Rums, da trägt aber einer dicke auf. Bestimmt nicht, das Schiff in Mammern am Untersee ist eines der wenigen Restaurants die ich kenne, die über mehrere Generationen hinweg immer unbeschreiblich gut waren und sind. Es gehört der Familie Meier, und das seit vier Generationen. Tauchen wir ein in die Frühgeschichte: mein Großvater belieferte immer das nahe liegende Kurhaus mit feinen Fleischwaren. Das gab´s damals noch. Selbst im tiefsten Winter quälte er sich über die Schnee verwehte Straße einmal die Woche nach Mammern. Zum Lohn gab es dann einen „Zmorge“ (zweites Frühstück) im Schiff. Seitdem sind unsere Familien befreundet. Ich bin also parteiisch.

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~Der Landgasthof Schiff in Mammern: Qualität seit vier Generationen.~

Er hat dann im Gasthaus auch sein Hochzeitsbankett ausgerichtet. Später mein Vater auch. Beinahe alle Familienfeiern finden im Schiff statt und das oft, da die Familie groß ist. Kommen wir aber zu der Empfehlung und Beschreibung, Sie haben bestimmt keine Lust, sich mit meiner Familienchronik zu beschäftigen.

Das Restaurant befindet sich in einer mit Holz getäfelten Stube mit niedrigen Decken und schmucken Sprossenfenstern. Es gibt einen Kachelofen von einem der berühmtesten Ofenbauern am Bodensee. Alles ist also ein Stück Geschichte, aber einer lebendigen. Die Küche ist groß und sauber wie sich das gehört. Im Sommer empfehle ich den Garten mit dem unvergleichlichen Landambiente. Frisch Verliebte übernachten in einem kleinen Häuschen direkt hinter dem Trubel.

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~Das Schild links neben der Eingangstreppe: Wahrscheinlich hat mein Großvater das schon gesehen.~

Da das Lokal in Familienbesitz ist, kümmern sich Herr und Frau Meier höchstpersönlich um jeden Gast. Er in der Küche, sie in der Gaststube. Das restliche Personal ist handverlesen. Frau Meier ist auch für den Einkauf zuständig und garantiert, dass nur höchste Qualität auf den Tisch kommt. Der Begriff „biologischer Anbau“ kommt ihr sonderbar vor, seit immer und für alle Zeit werden im Schiff nur Produkte verarbeitet, die allen strengen Kriterien genügen. Bis zum letzten Salatblatt. Der Fisch im Schiff kommt natürlich aus dem Untersee. Der Fischer wohnt direkt vor Ort. Die Güggeli haben ein glückliches Leben, man nennt sie „Mischtchrazerli“. Sie ahnen warum.

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~Schön gedeckte Tische: Hier bei einem Osterbesuch.~

Haben Sie die Servietten parat? Beginnen würde ich mit einem kleinen Omelett mit „Güggeliläberli“. Lassen Sie sich ruhig ein Stück von dem schmackhaften Brot dazugeben, wenn Frau Meier diesen Wunsch nicht erahnt. Das Sößchen ist ausgesprochen delikat. Dann gibt es einen gemischten Salat, der schmeckt wie aus dem Garten, ist er auch. Nun haben Sie die schwere Entscheidung zwischen Fisch, Fleisch oder Geflügel. Das „Mischtchrazerli“ aus Eigenmast ist eine gute Wahl, ein Entrecote auch. Aber: Glauben Sie es mir, den Fisch sollten Sie nicht versäumen. Fischgerichte gibt es ganz nach Jahreszeit. Unterseefische sind zu gewissen Zeiten geschützt, nämlich dann, wenn sie sich vermehren. Im Spätsommer und Herbst gibt es Hecht oder „Chrezer“. Der wird frisch gebacken auf den Tisch gebracht, portionsweise. Frau Meier schaut dann immer kurz nach, was der Appetit macht und liefert frisch nach.

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~Das Wirtshausschild: Ausgesuchte Weine gibt es von örtlichen Winzern.~

Entspannen wir uns kurz vor dem Dessert mit einem Spaziergang zum nahe gelegenen See. Dann gibt es selbst gemachtes Eis mit Meringue (Schaumgebäck aus Eischnee und Zucker) und „Schlagrahm“ (Sahne). Im Sommer ist ein kühler Obstsalat bekömmlicher. Dann kommt der Kaffee mit selbst gebrannten Obstschnäpsen für Erziehungsberechtigte. Einmalig ist ein Quittengeist oder Mirabellengeist. Es soll Leute geben, die bestellen ihn gleich als Doppel. Das geht aber nur, wenn Sie mit der Unterseeschifffahrt (Neue Deutsche Rechtschreibung: auf so ein Wort haben Sie bestimmt gewartet) nach Hause wollen.

Was ich hier schlecht beschreiben kann ist die Zufriedenheit, die sich nach einem solchen Gesamtgenuss einstellt. Machen Sie einfach die Augen zu und denken Sie an den wirklich schönsten Moment in Ihrem Leben. Ja? – Genau so ist es im Schiff. Nun können Sie die Augen wieder aufmachen. Tatsache ist, dass man das Schiff eigentlich als Geheimtipp behandeln sollte. Es ist da zu fantastisch. Aber bei Ihnen mache ich eine Ausnahme.

