Such a perfect day

März 23, 2016

Der Titel dieses Artikels ist inspiriert durch einen Song von Lou Reed. Der am 2. März 1942 in Brooklyn, New York, geborene und am 27. Oktober 2013 in Southampton, New York, verstorbene Singer-Songwriter und Gitarrist Lou Reed bestimmte weite Teile meiner Leidenschaft für Musik. Nicht nur, weil er Gründungsmitglied der legendären Band „The Velvet Underground“ war. Andy Warhol stand dabei Pate. Lou Reed hatte mit vielen berühmten Musikern zusammengearbeitet und fantastische Songs geschrieben.

Einer davon ist „Perfect Day“. Das Stück stammt aus dem Jahr 1972 und ist durch seine ungewöhnliche Komposition und seinen Text unglaublich schön. 1973 wurde es auf der B-Seite der Single „Walk on the Wild Side“ erstmals veröffentlicht. Produziert wurde es von David Bowie und Mick Ronson. Lou Reed hatte danach sein Stück 2003 für sein Album „The Raven“ neu aufgenommen. Dazwischen wurde es von vielen Künstlern gecovert: Unter anderem von Duran Duran, Kirsty MacColl, Antony Hegarty etc. Am Besten gefällt mir die Version von Patti Smith. Wen wundert es? Die liebe ich auch. BBC verwendete den Song 1997 für eine aufwändige Werbekampagne um Gebühren. Das kam nicht gut an. Kurze Zeit danach korrigierte sich die BBC mit einer Single zugunsten der Aktion „Children in Need“. Jede Textzeile wurde von einem andern berühmten Künstler gesungen. Die Aktion spielte viel Geld für Kinder in Not ein.

Der Text von Lou Reed hat in seiner Interpretation viele Deuter. Manche Kommentatoren verstehen den Text wegen seiner simplen und romantischen Grundstimmung als eine Anspielung auf Reeds intime Beziehung zu Bettye Kronstadt (seine spätere erste Ehefrau) und seine Probleme mit der eigenen Sexualität, mit Drogen und mit seinem Ego. Andere Kommentatoren sehen den Text als Zeichen von Reeds romantisierter Einstellung zu seiner eigenen Heroinabhängigkeit bzw. als „heroin song“. (Quelle hierzu Wikipedia). Ich mache es mir einfach. Da ich kein Musikkritiker bin, höre ich. Eingeschobene Textzeilen wie „You just keep me hanging on“ (Du hilfst mir durchzuhalten) und „I thought I was someone else, someone good“ (Ich dachte, ich wäre jemand anderes, jemand Gutes) machen mich betroffen und nachdenklich. Und das in einem Song, der einen perfekten Tag lobt.

Aber was ist nun für mich ein perfekter Tag? Es ist einfach. Ich stehe auf, frühstücke, lese meine eMails und arbeite. So weit, so gut. Ein perfekter Tag wird es werden, wenn meine Arbeit honoriert wird, zum Beispiel von Zeitungsredaktionen oder Buchverlagen. „Klingende Münze und klingendes Lob“ heißt es ja. Aber auch hier im Web ist mir Anerkennung wichtig. Da Anerkennung nicht immer erfolgt, habe ich ein einfaches Prinzip: Ich erwarte nicht viel und ärgere mich nicht. Schon ein einfaches Telefonat oder ein kleines Gespräch auf der Straße machen mich glücklich. Es sind kleine Dinge, die meine Motivation beflügeln. Schlechte Nachrichten in den Medien machen mich unglücklich. Das Wetter macht mich nicht unglücklich. Es kann regnen soviel es will. Ein ordentliches Gewitter kann für mich der Höhepunkt des Tages sein. Da rumst es ordentlich. Schlecht gelaunt bin ich, wenn ich für befreundete Familien schlecht koche. Ich bin kritisch und weiß selbst, wie gut ich jeweils bin. Aber Freunde verzeihen ja alles. Also ist der Tag perfekt.

~Der Himmel nach einem perfekten Tag~

 

Faxe

März 6, 2016

Faxe war ein Mann, der vor kurzem früh verstorben ist. Er war ein guter Freund. Mit bürgerlichem Namen hieß er anders. Aber er wurde von allen Faxe genannt. Er war dick und hatte prächtige Tätowierungen. Er konnte einen Liter Bier in einem Atemzug leeren. Am Stammtisch webte er an seiner Legende. Er war angeblich zehn Jahre im Gefängnis. Erst wegen einer Kleinigkeit, dann immer wieder wegen seiner Renitenz gegen Gefängnisbeamte. Das glaube ich sogar. Er war Türsteher vor Clubs und vor Bordellen. Das habe ich mir erzählen lassen. Er war angeblich mit einer Bordellbesitzerin verheiratet. Das glaube ich weniger. Noch weniger glaube ich, dass er im Bosnienkrieg als Söldner mit einer Schussverletzung ausgeflogen wurde. Fest steht aber, dass er einmal mit einer Pistole über die Straße im Nachbarhaus einen Fernseher ausgeschossen hat. Ihn hat nachts das Licht geärgert. Das ist wahr. Ein anderer Freund von mir besaß diesen Fernseher. Ich könnte noch andere unglaubliche Geschichten von ihm erzählen. Lassen wir das.

