Januarspaziergang

Januar 22, 2012

Der Buchthaler Wald ist ein Erholungsgebiet, das nordöstlich von Schaffhausen an das Gemeindegebiet von Büsingen grenzt. Büsingen ist übrigens eine am nördlichen Rheinufer gelegene deutsche Exklave mitten im Schweizer Hoheitsgebiet. Obwohl die Büsinger weiland bei einer Rheinschiffsfahrt des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Heinrich Lübke mit Transparenten am Ufer harrten, auf denen stand „Deutschland hat Büsingen vergessen“, würden sie nun lieber zur Schweiz gehören. Wen wundert´s, bei dem Euro-Desaster. Bundespräsident hin oder her, Bundespräsident Lübke hat charmant gelogen, der neue eher dämlich. Davon wollte ich aber nicht berichten, sondern von meinen Spaziergängen im Buchthaler Wald. Sie befreien meinen Kopf in winterlicher Stille von allem Blödsinn und ab und zu denke ich sogar nach. Auch über Blödsinn, aber das bleibt ja nicht aus. Währendem mein Schritt über hart gefrorene Böden führt und mich das wundervoll poetische Bild klar gezeichneter Baumverästelungen gegen den bleifarbenen Himmel verzaubert, denke ich über meine Vorsätze zum neuen Jahr nach. „Weniger arbeiten und mehr Geld verdienen“ ist ja mein beliebtester öffentlich geäußerter Spruch. Das denke ich aber nicht wirklich.

~Der Weg zum Buchthaler Wald: Gefroren und schön geschwungen~

Meine Vorsätze gehen tiefer. Ich will einfach mehr zur Ruhe kommen. Das fällt in der Gegend, wo Wurst und Würstchen sprießen, das Fleisch und das Gemüse gesund sind, der leichte Landwein köstlich und jeder Koch ein Naturtalent ist, leicht. Es gibt intellektuell keine großen Herausforderungen. Die Kulturszene ist überschaubar, aber nicht langweilig. Es gibt keinen Rummel. Man kann sich in Ruhe zurücklehnen. Zu dröge? Keinesfalls. Nicht nur der Buchthaler Wald, die ganze Gegend mit ihren Menschen, führt zurück zu den Basics. Gut essen, aufrecht leben, wahrhaftig sein. Was juckt einen die ganze Aufgeregtheit? Ich brauche selten ein mobiles Telefon. Ich bin nicht abhängig von Facebook oder Twitter. Auch nicht von andern sozialen Netzwerken. Diese ganze künstliche Scheiße kann mich mal. Soziale Netzwerke sind nur so gut, wie die Freunde, die man da hat. Und wirkliche Freunde im Netz gibt es wie im wahren Leben selten.

~Eine Bank beim Buchthaler Wald: Zu kalt für eine Rast~

Oppela, da hat doch ein Vöglein etwas Schnee von den Bäumen gewirbelt. Das bringt mich auf neue Gedanken. Vielleicht sollte ich meine Schreibfaulheit hier überwinden und trotzdem ab und zu etwas zur Community beisteuern. Aber ich bleibe dabei: Die Realität ist besser als das Gefasel im Internet. Der direkte Kontakt mit Menschen, das Horchen auf ihre Stimmlage, das Beobachten ihrer Gestik, ist besser als jedes Zweitleben. Aber das wissen wir ja.

~Verschneiter Strauch beim Buchthaler Wald: Ein Bild wie im Märchen~

Neulich habe ich mich bei dem Rezeptvorschlag unserer Serie „Brutzeln für Unbedarfte“ stark durch einen letzten, warmen Herbsttag verführen lassen. „Insalata di Fagioli e Tonno“ erinnert ja an Sommerküche. Nun steht der Sinn aber ganz nach einem Wintergericht: Dörrbohnen mit geräuchertem Rippli und Salzkartoffeln. Es ist kein Zufall, dass ich die gedörrten Bohnen an erster Stelle im Titel nenne. Ein ähnliches Gericht – Bohnen mit einem Rollschinkli – hatte ich ja schon einmal beschrieben. Damals waren es aber grüne Bohnen und seitdem träume ich von Dörrbohnen. Warum? Sie schmecken wesentlich intensiver und erinnern mich außerdem an die Kindheit. Meine Mutter dörrte oder trocknete Bohnen aus dem Garten in der Hitze des Dachbodens. Schön auf Zeitungspapier ausgelegt und später in Tuchsäcklein gepackt. Dörren allgemein ist eine fabelhafte Konservierungsmethode, die schon die Menschen im Mittelalter kannten. Heute gibt es diverse Methoden dazu, selbst Dörrgeräte, die elektrisch betrieben werden. Dörrbohnen kann man aber auch im Supermarkt kaufen, selbst wenn sie die Qualität der mutterschen gedörrten Gartenbohnen nie erreichen. Trotzdem, ich habe welche gekauft. 100g. Die reichen für vier Personen.