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~Vor dem Dessert: Ein kurzer Verdauungsspaziergang zur Anlegestelle.~

 

Wirtshausschilder und andere

November 20, 2016

Wirtshausschilder, Schilder von Zunfthäusern oder Hotels und Schilder, die auf ein Gewerbe hinweisen, werden technisch als „Nasenschilder“ bezeichnet. Aber nur, wenn sie rechtwinklig zur Hauswand montiert sind. Sie ragen wie eine Nase ins Geschehen hinein. Im Supermarkt nennt man ähnliches aus Pappe gar „Regalnasen“. Sie sind wie die Wirtshausschilder in Laufrichtung montiert, damit sie gut sichtbar sind. Mich haben Bezeichnungen, die komisch klingen, schon immer begeistert. Ich habe halt ein Faible für lustige Sprachschöpfungen.

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~Das Restaurant zum Felsen. Hier gibt es nicht nur Steiner Wein, sondern auch Bier.~

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~Die Weinstube Zum Rothen Ochsen . Früher mein Lieblingslokal.~

Ein wahres Eldorado für Wirtshausschilder und andere ist die Altstadt von Stein am Rhein, vorzugsweise der Rathausplatz. Die „Staaner“ hatten schon immer eine Liebe für geschmückte Häuser. Zwar noch nicht in der Spätantike, als die Römer am Abfluss des Bodensees zum Rhein erstmals eine Festung bauten. Aber dann 1385, als Stein am Rhein zur ordentlichen Stadt wurde. Sie schmückten die Häuser am Rathausplatz mit bunten Fresken und eben auch mit Schildern. Jede Gastwirtschaft hatte eins und es gab viele davon, denn die „Staaner“ waren schon immer durstig. Aber auch das Gewerbe mehrte sich rasant und das brauchte zur Werbung auch Schilder. Diese werden auch heute noch mit Liebe gepflegt. Nicht nur wegen der Touristen, die gerade in den Sommermonaten wie Heuschrecken in der Stadt einfallen. Die meisten dieser Schilder sind selbst für Japaner selbsterklärend. Eine Sonne ist auch für sie eine Sonne und ein Fisch ein Fisch. Hier am Rathausplatz ein Salm. Und wenn die Freunde aus dem Reich der Sonne nicht wissen, dass der Salm ein Fisch ist, dann wissen sie es durch die schön gehämmerte Darstellung jetzt. Wissenstransfer par excellence.

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~Der Tierarzt. Gut gekennzeichnet durch den Äskulapstab.~

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~Die Goldschmiedekunst. Gibt es hier auch Brillen?~

Die Darstellungen sind aber nicht immer gehämmert, sondern meist geschmiedet und mit ausgeschnittenen und bemalten Dekorationsstücken aus Blech versehen. Alle Schilder sind meist sehr gepflegt und gut in Schuss. Für den Steiner sind sie Visitenkarten. Nicht nur für alt eingesessene Wirtshäuser, sondern auch für Apotheker oder Optiker beispielsweise. Die traditionellen Schilder haben auch noch einen Vorteil. In der denkmalgeschützten Innenstadt haben selbst die Behörden nichts dagegen. Eine Leuchtreklame wäre hier undenkbar. Und ein McDonald hätte hier eh keine Chance. Die „Staaner“ sind mit ihrem Rathausplatz eben eigen. Das mit dem Mc wäre für sie weitaus schlimmer als eine Werbeunterbrechung bei Arte.

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~Der Rathausplatz von Stein am Rhein. Auch durch Schilder schön.~

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~So schön können Schilder sein.~

Da ich schon lange nichts mehr für die Serie „Brutzeln“ geschrieben habe hier einige Sätze zur Erklärung. Um es gleich vorwegzunehmen: Noch halte ich Sie, verehrte Leserin und verehrter Leser, für unbedarft wie es in der Überschrift steht. Noch bin ich selbst unbedarft, eine absolute Niete, wenn es ums Kochen und Braten geht. Aber ich bin bequem und manchmal einfach zu beschäftig, um aufwändig zu zaubern. Trotzdem möchte ich täglich gerne gut essen, preiswert einkaufen und problemlos zubereiten. Das trifft vielleicht auch auf Sie zu.

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~Der Federkohl: Jungfräulich wie ihn die Natur geschaffen hat.~

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~Zutaten: Speck, Salz, Pfeffer, Muskat, Kartoffel zur Bindung.~

Zum Federkohl, in Deutschland auch Grünkohl genannt, habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Warum? Dass er nicht so schön kompakt wie beispielsweise ein Wirsing ist, stört mich nicht. Der durchaus filigrane Federkohl lässt sich auch schnell schneiden. Mich stört, dass aktuell ein absoluter Hype um den Federkohl entstanden ist. Ausgehend von den USA hat diese gewaltige Mode Deutschland und die Schweiz erreicht. Besonders die Schweiz. Wer jetzt im Spätherbst nicht einen schönen Federkohl in seiner Einkaufstasche hat wird bemitleidet. Das führt dazu, dass zum Beispiel die reichen Stadtzürcherinnen auf dem Biomarkt am Bürkliplatz sich regelrecht um das grüne Objekt der Begierde streiten. Das finde ich sonderbar. Im Rheinland, wo ich lange gelebt habe, weiß jedes Kind und jede Oma, was Federkohl respektive Grünkohl ist. Aus der modischen Neugierde heraus kam also ein Federkohl in meine Küche. Ich wollte feststellen, ob er mir immer noch so gut schmeckt wie ich ihn in Erinnerung habe. Außerdem steigt damit meine Anerkennung am Bürkliplatz.

