Köstlich war es an einem der letzten Samstage im Hinterhof des ehemaligen Schaffhauser Restaurants «Tanne». Kurz: Die «Tanne» ist ein ehemaliges Hotel und Restaurant, das weit über lokale Grenzen Berühmtheit erlangt hat. Peter Hartmeier, der einstige Chefredaktor des Tagesanzeigers, verstieg sich einmal zu der Behauptung, dass die «Tanne» die schönste «Beiz» nördlich der Alpen wäre. Für viele Stammtischgäste, so auch für mich, ist das wahr. Die schöne Weinstube mit dem Holztäfer und dem Wein aus dem Keller, der alten Kasse und den verblichenen Zeitungen am Zeitungsständer war ein Kuriosum. Vor allem durch die Wirtin Fräulein Zimmermann, die niemals «Frau» genannt werden wollte. Auf meine Frage nach ihrem legendären Kalbskopf, den es aus Altersgründen der Wirtin und Köchin nicht mehr gab, sagte sie einmal: «Go usse id Schiessi, dann siescht du eine im Spiegel.» Das schmächtige Fräulein Zimmernann war das Herz und die Seele. Unbestritten. Nun ist sie tot. Sie hat ihren Besitz der Stadt Schaffhausen vermacht. Das Grundstück in hervorragender Lage ist ein Filetstück. So war denn an diesem Samstag die ganze Politprominenz, vom Schaffhauser Regierungsrat Reto Dubach, den Anwärtern zum Schaffhauser Stadtpräsidenten Peter Neukomm und Raphaël Rohner und weiteren Politikern im Hinterhof versammelt. Auch viel Prominenz aus der Kultur war zu sehen. Wahlkämpfe standen an und die Stadt Schaffhausen ist gefragt, was mit der schönen Weinstube gemacht werden soll.

Das «Haus zur gewesenen Zeit»

Man hätte sich die Diessenhofener Gruppe um Monika Stahel für diesen Anlass nicht besser wünschen können. Frau Stahel ist bekannt dafür, dass sie ihre Schauspieler aus ihren riesigen historischen Fundus einkleidet. Ein Freund von mir ist überzeugt, dass alles bis zur Unterhose stimmt. Die gewesenen Zeiten wurden im Sinne der Veranstaltung gut dargebracht. Die Gäste im Hinterhof stolperten über allerlei historisches Handwerkszeug und waren verblüfft über schauspielernde Handwerker, Damen, die putzten, Türen lackierten und nachschauten, ob die aufgehängte Wäsche schon trocken war. Es war eine Schauspielerei, die das Publikum positiv irritierte. Man konnte die schönen offiziellen Reden und den Rummel um das obligate Buffet gut ertragen. Wirklich gut. Über die «Tanne» wird es noch viel zu sagen geben. Ich werde das in gebührender Form nachholen.

Swisscom Kundenchat

April 15, 2014

Wenn das Telefon nicht mehr funktioniert, ist das eine Angelegenheit wie in Krisenzuständen. Wir trommeln ja nicht mehr Nachrichten, sondern bezahlen teure Anbieter. Dass es nun hier die Swisscom trifft, ist ein Zufall. Da ich nicht mehr telefonieren konnte, habe ich erst den Quick Check gemacht. Alles war in Ordnung. Dann habe ich mein neu gekauftes Swisscom-Telefon, inklusive aller Kabel und Basisstation, in ein Kundencenter der Swisscom gebracht. Der Kundenberater war in Ordnung. Er hatte nur den überheblichen Eindruck gemacht, dass ich etwas unbedarft bin. Das mag wohl sein. Nur, mein neu gekauftes Telefon von der Swisscom funktionierte bis dahin immer. Es funktionierte auch vor Ort im Kundencenter. Zuhause angekommen funktionierte nichts mehr. Mein Verdacht fiel auf die Swisscom, auf die zur Verfügung gestellten Leitungen. Angehende Anrufe konnte ich empfangen, ausgehende Anrufe wurden nach einem Freizeichen nicht weitergeleitet. Ich habe meine Rechnungen immer bezahlt. Daran konnte es nicht liegen.

Da ich nicht mehr telefonieren konnte, habe ich mich auf einen Chat mit der Swisscom eingelassen. Es war mühsam: Meine Frage: «Mein Telefonanschluss für abgehende Gespräche wird seit Tagen immer wieder blockiert. Bitte regeln Sie das auch für die Zukunft. Mein Gerät ist in Ordnung. Ich habe es im Swisscomcenter überprüfen lassen. Meine Steckverbindungen sind in Ordnung. Es kann also nur an der Swisscom liegen.» Die Antwort im Chat: «Guten Morgen Herr sowieso (meinen Namen habe ich ersetzt): «Bitte geben Sie mir Ihre Telefonnummer ein.» Das habe ich dann gemacht. «Einen Moment bitte». « Können Sie mir bitte sagen, wie die Symbole auf Ihrem Router leuchten?» Keine Frage, alles war grün. Alles hat bei mir funktioniert. Dann (ich verkürze das): «Okey dann empfehle ich Ihnen einen Reset am Router durchzuführen, wissen Sie, wie dieser Vorgang geht, damit man den Router auf die Werkseinstellungen zurückführt?» Na klar, das weiss jeder. Ich verkürze den Chat in der Schilderung weiterhin. Swisscom: «Ich versuche einen Mitarbeiter für den Rückruf zu organisieren.» Es wurden 48 Stunden in Aussicht gestellt. Kein normaler Mensch kann heute ohne Telefon leben. Einer, der seine Telefonverbindungen beruflich braucht, schon gar nicht. Mein letzter Hilferuf im Chat wurde mit der Nachricht beendet «Vielen herzlichen Dank bei uns im Swisscom Chat, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.» Ich hatte keine Gelegenheit, mich weiter zu äussern.