~Dörrbohnen: Schrumpelige Dinger aus dem Supermarkt~

~Dörrbohnen: So fotografiert erinnern sie mich an Mutters Gartenbohnen~

~Gedörrte Bohnen gut eingelegt: Das Bad für die Nacht~

Der Spaß beginnt schon am Vorabend. Sie legen die Bohnen in eine Schüssel und bedecken sie gut mit Wasser. Im Kühlschrank quellen sie dann über Nacht. Die Kochprozedur am nächsten Tag beginnt mit dem geräucherten Rippli, das in meinem Fall ein schönes Nierenstück vom Schwein war. Auch für vier Personen. Das wird in Wasser zirka 45 Min. gekocht. Natürlich verlangt es ganz unbescheiden nach einem Rosmarinzweiglein. Oder auch zweien. Gute Gesellschaft ist Pflicht. Da mein Rippli in der Vergangenheit oft zu trocken geraten ist, erinnerte ich mich an den Rat eines Metzgermeisters vom Stammtisch: „Achte nicht unbedingt auf die Uhrzeit, sondern probiere beizeiten eine Tranche“. An den Enden ist das Rippchen ja eher durch und wenn die erste Scheibe noch schön saftig und etwas rosa ist, kann man den Rest getrost bei ausgeschalteter Flamme etwas ziehen lassen. Aber noch ist kein Platz für „dolce far niente“. Die Salzkartoffeln werden in appetitliche Würfelchen geschnitten und in ordentlich Salzwasser gekocht. Nun zu unserem Star, den Dörrbohnen: Sie werden natürlich ebenfalls gekocht. Mindestens so lange wie die Kartoffeln. Ich schütte sie mit einem Rest des Einlegewassers in den Topf und füge etwas Gemüsebrühe und Bohnenkraut dazu. Dann wartet man bis die Flüssigkeit deutlich reduziert ist und vermengt danach die gekochten Dörrbohnen mit in Butter angeschwitzten Zwiebelwürfelchen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Auch die abgegossenen Kartoffeln vertragen etwas Butter. Einen zarten Schmelz.

~Eine ehrliche Kartoffel: Der liebevolle Begleiter zu den Bohnen~

~Hoppela, das Rippli: Es hat die Kochprozedur schön saftig überstanden~

~Das jüngste Gericht: Rippli mit einem Kranz von Dörrbohnen und Kartoffeln~

Das, was nun folgt, ist einfach: Alles schön abgeschmeckt anrichten. Um die Dörrbohnen zu ehren habe ich sie für das Foto in einem Kranz um die Ripplischeiben gelegt. Mir war gerade so danach. Übrigens: Sollten Sie nicht zu viert essen bleiben vermutlich Bohnen übrig. 100g gedörrte Bohnen sind reichlich. Aber die kann man am nächsten Tag mit etwas Butter aufwärmen und sie als Beilage für ein anderes Gericht verwenden. Sie sind genau so köstlich wie am Vortag. Der Rest des Ripplis eignet sich kalt gut für eine Brotzeit. Oder sogar als Bestandteil einer Spaghettisoße. Lachen Sie nicht. Das schmeckt.

Jahrmarkt im Herbst

Dezember 18, 2011

Jedes Jahr findet in Steckborn, wie in vielen kleineren und größeren Städtchen und Dörfern nicht nur der Schweiz, der Jahrmarkt statt. Es ist ein Ereignis höchster Wichtigkeit und nicht zu verwechseln mit dem Weihnachtsmarkt. Der findet in Steckborn auch statt. Nur später. Jahrmärkte gibt es seit dem Mittelalter und das Recht, einen Jahrmarkt abzuhalten, wurde früher von ordinären Landesherren, Grafen, Königen oder sogar Kaisern verliehen. Steckborn muss früh das Marktrecht besessen haben, denn schon 1313 erhielt das Örtchen am Untersee das Stadtrecht. Zu den mehrtägigen Jahrmärkten trieben früher die Bauern das Vieh in den Ort, um es zu verkaufen. Gewerke aller Art boten ihre Dienste oder Erzeugnisse an: Schmiede, Töpfer, Schreiner, Korbflechter, Tuchhändler etc. und wohl auch Kurtisanen. Ob es die in Steckborn gegeben hat, weiß ich nicht. Aber schon beim Konzil von Kostanz versüßten gerüchteweise über 1.000 leichtfröhliche Mädchen das Leben der Besucher. Und Konstanz liegt in der Gegend von Steckborn und das war 1414 bis 1418. Wie dem auch sei, lustig war es in Steckborn sicherlich. Vermutlich gab es auch zahlreiche Exponenten des Fahrenden Volkes: Gaukler, Wahrsager, Quacksalber, Musikanten und vielleicht sogar Bärenführer. Schaurig schön. Uaaaah. Die Historiker unter Ihnen mahne ich zur Vorsicht: Vieles hier ist nicht verbürgt, zumindest was Steckborn anbelangt. Aber interessant war es.

~Das gute alte Kettenkarussell: Fliegen am Untersee~

Meine ersten Erinnerungen an den Jahrmarkt zu Steckborn sind nicht weniger aufregend. Es roch die Seestrasse hinauf und hinunter nach gebratenen Maronen, Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und den aus Kartons geholten alten Kleider. Das alles gibt es immer noch, nur dass die Kleider nun nach Fernost riechen. Es gab im Hof des Restaurants Schwanen eine Tombola, auf der ich mal ein Huhn gewonnen habe. Es lebte im Garten bei den Nachbarn, legte keine Eier und als es im hohen Alter gestorben ist, taugte es noch nicht mal für die Suppe. Ich hoffe, diese Bemerkung wird aus dem Hühnerhimmel nun nicht so zickig kommentiert. – Sorry Berta – . Karussells und die Autoscooterbahn gab es natürlich auch. Das Rädchen mit den an Ketten hängenden Sitzen hat mich allerdings nie interessiert. Ich wollte früh erwachsen werden. Aber dem Autoscooter gehörte meine Leidenschaft. Schmierig tönte es aus dem Lautsprecher: „Einsteigen zur nächsten Fahrt bitte“. Dann galt es, das Gefährt mit dem schönsten Fähnchen an der Stromabnehmerstange zu erhaschen und wenn man Glück hatte, stieg die Angebetete mit ein. Lässig kurvte man herum und bei jedem Zusammenstoß gab es den einen oder andern frühpubertären Körperkontakt. Und blaue Flecken natürlich, die man abends in glücklicher Erinnerung liebevoll pflegte.

Es hat mich sehr beruhigt, dass es auch heute immer noch den Autoscooter gibt, die Zuckerwatte, die Maronen, die gebrannten Mandeln und den Austausch mit Bekannten beim Bummel durch die Seestrasse. Auch die Bratwürste und gebratenen Servelats gibt es erfreulicherweise noch. Richtig interessant wird es aber anschließend im Restaurant Anker in einer Seitengasse zur Seestrasse. Da kann man die durchgefrorenen Füße aufwärmen und das eine oder andere gepflegte Gespräch führen. Mit dem letzten Berufsfischer aus Steckborn, dem Stadtammann, den kulturell Tätigen und den netten Damen der Gesellschaft.