Faxe besaß, wie er vorgab, ein Motorrad. Falsch. Er besaß ein Fahrrad in Postgelb. Darauf schwankte er spätnachts nach Hause. Wir amüsierten uns immer über sein Gewicht bei seinen Fahrkünsten. Einmal hatte er einen freilaufenden Hund angefahren. „Der ist mir vors Rad gelaufen“. Danach schob er sein Rad meistens. Faxe war ein Mann mit Manieren. In seiner Stammkneipe, die im ersten Stock war, begrüßte er mich einmal: „Willkommen in der Beletage.“ Er war äußerst zuvorkommen zu Frauen, was in der derben Männerrunde der Stammkneipe nicht üblich war. Er ist ohne Vater in einer Kneipe bei seiner Mutter aufgewachsen, war also für das Leben gehärtet. Er wurde zu einem guten Schreiner. Faxe ist wahrscheinlich wegen Alkohol- und anderem Drogenkonsum früh verstorben. Obwohl er dick war, ernährte er sich nur von leicht kaubaren Essen vom Chinesen, das er in seiner Mikrowelle aufwärmte. Als er begraben wurde gab es einen Aufruf in der Stammkneipe, dass jeder ihn mit einer Flasche Bier beerdigen sollte. Dem habe ich mich verweigert. Aber ich stehe oft vor seinem Grab und der Stammtisch ist nicht mehr so, wie er war. Es fehlt die Seele, der Faxe.

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~Der Faxe, sein Stammplatz in der Kneipe wurde markiert~

Kaugummi

Februar 21, 2016

Was für ein triviales Thema, aber trotzdem interessant, wenn man seine verschiedenen Aspekte sieht: Kulturhistorisch, medizinisch, zeitgeschichtlich. Der oder das Kaugummi wurde durch den US-Fabrikanten John Curtis Jackson 1848 erstmals industriell unters Volk gebracht. Er experimentierte nach einem indianischen Rezept mit Fichtenharz als Grundstoff und Bienenwachs als Zugabe. Der große Durchbruch gelang dem New Yorker Erfinder Thomas Adams. Er versucht sich erst erfolglos. Danach kam er auf die Idee, Latex als Alternative zu den damals beliebten Kauriegeln aus Parafinwachs auf den Markt zu bringen. Die ersten Chicle-Kugeln von Adams waren geschmacklos, kosteten einen Penny und wurden 1871 in einem Drugstore in New Jersey verkauft. Nach den ersten Erfolgen gab es lange Streifen mit Einkerbungen zu einem Penny als neue Form. Später gab es Kaugummis, die unter anderem mit Lakritze oder Pfefferminz aromatisiert wurden. Der Amerikaner William Wrigley wurde 1890 zum erfolgreichsten Kaugummifabrikanten der Welt, dabei wollte er erst nur Seife und Backpulver herstellen. Wrigley’s Juicy Fruit und Wrigley’s Spearmint sind auch heute noch Weltfabrikate. Ist das alles?

Zurück zur frühen Historie. Aus archäologischen Funden ist bekannt, dass schon in der Steinzeit bestimmte Baumharze gekaut wurden. Die alten Ägypter kauten Kügelchen aus Myrrhe, Weihrauch und Melone. Auch bei den zentralamerikanischen Ureinwohnern war das Kauen populär. Und zurück zur frühen Jetztzeit. 1928 experimentierte Walter E. Diemer bei der Fleer Chewing Gum Company in Philadelphia mit Kaugummirezepturen, wobei er – seiner eigenen Aussage nach eher zufällig – eine elastischere Kaumasse komponierte, die die Bildung großer Kaugummiblasen ermöglicht. Diese Eigenschaft verhalf dem neuen Produkt unter dem Markennamen Dubble Bubble schnell zu weiter Verbreitung. Und so bin ich in meinem Element, meiner ersten Liebe. Meine erste Freundin konnte großartige Kaugummiblasen herstellen. Ich war fasziniert, nicht nur weil sie damit Selbstbewusstsein demonstrierte, sondern auf mich eine erotische Wirkung auslöste. Bis zum Platzen. Es lebe der Bubble-Kaugummi.