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~Das Blanchierbad: Wichtig, auch wenn Sie einen Salat davon machen.~

Also, für die, die Federkohl noch nicht kennen oder ihn vergessen haben. Zutaten für sechs Personen oder vier Heißhungrige: 1 Körbchen Kohl, 2 Liter Brühwasser, 1 Löffel Öl, 2 Löffel Speckwürfel, ½ gehackte Zwiebel, 1 Löffel Mehl (ich rasple lieber einen Teil einer rohen Kartoffel zur Bindung), 1 Tasse Fleisch- oder Gemüsebrühe, Salz, Muskat, Pfeffer. Ideal ist es, wenn der Kohl schon etwas Frost abgekriegt hat. Er schmeckt besser. Die Kohlblätter werden gewaschen und die Rippen entfernt. Dann gelangt er in den Genuss der 2 Liter siedendes Wasser. Blanchieren nennt man das. Im heißen Öl werden die gehackten Zwiebeln und Speck mit dem gut abgetropften Kohl und etwas geriebener Kartoffel gedünstet und anschließend mit der Fleisch- oder Gemüsebrühe abgelöscht. Während 20 – 25 Min. abgedeckt kochen. Abgeschmeckt wird mit Salz, Pfeffer und Muskat. Muskat nehme ich immer etwas mehr als empfohlen. Die Stimulanz hilft mir bei der Erinnerung an die Damen vom Bürkliplatz. Der Aufstieg in diese Liga der Stadtzürcherinnen ist so einfach, dass ich mich kaum traue, diesen Artikel zu posten. Ach so, Federkohl ist gesund. Er gehört zu den Kohlsorten mit dem höchsten Gehalt an Vitamin C.

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~Schmoren: In meiner guten Pfanne von Oma.~

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~Anrichten: Ein Würstchen darf nicht fehlen.~

Hans ist der Mann, der mit seinem kleinen Seat den ganzen Tag oft ziellos durch die Gegend fährt. Sein Hobby hat ihm schon mehr als 100.000 Kilometer auf dem Tacho eingebracht. Wenn der „Ritter auf vier Rädern“ nicht Damen durch die Gegend fährt – das tut er selten, denn er ist gerne allein –, widmet er sich Entdeckungen. Neulich kam er mit einer kruden Idee an: Er wollte Wildwarner testen, akustische Wildwarner.

Obwohl Hans scheinbar etwas verrückt ist, war sein Interesse an diesem Wunderwerk der Technik gar nicht so verrückt. Wildwarner, zumal akustische, gehören zu den Optionen im Wildschutz, die schon von ernstzunehmenden Wissenschaftlern getestet wurden. So hatte ein gewisser Dr. Ernst Moser in einem groß angelegten Feldversuch herausgefunden, dass es von 2002 bis 2007 einen Rückgang von 93,6% der Verkehrsopfer gab. 2002 war das Jahr der teilweisen Einführung von akustischen Wildwarnern. Und mit Verkehrsopfer sind meist niedliche Rehe gemeint, die bis dahin noch keine Verkehrslotsen hatten. Da Hans, der Bauernsohn und Technikbegeisterte, zwar Rehbraten liebt, aber keine toten Rehe auf der Straße, musste er hin. Irgendwohin wo es Wildwarner gibt. Er wählte dazu auch einen regenreichen, düsteren Spätnachmittag und ein Waldstück. Statistiken glauben ist eine Sache, vor Ort sein eine andere.

Hans hat zwar keine Rehe gesehen, aber akustische Wildwarner. Ordinäre, weiß-schwarz gestrichene Leitpfosten, deren normale Reflektoren Wild bei auftreffendem Licht schon optisch warnen, aber auch einen hohen Pfeifton erzeugen. Das testete er, indem er das Scheinwerferlicht seines kleinen Seats auf sie richtete. Und höre da, es pfiff. Hans war entzückt wie ein kleines Reh. Durchgefroren kam er in die Kneipe und machte sein Erlebnis gleich zum Thema. Ein Oberförster war auch in der Runde und gab dem Ganzen den berufsmäßig erfahrenen Segen. Ich hätte noch gerne darüber diskutiert, ob die Sonnenkollektoren den Wildwarner den ganzen Winter über speisen können, aber ein anderer kam dazwischen und sprach von seinem Unfall mit einem klitzekleinen Reh. Das wollte nun eigentlich keiner hören. Aber wild war seine Geschichte schon. Er hatte nämlich das Wild an einer Kantonsgrenze angefahren. Diese entspricht einer Ländergrenze in Deutschland. Nach unzähligen Mobilanrufen hatte es dann Stunden gedauert bis klar war, welcher Kantonsförster den Schaden aufnehmen sollte. Und flugs stand der Oberförster in der Kritik. Wahre Geschichten können unglaublich sein.