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~Impressionen vom Jahrmarkt zu Steckborn~

Flieg´ mit dem Wind

Dezember 1, 2011

An der Atlantikküste Frankreichs, da wo der Wind vom Meer her stetig weht, die Grashalme sich ducken und die Haut immer ein wenig salzig ist, hatte ich vor einigen Jahren ein Erlebnis der besonderen Art. Bei schönstem Abendlicht. Der Wind arbeitete mit seiner ganzen Kraft und es war – obwohl Spätsommer – merklich kühl. Das machte aber nichts. Unsere Wangen glühten und der Kreislauf war angeregt. Wir waren mit einer kleinen Gruppe Mittagessen, in einem dieser fabelhaften Fischrestaurants in freier Natur irgendwo an der Küste. Sporttaucher saßen in einer Ecke des von Neon hell erleuchteten Etablissements und verdrückten selbst erjagte Köstlichkeiten aus dem Meer, die ihnen die Köchin gnädigerweise zubereitet hatte. Wir hatten Hunger und ich bestellte mit jemanden aus der Runde den alternativen Kick: Eine modellartig kleine Holzbarke, mit Eiswürfeln gefüllt und über und über beladen mit maritimen Köstlichkeiten. Strand- und Wellhornschnecken, Miesmuscheln, Venusmuscheln, Austern, Taschenkrebse, Garnelen, Krabben, Langusten, Hummer und vieles mehr. Roh oder gekocht. Je nach Verträglichkeit. Meine Augen gingen über und was dann folgte war eine köstliche Schlacht. Vieles konnte ich gar nicht bestimmen, aber es gab eine Batterie von Bestecken, links und rechts des Tellers aufgereiht: Feine Pieksnadeln für die Schnecken. Für anderes Löffel, Gabeln, Zangen und andere Marterwerkzeuge. Dr. Hannibal Lecter – der aus „Das Schweigen der Lämmer“– hätte seine helle Freude daran gehabt. Ich habe gearbeitet wie noch nie in meinem Leben. Und natürlich hatten wir die Köstlichkeiten ordentlich runtergespült, mit einem leichten und frischen Weißen. Nicht nur der Fisch muss ja schwimmen.

~Das Gänschen im Abendlicht: Kühn und flugversessen~

Nach einem kleinen Kaffee und einem guten Armagnac als Begleitung fuhren wir Richtung Heimat, das heißt zu unserem Feriendomizil im Hinterland von Bordeaux. Was dann folgte war das eingangs angedeutete Erlebnis der besonderen Art. Also, ganz nüchtern war ich nicht und so kam mir das Bild, das sich mir bot, wohl noch malerischer vor. Nordwestlich von Rochefort – und weiter gedacht nördlich von Bordeaux, nahe der Réserve Naturelle de Moëze-Orléon – lag ein Hügelzug und darauf drehten sich wohl Hunderte Windräder auf langen Stangen. Keine zur Stromerzeugung, sondern kleinere zur Fantasiebildung. Nehmen Sie die Anzahl nicht so ernst und auch die Ortsangabe ist ziemlich ungefähr. Ich war euphorisiert, aber das Bild hat sich in meine Erinnerung wie ein Märchen eingegraben. Da ich damals wenig fotografierte, müssen Sie mit meiner Beschreibung Vorlieb nehmen. Es war ein veritabler Windpark von in der Brise sich heftig drehenden Fabeltieren aller Art. Meist Vögel. Aus Sperrholz geschreinert und bunt bemalt. Die Stangen steckten dicht an dicht und malerisch verteilt auf dem Hügel. Die Abendsonne glühte noch etwas und meine Wangen auch. Ich schrie auf einem der billigen Plätzen im Auto: „Halt, das muss ich sehen!“ Damit meinte ich einen Holzschuppen, der am Fuße des Hügels lag. Tatsächlich, es war eine Alchemiewerkstatt mit einer kleinen Bandsäge, einer Drehbank, unzähligen Sperrholzstücken, Kartonformen, Stangen und natürlich Farbtöpfen. Und einem etwas älteren Mann. Es roch geheimnisvoll nach Sägestaub, Salz und Ölfarbe. Da hatte sich ein Mensch mitten auf dem nicht so platten Land ein kleines Reich geschaffen. Und eine grandiose Verkaufsidee dazu. Um es kurz zu machen, der Mann verwickelte mich in einfühlsam geführte Verkaufsgespräche. Ich wollte aber unbedingt aus der großen Auswahl an Getier MEINE Graugans haben. Keine Ahnung, ob es eine Graugans sein soll. Ich nenne sie aber so: „Mein Gänschen“. Zurück im Feriendomizil war der Abendtisch von der Hausherrin liebevoll gedeckt. In einer Scheune. Der Tisch war bankettartig lang, mit einem weißen Tischtuch und einer Dekoration aus Efeugirlanden. Es gab Spaghetti mit Muscheln. Ich hatte keinen Hunger und betrachtete liebvoll mein Gänschen auf den Knien.

~Der Flugplatz: Im Sommer von der Sonne beschienen, im Winter tief verschneit~

Heute trotzt die Gans den Winden auf meinem Balkon. Jedes Jahr werden die Gelenke frisch geölt. Bei Windstille ist sie schlapp. Aber kaum kommt ein Lüftchen auf, fängt sie sich lustig an zu drehen. Bei Sturm fliegt sie unglaubliche Drehmomente und im Winter hat sie ein Hermelinfell aus Schnee. „Flieg´ mit dem Wind“, denke ich dann.