Nun sind andere Telefongesellschaften nicht anders. Mir schwillt nur der Kamm. Um wieder zu telefonieren, habe ich dann für einiges Geld einen örtlichen Fachmann hinzugezogen. Er hat mir bestätigt, was ich immer wusste: «In Ihrem System ist alles in Ordnung. Der Telefonbetreiber hat wohl einen Knoten.» Sonst noch etwas?

Beim «Happy Monday» auf der liebenswürdig verschachtelten Bühne spielten diesmal wieder exquisite Musiker um den Jazzpianisten Robi Weber und den Saxophonisten Ernst Wirz. Die Musikszene in Zürich ist vielfältig und die Qualität kann sich auch international messen lassen. Hier geht es nicht um Mode, sondern um Musiker, die das Herz Zürichs schon immer schlagen liessen. Vor dem Auftritt, beim Bandessen und nach dem Auftritt hinter der Bühne, war Gelegenheit mit den Musikern zu sprechen. Einer davon ist Ernst Wirz. Er gründete in den 1980er die Soul- und Funk-Formation «Jo Geilo Heartbreakers». Im «Züri-Slängikon», einem  Wörterbuch der Mundartsprache, steht zu «Geilo»: «en groossgchotzte Siech, en Hochgstochne, en John Geilo, en Liiri-Cheib, en Fraue-Jäger». Ob das auf Ernst Wirz zutrifft, müssen andere beurteilen. Fest steht aber, dass er in einem vernünftigen Beruf in der Filmindustrie arbeitet und immer wieder Funky-Musik gemacht hat. Das erinnert an den grandiosen deutschen Saxophonisten Klaus Doldinger, der sich neben seinem Musikerberuf nie zu schade war, für den Kommerz zu arbeiten. Nun arbeitet Wirz regelmässig weiter mit andern Künstlern zusammen.

Die Zürich-Connection

Beim Konzert am 27. Januar im Kaufleuten fiel auf, dass sich beinahe ausschliesslich Zürcher Musiker zusammengefunden haben. Selbst der Gast, der amerikanische Soul-Sänger Reggie Saunders, hat seine Zelte nicht nur in New York, sondern auch in Zürich aufgeschlagen. Er liebt James Brown, Marvin Gay und Stevie Wonder. Wen wundert es. Sein Temperament und seine Stimme erinnern an diese Heroen. Den Gastgitarristen Chris Muzik, der auch mit von der Partie war, hatte man kürzlich im Russischen Restaurant in Zürich zusammen mit der Sängerin Jessy Howe gehört. Ja, ja. Jessy ist die mit der dunklen Stimme und vor allem Männer schwärmen von ihr. Aber zu Chris: Er ist jung und begabt. Die Verbindung von Chris zu Ernst Wirz rührt aus einem Konzert im Haus von Wirz in Meilen. Ein Generationentreff. Ein Klassentreffen ist immer der Auftritt von Ernst Wirz mit Robi Weber. Weber dazu: «Wir haben uns schon im Kindergarten (wirklich!) kennen gelernt und fanden später, dass wir musikalisch zusammen passen.» Rollen wir den Klagteppich beim Konzert im Kaufleuten aus. Jazz, Funk, Soul und sogar etwas Reggea. Die Musiker: Reggie Saunders (Vocal), Chris Muzik (Gitarre), Ernst Wirz (Sax), Robi Weber (Keys), Kalli Gerhards (Bass) und Curt Treier (Drums). Und zurück zu der «Zürich-Connection». Es war beim Konzertpublikum alles da, was Rang und Namen hat.

Ein Zeitdokument: Die Minirockrevolte 1967 im Odeon und die Globuskrawalle 1968 in Zürich waren beinahe zeitgleich ein Zeichen des Aufbegehrens von Jugendlichen.

Um die Jugendszene in Zürich in der damaligen Zeit zu verstehen, muss man dabei gewesen sein. Jugendliche, vor allem der Kunstgewerbeschule Zürich, wollten, in teilweise naiver Gesinnung, die Welt verändern. Mit kurzen Röcken und gegen die Polizei geworfenen Pflastersteinen. Mit letzterem sollte ein Begegnungsort für Jugendliche erzwungen werden. Den Minirock gibt es, Gott sei Dank, heute noch. Ein Jugendzentrum in den ehemaligen brachliegenden Räumen des Kaufhauses Globus am Bahnhofsquai gab es jedoch nie. Da hatte der Kommerz bei einem Filetstück in Stadtmitte zugeschlagen. Die Lehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich mussten manche harten Pillen schlucken. Ihre Kurse waren verwaist, weil die Schüler lieber demonstrierten. Franz Fässler, der geniale Pädagoge, der vorzugsweise Schülerinnen in seinem bronzefarbenen Studebaker nach Hause gefahren hatte und beim Sechseläuten in Zürich als Mitglied einer Zunft um das Feuer herumritt, lernte den Bruch zwischen Tradition und Moderne kennen. Er hat es mit Charme ertragen. Er liebte die Jugend.