Aber jetzt sollen wir medizinisch werden. Die anregende Wirkung des Kaugummis kommt weniger von den Inhaltsstoffen, sondern vielmehr durch die Arbeit der Kaumuskulatur, die die Blutversorgung des Kopfes und damit die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns verbessert. Die zahnschädigende Wirkung bestimmter Inhaltsstoffe normaler Kaugummis, vor allem Zucker, wird teilweise durch die zahnreinigende Wirkung kompensiert. Beim Kaugummikauen wird viel Speichel produziert, der die Schleimhaut der Speiseröhre schützt, indem er die Magensäure verdünnt. 7,7 % der Deutschen kauen täglich Kaugummi, 20,6 % mindestens einmal in der Woche und 51,6 % so gut wie nie. Dazu gehöre ich. Trotzdem.

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~Action Painting an der Bushaltestelle~

Handelsüblicher Kaugummi ist nicht biologisch abbaubar. Wenn ein Kaugummi einfach weggeworfen wird, bleibt er auf der Straße, Kleidung, Schuhe etc. kleben und es dauert meist mehrere Jahre, bis er zerfällt. Ausgespuckte Kaugummis stellen ein großes Problem für Reinigungskräfte dar. Sie lassen sich nicht mit einfachen Mitteln wie Fegen oder Bürsten entfernen. Sehen Sie dazu ein Bild, das ich bei einer Bushaltestelle aufgenommen habe. Es könnte aber auch der Vorplatz zu McDonalds sein. Mir gefällt das Bild. Es sieht aus wie das Bild von einem modernen amerikanischen Künstler. Zu Schluss noch ein Tipp von mir. Mit Kaugummi verunzierte Schuhsohlen lassen sich kaum reinigen. Einfach den Schuh in einen Plastikbeutel stecken und ihn in den Kühlschrank stecken. Nach einigen Stunden wird der Kaugummi spröde und ist leicht herunterzuklopfen.

 

Die Macht der Medien (1)

Februar 14, 2016

Die Macht der Medien ist ein Thema, das so alt ist wie die Verbreitung von Textnachrichten seit Gutenberg in gedruckter Form, beispielsweise in Zeitungen. Später kam der Film mit seinen Bildern dazu. Heute ist es vor allem das Fernsehen und das Internet, die Meinungen beeinflussen. Wenn man es genau nimmt, waren schon die Darstellungen auf Stelen von Herrschern der Antike und Bildern in Kirchen und Palästen der Renaissance mediale Ereignisse. «Seht mal her, so ist es und so war es.» Der Mensch sollte sich ein Bild der vielleicht gelenkten Wahrheit machen. Ich werde jetzt nicht auf die verdummenden Nachrichten im Dritten Reich eingehen, auch nicht auf die gesteuerte Kriegsberichterstattung seit Vietnam beispielsweise. In allen diesen Nachrichten steckt trotzdem ein Funken Wahrheit, aber manchmal auch Manipulation. Filmen im Fernsehen kann man in der Auswahl von Sequenzen, deren Abfolge und Zusammenhänge, ein wahrhaftiges Gesicht geben. Dazu braucht es dann nur einen Kommentar. Ich habe mich aktuell darüber oft mit einer Cutterin, Bildschneiderin, des Schweizer Fernsehens, unterhalten. Keine Frage, diese Leute wollen einen verantwortungsvollen Job machen und sie werden zumindest hier nicht gesteuert. Ich möchte aber nicht in einer Fernsehredaktion sitzen und eine Wahrheit bestimmen. Es wäre nur meine eigene. Nur, wer hilft den Konsumenten bei einer Meinungsbildung? Aktueller Anlass für diesen Artikel ist die Berichterstattung über Flüchtlinge. Ich sehe Bilder von geretteten Flüchtlingen auf Schlauchbooten im Mittelmeer und Bilder von Familien mit Kindern auf der Balkanroute im Schneetreiben. Gleichzeitig sehe ich Bilder der Silvesterkrawallnacht in Köln mit Übergriffen von Flüchtlingen. Später kommen die Bilder einer Razzia in Düsseldorf gegen Dealer und Taschendiebe aus Nordafrika dazu. Und immer wieder Bilder von Übergriffen auf Flüchtlingsheime verblendeter Rechtsradikaler in Deutschland. Die Medien machen es uns mit einem Bauchladen an Nachrichten nicht leicht. Was ist richtig und was wird übertrieben? Wer ist gut und wer ist schlecht? Es gibt Grautöne und oft kann man Wahrheiten nicht genau bestimmen. Die Medien helfen uns nicht dabei. Sie wollen tagesaktuell und möglichst reißerisch sein. Der liebe Gott ist dabei die Quote. Da hilft uns nur immer wieder, ein Urteil unter vielen Nachrichten sich selbst zu bilden. Das ist mühsam. Aber das machen wir doch alle gerne. Es wird von mir noch Vieles dazu geben, über verdummende Werbung und die Macht des Internets.