Anita Leupi von der Quartier- und Jugendarbeit Hochstrasse und Nina Dummel von der Zentrale der Jugendarbeit Schaffhausen haben eine im wahrsten Sinne köstliche Idee gehabt. Im Quartierstreff Sivana auf der Hochstrasse kochten die Meisterköchinnen Ines, Samira und Vanessa für eine Gruppe reizender Senioren. Ines, Samira und Vanessa werden Ihnen weder aus Kochshows noch aus Gourmettempeln bekannt sein. Sie sind Schülerinnen im zarten Alter und dafür schon ganz schön frech. Aber auch talentiert und neben ihrer Ungezwungenheit auch überraschend höflich. Unter Anleitung von Anita und Nina hatten sie zum Galadinner, bestehend aus drei Gängen, geladen. Das ließen sich die Senioren, die vorzugsweise oberhalb der Hochstrasse wohnen, nicht entgehen. Ines, Samira, Vanessa und ihre Freundinnen wohnen vorzugsweise unterhalb der Hochstrasse. Die Senioren sind ehrwürdige Schweizer und einige wenige von ihnen vor vielen Jahren aus Italien zugezogen. Ines, Samira, Vanessa und die meisten Jugendlichen im Silvana sind Zuwanderer, wenn auch in der Schweiz geboren. Darauf sind sie stolz. Diese Symbiose von Alt und Jung funktioniert nicht? Doch, und zwar ausgezeichnet.

~Die Meisterköchinnen vom Quartiertreff Slivana: Ein Ausschnitt aus der Einladung~

Als ich durch Nina Dummel von diesem Begegnungsessen erfuhr, war ich hin und weg. Richtung Hochstrasse. Was für eine schöne Idee! Da musste ich dabei sein und ich wurde prompt von Frau Leupi und Frau Dummel eingeladen. Natürlich war ich zeitig vor dem eigentlichen Essen da, denn mich interessierte alles. Das Menue hatten die drei Meisterköchinnen unter sachter Anleitung wohl selbst ausgesucht. Zum Apero gab es Bruschetta. Köstlich. Natürlich mit etwas Knoblauch. Aber nicht zuviel. Ines, Samira und Vanessa sind rücksichtsvoll. Später gab es Spaghetti, wahlweise mit den Soßen Carbonara oder Tomate. Der Einfachheit halber mit Weiß oder Rot bezeichnet. Köstlich, köstlich. Und zum Dessert gab es ein feines Eis, wiederum wahlweise mit Erdbeer- oder Schoggisoße. Die kühn aus der Plastikflasche. Köstlich, köstlich, köstlich. Alles wurde von Ines, Samira und Vanessa mit großem Eifer und mit viel Spaß und Liebe zubereitet. Es wurde geschnibbelt, gebrutzelt und gerührt. Es wurde Parmesan gerieben und der Tisch wurde schön eingedeckt. Natürlich hat Nina den einen oder andern Erwachsenentipp gegeben. Klar doch.

Als Die Senioren pünktlich eintrafen, waren auch plötzlich alle Freundinnen von Ines, Samira und Vanessa da. Die Kids begrüßten die reizenden Damen und Herren aufs Unterhaltsamste und servierten, dass es eine wahre Freude war. Übrigens immer von der richtigen Seite. Den Senioren hat es offensichtlich geschmeckt. Beim Espresso sinnierte ich über den Sinn des Ganzen. Ältere Leute sind oft allein und sie brauchen einen Anlass, um aufzutauen. Kindern macht es Spaß, Verantwortung zu übernehmen. Und mir sind alte Menschen und Kinder eh sympathisch. Ich kann mit der Generation dazwischen eigentlich nicht viel anfangen. Warum? Die ist so brutal zielgerichtet und hektisch karriereorientiert.

Ach so, und gesungen wurde auch noch.

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~Kochen von der Rasselbande  für nette Senioren~

Am 4. November 2011 haben mich die Nachrichten kalt erwischt. Mars 500 war gelandet und ich hatte ein schlechtes Gewissen. Wusste ich doch von diesem Projekt, das am 3. Juni 2010 gestartet wurde. Da wurden sechs Freiwillige von der russischen Weltraumagentur Roskosmos und der europäischen ESA in einen Komplex eingeschlossen, indem das Verhalten unserer wohl höchsten Spezies, dem Menschen, während 520 Tagen getestet wurde. Diese Zeit braucht man vermutlich, um mit heutigen Antriebstechniken zum Mars und wieder zurück zu kommen. Werden sich die Besatzungsmitglieder mit einem Tagesgehalt von 120 Euro verhalten wie Tiere? Vielleicht wie Menschen? Wobei mir der Unterschied da manchmal nicht klar ist.

Zurück zu meinem schlechten Gewissen: Ich hatte die kasernierten Astronauten schlichtweg vergessen und nachgerade bin ich froh, dass ein Projektleiter oder vielleicht sogar der Hausmeister im Institut für Biomedizinische Probleme in der Nähe von Moskau – da fand der Wahnsinn statt – nicht ganz so nachlässig war. Die Landungstür für die sechs Männer – Romain Charles (Frankreich, 31 Jahre, Ingenieur), Suchrob Kamolow (Russland, 32 Jahre, Chirurg), Alexei Sitjew (Russland, 38 Jahre, Ingenieur), Alexander Smolejewski (Russland, 33 Jahre, Allgemeinarzt), Diego Urbina (Italien, 27 Jahre, Ingenieur) und Wang Yue (China, 27 Jahre, Taikonautenausbilder) – wurde geöffnet und die Befreiten strahlten ganz gruppendynamisch. Wow! Glück gehabt.