Die Minirockrevolte

Zum Eklat im damaligen Café Odeon, das heute durch eine Glasscheibe in einen Chillraum und in eine Apotheke zweigeteilt ist, kam es im August 1967. Da sprach der damalige Wirt Schwarz ein Lokalverbot gegen vier Gäste aus, weil sie sich für ein angepöbeltes Minirockmädchen eingesetzt hatte. Die Meinungen über viel Haut, Sittlichkeit und Anstand, man kann es heute kaum glauben, waren damals durchaus zweigeteilt. Der Wirt vom Odeon wähnte oder hatte das Recht auf seiner Seite. Er meinte: «Eine Gasstätte ist ein privates Haus. Der Eigentümer, Mieter oder der Wirt ist die berechtigte Person, die bestimmt, wer in sein Haus kommt oder bedient wird. Nach Artikel 186 im Schweizerischen Strafgesetzbuch über den Hausfriedensbruch hat eine Person nach Aufforderung des Berechtigten das Haus zu verlassen oder sie wird mit Gefängnis oder Busse bestraft.»

Der Wirt des Lokals, in dem damals in der oberen Etage Striptease geboten wurde und unten eine Sexmuffelverordnung galt, hatte die Rechnung ohne den Wirt, pardon, den Gast gemacht. Mädchen von der Kunstgewerbeschule Zürich und auch andere schnitten sich die Röcke bis zu dem heute erlaubten ab und demonstrierten vor und im Odeon, das noch viel früher Lenin und avantgardistische Künstler gesehen hatte. «Odeon libre», «Feuert den Mucker» und «Alle Macht den Gästen» waren die Aufschriften auf Transparenten gegen die Spiesser. Der Wirt Schwarz nahm ziemlich verwirrt einen Minirock mit Empfehlung in Empfang: «Will Frau Schwarz hier weiter bleiben, muss sie sich neuzeitlich kleiden.» Das war erst der Anfang. Aber die Aktion hatte den Zürcher Boden für eine weitere Revolte vorbereitet, bei der es nicht um mehr Haut, sondern um mehr Anrecht der Jugend ging.

Die Globuskrawalle

Die Minirockrevolte war ein Aufbegehren von jungen Damen, die aus dem engen Korsett ihrer Mütter schlüpfen wollten. Die Globuskrawalle nährten sich vom Ursprung der 68ger Bewegung. Beide Revolten, über kurz oder lang, hatten einen gemeinsamen Ursprung: Die Befreiung Jugendlicher von althergebrachten Strukturen. Beim Odeon ging es um die Befreiung von sexuellen Tabus. Bei den Globuskrawallen um ein handfestes Engagement für ein Jugendzentrum. Den Jugendunruhen in Zürich, die mit den europaweiten Jugendrevolten der 68er-Jahre, etwa dem Pariser Mai, zu verstehen sind, gingen zwei Ereignisse voraus. Am 14. April 1967 spielten die Rolling Stones in Zürich. Am 31. Mai 1968 gastierte der legendäre Jimi Hendrix in Oerlikon. Beide Konzerte endeten in Krawallen mit der Stadtpolizei. Dabei ging die Polizei so brutal vor, dass selbst die bürgerliche NZZ sich erregte. Die Stimmung unter den Jugendlichen war aufgeheizt. Der Anlass für die Demonstration am 29. Juni 1968 war ein Entscheid des Zürcher Stadtrats, das leer stehende Provisorium des Warenhauses Globus nicht für ein autonomes Jugendzentrum zur Verfügung zu stellen, sondern es an kommerziell Interessierte zu vermieten.

Darauf entstand ein Organisationskomitee, dem auch Yves Bebié, Redaktor beim Tages-Anzeiger, angehörte. Es verschickte ein Flugblatt mit der Aufforderung «Baumaterial, Holz, Latten, Stangen, Bretter, Nägel, Hämmer, usw.» an die Demo mitzunehmen. Damit sollten wohl Barrikaden errichtet werden. Es wurden aber mehr Pflastersteine gesehen. Rund 2.000 Demonstranten legten die Zürcher Strassenbahn ziemlich lahm, da die Strasse vor dem damaligen Provisorium des Warenhauses Globus am Bahnhofsquai ein Nadelöhr war und ist. Das Demonstrationskomitee sah eine Eskalation auf sich zukommen und forderte die Jugendlichen auf, den Demonstrationsort zu verlassen. Das gelang nur teilweise. Als die Menge darauf Steine von der Baustelle des Shop-Ville auf die Polizisten warf, ging die Polizei mit Wasser und Knüppeln gegen die Menge vor. Am darauffolgenden Sonntagmorgen wies die Bilanz des Krawalls 19 verletzte Demonstranten, 15 verletzte Polizisten, 7 verletzte Feuerwehrleute sowie erhebliche Sachbeschädigungen auf. 169 Demonstranten wurden festgenommen, wobei 55 davon weniger als 20 Jahre alt waren. Festgenommene Demonstranten sollten von der Polizei misshandelt worden sein. Diese hatten wohl den Bauhammer mit dem «Hammer-und-Sichel-Symbol» des Ostblocks verwechselt und wähnten eine ferngesteuerte Aktion. Zahlreiche Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben kritisierten das Vorgehen der Polizei scharf. Darunter der Autor Max Frisch mit dem «Zürcher Manifest».

Lieber Erwin,

der Besucherandrang zur Vernissage war wie erwartet gross. Deswegen, und weil ich ein Mensch bin, der im Moment grosse Ansammlungen von Menschen etwas scheut, meine Bemerkungen etwas verspätet. Ich bin lieber in der Stille und reflektiere an meinem Schreibtisch.