Sie erinnern sich noch an Hans? Wenn nicht, klicken Sie hier oder lesen Sie eine Kurzfassung. Hans ist ein ganz normaler Mann mit einem merkwürdigen Hobby. Er fährt mit seinem sparsamen Seat den ganzen Tag durch die Botanik, oft ohne ein bestimmtes Ziel. Aber er erlebt dabei viel und das ist wohl seine Motivation. Ich habe ihn „Ritter auf vier Rädern genannt“. Schlagen wir also eine neue Seite aus seinem leider nicht geschriebenen Tagebuch auf: Der Besuch bei den Bibern im Naturzentrum Thurauen bei Flaach. Wenn Hans nicht sein halbes Leben lang in der Industrie gearbeitet hätte, wäre er wohl Führer einer Expedition in unbekannte Weiten oder zumindest Ranger geworden. Als er davon hörte, dass Biber ein Waldstück in den Thurauen bei Flaach – das liegt zwischen dem Kanton Schaffhausen und dem Kanton Zürich und exakt am Zusammenfluss des Flüsschens Thur und dem Rhein – erobert hatten, musste er unbedingt hin. Unbedingt. Also setzte er sich in seinen Seat und fuhr zu den Bibern.

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~Ein angenagter, mächtiger Stamm. Bild zur Verfügung gestellt von der Stiftung PanEco/Naturzentrum Thurauen.~

Das Naturschutzgebiet Thurauen wäre auch sonst einen Besuch wert. In dem renaturierten Fleckchen Erde tummeln sich unzählige Tier- und Pflanzenarten. Seit 2008 ist man daran, der Flusslandschaft der Thur ihr ursprüngliches Gesicht zurückzugeben. Es entstehen unterschiedliche Lebensräume: Altläufe werden freigebaggert. Tümpel entstehen. Kiesbänke und Prallhänge sind nun mal staubtrocken, mal unter Wasser. Riedwiesen sind nun von Wald und Wasser umsäumt und ein dichter Bewuchs von Kletterpflanzen gibt dem Auenwald einen dschungelartigen Charakter. Trockenwiesen haben ihre Chance. Diese Kombination von nass und trocken, Feuchtigkeit und Nährstoffen ermöglicht eine enorme Vielfalt an Pflanzenarten und ist die Lebensgrundlage für zahlreiche seltene Tiere. Durch kluge Maßnahmen kann die Landschaft so werden wie sie idealerweise sein soll. Für unsern Hans ist das ein Paradies. Diese Vielfalt kommt seinem unruhigen und neugierigen Geist entgegen.

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~Einer der selten zu sehenden Biber. Bild zur Verfügung gestellt von der Stiftung PanEco/Naturzentrum Thurauen.~

Was Hans nicht so genau wusste: Das Naturschutzgebiet Thurauen wird von der gemeinnützigen und spendenfinanzierten Stiftung PanEco betrieben. Bei den Renaturierungsarbeiten zeigte sich die Baudirektion des Kantons Zürich federführend und war dabei nicht uneigennützig: Der Hochwasserschutz für Ellikon am Rhein und das Flaacherfeld wurde verbessert. Für die Landwirte gibt es bessere Produktionsbedingungen im Flaacherfeld. Die ökologische Aufwertung im Sinne der Auenschutzverordnung ist unbestritten. Die Thurauen werden als Naherholungsgebiet erhalten. Es freuen sich also nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch der Mensch.

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~Eine Biberburg. Bild zur Verfügung gestellt von der Stiftung PanEco/Naturzentrum Thurauen.~

Nun haben wir bei den hoffentlich nicht zu ausufernden Erklärungen Hans aus den Augen gelassen. Der ist ja schwer zu fassen. Aber nun hat er seinen Seat geparkt und ist zu Fuß in den Thurauen unterwegs. Wo sind die Biber? Er entdeckt erst zwei dicke Pappelstämme, die zur Hälfte durchgenagt sind. Dann entdeckt er einen vor kurzem gebauten Biberdamm, eine sogenannte „Burg“, am Mäderbach. Ordentlich aufgeschichtet. Später findet er auch einige „Rutschbahnen“. Ein Biber nimmt vom Nageplatz nämlich immer den gleichen Weg zum Wasser. Hans ist beeindruckt. Aber wo sind die Biber? Wäre Hans nicht so unvorbereitet losgefahren, hätte er an einem organisierten Rundgang gegen Abend teilgenommen. Biber sind nämlich meist in der Dämmerung zu sehen. Hans weiß nun: Organisierte Exkursionen im Naturschutzgebiet Thurauen sind von April bis September buchbar. Für Biber gibt es gibt es auf Anfrage auch während der Winterzeit Ausnahmen. http://naturzentrum-thurauen.ch

 

Ich, Righini!

