Defilee der Fantasien: Show
Oktober 30, 2012
Das Defilee der Fantasien konnte nun endlich stattfinden. Sie erinnern sich: Als Defilee wurde eine Show bezeichnet, bei der Kinder um die zwölf Jahre der Zündelgutschule Schaffhausen selbst gefertigte Kostüme aus Papier, Karton, Hobelspänen, Luftpolsterfolie, Einkaufstüten und vielen weiteren schönen und noch verwertbaren Materialien präsentieren sollten. Eine Recyclingshow eben. Auf einem Laufsteg in einem schönen Industrieraum, der zum Museum zu Allerheiligen Schaffhausen gehört. Der Laufsteg und das Jurypodest waren aufgebaut. Auf die Jury mit dem Stadtpräsidenten Thomas Feurer, der Vize Miss Schweiz Julia Flückiger und der Modefotografin Amanda Camenisch warteten Bewertungsbogen. Die Presse war eingeladen. Der Fotograf stand bereit. Die Schulbusse, die die Kinder transportieren sollten, waren startklar. Und vor allem war das Publikum über kleine, aber feine Werbeaktivitäten neugierig gemacht worden. Flyer und Plakate in zielgruppenaffinen Restaurants und Szenentreffs wurden frühzeitig verteilt.
~Die Jury: Amanda Camenisch, Thomas Feurer, Julia Flückiger~
Eigentlich war alles in trockenen Tüchern und es konnte nichts mehr schief gehen, sofern man das bei Events mit Kindern behaupten kann. Trotzdem gab es Schwierigkeiten. Die wurden aber nicht durch die Kleinen verursacht, sondern von meiner so geliebten Jugendarbeit Schaffhausen. Ich hatte sie im Vorfeld gutgläubig einbinden wollen und sie sollten jetzt noch einige Arbeiten erledigen, die seit langem mit ihnen geplant waren. Es ist bei vermeintlichen Partnern so wie mit Fluggesellschaften. Hat man die falsche gewählt, kann man nicht mehr aussteigen. Vor allem beim Flug, hier drei Tage vor dem Event. Es gibt kurzfristig keine Alternativen mehr und man muss einfach durch. Ich will jetzt aber nicht über die teilweise absurden Schwierigkeiten berichten. Das interessiert nachträglich keinen und es ändert auch nichts. Ich erzähle lieber etwas über den beachtlichen Erfolg des Defilees der Fantasien.
~Das Publikum: Mehr als 220 Menschen~
Schon vor dem Beginn der Show war die Halle bis zum Bersten von Zuschauern gefüllt. Ich hatte 200 Neugierige erwartet und es waren weitaus mehr. Die Kinder, die wir mit ihren Kostümen durch einen Hintereingang des Museums an den Besuchern vorbei eingeschleusst hatten, waren natürlich etwas nervös. Grosses Publikum kennt man in diesem Alter nicht. Die Pädagogen von der Zündelgutschule waren aber auch hier überaus professionell. Es war wie vor jedem Auftritt bei einer Modenschau in Mailand, New York oder Paris. Jedes einzelne Kind wurde gecoacht, auf den Auftritt eingeschworen und kleine Transportfehler an den Kostümen wurden repariert. Dann wurde das erste Kostüm angekündigt. Mit Startnummer, Vornahme des Schöpfers und Titel des Kostüms. Die Musik, eigens für jeden Auftritt von meinem Freund Kim Wahl passend herausgesucht und abgespielt, verwandelte den Laufsteg in Magie. Benjamin, der Astronaut, bewegte sich zur Musik von „Major Tom“ ziemlich schwerelos über den Laufsteg. Er hatte sich in einer Vordiskussion bereit erklärt, den schwierigen Anfang zu machen. Spannend wurde es für mich bei Ipal, dem Roboter. Er war in den ganzen Workshops unglaublich übermotiviert und ich hatte Angst, dass er durch die schmalen Augenschlitze seines Kostüms aus Eierkartons nichts sehen konnte. Er wollte seinen Helm aber partout nicht verändern und der Titel „Wir sind Roboter“ von Kraftwerk hat ihm wohl ohne Absturz geholfen. Danach wurde ich ruhig. Ich wusste, die achtundzwanzig Kinder der Zündelgutschule würden es gut machen.