Deine Bilder sind grossartig. Ich habe sie gesehen. Deinen Stellenwert in der Kunst erkannte aber an diesem Tag nicht nur die versammelte Prominenz, sondern auch meine Wenigkeit. Ich weiss ja viel über dich. Zum Beispiel, dass du den Rheinfall so malst, wie kein anderer vor dir. Der Rheinfall ist eigentlich eine Postkartenidylle und du hast ihm in den Darstellungen Vitalität eingehaucht. Das «Blaue» und das «Gelbe», die vorherrschenden Farben, spielst du neuerdings etwas herunter, wenn ich deinen Ausführungen glauben soll. Sie sind es nicht, denn es entspricht einer grossartigen Interpretation von Kraft und Licht. Wie es der Rheinfall eben anbietet. Dass du bisweilen mit beiden Händen malst und auch Farbe heruntertropfen lässt, spürt man in deinen abstrakten Bildern.

Bild Rheinfall

Bild vom Rheinfall ©Erwin Gloor und Galerie mera

Rheinfall, 1993 Gouache

Bild vom Rheinfall ©Erwin Gloor und Galerie mera

Nun gibt es ja den ganz anderen Gloor, den sorgsamen Maler. Den realistischen Maler, der Fotografien überhöht. Diese Bilder sind, wie jeder weiss, eine Sisyphusarbeit von Wochen und Monaten. Die beiden Gloors ergänzen sich gut und ich bin überzeugt, dass diese Aufteilung nicht zufällig und schon gar nicht aus Marketingüberlegungen entstanden ist. Dafür kenne ich dich zu gut. Der Kopf und die Hand brauchen kreative Abwechslung. Das Bild mit der Kerze ist eine solche Arbeit in Überhöhung der Realität. Auch das Bild mit Apfel, Nuss und Birne. Fotografie kann diese Realität nicht leisten. Das Triptychon mit dem realistischen Mädchenkopf der Sharon und den beiden flankierenden Abstrakten habe ich nicht so ganz verstanden. Ich meine damit den Bezug einer realistisch dargestellten Person mit zwei Bildteilen aus deiner wilden Welt. Du wirst es mir bestimmt einmal erklären. Aber Kunst muss man nicht immer gänzlich verstehen. Man entzaubert sie durch Analyse. Völlig überrascht haben mich deine kleinformatigen Werke wie die Aquarelle, die Kreidebilder, Bleistiftzeichnungen und die Bilder in Mischtechnik. Schande über mich. Ich kannte sie nicht. Übrigens: Die Feier nach der Vernissage entsprach ganz deinem Selbstverständnis. Es gab Brot und Suppe. Das entspricht einem bescheidenen Mann, der nach wie vor mit seinem «deux chevaux» herumfährt.

Kerze

Die Kerze, ein realistisches Bild ©Erwin Gloor und Galerie mera

Reproduktion Erwin Gloor

Apfel, Nuss, Kerze, ein realistisches Bild ©Erwin Gloor und Galerie mera

P.S. für die Leser meines Blogs

Die Ausstellung Erwin Gloor von Werken aus den Jahren 2004 bis 2013 ist in der Schaffhauser Galerie mera (www.galerie-mera.ch) vom 3. November bis 14. Dezember 2013 zu sehen. Die Galerie mera ist eine relativ neue Galerie in Schaffhausen und hat unter anderem den Architekten Le Corbusier gewürdigt. Karin & Tomas Rabara von der Galerie verdienen es, über ihre beachtliche Bekanntheit im Schauffhauser Raum hinaus auch Freunde aus Süddeutschland, Winterthur und Zürich zu finden. Kunstfreunde aus der ganzen Welt sowieso.

Defilee der Fantasien: Show

Oktober 30, 2012

Das Defilee der Fantasien konnte nun endlich stattfinden. Sie erinnern sich: Als Defilee wurde eine Show bezeichnet, bei der Kinder um die zwölf Jahre der Zündelgutschule Schaffhausen selbst gefertigte Kostüme aus Papier, Karton, Hobelspänen, Luftpolsterfolie, Einkaufstüten und vielen weiteren schönen und noch verwertbaren Materialien präsentieren sollten. Eine Recyclingshow eben. Auf einem Laufsteg in einem schönen Industrieraum, der zum Museum zu Allerheiligen Schaffhausen gehört. Der Laufsteg und das Jurypodest waren aufgebaut. Auf die Jury mit dem Stadtpräsidenten Thomas Feurer, der Vize Miss Schweiz Julia Flückiger und einer bekannten Modefotografin warteten Bewertungsbogen. Die Presse war eingeladen. Der Fotograf stand bereit. Die Schulbusse, die die Kinder transportieren sollten, waren startklar. Und vor allem war das Publikum über kleine, aber feine Werbeaktivitäten neugierig gemacht worden. Flyer und Plakate in zielgruppenaffinen Restaurants und Szenentreffs wurden frühzeitig verteilt.

~Die Jury: Eine bekannte Modefotografin, Thomas Feurer, Julia Flückiger~

Eigentlich war alles in trockenen Tüchern und es konnte nichts mehr schief gehen, sofern man das bei Events mit Kindern behaupten kann. Trotzdem gab es Schwierigkeiten. Die wurden aber nicht durch die Kleinen verursacht, sondern von meiner so geliebten Jugendarbeit Schaffhausen. Ich hatte sie im Vorfeld gutgläubig einbinden wollen und sie sollten jetzt noch einige Arbeiten erledigen, die seit langem mit ihnen geplant waren. Es ist bei vermeintlichen Partnern so wie mit Fluggesellschaften. Hat man die falsche gewählt, kann man nicht mehr aussteigen. Vor allem beim Flug, hier drei Tage vor dem Event. Es gibt kurzfristig keine Alternativen mehr und man muss einfach durch. Ich will jetzt aber nicht über die teilweise absurden Schwierigkeiten berichten. Das interessiert nachträglich keinen und es ändert auch nichts. Ich erzähle lieber etwas über den beachtlichen Erfolg des Defilees der Fantasien.