Was ist Glück?

Dezember 28, 2015

Eine kleine Betrachtung zu Neujahr

Glück wird von beinahe allen Menschen als wichtiger Bestandteil ihres persönlichen Wohlbefindens betrachtet. Dabei sollte es nicht nur um materielles Glück gehen. Lottomillionäre sind eh selten und ein lukratives Erbe auch. Wer dem schnöden Mammon hinterherrennt, muss nicht unbedingt glücklich werden, wobei es jedem zu gönnen ist. Und so kommen wir gleich zu einer zentralen Erkenntnis. Man sollte sein Leben nicht mit dem von andern vergleichen. Persönliche Lebensentwürfe sind unterschiedlich und Karrieren auch. Vieles ist von Einflüssen abhängig, die man nicht bestimmen kann. Sich mit andern zu vergleichen erzeugen Unsicherheit oder Irritationen und im schlimmsten Fall Neid. Und Neid macht hässliche Falten im Gesicht und hinterlässt Narben in die Seele. Wenn es um die Karriere geht, ist der Vergleich mit andern aber trotzdem oft nützlich. Denn er dient als Ansporn, aber nur bei der richtigen Einschätzung seiner Möglichkeiten. Genug mit Geld und Karriere. Glücksforscher haben seit langem das wichtigste Feld von Glück entdeckt und kluge Bücher geschrieben. Dies ist auch eine Abrechnung mit einem befreundeten Professor an der Universität Zürich, der mit seinem Gelaber über Glück mir immer die Frauen auf Partys ausspannt. Es geht ihm darin um das emotionale Glück und mit seinen Vorträgen hat er schon viel Geld verdient. Um Zufriedenheit durch schöne Erlebnisse zum Beispiel. Liebe Glücksforscher: Woher wollt ihr wissen, was jeder einzelne Mensch braucht? Kluge, wissenschaftliche Erkenntnisse sind da meist unnütz. Sein Glück muss man selbst suchen und dafür braucht es keine Bücher. Es ist ein optischer Eindruck, der für jeden Menschen, egal wo er lebt, zu finden ist. Schöne Bilder machen glücklich, egal ob es eine Landschaft, ein lächelndes kleines Kind oder ein stolzer Greis ist. Auch die Berührung eines lieben Menschen macht glücklich. Mein Glück finde ich unter anderem auf einer Bank in einer schönen Landschaft. Da bin ich frei vom Alltagsstress. So einfach ist das. Anmerkung: Wer mich kennt, weiss, dass ich kein Glücksforscher bin. Ich bin eher Ironiker. Ihnen ein glückliches neues Jahr.

Mein Blick im Winter

Mein Blick im Winter

Köstlich war es an einem der letzten Samstage im Hinterhof des ehemaligen Schaffhauser Restaurants «Tanne». Kurz: Die «Tanne» ist ein ehemaliges Hotel und Restaurant, das weit über lokale Grenzen Berühmtheit erlangt hat. Peter Hartmeier, der einstige Chefredaktor des Tagesanzeigers, verstieg sich einmal zu der Behauptung, dass die «Tanne» die schönste «Beiz» nördlich der Alpen wäre. Für viele Stammtischgäste, so auch für mich, ist das wahr. Die schöne Weinstube mit dem Holztäfer und dem Wein aus dem Keller, der alten Kasse und den verblichenen Zeitungen am Zeitungsständer war ein Kuriosum. Vor allem durch die Wirtin Fräulein Zimmermann, die niemals «Frau» genannt werden wollte. Auf meine Frage nach ihrem legendären Kalbskopf, den es aus Altersgründen der Wirtin und Köchin nicht mehr gab, sagte sie einmal: «Go usse id Schiessi, dann siescht du eine im Spiegel.» Das schmächtige Fräulein Zimmernann war das Herz und die Seele. Unbestritten. Nun ist sie tot. Sie hat ihren Besitz der Stadt Schaffhausen vermacht. Das Grundstück in hervorragender Lage ist ein Filetstück. So war denn an diesem Samstag die ganze Politprominenz, vom Schaffhauser Regierungsrat Reto Dubach, den Anwärtern zum Schaffhauser Stadtpräsidenten Peter Neukomm und Raphaël Rohner und weiteren Politikern im Hinterhof versammelt. Auch viel Prominenz aus der Kultur war zu sehen. Wahlkämpfe standen an und die Stadt Schaffhausen ist gefragt, was mit der schönen Weinstube gemacht werden soll.