Oktober 24, 2016

So wie die Überschrift meines kleinen Artikels lautet auch der Titel der Ausstellung, die am 6. Oktober 2016 im Haus der Stiftung Righini Fries eröffnet wurde: „Ich, Rhighini!“ Auch wenn der Ausstellungstitel etwas ungewöhnlich kurz klingt, wird schon daraus klar, dass es sich um eine Revue von Selbstportraits des Malers handelt. Carlo Pietro Sigismund Rhigini, geboren am 4. Januar 1870 in Stuttgart und verstorben am 24. Oktober 1937 in Zürich, war ein Schweizer Kunstmaler und ein Zeitgenosse des etwas älteren Ferdinand Hodlers. Righini malte sich schon immer leidenschaftlich gerne selbst. Mit 19 Jahren portraitierte er sich 1889 in Studentenuniform, mit Brille und modisch gezwirbeltem Schnauzbart. Später verzichtete er auf die Brille. Dafür zeigte er seinen mächtigen roten Bart und über der Stirne eine Haartolle, die zu seinen Markenzeichen werden sollten; vor allem der furchteinflößende, rote Bart. Kurz vor seinem Tod schuf er eine kleine Buntstiftzeichnung, die sein deutlich verblassendes Gesicht links von einem Regenbogen zeigt. Spirituell gesehen verbindet der Regenbogen ja die Erde mit dem Himmel. Ganz allgemein steht in der von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Susanna Tschui klug geschriebenen Begleitinformation zur Ausstellung: „Das eigene Abbild diente der Überlieferung an die Nachwelt, der Repräsentation, der Selbstvermarktung oder der Reflexion des eigenen Künstlerdaseins. Daneben portraitierten sich Künstler, um Veränderungen der eigenen Physiognomie zu dokumentieren, wechselnde Seelenzustände festzuhalten oder sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen“. Sie können sich im Falle Righini etwas aussuchen. Ich bin für letzteres. Dafür zeugen auch Buntstiftzeichnungen, in denen er sich mit nacktem Oberkörper und Schwabbelbauch zeigte.

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~Sigismund Righini: Selbstbildnis.~

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~Familienbild: Righini, der Patriarch.~

Die Einführung im Stiftungshaus an der Klosbachstrasse 150 in Zürich sprach der Kurator Guido Magnaguagno. Sehr detaillierte Erklärungen zum Künstler und seinem Werk kamen von Susanna Tschui. Righini kam aus einer Tessiner Dekorationsmalerdynastie. Nach Schulabschluss ging er zur Ausbildung nach Paris. Finanziell gut ausgestattet führten ihn Malerreisen durch halb Europa. 1898 bezog er das vom Vater erbaute Atelier an der Klosbachstrasse. In rascher Folge entstanden Stillleben, Portraits, Akte und eben auch Selbstportraits. Er arbeitete auch oft im Freien, geprägt von seinen Vorbildern des Impressionismus. Später wurde er kühner und es entstanden Bilder mit kräftigen, ungebrochenen Farben im Stile der Fauves. Zu dieser Zeit unterhielt er enge Kontakte zu seinen Malerfreunden Giovanni Giacometti und Cuno Amiet. Neben seinen Selbstportraits malte er immer wieder seine Familie und vor allem seine Frau Constance Macpherson, die er während seines Kunststudiums in Paris kennenlernte und 1893 heiratete. Sie sollte immer seine große Liebe bleiben. Aus der Ehe entsprang die Tochter Katharina, später Schriftstellerin und Frau des Kunstmalers Willy Fries und Mutter der vor kurzem verstorbenen Künstlerin Hanny Fries.

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~Constance Macpherson: Die geliebte Frau als immer wiederkehrendes Motiv.~

Nach 1920 war Righini weniger Kunstmaler, sondern betätigte sich als Kunstpolitiker. Er wurde in leitender Stellung Mitglied in mehreren Verbänden und Kunstkommissionen. Er half vielen jungen Künstlern mit seinen Verbindungen. Wer nun glaubt, Righini wäre nicht mehr künstlerisch tätig gewesen, irrt. Gerade in dieser Zeit entdeckte er das kleine Format. Auf langen Zugreisen und in endlosen Sitzungen entstanden seine Buntstiftzeichnungen, oft Selbstportraits, die in der gut gehängten Ausstellung eine ganze Wand bedecken. Das ist ungewöhnlich, aber zum Ausstellungstitel passend. Gestattet es doch eine wirkliche Revue der Sicht des Künstlers auf sich selbst. Natürlich fehlen auch Selbstportraits und Portraits seiner Familie mit ihm in Öl nicht. Da sieht Righini sich als Patriarch. Und dann immer wieder werden sorgfältige Portraits seiner geliebten Frau Constance gezeigt.