~Foto vom Roten Planeten, kreiert von der NASA und der ESA mit dem Hubble-Weltraumteleskop. Das Bild ist gemeinfrei~

Man mag über Sinn oder Unsinn dieses 15-Millionen-US-Dollar-Projekts denken wie man will, interessant war es schon. Bei einem Vorläuferprojekt kam es nämlich in der Neujahrsnacht 2000 zu Prügeleien zwischen russischen Gruppen und ein Ruski versuchte sogar eine Kanadierin gewaltsam zu küssen. Diesmal war es ruhiger, denn statt Frauen war wohl der Playboy mit an Bord. Wenig medizinisch relevant war der Test wohl auch durch die Tatsache, dass die Schwerelosigkeit und eine vermutete Strahlenbelastung fehlten. Also ein Spiel in unserm kleinen planetaren Sandkasten. Aber die vier Module der Raumstation boten ordentlich Abwechslung. Langeweile ist wohl das Schlimmste auf einem interplanetaren Flug. Im Medizin- und Forschungslabor wurde auf 38 Quadratmetern ordentlich gewerkelt. Im Wohnmodul von 72 Quadratmetern durfte geschnarcht und wohl auch getanzt werden. Ein Vorratsmodul von 94 Quadratmetern bot reichlich Essen und Verbrauchsmaterial. Letzteres bestand wohl nicht nur aus Klopapier und Ersteres bestand aus abgepackten Rationen. Das stelle ich mir besonders schlimm vor, denn ich bin mir sicher, dass ein köstlicher Wurstsalat oder ein ordentliches Gnagi nicht dabei waren. Aber ich will ja auch nicht zum Mars und außerdem bin ich zu alt dafür. Essen ist, nebenbei gesagt, die Erotik des Alters und somit hätte ich die Kanadierin nur auf eindeutige Aufforderung geküsst. Den Vogel abgeschossenen haben die Planer mit dem Mars-Modul. Auf 39 Quadratmetern wurde ein Marsboden simuliert mit einem künstlichen Sternenhimmel darüber. Habe ich nicht vorhin vom Sandkasten gesprochen? Schade, dass dieser Bereich nur für strikte 30 Tage zugänglich war. Zwischen der Kanadierin und mir hätte es dann unter dem Firmament bestimmt gefunkt. Aber die war bei Mars 500 ja nicht dabei und ich auch nicht.

Apropos funken: Interessant war die Kommunikation zwischen Marsflugkörper und Mutter Erde. Es wurde tatsächlich gefunkt und auch gemailt. Allerdings je nach gedachter Entfernung zur Bodenstation während der Reise mit bis zu 20 Minuten Verzögerung. Meine Nachricht „Ich habe ein bezauberndes Gedicht geschrieben“ oder „Ich habe die Kanadierin geknackt“ wäre somit veraltet gewesen. Aber vielleicht auch nicht so wesentlich. Anders hat sich die Crew von Mars 500 verhalten. Sie mussten simulierte Notfälle meistern und ansonsten ähnliche Arbeiten wie auf der Raumstation ISS durchführen. Die Männer, die nach 520 Tagen aus dem All zurückkehrten, sind nun Helden der Wissenschaft. Allerdings ohne während des Flugs zu wissen, wer welche Flügelchen, BH´s und Höschen während der letzten Victoria’s Secret-Show getragen hat.

Recht besehen passt unser jüngstes Gericht der Serie „Brutzeln für Unbedarfte“ eher in die sommerliche Jahreszeit. Und außerdem wird nicht gebrutzelt, sondern nur angerührt. Aber es gab bei mir doch noch einen schönen Herbsttag, der die wehmütige Erinnerung an Sommerfreuden weckte. Also machen wir uns an einen Bohnensalat mit Thunfisch, der Ihnen aus Italien als „Insalata di Fagioli e Tonno“ bekannt sein dürfte. Auch wenn die Küche kalt bleibt, wird der Salat unserer Serie gerecht, da er wirklich einfach zu zaubern ist.

~Feinste Soisson-Bohnen: Grundlage für den Bohnensalat mit Thunfisch~

~Thunfisch aus der Dose: Der angenehme Begleiter zu den Bohnen~

Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, den Salat zuzubereiten: Man kann in den italienischen Feinkostladen des Vertrauens gehen und sich teure Borlotti-Bohnen und feinstes eingelegtes Thunfischfilet einpacken lassen. Oder man geht zur Migros – in Deutschland meinetwegen zu Aldi – um die Hauptzutaten dort aus dem Dosenregal zu nehmen. Tun wir mal so, als wären wir arme Studenten und suchten einen Ersatz für den berüchtigten Party-Nudelsalat. Eine mediterrane und einfache Köstlichkeit als Variante.

~Zwiebelringe: Etwas Schärfe und Typik für einen mediterranen Salat~

~Peperoncini: Noch mehr Schärfe gegen die Langeweile~

Also: Die Bohnen – hier waren es weiße Soisson-Bohnen – in ein Sieb schütten und gut mit Wasser abspülen. Den Thunfisch – allgemein ist der Thunfisch aus der Dose im eigenen Saft eingelegt qualitativ hochwertiger als der in Olivenöl – in einer Salatschüssel zerbröckeln und vorsichtig die Bohnen darunterheben. Das Verhältnis von Bohnen und Thunfisch sollte grob 2:1 sein. Mehr Bohnen. Nun geht es an die Marinade: Eine große Zwiebel oder zwei Schalotten längs halbieren und in feine Halbringe schneiden. Petersilie wäre auch nicht schlecht. Dann gut salzen und pfeffern und mit etwas Olivenöl und weißem Balsamico-Essig verrühren. Der Saft einer halben Zitrone oder Limette macht sich auch gut. Nun die Soße mit den Bohnen und dem Thunfisch vorsichtig vermengen. Matsche sähe Scheiße aus. Zirka 30 Minuten ziehen lassen und gegebenenfalls nochmals abschmecken. Da die Bohnen und der Thunfisch von Natur aus trocken und etwas langweilig sind, habe ich mit etwas mehr Öl und Essig und vor allem mit in feine Ringe geschnittenen roten Peperoncini nachgeholfen. Kein Rezept ist in Stein gemeißelt und etwas Frische und Schärfe tat dem Ganzen gut.

