Der Diplom-Hirt 1): Einstieg

November 12, 2017

Das gibt es tatsächlich: Hirten mit Diplom. Ich kenne einen, Otto Knöpfli. Es ist ein Schulkamerad, der erst 40 Jahre mit seiner Frau einen gut gehendend Friseursalon betrieb. Friseur wollte Otto in jungen Jahren werden, weil er die Zweisamkeit mit Menschen schätzte. Dann wurde ihm das Ganze zu eng. Über die Sozialarbeit kam er schnell zu einem Beruf, in dem er Erfüllung in der freien Natur fand. Und da er alles sehr gründlich macht – als Friseur war er auch zehn Jahre Instrukteur – absolvierte er eine Ausbildung zum diplomierten Schafhirten. Da erfährt man wirklich alles: Organisation der Alpwirtschaft, Rechtliches, Schafhaltung, Tiergesundheit, Herdenschutz, Art der Arbeitshunde und deren Grundausbildung und vieles mehr. Natürlich gibt es auch nicht diplomierte Schafhirten. Das sind die, die ihre Arbeit seit vielen Jahren erfolgreich machen; sozusagen die Ehrendiplomierten.

~Otto Knöpfli mit seinem Diplom.~

Die Schaf- und Ziegenhaltung in den Alpen beschert uns natürlich hervorragende Produkte. Die Schafmilch enthält zum Beispiel mehr wichtige Vitamine A, D, E, B6, B12 und Vitamin C als Kuhmilch. Dass Schafmilch und der daraus gewonnene Käse ausgesprochen köstlich sind kann ich bezeugen. Kein Wunder, die feinen Alpenkräutlein entfalten ihre Wirkung. Mein Vater zum Beispiel hatte durch seine Berglerernährung ein Leben lang gesunde Zähne. Die Alpenbewirtung erfüllt aber auch eine ganz besondere Funktion. Grasende Tiere pflegen die Landschaft und halten sie gesund und intakt. Ganz im Gegenteil zu der unvernünftigen Landschaftsnutzung im Flachland.

~Ein Teil von Ottos Schafherde über den Wolken.~

Domestizierte Schafe gab es schon ab 8000 v. Chr. im „fruchtbaren Halbmond“, also um das Zweistromland herum. Kein Wunder, da entstanden auch die ersten festen Besiedelungen im Westen. Schafe sind Herdentiere, aber keineswegs dumm und durchaus individualistisch. Innerhalb einer Herde gibt es Freundschaften und eine klare Rangordnung. Dabei ist nicht der Widder der Boss, sondern ein erfahrenes Muttertier. Die wichtigsten Sinne von Schafen sind der Geruchs- und Gehörsinn. Der Geruchssinn ist wichtig für die Nahrungsaufnahme und der Bindung zwischen Muttertier und Lamm. Feinde orten sie eher mit dem Gehör. Die Paarungszeit ist im Herbst. Nach einer fünf- bis sechsmonatigen Tragezeit kommen ein oder mehrere Jungtiere zur Welt. In der Schweiz gibt es 19 Schafrassen, wobei das „weisse Alpenschaf“ den größten Anteil stellt.

~Die gesunde Landschaft auf der Bündner Alp Cadriola.~

Bei den Hunden gibt es zwei Funktionsgruppen. Herdenschutzhunde leben mit den Schafen zusammen. Im Idealfall werden Lämmer von klein auf an sie gewöhnt. Dabei nehmen die Hunde auch den typischen Geruch von Lanolin an, dem Fett in der Wolle von Schafen. Hüte- oder Treiberhunde leben nicht im Herdenverband. Sie halten die Herde von außen zusammen. Zwei Rassen sind in beiden Fällen häufig: Der „Maremmano Abruzzese“ und der „Montagne des Pyrénées“. Aus den Abruzzen und den Pyrenäen also, wo Schafe schon immer einen großen Stellenwert hatten.

Wer ein ordentlicher Schäfer ist hat den Hirten- oder Krummstab. Dieses Requisit gibt es seit dem Alten Ägypten als Symbol der Macht. Später nutzten es kirchliche Würdenträger. Er taucht auch oft in der Heraldik auf. Sehen Sie in der nächsten Folge „Der Diplom-Hirt 2): On Tour“.

~Der Hirtenstab, Symbol seit über 5000 Jahren.~

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9 Antworten to “Der Diplom-Hirt 1): Einstieg”

  1. Uffnik Says:

    Wunderbarer Bericht. Hat mich sehr beeindruckt.

  2. Uffnik Says:

    In Deutschland sind Hirten am ehesten noch in der Heide anzutreffen.
    In der Schweiz sicher in Lenz_erheide 😉


  3. Ein schöner Bericht, wunderbar.
    Auch hier im Bergischen Land gibt es noch Schafhirten, die mit ihrer Herde über die Weiden ziehen. Einige Male ist es mir passiert, dass mein Auto auf der Landstraße von einer blökendenSchafherde „eingekesselt“ wurde, die zum nächsten Futterplatz zog. Ich halte dann meine Hand aus dem Fenster und streichele die vorbeiziehenden Tiere.
    Ich mag sowas.


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