Die Stiftung Righini Fries entstand aus dem Vermögen der verstorbenen Hanny Fries und ihres ebenfalls verstorbenen Lebensgefährten Beno Blumenstein. Ich habe beide noch gekannt. Mit dem Vermögen wird sorgfältig umgegangen. So werden Bilder von Sigismund Righini sorgfältig restauriert. Im Stiftungshaus finden auch immer wieder thematische Ausstellungen zu Hanny Fries und szenische Lesungen statt. Die Stiftungsratspräsidentin ist Kathrin Frauenfelder. http://www.righini-fries.ch

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~Interessiert und angeregt: Besucher.~

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 ~Trouvaillen in der Vitrine: Selbst gemalte Briefmarke mit Selbstbildnis.~

 

Heimat

Oktober 17, 2016

Der Begriff „Heimat“ ist für mich ganz und gar nicht angestaubt. Abgesehen davon, dass jeder Mensch eine Identität braucht, ist Heimat mit wertvollen, manchmal auch klitzekleinen Erinnerungen verbunden. Es kann die wunderbare Landschaft sein; der Geruch von Staub auf der Straße, der von ersten Regentropfen angefeuchtet wird; das Geräusch von Tellerklappern in der guten Küche oder das Lärmen von Kindern. Heimat ist für mich immer mit glücklichen Erinnerungen verbunden. Aber vor allem finde ich Heimat bei in Begegnung mit Menschen, die erzählen.

Ich besuche jeden Samstag pünktlich um zehn Uhr morgens den Altherrenstammtisch im Restaurant „Frieden“ auf dem Schaffhauser Herrenacker. Da treffen sich Herren aus der Stadt und auch aus dem Klettgau. Es sind Politiker, Künstler, Geschäftsleute und normale Menschen wie ich. Es wird über die Heimat diskutiert, wie sie früher war und heute ist. Dass dabei auch über unwesentliche Kleinigkeiten gestritten wird, ist wohl normal. Dieser Stammtisch ist für mich wichtig. Ich war immerhin 40 Jahre in der grossen weiten Welt. Nun atme ich begierig ein, was ich eventuell verpasst habe. Jeder kann und soll etwas sagen, eine Meinung haben, dafür streiten. Etwa ob man für Steuererhöhungen ist oder Dörrbohnen über Nacht unbedingt einweichen muss. Ich beteilige mich mit angeborener Leidenschaft. Nur beim Erzählen von schlüpfrigen Witzen halte ich mich zurück. Das können andere besser.

Das Drehbuch für die Gespräche kann man nicht schreiben. Aber es gibt am Stamm regelrechte Spezialisten. Einer ist für alte Flurnamen zuständig. Einer für Frauen, respektive seine neuen Errungenschaften. Mehrere für vergangene oder aktuelle Restaurants oder Häuser. Einer wettert regelmäßig über Kunst. Ihm machen aber auch die Reben Sorge, obwohl er meist Bier trinkt. Natürlich wird auch aktuell politisiert und dann wird es meist sehr laut. So laut, dass der Stammtisch der Revoluzzer vom Nachbarraum hereinschaut. Ja, diese gibt es auch. Es sind Herrschaften, die vielleicht die SP wählen, ergänzt mit dem Pfeffer von Intellektuellen. Dieser zweite Stammtisch wär interessant, meiner ist mir aber lieber. Denn bei uns gibt es alle politischen Schattierungen und man redet meist privater.

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~Der Stammtisch im Frieden: Im Sommer im Garten. Im Winter in der Weinstube.~

Der Stammtisch ist übrigens legendär, denn er war bis vor einiger Zeit in der Weinstube „Tanne“ beheimatet. Kurioserweise wurde die gute Stube von dem leider dahingeschiedenen Fräulein Zimmermann nur am Samstag für anderthalb Stunden für uns geöffnet. Ansonsten waren die Läden vor den kostbar verzierten Fensterscheiben zu. Eines muss ich noch loswerden. Nach meiner Frage nach ihrem legendär zubereiteten Kalbskopf sagte Fräulein Zimmermann einmal: „Gang ussä uf d´Schissi und lueg in Spiegel, dänn gsehsch eine.“ So war sie, das Fräulein Zimmermann. Ich vermisse ihren Witz sehr. Apropos Kalbskopf: Pünktlich um Zwölf verschwinden die Herrschaften zu Mutter, um sich den Bauch vollzuschlagen. Reden macht hungrig.

Hans im Glück

Oktober 11, 2016

Hans ist eine ganz normale Person, ein Rentner. Aber er hat ein merkwürdiges Hobby und damit verbringt er oft den ganzen Tag. Er fährt gerne Auto. Nur so, ohne eine bestimmte Bestimmung. Er fährt in der Gegend herum, oft ohne ein bestimmtes Ziel. Wenn man nun glauben sollte, dass er damit viel Sprit verbraucht, muss man wissen, dass er einen sparsamen Seat fährt. Mit Gangschaltung, das ist ihm wichtig.

Hans fuhr schon mit zwölf Jahren auf dem Bauergrundstück seiner Eltern einen Traktor. Diesen schönen Victor Meili in laubgrün aus der Tüftlerwerkstatt des Victor Meili in Schaffhausen. Ich habe nicht gehört, dass er jemals einen Zaun umfuhr oder ein Huhn plattgemacht hätte. Auch nicht vor den Festtagen. Auch als Volljähriger hatte er meist einen Job, bei dem Auto fahren wichtig war. In renommierten Schweizer Firmen. Nun ist er Rentner und hat auf dem Tacho seines Seats bereits 100.000 Kilometer. Davor hatte er einen andern PKW, den er auch schonend bis in ein nobles Alter fuhr.