~Der Thunfisch-Bohnen-Salat: Köstlich schmeckend und schnell zubereitet~

~Ein gutes Stück Brot: Mehr braucht es nicht zum Salat~

Übrigens: Wie wir wissen, gehört der Thunfisch zu den gefährdeten Arten. Das nächste Mal werde ich an Stelle dessen geräucherten Schinken oder Speck nehmen. Das schmeckt bestimmt auch gut. Aber nur mit weniger Essig. Es ist vielleicht etwas kreativer und kein Schwein pfeift nach Rezepttreue.

Die fabelhaften Nina Dummel und Kerstin Willuweit von der Abteilung Quartier und Jugend Schaffhausen haben es am 27.10.2011 wieder mal ordentlich krachen lassen. Im „Chäller“ Schaffhausen, der früher mal Jugendkeller hieß. Stören Sie sich nicht an dem „CH“. Es ist eine beliebte Angewohnheit der Schweizer, das ordinäre „K“ durch ein umgangssprachliches „CH“ zu ersetzen. Sonstigen Europäern dürfte es vom Autokennzeichen der Schweiz bekannt sein. Der Chäller ist eine alte Amüsiereinrichtung Schaffhausens, die bis vor einigen Jahren ziemlich heruntergekommen war und dann mit Hilfe der Stadt und nun unter Leitung von Patrick Heer und Manuela Hanke ordentlich floriert. Ich kenne den damaligen Jugendkeller noch aus der Zeit, als wir mit roten Köpfen und voller Romantik zu „Michelle, ma belle“ schwoften.

Die Newcomer-Gruppen die auftraten – allesamt mit betäubendem Metal-Sound – ließen den Chäller ziemlich beben. Er hat aber die wohl irrtümliche Ami-Bombardierung Schaffhausens im Zweiten Weltkrieg überlebt und so musste es einem nicht bange sein. Komisch war es aber schon. Die Bank, auf der ich saß, hatte etwas Vibrierendes wie weiland die Hotelbetten, die man mit einer guten alten D-Mark zu ungeahnten und nervigen Lustgefühlen bewegen konnte. Sie kennen das vielleicht: Mark in ein Kästchen rein und schon fängt das Bett an zu wackeln. Die vier Bands in der Reihenfolge ihres Auftritts: Point at Issue aus Schaffhausen, Selfish Hate aus dem deutschen Freiburg, In Love Your Mother aus dem Kanton Zürich und Totemstack aus dem Kanton Graubünden. Es war eine verschworene Gemeinschaft von Musikern im Geiste und so war auch das Publikum. Allesamt Metal-Fans. Da unsere Damen lieber häkeln wollten, war ich mit Faxe da, einem Freund der Metal-Musik wohl schon mit der Muttermilch bekommen hat. Und mit Andy, der sich hartnäckig weigert ein TV-Gerät anzuschaffen, durch die Lektüre von mindestens vier Tageszeitungen aber immer auf den neusten Stand ist.

~Selfish Hate aus Freiburg: Dröhnende Kerls in kurzen Hosen~

~Selfish Hate direkt: Forsche Sprüche und Buhlen um Schlafgelegenheiten~

~Selfish Hate ganz unten: Schuhwerk für furiosen Auftritt~

Kommen wir zu Point at Issue. Normalerweise bin ich ziemlich skeptisch, was das Talent Schaffhauser Musiker anbelangt. Es gibt zwar recht ordentliche Musik, die ich aber eher als Mainstream bezeichnen würde. Die Jungs aus der Kleinstadt waren aber für mich erfreulich gut. Ich kannte sie bis anhin nicht und war schon deswegen angenehm überrascht. Nun bin ich keiner, der mit Fachwörtern über Metal um sich schmeißt. Dazu ist mein Zugang zu dieser Heftigkeit etwas zu begrenzt. Ich kann aber beurteilen, wie virtuos eine Gruppe ist. Point at Issue entsprach meinen Kriterien und ich mochte sie, schon weil der Sohnemann eines Freundes der Sänger ist.

Selfish Hate kann man, nach allem was ich von ihnen weiß, eigentlich nicht als Newcomerband bezeichnen. Sie touren nämlich schon seit 2006 durch ganz Deutschland und Teilen der Schweiz und waren immerhin irgendwann mal Vorgruppe der New Yorker Bloodclot. So routiniert spielten sie auch. Ganz unbescheiden vom Auftritt und immer wieder mit lockeren Sprüchen dazwischen. Ob ihr Vorhaben, bei Schaffhauser Mädchen zu übernachten, in Erfüllung gegangen ist weiß ich nicht. Das ist in dieser schönen Stadt eher schwierig.

Totemstack spielte ganz zu Schluss, gegen Mitternacht, und der Großteil des Publikums hatte sich schon zum letzten Bus verkrümelt oder fachsimpelte in der Raucherlounge. Ihr Vortrag war zwar professionell. Aber wer tritt schon gerne für einige Unentwegte auf?

~In Love Your Mother: Sänger und Gitarrist Valentin Baumgartner~

~In Love Your Mother: Bassgitarrist Thomas Etter~

~In Love Your Mother: Drummer Andrea Tinner~

Nun aber zu den fabelhaften In Love Your Mother. Ihnen gehört meine Begeisterung und ich kenne die drei Musiker ziemlich gut. War ich doch schon in ihrem Übungsraum in Bülach bei Zürich und spielten sie doch bei meinem Theaterstück „Liebe im Dunkeln“ in den Munotkasematten. Warum erwähne ich sie so lobend? Valentin, der Gitarrist, ist ein Musiker, der so ziemlich jedes Instrument spielen kann. Er war Straßenmusiker und studiert nun Jazz in Luzern. Bei den In Love Your Mother verzichtet er aber auf alles, was nicht Metal ist. Nicht ganz, denn die Stücke der Gruppe sind außergewöhnlich interessant arrangiert und von fremden Einflüssen geprägt. So ist ihre Metal-Musik einzigartig und anders als üblich. Valentin harmoniert ausgezeichnet mit dem sehr solide wirkenden Bassgitarristen Thomas. Und Andrea, der Drummer, spielte an diesem Abend so heftig, wie wenn es um sein Leben ginge. Großartig. Nochmals zurück zu der Virtuosität von Valentin. Seine Gitarrenkünste gehen weit über das hinaus, was man von Metal gewohnt ist. Bei dem köstlich und fremd klingenden Song „Mai Tai“ zum Beispiel spielt er in gewissen Parts die Gitarre hinter dem Rücken, wie der gute alte Jimi Hendrix. Er springt aus dem Stand auf die Boxen oder auf die große Trommel. Tatsächlich, das habe ich von ihm schon gesehen. Bisweilen spielt er am Boden liegend oder geht ins Publikum. Alles Show, aber ein begnadeter Musiker kann sich das leisten. Einfach grandios. Wie die gesamte Gruppe.