~Das Publikum: Mehr als 220 Menschen~

Schon vor dem Beginn der Show war die Halle bis zum Bersten von Zuschauern gefüllt. Ich hatte 200 Neugierige erwartet und es waren weitaus mehr. Die Kinder, die wir mit ihren Kostümen durch einen Hintereingang des Museums an den Besuchern vorbei eingeschleusst hatten, waren natürlich etwas nervös. Grosses Publikum kennt man in diesem Alter nicht. Die Pädagogen von der Zündelgutschule waren aber auch hier überaus professionell. Es war wie vor jedem Auftritt bei einer Modenschau in Mailand, New York oder Paris. Jedes einzelne Kind wurde gecoacht, auf den Auftritt eingeschworen und kleine Transportfehler an den Kostümen wurden repariert. Dann wurde das erste Kostüm angekündigt. Mit Startnummer, Vornahme des Schöpfers und Titel des Kostüms. Die Musik, eigens für jeden Auftritt von meinem Freund Kim Wahl passend herausgesucht und abgespielt, verwandelte den Laufsteg in Magie. Benjamin, der Astronaut, bewegte sich zur Musik von „Major Tom“ ziemlich schwerelos über den Laufsteg. Er hatte sich in einer Vordiskussion bereit erklärt, den schwierigen Anfang zu machen. Spannend wurde es für mich bei Ipal, dem Roboter. Er war in den ganzen Workshops unglaublich übermotiviert und ich hatte Angst, dass er durch die schmalen Augenschlitze seines Kostüms aus Eierkartons nichts sehen konnte. Er wollte seinen Helm aber partout nicht verändern und der Titel „Wir sind Roboter“ von Kraftwerk hat ihm wohl ohne Absturz geholfen. Danach wurde ich ruhig. Ich wusste, die achtundzwanzig Kinder der Zündelgutschule würden es gut machen.

~Julia Flückiger mit der glücklichen Siegerin Flamenca~

Natürlich gab es durch das jeweilige Kostüm und den entsprechenden Auftritt Höhepunkte. Der Applaus der Zuschauer überschlug sich bisweilen. Da ich das Ganze moderierte, konnte ich auch die Reaktion der Jurymitglieder sehen. Nach den Workshops und meiner Sympathie für alle Kinder war ich froh, keine Entscheidung über die Platzierung fällen zu müssen. Lena, die Rokokodame, hätte ich in ihrem ausgestellten Kostüm aus Tortenpapier, über einen Hula-Hoop-Reifen gelegt, ganz vorne erwartet. Ebenso Joris, den Zeitungsreporter. Ganz in einem Kostüm aus Zeitungspapier. Sie waren auch in der Punkteauswertung der Jury ganz weit vorne. Den ersten Platz machte Muriel, die Flamenca. Sie war hinreißend und sie erzählte mir einmal bei der Befestigung einer Schleife aus Krepppapier, dass sie Ballettunterricht macht. Den zweiten Platz belegte Louise, das Fräulein Pünktchen. Den hat sie sich wahrlich verdient. Ich habe noch nie ein so konsequentes Kind mit Fantasie an Material arbeiten sehen. Es gab aber keine Verlierer. Vielleicht hatten die Mädchen in den Augen der Jury und des Publikums leichte Vorteile. Mich hat aber auch begeistert, wie engagiert die jungen Männer gearbeitet haben. Nix von „Modekram, nein danke“. Mode und Recycling hin oder her, es wächst eine kreative Generation heran. Es gab zwar für die ersten Plätze Warengutscheine, gespendet von Schaffhauser Unternehmen. Aber auch Trostpreise für alle, ebenfalls gespendet von Schaffhauser Unternehmen. Es gab keine Verlierer. Und das war mir wichtig. So sahen es auch die Pädagogen von der Zündlgutschule: „Das war für die Kinder ein gutes Erlebnis.“

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~Die Kostüme der Show~

© Alle Fotos Renato Biscaro

Das Defilee der Fantasien kam mit den Workshops an der Primarschule Zündelgut Schaffhausen in eine wichtige Phase. Sie erinnern sich an meinen letzten Beitrag zum Thema. Auf einem Catwalk sollten junge Schülerinnen und Schüler im Alter von um die zwölf Jahren selbst gebastelte, wunderbare Kostüme präsentieren. Dahinter stand neben der Freude am Werkeln und dem späteren Erfolg am Defilee im Schaffhauser „Museum zu Allerheiligen“ eine pädagogische Idee von mir, die sich am Besten mit einem Auszug aus meiner Presseerklärung wiedergeben lässt. Bitte: „Die Idee des verantwortungsvollen Umgangs mit Rohstoffen scheint manchmal aus dem Bewusstsein zu verschwinden. Darum haben Fünft- und Sechstklässler von der Zündelgutschule in Buchthalen in mehrwöchigen Workshops unter Anleitung von deren Pädagogen und dem Initiator des Defilees fantasievolle Kostüme aus Papier, Karton, Hobelspänen, Luftpolsterfolie, Einkaufstüten und vielen weiteren schönen und noch verwertbaren Materialien gebastelt.“ Alles klar? Der Initiator war übrigens meine Wenigkeit.