Das «Haus zur gewesenen Zeit»

Man hätte sich die Diessenhofener Gruppe um Monika Stahel für diesen Anlass nicht besser wünschen können. Frau Stahel ist bekannt dafür, dass sie ihre Schauspieler aus ihren riesigen historischen Fundus einkleidet. Ein Freund von mir ist überzeugt, dass alles bis zur Unterhose stimmt. Die gewesenen Zeiten wurden im Sinne der Veranstaltung gut dargebracht. Die Gäste im Hinterhof stolperten über allerlei historisches Handwerkszeug und waren verblüfft über schauspielernde Handwerker, Damen, die putzten, Türen lackierten und nachschauten, ob die aufgehängte Wäsche schon trocken war. Es war eine Schauspielerei, die das Publikum positiv irritierte. Man konnte die schönen offiziellen Reden und den Rummel um das obligate Buffet gut ertragen. Wirklich gut. Über die «Tanne» wird es noch viel zu sagen geben. Ich werde das in gebührender Form nachholen.

Swisscom Kundenchat

April 15, 2014

Wenn das Telefon nicht mehr funktioniert, ist das eine Angelegenheit wie in Krisenzuständen. Wir trommeln ja nicht mehr Nachrichten, sondern bezahlen teure Anbieter. Dass es nun hier die Swisscom trifft, ist ein Zufall. Da ich nicht mehr telefonieren konnte, habe ich erst den Quick Check gemacht. Alles war in Ordnung. Dann habe ich mein neu gekauftes Swisscom-Telefon, inklusive aller Kabel und Basisstation, in ein Kundencenter der Swisscom gebracht. Der Kundenberater war in Ordnung. Er hatte nur den überheblichen Eindruck gemacht, dass ich etwas unbedarft bin. Das mag wohl sein. Nur, mein neu gekauftes Telefon von der Swisscom funktionierte bis dahin immer. Es funktionierte auch vor Ort im Kundencenter. Zuhause angekommen funktionierte nichts mehr. Mein Verdacht fiel auf die Swisscom, auf die zur Verfügung gestellten Leitungen. Angehende Anrufe konnte ich empfangen, ausgehende Anrufe wurden nach einem Freizeichen nicht weitergeleitet. Ich habe meine Rechnungen immer bezahlt. Daran konnte es nicht liegen.

Da ich nicht mehr telefonieren konnte, habe ich mich auf einen Chat mit der Swisscom eingelassen. Es war mühsam: Meine Frage: «Mein Telefonanschluss für abgehende Gespräche wird seit Tagen immer wieder blockiert. Bitte regeln Sie das auch für die Zukunft. Mein Gerät ist in Ordnung. Ich habe es im Swisscomcenter überprüfen lassen. Meine Steckverbindungen sind in Ordnung. Es kann also nur an der Swisscom liegen.» Die Antwort im Chat: «Guten Morgen Herr sowieso (meinen Namen habe ich ersetzt): «Bitte geben Sie mir Ihre Telefonnummer ein.» Das habe ich dann gemacht. «Einen Moment bitte». « Können Sie mir bitte sagen, wie die Symbole auf Ihrem Router leuchten?» Keine Frage, alles war grün. Alles hat bei mir funktioniert. Dann (ich verkürze das): «Okey dann empfehle ich Ihnen einen Reset am Router durchzuführen, wissen Sie, wie dieser Vorgang geht, damit man den Router auf die Werkseinstellungen zurückführt?» Na klar, das weiss jeder. Ich verkürze den Chat in der Schilderung weiterhin. Swisscom: «Ich versuche einen Mitarbeiter für den Rückruf zu organisieren.» Es wurden 48 Stunden in Aussicht gestellt. Kein normaler Mensch kann heute ohne Telefon leben. Einer, der seine Telefonverbindungen beruflich braucht, schon gar nicht. Mein letzter Hilferuf im Chat wurde mit der Nachricht beendet «Vielen herzlichen Dank bei uns im Swisscom Chat, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.» Ich hatte keine Gelegenheit, mich weiter zu äussern.

Nun sind andere Telefongesellschaften nicht anders. Mir schwillt nur der Kamm. Um wieder zu telefonieren, habe ich dann für einiges Geld einen örtlichen Fachmann hinzugezogen. Er hat mir bestätigt, was ich immer wusste: «In Ihrem System ist alles in Ordnung. Der Telefonbetreiber hat wohl einen Knoten.» Sonst noch etwas?