~Julia Flückiger mit der glücklichen Siegerin Flamenca~
Natürlich gab es durch das jeweilige Kostüm und den entsprechenden Auftritt Höhepunkte. Der Applaus der Zuschauer überschlug sich bisweilen. Da ich das Ganze moderierte, konnte ich auch die Reaktion der Jurymitglieder sehen. Nach den Workshops und meiner Sympathie für alle Kinder war ich froh, keine Entscheidung über die Platzierung fällen zu müssen. Lena, die Rokokodame, hätte ich in ihrem ausgestellten Kostüm aus Tortenpapier, über einen Hula-Hoop-Reifen gelegt, ganz vorne erwartet. Ebenso Joris, den Zeitungsreporter. Ganz in einem Kostüm aus Zeitungspapier. Sie waren auch in der Punkteauswertung der Jury ganz weit vorne. Den ersten Platz machte Muriel, die Flamenca. Sie war hinreißend und sie erzählte mir einmal bei der Befestigung einer Schleife aus Krepppapier, dass sie Ballettunterricht macht. Den zweiten Platz belegte Louise, das Fräulein Pünktchen. Den hat sie sich wahrlich verdient. Ich habe noch nie ein so konsequentes Kind mit Fantasie an Material arbeiten sehen. Es gab aber keine Verlierer. Vielleicht hatten die Mädchen in den Augen der Jury und des Publikums leichte Vorteile. Mich hat aber auch begeistert, wie engagiert die jungen Männer gearbeitet haben. Nix von „Modekram, nein danke“. Mode und Recycling hin oder her, es wächst eine kreative Generation heran. Es gab zwar für die ersten Plätze Warengutscheine, gespendet von Schaffhauser Unternehmen. Aber auch Trostpreise für alle, ebenfalls gespendet von Schaffhauser Unternehmen. Es gab keine Verlierer. Und das war mir wichtig. So sahen es auch die Pädagogen von der Zündlgutschule: „Das war für die Kinder ein gutes Erlebnis.“
~Die Kostüme der Show~
© Alle Fotos Renato Biscaro
Defilee der Fantasien: Workshops
Oktober 19, 2012
Das Defilee der Fantasien kam mit den Workshops an der Primarschule Zündelgut Schaffhausen in eine wichtige Phase. Sie erinnern sich an meinen letzten Beitrag zum Thema. Auf einem Catwalk sollten junge Schülerinnen und Schüler im Alter von um die zwölf Jahren selbst gebastelte, wunderbare Kostüme präsentieren. Dahinter stand neben der Freude am Werkeln und dem späteren Erfolg am Defilee im Schaffhauser „Museum zu Allerheiligen“ eine pädagogische Idee von mir, die sich am Besten mit einem Auszug aus meiner Presseerklärung wiedergeben lässt. Bitte: „Die Idee des verantwortungsvollen Umgangs mit Rohstoffen scheint manchmal aus dem Bewusstsein zu verschwinden. Darum haben Fünft- und Sechstklässler von der Zündelgutschule in Buchthalen in mehrwöchigen Workshops unter Anleitung von deren Pädagogen und dem Initiator des Defilees fantasievolle Kostüme aus Papier, Karton, Hobelspänen, Luftpolsterfolie, Einkaufstüten und vielen weiteren schönen und noch verwertbaren Materialien gebastelt.“ Alles klar? Der Initiator war übrigens meine Wenigkeit.