~Die Schwierigkeiten des Materials~

Nun könnte ich viel über zwei aufregende Wochen erzählen. Ich war alltäglich nach den Workshops fix und fertig. Kinder in diesem Alter brauchen viel Zuwendung. Sie sind sehr begeisterungsfähig. Vor allem, wenn es um eine ungewöhnliche Beschäftigung außerhalb der üblichen Unterrichtsthemen geht. Sie stellen aber Fragen über Fragen. Minütlich. Und das nicht der Reihe nach sondern gleichzeitig. „Wie schneidere ich einen ausgestellten Rock aus Halbkarton?“ „Wie nähe ich mein Kostüm aus Luftpolsterfolie?“ „Wie mache ich Röschen als Dekoration aus Klopapier?“ „Wie mache ich einen Helm aus Pappmaché?“ Ich wurde noch nie so gefordert. Das war aber auch gut so. Es war schließlich Bestandteil des Konzepts, hilfreich mitzuarbeiten. Und ich muss gestehen, ohne die äußerst professionelle und angenehme Mitwirkung der Pädagogen der Zündelgutschule wäre wohl nix aus dem großen Plan geworden. Die vorab auch von mir gerühmten Mitarbeiter der Jugendarbeit Schaffhausen waren übrigens in der Vorbereitung nicht zugegen. Ich hatte vier Monate vor dem Defilee alles mit ihnen besprochen. Mir wurden immer wieder Zusagen gemacht. Doch nichts geschah. Nachdem achtundzwanzig sehr schöne Kostüme – vom Roboter, der Schneekönigin, der Rokokodame, dem Fräulein Pünktchen, dem Kronkorken, der Flamenca bis zur Mülltüte etc. – schön ordentlich auf Kleiderbügeln im Werkraum der Schule hingen, erhielt ich eine Einladung der Jugendarbeit zu Workshops. Zwei Wochen vor dem Defilee. Der erste fand nicht statt. Der zweite nicht am vereinbarten Ort. Ich war schon ziemlich erstaunt. Aber wir hatten ja an der Zündelgutschule schon alles getan.

Aber statt eine weiterer Schilderung des Ärgers nun lieber einige schöne Bilder aus den Workshops an der Zündelgutschule. Alle fotografiert von Fotografen Renato Biscaro.

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~Einige Impressionen der Workshops~

Modenschau der ungewöhnlichen Art am Samstag, den 15.09.2012, um 19:00 Uhr im 2. OG des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen

Die Museumsnacht Hegau Schaffhausen bringt viele Überraschungen. Eine davon ist zweifellos das „Defilee der Fantasien“ im schönen Museum zu Allerheiligen. Ursprünglich sollte das Event im Klosterkreuzgang stattfinden. Das hätte aber den Münsterpfarrer gestört und der ist der direkte Nachbar. Ich kann das verstehen. Er macht zeitgleich eine meditative Münsterführung, die Ruhe braucht. Nun hat Dr. Peter Jezler, der Direktor des Museums, uns einen wunderschönen Industrieraum zur Durchführung angeboten. Er und seine Marketing- und Kommunikationsfrau Suzanne Mennel haben ein Herz für Kinder und deren Entwicklung jugendlicher Kreativität. Da ich seit meiner letztjährigen Museumsnachtveranstaltung mit einem Theaterstück in den schaurig-schönen Munotkasematten irgendwie auf die Integration der Jugend abboniert bin, wird es das „Defilee der Fantasien“ mit Schülerinnen Schaffhausens geben. Ob einige starke Männer im Alter von zwölf Jahren mitmachen werden, ist bis dato ungewiss. Wer als Ideengeber gut beraten ist, nimmt beizeiten Kontakt mit Profis auf. Mit geschulten und begeisterungsfähigen Pädagogen.  Allen voran, durch die Vermittlung des Schulvorstehers Peter Thiersteins, Hajnalka Thierstein und Sepp Signer vom Schulhaus Zündelgut in Schaffhausen. Da wird übrigens nicht gezündelt, sondern ordentlich motiviert.

~Ein erstes Kostüm: Aus der Not geboren und von mir fotografiert~

Was ist das Defilee der Fantasien?

Auf einem Catwalk präsentieren junge Persönlichkeiten selbst gebastelte Kostüme aus Papier, Karton und Recyclingmaterial. Alles ist erlaubt, was die Fantasie der Jugendlichen fördert, aufregend und schön ist. Im Moment weiß ich nicht, ob es eine „Wandelnde Geburtstagstorte“, eine „Müllprinzessin“ oder eine „Eierkartonritterin“ geben wird. Fakt ist, dass man Jugendliche inspirieren sollte, sie aber dann in ihrer Kreativität nur behutsam unterstützt. Für die Künstlerinnen wird es genug Anreiz geben: Ein hoffentlich euphorisches Publikum. Eine Jury aus dem allseits beliebten Stadtpräsidenten Thomas Feurer, der unvergleichlichen Vize Miss Schweiz Julia Flückiger und der unbestechlichen Modefotografin Amanda Camenisch. Alles Schaffhauser. Und zu Schluss gibt es natürlich eine Preisverleihung. Das hört sich alles völlig vernünftig an, ist aber in der Vorbereitung mit etwas Mühe verbunden. Sehen Sie die folgenden Punkte als Anleitung für unentwegte Nachahmer von ähnlichen Aktionen oder als ein Auszug aus meinem derzeitigen Tagebuch.

