als 80 Prozent aller auf der Erde vorkommenden Tierarten gehören zu den Insekten. Entomologen haben allein in Deutschland rund 33.000 Arten beschrieben. Insekten, so unscheinbar mache Exemplare sein mögen, sind also die heimliche Macht im Tierreich.

Insekten sind ein unverzichtbarer Bestandteil in der Nahrungskette. Amphibien, Vögel und Fledermäuse beispielsweise sind ohne sie nicht denkbar. Mannigfaltige Insekten sind auch ungemein wichtig in ihrer Funktion als Bestäuber. Prominent geworden ist die Biene als Bestäuber von Nutzpflanzen. „Stirbt die Biene, stirbt der Mensch“ heißt es. Gewisse Insekten sind auch als Destruenten – ein Organismus, der organische Substanzen abbaut und in anorganische Bestandteile zerlegt – von großer ökologischer Bedeutung. Man denke nur an den Dungkäfer.

Den Rückgang der Biomasse an Insekten kann man sich plastisch kaum vorstellen. Man schätzt, dass seit Ende der 1980er Jahre ein Rückgang von bis zu 80 Prozent zu verzeichnen ist. Dramatischer wäre es, wenn man das als Gesamtgewicht ausdrücken könnte. Dazu gibt es keine Schätzungen, da die Feldforschung noch sehr lückenhaft ist. Insektenfressende Vögel verbrauchen weltweit schätzungsweise 400-500 Millionen Tonnen Beute pro Jahr. Da die Vogelpopulation rückläufig ist, ist ein Zusammenhang mit dem Rückgang der Insekten herzustellen.

Die Ursachen zum Insektensterben, das weniger apokalyptisch auch Insektenschwund genannt werden darf, hat Gründe, die auf der Hand liegen. Etwa die Zerstückelung der Landschaft, der Pestizideinsatz der Landwirte, die zunehmenden Monokulturen, die geringe Anzahl von Hecken und Randstreifen auf Feldern. Auch Antibiotika und Hormone aus dem Abwasser können eine Gefahr für Insekten werden. Sogar die zunehmende Lichtverschmutzung wirkt sich auf Insekten aus. Noch kaum untersucht sind die Folgen des Klimawandels auf die Insekten.

Nun kommen wir nicht zufällig auf mögliche Verursacher des Insektenschwunds. Es sind wieder einmal die Landwirte. Aber das ist zu einfach. Es ist die globalisierte Wirtschaft und die Politik. So verteilt zum Beispiel die EU aus zwei Töpfen Subventionen. Diese Agrarausgaben machen mit etwa 58 Milliarden Euro jährlich aktuell fast 40 Prozent des EU-Budgets aus. Ein Artikel auf Spiegel Online sagt: „Die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) hat auch deshalb einen so großen Stellenwert, weil sie seit mehr als 50 Jahren der einzig voll gemeinschaftlich finanzierte Politikbereich der EU ist. Sie wurde ins Leben gerufen, als die Versorgung mit erschwinglichen Lebensmitteln nicht selbstverständlich war und Landwirtschaft durch Technik revolutioniert wurde. Heute geht es mehr darum, das Sozialleben in teils abgehängten Gebieten und die Natur im ländlichen Raum intakt zu halten.“ Intakt halten, das kann man natürlich mit Kleinbetrieben besser. Nichts gegen die Unterstützung von Landwirten. Aber die Gesetze und Verordnungen sind so angelegt, dass Großbetriebe, deren Pestizidaufwand immens ist und die die Landschaft nicht unbedingt pflegen, sondern ausbeuten, besonders profitieren.

Ich weiß, das ganze Thema ist so oft besprochen, dass es langweilt. Ich glaube aber, dass man durch Wiederholungen vielleicht endlich klüger wird. Und vergessen Sie nicht: Als Verbraucher und Konsument hat man Macht.