~Die Schwierigkeiten des Materials~
Nun könnte ich viel über zwei aufregende Wochen erzählen. Ich war alltäglich nach den Workshops fix und fertig. Kinder in diesem Alter brauchen viel Zuwendung. Sie sind sehr begeisterungsfähig. Vor allem, wenn es um eine ungewöhnliche Beschäftigung außerhalb der üblichen Unterrichtsthemen geht. Sie stellen aber Fragen über Fragen. Minütlich. Und das nicht der Reihe nach sondern gleichzeitig. „Wie schneidere ich einen ausgestellten Rock aus Halbkarton?“ „Wie nähe ich mein Kostüm aus Luftpolsterfolie?“ „Wie mache ich Röschen als Dekoration aus Klopapier?“ „Wie mache ich einen Helm aus Pappmaché?“ Ich wurde noch nie so gefordert. Das war aber auch gut so. Es war schließlich Bestandteil des Konzepts, hilfreich mitzuarbeiten. Und ich muss gestehen, ohne die äußerst professionelle und angenehme Mitwirkung der Pädagogen der Zündelgutschule wäre wohl nix aus dem großen Plan geworden. Die vorab auch von mir gerühmten Mitarbeiter der Jugendarbeit Schaffhausen waren übrigens in der Vorbereitung nicht zugegen. Ich hatte vier Monate vor dem Defilee alles mit ihnen besprochen. Mir wurden immer wieder Zusagen gemacht. Doch nichts geschah. Nachdem achtundzwanzig sehr schöne Kostüme – vom Roboter, der Schneekönigin, der Rokokodame, dem Fräulein Pünktchen, dem Kronkorken, der Flamenca bis zur Mülltüte etc. – schön ordentlich auf Kleiderbügeln im Werkraum der Schule hingen, erhielt ich eine Einladung der Jugendarbeit zu Workshops. Zwei Wochen vor dem Defilee. Der erste fand nicht statt. Der zweite nicht am vereinbarten Ort. Ich war schon ziemlich erstaunt. Aber wir hatten ja an der Zündelgutschule schon alles getan.
Aber statt eine weiterer Schilderung des Ärgers nun lieber einige schöne Bilder aus den Workshops an der Zündelgutschule. Alle fotografiert von Fotografen Renato Biscaro.
~Einige Impressionen der Workshops~
Defilee der Fantasien: Vorbereitung
Juni 17, 2012
Modenschau der ungewöhnlichen Art am Samstag, den 15.09.2012, um 19:00 Uhr im 2. OG des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen
Die Museumsnacht Hegau Schaffhausen bringt viele Überraschungen. Eine davon ist zweifellos das „Defilee der Fantasien“ im schönen Museum zu Allerheiligen. Ursprünglich sollte das Event im Klosterkreuzgang stattfinden. Das hätte aber den Münsterpfarrer gestört und der ist der direkte Nachbar. Ich kann das verstehen. Er macht zeitgleich eine meditative Münsterführung, die Ruhe braucht. Nun hat Dr. Peter Jezler, der Direktor des Museums, uns einen wunderschönen Industrieraum zur Durchführung angeboten. Er und seine Marketing- und Kommunikationsfrau Suzanne Mennel haben ein Herz für Kinder und deren Entwicklung jugendlicher Kreativität. Da ich seit meiner letztjährigen Museumsnachtveranstaltung mit einem Theaterstück in den schaurig-schönen Munotkasematten irgendwie auf die Integration der Jugend abboniert bin, wird es das „Defilee der Fantasien“ mit Schülerinnen Schaffhausens geben. Ob einige starke Männer im Alter von zwölf Jahren mitmachen werden, ist bis dato ungewiss. Wer als Ideengeber gut beraten ist, nimmt beizeiten Kontakt mit Profis auf. Mit geschulten und begeisterungsfähigen Pädagogen. Allen voran, durch die Vermittlung des Schulvorstehers Peter Thiersteins, Hajnalka Thierstein und Sepp Signer vom Schulhaus Zündelgut in Schaffhausen. Da wird übrigens nicht gezündelt, sondern ordentlich motiviert.
~Ein erstes Kostüm: Aus der Not geboren und von mir fotografiert~
Was ist das Defilee der Fantasien?