Hans weiß viel über Autos. Das hat ihn aber nicht dazu verführt, dass er sich wie viele seiner Kollegen etwas Extravagantes angeschafft hätte. Obwohl er es könnte. Hans sieht den ganzen Tag durch seine Windschutzscheibe viel. So viel, dass ich ihm vorschlug, doch mal einen Reiseführer zu schreiben. Daran ist er aber nicht interessiert. Ich habe lange gebraucht, um ihn zu verstehen; seine Motivation, durch die Gegend zu fahren. Er kommt mir so vor wie ein Ritter auf vier Rädern. Wenn er eine Dame reizend findet, dann suhlt er sich in der Vorstellung, mit ihr in den Tessin zu fahren. Da kennt er einige schöne Pensionen. Die Kollegen am Stammtisch sagen dann „Leg´sie doch gleich hier flach. Das ist praktischer“. Was für eine grässliche Bemerkung! Außerdem hat Hans kein Verständnis für solche Vorschläge. Da würde ihm die Romantik der Reise in seinem Seat fehlen. Jüngst war eine starke Regenfront aus dem Westen angesagt. Der wollte Hans tapfer entgegenfahren und dann im Jura in einem kleinen Hotel übernachten. Normalerweise flüchtet man vor Regen.

Hans hat die meisten Schweizer Pässe überfahren: Den Splügen, den Albula, den Julier etc. Seine weiteste Reise führte ihn in die Pyrenäen. Da hat er eine gewisse Frau Meier abgeliefert. Ohne ihr an die Wäsche zu gehen. Das ist verbürgt, denn Hans ist zwar ein Frauenfreund, aber auch ein Ritter. Meist fährt er aber alleine los und benutz sein Navi nur, um nach Haus, ins traute Heim zu kommen. Mit seinem treuen Seat.

Der französische Maler, Grafiker und Schriftsteller Francis-Marie Martinez Picabia wurde am 22. Januar 1879 in Paris geboren und verstarb am 30. November 1953 ebenfalls in Paris. Nun hatte ihm vom 3.6.-25.9.2016 das Kunsthaus Zürich in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art New York eine Retrospektive gewidmet. Diese Auseinandersetzung mit der immer heftig diskutierten Persönlichkeit schien überfällig. Der Zeitpunkt der Ausstellung ist in Zusammenhang mit dem 100-jährigen Jubiläum der in Zürich entstandenen Dada-Bewegung zu sehen. Ich habe darüber hier berichtet. Picabia war kurzzeitig Dadaist, aber nicht nur.

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~Titelmotiv zur Ausstellung.~

Er malte erst im Stile des Impressionismus, dann des Fauvismus, des Kubismus, agierte im Stile des Dadaismus, des Surrealismus und vielem mehr. Er unterschied nicht zwischen hoher Kunst und Kitsch und verarbeite Einflüsse von überall her. „Selbstkritisch und mit beißendem Humor stellte er die Grundsätze der Moderne als progressiv angelegte Entwicklungslinie in Frage“ wird auf der Website zur Ausstellung geschrieben. Das klingt auch heute noch interessant. Die gezeigten Werke in der Ausstellung haben mich in der Abfolge aber eher verwirrt. Da ein impressionistisches Bild, das man von Claude Monet schon besser gesehen hat. Da ein kubistisches Werk, das eine Kopie eines Bildes von Georges Braque sein könnte. Etc. Bösartig könnte man heute meinen, dass er alles ein wenig versucht hat. Pfui. Diese Meinung ist schändlich und entspricht der Großartigkeit von Picabia keineswegs. Francis Picabia war ein genialer Denker, der mit seinen Werken alles in Frage stellte. Er malte nicht, er dachte. Er sagte „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“. Dieser Satz ist Programm und er gefiel mir schon früher so gut, dass ich ihn als Motto über einen meiner Blogs stellte.

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~„Dresseur d´animaux“ von 1937.~

Wenn man nun von Picabia eine übliche Künstlerlebensgeschichte erwartet, muss man ebenfalls verwirrt sein. Er wurde als Sohn eines kubanischen Botschaftsangestellten adliger Herkunft und einer bürgerlichen Französin begütert geboren. Er hatte die beste Ausbildung und früh Erfolg. Er kannte die einflussreichsten Leute. Kein Vergleich zu den meisten Künstlern, die zu dieser Zeit ebenfalls in Paris ihr Glück versuchten. Wie den Italienern, den Russen, den Spaniern. Viele wurden ob ihrer mutigen Experimente geächtet und sie wurden erst spät anerkannt. Wenn überhaupt. Der von mir so geliebte italienische Maler Amedeo Modigliani beispielsweise konnte in Paris oft seine Miete nicht bezahlen, starb früh an Tuberkulose und wurde erst nach seinem Tod bekannt. Francis Picabia ging es immer gut. Da er nicht in das Raster eines armen Künstlers passte und er sich nie für lange Zeit einer Stilrichtung unterordnete, sollte er aber nicht verwirren. Besonders begeistert bin ich, als ich las, dass der mit dem bedeutenden Autor der Surrealisten, Guillaume Apollinaire, befreundet war und der geniale Objektkünstler Marcel Duchamp von ihm begeistert war.