Beim «Happy Monday» auf der liebenswürdig verschachtelten Bühne spielten diesmal wieder exquisite Musiker um den Jazzpianisten Robi Weber und den Saxophonisten Ernst Wirz. Die Musikszene in Zürich ist vielfältig und die Qualität kann sich auch international messen lassen. Hier geht es nicht um Mode, sondern um Musiker, die das Herz Zürichs schon immer schlagen liessen. Vor dem Auftritt, beim Bandessen und nach dem Auftritt hinter der Bühne, war Gelegenheit mit den Musikern zu sprechen. Einer davon ist Ernst Wirz. Er gründete in den 1980er die Soul- und Funk-Formation «Jo Geilo Heartbreakers». Im «Züri-Slängikon», einem  Wörterbuch der Mundartsprache, steht zu «Geilo»: «en groossgchotzte Siech, en Hochgstochne, en John Geilo, en Liiri-Cheib, en Fraue-Jäger». Ob das auf Ernst Wirz zutrifft, müssen andere beurteilen. Fest steht aber, dass er in einem vernünftigen Beruf in der Filmindustrie arbeitet und immer wieder Funky-Musik gemacht hat. Das erinnert an den grandiosen deutschen Saxophonisten Klaus Doldinger, der sich neben seinem Musikerberuf nie zu schade war, für den Kommerz zu arbeiten. Nun arbeitet Wirz regelmässig weiter mit andern Künstlern zusammen.

Die Zürich-Connection

Beim Konzert am 27. Januar im Kaufleuten fiel auf, dass sich beinahe ausschliesslich Zürcher Musiker zusammengefunden haben. Selbst der Gast, der amerikanische Soul-Sänger Reggie Saunders, hat seine Zelte nicht nur in New York, sondern auch in Zürich aufgeschlagen. Er liebt James Brown, Marvin Gay und Stevie Wonder. Wen wundert es. Sein Temperament und seine Stimme erinnern an diese Heroen. Den Gastgitarristen Chris Muzik, der auch mit von der Partie war, hatte man kürzlich im Russischen Restaurant in Zürich zusammen mit der Sängerin Jessy Howe gehört. Ja, ja. Jessy ist die mit der dunklen Stimme und vor allem Männer schwärmen von ihr. Aber zu Chris: Er ist jung und begabt. Die Verbindung von Chris zu Ernst Wirz rührt aus einem Konzert im Haus von Wirz in Meilen. Ein Generationentreff. Ein Klassentreffen ist immer der Auftritt von Ernst Wirz mit Robi Weber. Weber dazu: «Wir haben uns schon im Kindergarten (wirklich!) kennen gelernt und fanden später, dass wir musikalisch zusammen passen.» Rollen wir den Klagteppich beim Konzert im Kaufleuten aus. Jazz, Funk, Soul und sogar etwas Reggea. Die Musiker: Reggie Saunders (Vocal), Chris Muzik (Gitarre), Ernst Wirz (Sax), Robi Weber (Keys), Kalli Gerhards (Bass) und Curt Treier (Drums). Und zurück zu der «Zürich-Connection». Es war beim Konzertpublikum alles da, was Rang und Namen hat.

Ein Zeitdokument: Die Minirockrevolte 1967 im Odeon und die Globuskrawalle 1968 in Zürich waren beinahe zeitgleich ein Zeichen des Aufbegehrens von Jugendlichen.

Um die Jugendszene in Zürich in der damaligen Zeit zu verstehen, muss man dabei gewesen sein. Jugendliche, vor allem der Kunstgewerbeschule Zürich, wollten, in teilweise naiver Gesinnung, die Welt verändern. Mit kurzen Röcken und gegen die Polizei geworfenen Pflastersteinen. Mit letzterem sollte ein Begegnungsort für Jugendliche erzwungen werden. Den Minirock gibt es, Gott sei Dank, heute noch. Ein Jugendzentrum in den ehemaligen brachliegenden Räumen des Kaufhauses Globus am Bahnhofsquai gab es jedoch nie. Da hatte der Kommerz bei einem Filetstück in Stadtmitte zugeschlagen. Die Lehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich mussten manche harten Pillen schlucken. Ihre Kurse waren verwaist, weil die Schüler lieber demonstrierten. Franz Fässler, der geniale Pädagoge, der vorzugsweise Schülerinnen in seinem bronzefarbenen Studebaker nach Hause gefahren hatte und beim Sechseläuten in Zürich als Mitglied einer Zunft um das Feuer herumritt, lernte den Bruch zwischen Tradition und Moderne kennen. Er hat es mit Charme ertragen. Er liebte die Jugend.