Auf einem Catwalk präsentieren junge Persönlichkeiten selbst gebastelte Kostüme aus Papier, Karton und Recyclingmaterial. Alles ist erlaubt, was die Fantasie der Jugendlichen fördert, aufregend und schön ist. Im Moment weiß ich nicht, ob es eine „Wandelnde Geburtstagstorte“, eine „Müllprinzessin“ oder eine „Eierkartonritterin“ geben wird. Fakt ist, dass man Jugendliche inspirieren sollte, sie aber dann in ihrer Kreativität nur behutsam unterstützt. Für die Künstlerinnen wird es genug Anreiz geben: Ein hoffentlich euphorisches Publikum. Eine Jury aus dem allseits beliebten Stadtpräsidenten Thomas Feurer, der unvergleichlichen Vize Miss Schweiz Julia Flückiger und der unbestechlichen Modefotografin Amanda Camenisch. Alles Schaffhauser. Und zu Schluss gibt es natürlich eine Preisverleihung. Das hört sich alles völlig vernünftig an, ist aber in der Vorbereitung mit etwas Mühe verbunden. Sehen Sie die folgenden Punkte als Anleitung für unentwegte Nachahmer von ähnlichen Aktionen oder als ein Auszug aus meinem derzeitigen Tagebuch.
Die Sponsoren oder das liebe Geld
Ohne Geld für externe, harte Kosten geht gar nichts. Es sei denn, ein vermögender Verein oder ein reicher Papa steht dahinter. In unserem Fall haben wir Bühnenelementmiete, Akustik und Beleuchtung, viele Transporte und natürlich Material zu bezahlen. Ausserdem ein Transport der Kinder mit Schulbusen zu und von der Veranstaltung zu nächtlichen Zeiten. Vieles mehr. Da kommt einiges zusammen. Bei den vielen Veranstaltungen in Schaffhausen sind die Sponsorentöpfe natürlich nicht randvoll. Mit viel Mühe, Überzeugungskraft, einer Konzeptbeschreibung und einem Kostenplan können Sie akquirieren. Ich habe mich wie ein Kind gefreut, dass verantwortungsbewusste und kritische Verantwortliche aus der Industrie- und Privatwirtschaft ein Herz hatten. Viele Telefongespräche und eMails haben mich zu fantastischen Menschen geführt. Eine gute Erfahrung. Ganz unbescheiden werden Sie am Schluss des Beitrags einige Firmenzeichen sehen. Die von so genannten „stillen Sponsoren“ finden Sie auf deren Wunsch nicht. Sie sind hier im Raum eh bekannt. Wenn man spitz rechnen muss, ist das Zusammenschnorren von Material für die Kostüme wichtig. Unvergesslich ist wieder einmal Roland „Rolli“ Bernath mit seiner gleichnamigen Firma. Er hat mir im letzten Jahr mit Wissen und Beleuchtungstechnik sehr geholfen und diesmal konnte ich in seiner Materialkiste ungestört kramen. Dann gibt es die Firma Schlatter, die einen Schnupperlehrling ordentlich hobeln ließ, um Hobelspäne zu produzieren. Wo heute industriell gehobelt wird, fallen normalerweise keine langen Hobelspäne mehr an. Nur die kann man aber sinnvoll verarbeiten. Die Druckerei Kuhn lieferte völlig selbstverständlich eine Menge von feinsten Halbkarton gratis frei Haus. Der Chef der Zuckerbäckerei Ermatinger ging höchstpersönlich in den Keller, um mir feinstes Tortenpapier für Spitzenkleidung zu besorgen. Der Recyclinghof von Arnold Schmied öffnete mir sein Gelände. Die Spedition Gebrüder Gonzales bot mir etliche Meter Luftpolsterfolie an. Daraus lassen sich schöne Kleider schneidern. Spontan ist mir Frau Hedi Ritzmann vom Biohof in Guntmadingen in Erinnerung, die ich auf ihrem Mobiltelefon erreichte. Sie fuhr an den Straßenrand und meinte auf meine Frage nach Eierkartons für Fantasiekleider ganz ungerührt: „Kleider aus Eierkartons?“ „Aber natürlich“, wie wenn das für eine Landwirtin alltäglich wäre. Weitere Materialsponsoren werden sich noch finden. Die Künstlerinnen sollen in der Entfaltung ihrer Kreativität nicht gehindert werden. Ich bin jeden Tag dran.