Die Sponsoren oder das liebe Geld

Ohne Geld für externe, harte Kosten geht gar nichts. Es sei denn, ein vermögender Verein oder ein reicher Papa steht dahinter. In unserem Fall haben wir Bühnenelementmiete, Akustik und Beleuchtung, viele Transporte und natürlich Material zu bezahlen. Ausserdem ein Transport der Kinder mit Schulbusen zu und von der Veranstaltung zu nächtlichen Zeiten. Vieles mehr. Da kommt einiges zusammen. Bei den vielen Veranstaltungen in Schaffhausen sind die Sponsorentöpfe natürlich nicht randvoll. Mit viel Mühe, Überzeugungskraft, einer Konzeptbeschreibung und einem Kostenplan können Sie akquirieren. Ich habe mich wie ein Kind gefreut, dass verantwortungsbewusste und kritische Verantwortliche aus der Industrie- und Privatwirtschaft ein Herz hatten. Viele Telefongespräche und eMails haben mich zu fantastischen Menschen geführt. Eine gute Erfahrung. Ganz unbescheiden werden Sie am Schluss des Beitrags einige Firmenzeichen sehen. Die von so genannten „stillen Sponsoren“ finden Sie auf deren Wunsch nicht. Sie sind hier im Raum eh bekannt. Wenn man spitz rechnen muss, ist das Zusammenschnorren von Material für die Kostüme wichtig. Unvergesslich ist wieder einmal Roland „Rolli“ Bernath mit seiner gleichnamigen Firma. Er hat mir im letzten Jahr mit Wissen und Beleuchtungstechnik sehr geholfen und diesmal konnte ich in seiner Materialkiste ungestört kramen. Dann gibt es die Firma Schlatter, die einen Schnupperlehrling ordentlich hobeln ließ, um Hobelspäne zu produzieren. Wo heute industriell gehobelt wird, fallen normalerweise keine langen Hobelspäne mehr an. Nur die kann man aber sinnvoll verarbeiten. Die Druckerei Kuhn lieferte völlig selbstverständlich eine Menge von feinsten Halbkarton gratis frei Haus. Der Chef der Zuckerbäckerei Ermatinger ging höchstpersönlich in den Keller, um mir feinstes Tortenpapier für Spitzenkleidung zu besorgen. Der Recyclinghof von Arnold Schmied öffnete mir sein Gelände. Die Spedition Gebrüder Gonzales bot mir etliche Meter Luftpolsterfolie an. Daraus lassen sich schöne Kleider schneidern. Spontan ist mir Frau Hedi Ritzmann vom Biohof in Guntmadingen in Erinnerung, die ich auf ihrem Mobiltelefon erreichte. Sie fuhr an den Straßenrand und meinte auf meine Frage nach Eierkartons für Fantasiekleider ganz ungerührt: „Kleider aus Eierkartons?“ „Aber natürlich“, wie wenn das für eine Landwirtin alltäglich wäre. Weitere Materialsponsoren werden sich noch finden. Die Künstlerinnen sollen in der Entfaltung ihrer Kreativität nicht gehindert werden. Ich bin jeden Tag dran.

Die Workshops und die Aufführung

Die Kostüme werden vorab in Workshops produziert werden. Dazu ein Folgebeitrag. Ein dritter zur Aufführung auch. Aber hier die Logos der Hauptsponsoren.

~Klein und bescheiden: Die Logos der Sponsoren~

Gefallene Engel

April 30, 2012

~Der prächtige Apfelbaum aus Nachbars Garten~

Vor meinem Arbeitszimmer steht ein prächtiger Apfelbaum und der begann trotz des harten Winters schon recht früh zu blühen. Der Blütenanfang ist europaweit natürlich unterschiedlich. In Deutschland beginnt die Zeit der Wunder meist in Südbaden. Dann setzt sie sich im Rheintal gegen Norden fort. Aber auch der Niederrhein ist bald dran und dann beginnt es auch in der Schweiz. Die Blütenknospen öffnen sich nach Höhenmeterlage des Standorts. Das ist logisch. Tief stehende Apfelbäume erlauben ihren Blüten, sich früher zu öffnen. Dann trifft man knospende Bäume Tag um Tag je 20 Meter höher an. Zirka. Entscheidend ist natürlich die Temperatur- und sonstige Wetterlage. Aber das wissen Sie bestimmt.

~Gefallene Engel gesprenkelt auf der Wiese~

Nun hat es im April kräftig geregnet und die weißen Blütenblätter – es gibt auch rosafarbene und selbst rote – liegen auf dem Gartenboden wie gefallene Engel. Da hat sich ein klitzekleiner Teil der Schöpfung zu höchsten Höhen aufgemacht und nun liegt alles im Staub, respektive auf der nassen Wiese. Das ist aber kein Grund zur Panik oder zum Trübsinn. Die wunderbaren Äpfel aus der Blütenachse – es sind komischerweise nicht die Fruchtknoten, aus denen Äpfel entstehen – werden auch im nächsten Herbst in Hülle und Fülle verlässlich da sein. Mein Nachbar hatte im letzten Jahr so viele davon, dass er sie auf einem Mäuerchen am Straßenrand jedem obskuren Passanten wie mir darbot. Als Pausenapfel, für den Fruchtsalat mit Kirsch oder selbst für die Apfelmarmelade. Regen, gerade im April, ist der Natur hochwillkommen und gefallene Engel haben auch etwas Gutes. Sie ergeben ein wunderbares Bild von gesprenkelter Farbe.