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~Typografische Arbeiten für die Zeitschrift „391“.~

Bei Begehen der Ausstellung haben mich zwar viele Bilder von Picabia wie die „Monstres“ nicht begeistert. Trotzdem fand ich einen wunderbaren Schatz: Es sind seine grafischen Arbeiten für Zeitschriften, wie für die Dadazeitschrift „391“, die ich kaum kannte. Für mich war das großartig. Picabia wurde wie schon erwähnt von mannigfachen Quellen inspiriert. So zum Beispiel von Darstellungen in technischen Katalogen. Er stellte eine Zündkerze dar, die keine ist und gab ihr als Titel einen Frauennamen. Er experimentierte mit Textfragmenten. Moderne Typografen sehen da alt aus. Er hatte einfach schon alles gemacht. Schön ist auch der Entwurf eines Theatervorhangs zu dem avantgardistischen Ballett „Relâche“, zu dem er das Libretto schrieb und Erik Satie die Musik komponierte. Also war die Ausstellung auch für mich ein Gewinn. Sowieso.

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~Theatervorhang zu dem avantgardistischen Ballett „Relâche“.~

Kochen für Flüchtlinge

September 21, 2016

In der Gemeinde Dübendorf bei Zürich befinden sich zurzeit etwa 200 Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge. Zusammen mit den anerkannten Flüchtlingen sind das etwa 300 Personen. Tendenz steigend. Wie beinahe überall in der Schweiz und wohl auch im Großteil Europas kümmern sich private Initiativen um diese Personen oder versuchen es zumindest. In Dübendorf ist es die „Interessensgruppe Flüchtlingsarbeit Dübendorf“, kurz IG-F Dübendorf. Es gibt zum Beispiel einen „Offenen Schreibdienst“, der kostenlos ist und für erwachsene Flüchtlinge der Gemeinde jeden Montagmorgen und Donnerstagnachmittag angeboten wird. Ohne Anmeldung wird den Besuchern bei der Bearbeitung ihrer Anliegen geholfen. Jeden Mittwoch ab 12.30 Uhr gibt es im „Café Welcome“ an der Schulstrasse auch einen Treffpunkt mit Mittagstisch für unsere Gäste, gesponsert von der Reformierten Kirche Dübendorf.

Auf Einladung einer Freundin, die da wie auch die andern Frauen ehrenamtlich kocht, war ich am vorletzten Mittwoch dabei. Sie meinte, ich sollte mir ruhig mal ansehen, wie Flüchtlinge sind und mich nicht immer nur aus den Medien informieren. Um es gleich zu sagen, mich hat der Besuch sehr befruchtet. Da ich nicht gerne unbeteiligter Beobachter bin und Not am Mann war, habe ich gleich tatkräftig in der Küche mitgeholfen und fünf große und schön angerichtete Platten „Insalata Caprese“ gezaubert. Mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum. Einen Pfarrer, der mich anfänglich misstrauisch kontrollierte, habe ich mit dem Scherz beruhigt, ich hätte immerhin fünf Jahre bei Eckart Witzigmann Kartoffeln geschält. Die Menüs mit Vorspeise und Hauptgericht werden von den jeweils zuständigen Frauen nach Gesundheitsaspekten, Gewohnheiten der Flüchtlinge und religiösen Befindlichkeiten zusammengestellt. Immer abwechslungsreich und lecker. Es gibt zu Anfang eine kleine Begrüßung von den Schweizer Köchinnen, die in zwei Sprachen von jungen Flüchtlingen, die schon ganz gut Deutsch können, für die Neuankömmlinge übersetzt werden. Sie stammen in Dübendorf mehrheitlich aus Syrien und Eretria. Natürlich ist der Anteil von jungen Männern unter den immer mehr als 60 Gästen groß. Aber auch Familien mit Kindern und ältere Menschen beleben das Bild.

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~Schön: Flüchtlinge nach dem Mittagstisch.~

Mir wurde schnell klar, dass diese Menschen nicht nur wegen der Mahlzeiten da sind. Es wurde Gequatscht was das Zeug hält und es wurden wertvolle Erfahrungen ausgetauscht. Logisch eigentlich. Ich würde in einem fremden Land auch gerne etwas Heimat haben. Nach dem Essen gab es Kaffee und Gebäck. Danach Sprachunterricht für Interessierte und eine Spielgruppe für Kinder. Ich habe mich mit einigen jungen Männern unterhalten, die eine Art Domino spielten. Mit englischen Brocken ging das gut. Frauen habe ich aus Respekt und Höflichkeit nicht angesprochen. Dafür haben mich Kinder mit Fragen gelöchert. Integration wird von den Flüchtlingen absolut gewollt. Diese Menschen sind offen, neugierig und sehr herzlich. Sie wollen nicht gepampert werden. Sie räumen ohne Aufforderung die Tische ab, bringen das Geschirr in die Küche, räumen die Spülmaschine ein und wischen die Böden mit. Ein junger Mann brachte mir gar einen liebevoll zusammengestellten Teller mit der Bemerkung, ich hätte nun wohl genug gearbeitet. Ich würde mich wirklich sehr, sehr wundern, wenn unter diesen Menschen ein Arbeitsscheuer oder gar ein Terrorist wäre. Opportunes Gerede sind Vorurteile. https://www.ig-f.ch