Am 10. September 2011 wäre der Thurgauer Fotograf und Lehrer Hans Baumgartner hundert Jahre alt geworden. Ausstellungen in Kreuzlingen, Steckborn und Frauenfeld zeugen von seinem Schaffen. Ich besuchte die Ausstellung „Hans Baumgartner: Herkunft und Welt – In erster Linie Menschen“ im Museum im Turmhof zu Steckborn, meinem Heimatort. Und die Ausstellung „Hans Baumgartner – Bilder vom See“ im Seemuseum zu Kreuzlingen. Zum Turmhof allgemein habe ich vor langer Zeit einen Artikel geschrieben. Ein Artikel zum Seemuseum allgemein wird noch folgen. Hier geht es aber um die großartigen Fotografien von Hans Baumgartner und um den Menschen, der dahinter steht.

Hans Baumgartner, am 10. September 1911 in Altnau TG geboren, am 28. Dezember 1996 in Frauenfeld verstorben, war ein großartiger Mensch und Pädagoge, hauptberuflich Sekundarlehrer in Steckborn. Er war der Klassenlehrer meines Bruders und ich hatte das Vergnügen, an seinen Naturkundestunden teilzunehmen, wenn unser verantwortlicher Lehrer ausfiel. Leider kam das viel zu selten vor, denn Hans Baumgartner unterrichtete auf ungewöhnliche, aber faszinierende Art und Weise. Er ging mit uns in den Wald oder wir saßen am Feuchtbiotop in seinem Garten und er brachte uns die Welt von Flora und Fauna faszinierend näher. Unterricht mit direkter Anschauung in einer Zeit, als die Steckborner noch nicht wussten, wie man „Feuchtbiotop“ schreibt, geschweige denn eins hatten. Er war auch der erste einsame Rufer in der Ignorantenwüste, der vor einer Verelendung des Bodensees warnte und mit Macht gegen die damals projektierte Umschiffung des Rheinfalls warb. Steckborn gehörte denn auch zu den ersten Gemeinden am Untersee, die eine Kläranlage bauten und die Hirschen Hafenkneipe an der Steckborner Seestrasse wartet seitdem immer noch auf besoffene Matrosen aus Amsterdam. Hans Baumgartner war ein engagierter Mensch, der die Zeichen der Zeit erkannte.

~Das Plakat zur Ausstellung im Seemuseum. Bilder von Hans Baumgartner habe ich aus rechtlichen Gründen nicht fotografiert. Sie sind aber unter dem nachstehenden Link „100 Jahre Hans Baumgartner“ zu finden~

Hans Baumgartner war aber und vor allem ein großartiger Fotograf. In diesem kleinen Örtchen am Untersee schuf er Fotografien, die sich damals an den Erzeugnissen der Weltfotografen, zumindest derer der Schweiz, messen konnten. Das ist kühn gesagt, stimmt aber. Seine Bildästhetik, sein Witz und seine Beobachtungsgabe für ungewöhnliche Momente stützen es. Er fotografierte lange schwarz/weiß, natürlich den damaligen Umständen entsprechend. Sein erstes Labor war ein umfunktioniertes Klo oder ein Badezimmer. Das weiß ich nicht mehr genau. Seine Bilder mit ihrer Ästhetik sind sorgfältig komponiert. Etwa das Motiv von 1948 mit Jugendlichen, die in Waschzubern, mit Wurstbrettchen rudernd, ein Rennen auf dem Untersee veranstalten. Da hat er nichts arrangiert, aber geduldig gewartet, bis sich eine gute Form des Bildinhalts ergab. Oder das Bild der verschneiten Steckborner Dächer. Da ist er beim ersten Schnee auf den evangelischen Kirchturm geklettert, um die Ästhetik von hell und dunkel zu nutzen. Oder die Bilder vom zugefrorenen Untersee oder vom verschneiten Seerücken. Da hat er geschickt Nebelfetzen oder Dunst genutzt, um klar strukturierte Eben von vorne und hinten, von hell und dunkel zu schaffen. Sein Bildwitz resultiert aus Momenten, die mich stark an den heute so gerühmten Elliott Erwitt erinnern. Baumgartner sah dies durch sein Objektiv nur Jahrzehnte früher. Die Kinder auf einem Dachfirst sitzend währen einer Veranstaltung. Den Zigarrenmann mit Bowlerhat beim Pfingstrennen Frauenfeld. Das pickende Huhn auf einem verlassenen Festwirtschaftstisch. Den Reisenden auf einem Busdach stehend im Vordern Orient. Seine Beobachtungsgabe war einmalig. Er fotografierte logischerweise oft seine oder andere Schüler. Anrührend das Bild vom barfüssigen und auf Zehenspitzen stehenden Mädchen an der Schiefertafel. Oder das Foto vom Erstklässler, der mit den ersten Buchstaben kämpft. Oder seine zahlreich beobachteten Momente während Schulausflügen. Die meisten beschriebenen Fotos finden sie auf der Website „100 Jahre Hans Baumgartner“, die hier verlinkt ist. Und noch viel mehr.