~Das Blütenblatt, schnöde und ohne Nutzen~

Als Kind hatte ich immer Äpfel aus Nachbars Garten gestohlen und danach ein Rumoren ob der unreifen Früchte in der Magengrube. Das kennen Sie vielleicht. Deshalb noch etwas zum Apfelklau von Mark Twain: „Adam war ein Mensch – das erklärt alles. Er wollte den Apfel nicht des Apfels wegen, sondern nur, weil er verboten war.“

~Hans Ormund Bringolf: Ein Offizier und Abenteurer wie er leibt und lebte~

Der Kulturverein Hallau hat sich im Rahmen der „erzählzeit ohne grenzen“ am letzten Donnerstag im Weinmuseum Hallau um Hans Bringolf verdient gemacht. Der Medienmann und Historiker Stephan Lütolf führte auf amüsante Weise durch das Leben des Leutnant Bringolf und die Medienfrau Mona Vetsch las aus gut recherchierten Archivaufzeichnungen und dem Buch „Der Lebensroman des Leutnant Bringolf sel.“. Den Roman über sein Leben hat Hans Bringolf höchstpersönlich 1927 im Bürgerheim Hallau geschrieben. Da mich Hans Bringolf als bunter Paradiesvogel schon länger interessiert, war ich natürlich im Auditorium.

~Die Bergkirche inmitten der schönen Weinberge von Hallau: Die letzte Ruhestätte von Bringolf~

Wie kommt es, dass ich hier über einen längst Verstorbenen schreibe, der zudem ein Hasardeur, Scheckbetrüger, Hochstapler und windiger Weltenbummler war? Dieser Hans Ormund Bringolf war aber auch studiert, charmant und draufgängerisch. Er war Offizier und Diplomat in schweizerischen Diensten und wohl ein Frauenheld. Er ist das perfekte Abbild eines Menschen, der die höchsten Höhen und Tiefen erlebt hat. Sein Leben war Welttheater schlechthin. Also ist er interessant.

~Das Grab im Westen des Friedhofs: Schöne Aussicht auf das ungeliebte Hallau~

1876 wird er im mondänen Kurort Baden-Baden geboren. Von einem reichen Kavallerie-Oberst und Unternehmer der Schweiz gezeugt und von einer viel zu jungen russischen Mutter empfangen, mischen sich sein Blut und seine Gene zu einem gefährlichen Cocktail. Seinem Elternhaus in Schaffhausen, das eine zänkerische Schlangengrube war, entflieht er zur Reifeprüfung nach Neuenburg. Danach studiert er in Heidelberg, Innsbruck, Wien, Rom und Berlin. Studiert wurde damals selten. Vielmehr wurde in Studentenverbindungen gezecht, gerauft und angegeben. Hans Bringolf entwickelt früh seinen Hang zur Verschwendungssucht und Angeberei. Er verprasst das Erbe seines Vaters, der sein erster Freund, aber auch Kritiker war. Seine schlichte Dissertation von 38 Seiten zum Dr. jur. verfasste er 1899 mit Hilfe eines bezahlten Einpaukers. Aber sein Herz gehörte schon früh dem Militär. Er unterbricht sein Studium immer wieder durch Militärdienste und Truppenübungen in der Schweiz. Aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname „Leutnant Bringolf selig“. Als Kavallerist ritt er so ungestüm drauflos, dass er ein übers andere Mal vermisst wurde. Schnell wird er Militärattaché in schweizerischen Diensten; in Berlin, Paris und Wien. Er gibt rauschende Bankette mit Goldplättchen als Suppeneinlage und füttert seine Hunde mit feinsten Beefsteaks.

~Hans Bringolf: Militärattaché, Großer Legionär in drei Erdteilen, Schriftsteller~

Um der Nachstellung seiner Gläubiger zu entkommen, heiratet er Alice Honegger, die Tochter eines reichen, angesehenen Industriellen. Wegen Scheckbetrugs als Militärattaché entlassen, gibt er sich nun nicht mehr als Sohn des Oberst Bringolf aus Hallau aus, sondern als illegitimer Spross eines russischen Prinzen. Als der Schwindel auffliegt, strafen ihn seine Frau mit Tränen und der reiche Honegger mit kalter Missachtung. Nun beginnt eine Irrfahrt Bringolfs unter falschem Namen als angeblicher Armeeinstruktor, Bahninspektor oder Silberminenbesitzer in Mittel- und Nordamerika. Zechprellend bleibt er seinem Lebensmotto treu, mehr sein zu sein als er ist. Er tritt in die amerikanische Armee ein und kommandiert von 1906 bis 1908 ein US-Polizeitrupp-Kontingent auf den Philippinen. Seine Husarenart ist jedoch nicht lange gefragt. Sein unruhiger Geist führt Hans Bringolf nun über drei Kontinente bis nach Südamerika. Da gibt es Revolutionen zuhauf. Er wird aber nicht Soldat, sondern etabliert sich mit gefälschten Papieren als „Legationsrat des Eidgenössischen Politischen Departements“. In Lima wird er inhaftiert. Zurück in Europa, nimmt er in Heidelberg als „Baron von Tscharner“ und „Alter Herr des Korps Guestphalia“ etliche Hotelbesitzer und Kommilitonen aus. Schon wieder sitzt er im Gefängnis. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wird er Offizier in einem Marschregiment der französischen Fremdenlegion. Als „Löwe von Monastir“ erlangt er tollkühn besondere Berühmtheit. 1923 erhält er das Kreuz der Ehrenlegion. Nun glaubt er, die Schande seiner Jugend durch Blut und Tapferkeit ausgewischt zu haben. In zivilen Berufen ist er danach engagiert, aber letztlich erfolglos. Die Skandale der Vergangenheit holen in immer wieder ein. 1951 stirbt er im Bürgerheim Hallau. Er besitzt nach Abrechnung des Hallauer Waisenamtes ein Reinvermögen von Fr. 2,75. Und eine Kartonschachtel mit Orden und Tapferkeitsmedaillen.

~Wie in Golgatha: Ein deutsches Kriegsopfer links~

~Wie in Golgatha: Ein unbekannter Soldat rechts~

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