Die Minirockrevolte

Zum Eklat im damaligen Café Odeon, das heute durch eine Glasscheibe in einen Chillraum und in eine Apotheke zweigeteilt ist, kam es im August 1967. Da sprach der damalige Wirt Schwarz ein Lokalverbot gegen vier Gäste aus, weil sie sich für ein angepöbeltes Minirockmädchen eingesetzt hatte. Die Meinungen über viel Haut, Sittlichkeit und Anstand, man kann es heute kaum glauben, waren damals durchaus zweigeteilt. Der Wirt vom Odeon wähnte oder hatte das Recht auf seiner Seite. Er meinte: «Eine Gasstätte ist ein privates Haus. Der Eigentümer, Mieter oder der Wirt ist die berechtigte Person, die bestimmt, wer in sein Haus kommt oder bedient wird. Nach Artikel 186 im Schweizerischen Strafgesetzbuch über den Hausfriedensbruch hat eine Person nach Aufforderung des Berechtigten das Haus zu verlassen oder sie wird mit Gefängnis oder Busse bestraft.»

Der Wirt des Lokals, in dem damals in der oberen Etage Striptease geboten wurde und unten eine Sexmuffelverordnung galt, hatte die Rechnung ohne den Wirt, pardon, den Gast gemacht. Mädchen von der Kunstgewerbeschule Zürich und auch andere schnitten sich die Röcke bis zu dem heute erlaubten ab und demonstrierten vor und im Odeon, das noch viel früher Lenin und avantgardistische Künstler gesehen hatte. «Odeon libre», «Feuert den Mucker» und «Alle Macht den Gästen» waren die Aufschriften auf Transparenten gegen die Spiesser. Der Wirt Schwarz nahm ziemlich verwirrt einen Minirock mit Empfehlung in Empfang: «Will Frau Schwarz hier weiter bleiben, muss sie sich neuzeitlich kleiden.» Das war erst der Anfang. Aber die Aktion hatte den Zürcher Boden für eine weitere Revolte vorbereitet, bei der es nicht um mehr Haut, sondern um mehr Anrecht der Jugend ging.

Die Globuskrawalle

Die Minirockrevolte war ein Aufbegehren von jungen Damen, die aus dem engen Korsett ihrer Mütter schlüpfen wollten. Die Globuskrawalle nährten sich vom Ursprung der 68ger Bewegung. Beide Revolten, über kurz oder lang, hatten einen gemeinsamen Ursprung: Die Befreiung Jugendlicher von althergebrachten Strukturen. Beim Odeon ging es um die Befreiung von sexuellen Tabus. Bei den Globuskrawallen um ein handfestes Engagement für ein Jugendzentrum. Den Jugendunruhen in Zürich, die mit den europaweiten Jugendrevolten der 68er-Jahre, etwa dem Pariser Mai, zu verstehen sind, gingen zwei Ereignisse voraus. Am 14. April 1967 spielten die Rolling Stones in Zürich. Am 31. Mai 1968 gastierte der legendäre Jimi Hendrix in Oerlikon. Beide Konzerte endeten in Krawallen mit der Stadtpolizei. Dabei ging die Polizei so brutal vor, dass selbst die bürgerliche NZZ sich erregte. Die Stimmung unter den Jugendlichen war aufgeheizt. Der Anlass für die Demonstration am 29. Juni 1968 war ein Entscheid des Zürcher Stadtrats, das leer stehende Provisorium des Warenhauses Globus nicht für ein autonomes Jugendzentrum zur Verfügung zu stellen, sondern es an kommerziell Interessierte zu vermieten.

Darauf entstand ein Organisationskomitee, dem auch Yves Bebié, Redaktor beim Tages-Anzeiger, angehörte. Es verschickte ein Flugblatt mit der Aufforderung «Baumaterial, Holz, Latten, Stangen, Bretter, Nägel, Hämmer, usw.» an die Demo mitzunehmen. Damit sollten wohl Barrikaden errichtet werden. Es wurden aber mehr Pflastersteine gesehen. Rund 2.000 Demonstranten legten die Zürcher Strassenbahn ziemlich lahm, da die Strasse vor dem damaligen Provisorium des Warenhauses Globus am Bahnhofsquai ein Nadelöhr war und ist. Das Demonstrationskomitee sah eine Eskalation auf sich zukommen und forderte die Jugendlichen auf, den Demonstrationsort zu verlassen. Das gelang nur teilweise. Als die Menge darauf Steine von der Baustelle des Shop-Ville auf die Polizisten warf, ging die Polizei mit Wasser und Knüppeln gegen die Menge vor. Am darauffolgenden Sonntagmorgen wies die Bilanz des Krawalls 19 verletzte Demonstranten, 15 verletzte Polizisten, 7 verletzte Feuerwehrleute sowie erhebliche Sachbeschädigungen auf. 169 Demonstranten wurden festgenommen, wobei 55 davon weniger als 20 Jahre alt waren. Festgenommene Demonstranten sollten von der Polizei misshandelt worden sein. Diese hatten wohl den Bauhammer mit dem «Hammer-und-Sichel-Symbol» des Ostblocks verwechselt und wähnten eine ferngesteuerte Aktion. Zahlreiche Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben kritisierten das Vorgehen der Polizei scharf. Darunter der Autor Max Frisch mit dem «Zürcher Manifest».