Hans Baumgartner war ein geduldiger und scharf beobachtender Fotograf. Aber auch ein Rebell. Er fuhr schon als junger Mann mit seinem Motorrad mit der Nummer „TG 1000“ durch die Welt und kehrte aber immer wieder in seine geliebte Heimat im Thurgau zurück. Er hat sich außerordentliche Verdienste als Chronist gemacht. Er fotografierte einfache Leute, oft Bauern und Handwerker. Vieles was an Brauchtum ausgestorben ist, ist in seinen Bildern bewahrt. Ich habe ihn beim fotografieren oft gesehen und viele im Dorf schmunzelten über ihn. Etwa wenn er im Gewühl des Steckborner Jahrmarkts, auf Zehenspitzen stehend und durch den Schachtsucher seiner Kamera sehend versuchte, von den Steckborner Köpfen ein gutes Bild zu machen.

Die beiden Ausstellungen im Turmhof und im Seemuseum habe ich mit dem fabelhaften Schaffhauser Fotografen Rolf Wessendorf besucht. Baumgartner und Wessendorf sind Brüder im Geiste und Rolf ist etwas jünger als es Baumgartner war. Beide wussten voneinander und wollten sich immer kennenlernen. Das ist leider nie geschehen. Die Ausstellung im Turmhof ist etwas kleiner, aber es gibt da von Baumgartner erstellte Originalabzüge – sogenannte Vintage Prints – und handschriftliche Aufzeichnungen zu seinen Fotografien. Die Ausstellung im Seemuseum widmet sich ganz den Bildern vom See. Hier sind die Abzüge nachträglich in guter Qualität gemacht, teilweise sogar von Kontaktabzügen. Auch findet sich eine Videodokumentation über den Fotografen von Yvonne Escher.

Hans Baumgartners Fotografien sind in vielen Zeitschriften immer wieder publiziert worden. Es gibt sorgfältig gemachte Bildbände von ihm und sein Werk ist in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur mit rund 120.000 Aufnahmen erhalten. Er schuf auch Filme und fotografierte später in Farbe. Meine Liebe gehört jedoch seinen Schwarz-Weiß-Bildern. Hans Baumgartner wurde Ehrenbürger von Steckborn – dieser Gemeine, die ihn erst missäugig beobachtete –  und Thurgauer Kulturpreisträger.

~Eierschwämmli: Köstlichkeit aus dem Wald~

Das letzte Gericht unserer Serie für unbedarfte, aber unentwegte Brutzler, Gulasch mit Paprika, passte gut in einen lauen Sommerabend. Nun klopft aber der Herbst mit Macht an unsere Tür. Die Schatten werden länger und bisweilen riecht es modrig. Vor allem im Wald. Aber auch auf dem Wochenmarkt. Dort gibt es nämlich Pilze. Auch Eierschwämmli. Der Eierschwamm, der gemeinhin als Pfifferling oder wissenschaftlich als „Cantharellus cibarius“ bezeichnet wird, ist wie gemacht, unsern Speiseplan im Herbst aufs Köstlichste zu befruchten. Wobei Pilze allgemein natürlich keine Frucht, noch nicht mal eine Pflanze sind. Die eukaryotischen Lebewesen bilden neben Tieren und Pflanzen ein eigenständiges Reich. Kein Wunder, da es vermutlich über 1.000.000 Arten Pilze gibt. Und die ersten vor 1200 Millionen Jahren in der Evolution auftauchten.

~Schalotten: Unentbehrlicher Begleiter zum jüngsten Gericht~

~Speck gewürfelt: Beilage für Nicht-Vegetarier~

Wir wenden uns hier aber nicht dem Hallimasch in Oregon zu, der als größtes Lebewesen der Welt gilt und 880 Hektar groß und zirka 600 Tonnen schwer ist. Auch nicht den psilocybinhaltigen Pilzen wie dem Magic Mushroom. Auch wenn Sie das gerne gehabt hätten gilt unsere Nase ganz dem Eierschwamm. Der riecht auf dem Markt erdig, in der Pfanne köstlich und auf dem Teller, richtig und trotzdem einfach zubereitet, entfaltet er seine ganze Pracht. Nebenbei gesagt habe ich die absolut delikatesten Eierschwämmli in einem Landgashof im Appenzellerland gegessen. Draußen im Garten mit einem Rehfilet und Kräutern. Wobei meine Erinnerung bestimmt durch die angenehme Begleitung veredelt wurde. Aber keine Sorge. Pfifferlinge gibt es jetzt überall und um Ihre angenehmen Mitesser brauche ich mir bestimmt keine Gedanken zu machen.

~Frische Kräuter: Krönung auf der Sahne~

~Malerischer Teller: Ruckzuck gemacht und gut~

Also: Schalotten kleinwürfeln und in Butter anbraten. Kleine Speckwürfel mitbrutzeln. Vegetarier lassen diese weg. Die geputzten Eierschwämme dazugeben. Putzen bedeutet hier keinesfalls abspülen, sondern nur die Erde etwas abklopfen. Kurz anschmoren und dann mit etwas Weißwein ablöschen. Statt Wein geht auch Gemüsebrühe. Spät salzen und pfeffern. Das frühe Salzen würde die Pilze matschig machen. Nicht zu lange köcheln lassen und dann etwas Sahne dazugeben. Kurz vor dem Anrichten gehackte Kräuter darüber streuen. In meinem Fall waren es Petersilie und Schnittlauch. Gut passt auch Kerbel, Thymian oder sogar Koriander. Aber Vorsicht: Sie sollten den feinen Geschmack der Eierschwämmli nicht überdecken. Das wäre schade. Was gut dazu schmeckt sind Vollkornnudeln oder Kartoffelstampf oder einfach ein Stück Brot. Das geht zum Tunken der Soße auch. Und falls es die Haushaltskasse zulässt ein Stück Wild. Aber pur würdigen Sie die Eierschwämme am Besten. Nun können die Frühnebel aufsteigen und die Blätter fallen. Mal schauen, was es demnächst gibt.

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