Am Sonntag, den 10. November 2019, war ich im Opernhaus Zürich, um mir eine Vorstellung anzusehen, die öffentlich ordentlich Wirbel gemacht hat. Zu sehen und zu hören war „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, dessen Inspiration aus dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen herrührt. – Sie erinnern sich: Ein bettelarmes Mädchen wird in einer Silvesternacht auf die Straße geschickt um Streichhölzer zu verkaufen und erfriert. – Geschaffen wurde das Stück im Opernhaus vom deutschen Komponisten und Kompositionslehrer Helmut Lachenmann. Er bezeichnet es als „Musik mit Bildern“. Und da fängt die Irritation an. Obwohl im Opernhaus aufgeführt, ist die Schöpfung keine normale Oper. Aber ist es ein Ballett? Davon könnte man ausgehen, weil die Mitglieder des Balletts Zürich mitwirken. Ein konventionelles Ballett mit klaren Solistenrollen ist es auch nicht. Da hat Helmut Lachenmann, der tatkräftig beim Inszenierungskonzept mithalf, und der umtriebige Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck ganz schön was angerührt. Spuck ist für aufregende Experimente bekannt.

~Helmut Lachenmann: Foto Gregory Batardon, Opernhaus Zürich.~

Also: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ist im weitesten Sinne ein Musiktheater. Oder eben eine Musik mit Bildern. Helmut Lachenmann, bei Karlheinz Stockhausen in die Lehre gegangen, gilt als einer der bedeutendsten und weltweit anerkannten Komponisten der Gegenwart. Sie können sich vorstellen, daß er keine gefällige Musik komponiert, sondern eher Klangcollagen schafft. „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ist sein bisher größter Erfolg. Es wurde 1997 an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt und danach in Paris, Stuttgart und Tokio gegeben. Ebenfalls in Salzburg, Berlin und Frankfurt. Es verschwand also nicht wie viele Neukreationen der modernen Musik gleich wieder in der Schublade.

~Das arme Mädchen: Foto Gregory Batardon, Opernhaus Zürich.~

Leicht macht es Lachenmann dem Publikum nicht. Stellen Sie sich vor, daß das durchaus souveräne Orchester keine schwülstigen Melodien intoniert, sondern Geräusche erzeugt. Das Klirren von Kälte etwa. Dann gibt es zwei Sopranistinnen: Alina Adamski und Yuko Kakuta. Diese singen aber keine Rollentexte. Sie sind keine Handlungsfiguren, sondern erzeugen bibbernde Geräusche wie in der „Frier-Arie“. Daher ist es keine Oper im klassischen Sinne. Auch die Gesangsgruppe der Basler Madrigalisten ist kein unterstützender Chor, sondern sie sind im Zuschauerraum verteilt und erzeugen Sprechcollagen und andere Geräusche. Auch das Ballett verhält sich nicht klassisch. So gibt es das Mädchen mit den Schwefelhölzern doppelt. Manche Figuren vierfach. Fragen Sie mich nicht wieso. Ich sage nur: Es ist einfach Kunst.

~Die unbarmherzigen Passanten: Foto Gregory Batardon, Opernhaus Zürich.~

Zumindest zur Handlung kann ich etwas sagen. Sie folgt grob der Geschichte des Märchens. Und das in 24 Bildern. Aber die Handlung wird durch zwei Fremdkörper durchbrochen. In Bild 15a geht es plötzlich um einen Brief von der deutschen Terroristin Gudrun Ensslin, den sie aus ihrer Gefängniszelle in Stuttgart Stammheim schrieb. Und in Bild 18 wird in einem Text von Leonardo da Vinci die Grenzerfahrung eines Wanderers zwischen Furcht und Verlangen vorgetragen. In der Zürcher Inszenierung ist es Helmut Lachenmann selbst, der als Sprecher fungiert. Er folgt dabei einer durchkomponierten Form, die Sätze in Silben, Konsonanten und Vokale zerlegt, rhythmisiert und expressiv auflädt. Es hört sich spaßig an und ist großartig vorgetragen, aber schwer verständlich.

~Großartiges Bühnenbild: Foto Gregory Batardon, Opernhaus Zürich.~

Es ist schwierig, ein Resümee zu schreiben. Mit modernerer Musik kenne ich mich etwas aus. Mit der Zwölftontechnik zum Beispiel. So kann ich weite Teile aus Alban Bergs Wozzeck beim Fensterputzen mitsummen. Aber das hier? Ich habe mich damit abgefunden, mir einfach zu sagen, dass moderne klassische Musik und ihre Inszenierungen dazu wohl weit getrieben werden können, auch wenn mir die Triebfeder dazu nicht klar ist. Trotzdem: Es war ein großartiger Abend, der viele Eindrücke hinterließ.