Lieber Erwin,

der Besucherandrang zur Vernissage war wie erwartet gross. Deswegen, und weil ich ein Mensch bin, der im Moment grosse Ansammlungen von Menschen etwas scheut, meine Bemerkungen etwas verspätet. Ich bin lieber in der Stille und reflektiere an meinem Schreibtisch.

Deine Bilder sind grossartig. Ich habe sie gesehen. Deinen Stellenwert in der Kunst erkannte aber an diesem Tag nicht nur die versammelte Prominenz, sondern auch meine Wenigkeit. Ich weiss ja viel über dich. Zum Beispiel, dass du den Rheinfall so malst, wie kein anderer vor dir. Der Rheinfall ist eigentlich eine Postkartenidylle und du hast ihm in den Darstellungen Vitalität eingehaucht. Das «Blaue» und das «Gelbe», die vorherrschenden Farben, spielst du neuerdings etwas herunter, wenn ich deinen Ausführungen glauben soll. Sie sind es nicht, denn es entspricht einer grossartigen Interpretation von Kraft und Licht. Wie es der Rheinfall eben anbietet. Dass du bisweilen mit beiden Händen malst und auch Farbe heruntertropfen lässt, spürt man in deinen abstrakten Bildern.

Bild Rheinfall

Bild vom Rheinfall ©Erwin Gloor und Galerie mera

Rheinfall, 1993 Gouache

Bild vom Rheinfall ©Erwin Gloor und Galerie mera

Nun gibt es ja den ganz anderen Gloor, den sorgsamen Maler. Den realistischen Maler, der Fotografien überhöht. Diese Bilder sind, wie jeder weiss, eine Sisyphusarbeit von Wochen und Monaten. Die beiden Gloors ergänzen sich gut und ich bin überzeugt, dass diese Aufteilung nicht zufällig und schon gar nicht aus Marketingüberlegungen entstanden ist. Dafür kenne ich dich zu gut. Der Kopf und die Hand brauchen kreative Abwechslung. Das Bild mit der Kerze ist eine solche Arbeit in Überhöhung der Realität. Auch das Bild mit Apfel, Nuss und Birne. Fotografie kann diese Realität nicht leisten. Das Triptychon mit dem realistischen Mädchenkopf der Sharon und den beiden flankierenden Abstrakten habe ich nicht so ganz verstanden. Ich meine damit den Bezug einer realistisch dargestellten Person mit zwei Bildteilen aus deiner wilden Welt. Du wirst es mir bestimmt einmal erklären. Aber Kunst muss man nicht immer gänzlich verstehen. Man entzaubert sie durch Analyse. Völlig überrascht haben mich deine kleinformatigen Werke wie die Aquarelle, die Kreidebilder, Bleistiftzeichnungen und die Bilder in Mischtechnik. Schande über mich. Ich kannte sie nicht. Übrigens: Die Feier nach der Vernissage entsprach ganz deinem Selbstverständnis. Es gab Brot und Suppe. Das entspricht einem bescheidenen Mann, der nach wie vor mit seinem «deux chevaux» herumfährt.

Kerze

Die Kerze, ein realistisches Bild ©Erwin Gloor und Galerie mera

Reproduktion Erwin Gloor

Apfel, Nuss, Kerze, ein realistisches Bild ©Erwin Gloor und Galerie mera

P.S. für die Leser meines Blogs

Die Ausstellung Erwin Gloor von Werken aus den Jahren 2004 bis 2013 ist in der Schaffhauser Galerie mera (www.galerie-mera.ch) vom 3. November bis 14. Dezember 2013 zu sehen. Die Galerie mera ist eine relativ neue Galerie in Schaffhausen und hat unter anderem den Architekten Le Corbusier gewürdigt. Karin & Tomas Rabara von der Galerie verdienen es, über ihre beachtliche Bekanntheit im Schauffhauser Raum hinaus auch Freunde aus Süddeutschland, Winterthur und Zürich zu finden. Kunstfreunde aus der ganzen Welt sowieso.

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