Die Workshops und die Aufführung
Die Kostüme werden vorab in Workshops produziert werden. Dazu ein Folgebeitrag. Ein dritter zur Aufführung auch. Aber hier die Logos der Hauptsponsoren.
~Klein und bescheiden: Die Logos der Sponsoren~
Gefallene Engel
April 30, 2012
~Der prächtige Apfelbaum aus Nachbars Garten~
Vor meinem Arbeitszimmer steht ein prächtiger Apfelbaum und der begann trotz des harten Winters schon recht früh zu blühen. Der Blütenanfang ist europaweit natürlich unterschiedlich. In Deutschland beginnt die Zeit der Wunder meist in Südbaden. Dann setzt sie sich im Rheintal gegen Norden fort. Aber auch der Niederrhein ist bald dran und dann beginnt es auch in der Schweiz. Die Blütenknospen öffnen sich nach Höhenmeterlage des Standorts. Das ist logisch. Tief stehende Apfelbäume erlauben ihren Blüten, sich früher zu öffnen. Dann trifft man knospende Bäume Tag um Tag je 20 Meter höher an. Zirka. Entscheidend ist natürlich die Temperatur- und sonstige Wetterlage. Aber das wissen Sie bestimmt.
~Gefallene Engel gesprenkelt auf der Wiese~
Nun hat es im April kräftig geregnet und die weißen Blütenblätter – es gibt auch rosafarbene und selbst rote – liegen auf dem Gartenboden wie gefallene Engel. Da hat sich ein klitzekleiner Teil der Schöpfung zu höchsten Höhen aufgemacht und nun liegt alles im Staub, respektive auf der nassen Wiese. Das ist aber kein Grund zur Panik oder zum Trübsinn. Die wunderbaren Äpfel aus der Blütenachse – es sind komischerweise nicht die Fruchtknoten, aus denen Äpfel entstehen – werden auch im nächsten Herbst in Hülle und Fülle verlässlich da sein. Mein Nachbar hatte im letzten Jahr so viele davon, dass er sie auf einem Mäuerchen am Straßenrand jedem obskuren Passanten wie mir darbot. Als Pausenapfel, für den Fruchtsalat mit Kirsch oder selbst für die Apfelmarmelade. Regen, gerade im April, ist der Natur hochwillkommen und gefallene Engel haben auch etwas Gutes. Sie ergeben ein wunderbares Bild von gesprenkelter Farbe.
~Das Blütenblatt, schnöde und ohne Nutzen~
Als Kind hatte ich immer Äpfel aus Nachbars Garten gestohlen und danach ein Rumoren ob der unreifen Früchte in der Magengrube. Das kennen Sie vielleicht. Deshalb noch etwas zum Apfelklau von Mark Twain: „Adam war ein Mensch – das erklärt alles. Er wollte den Apfel nicht des Apfels wegen, sondern nur, weil er verboten war.“
Brutzeln für Unbedarfte 13): Fenchel überbacken
März 25, 2012
Es ist schon etwas länger her, dass ich zu meiner Serie „Brutzeln für Unbedarfte“ etwas geschrieben habe. Das letzte Mal versuchte ich mit einem Rezept zu „Dörrbohnen mit geräuchertem Rippli und Salzkartoffeln“ zu verführen. Bieder aber gut. Wie gesagt, etwas länger ist es her. Nun bedeutet das nicht, dass ich die Küchenkelle an den Nagel gehängt hätte. Ich koche beinahe jeden Tag. Meist unbedarft, mit Freude und Improvisation. Gelegentlich auch sehr aufwändig. Das ist aber in dieser Serie, wo alles einfach ist, nicht das Thema. Heute nun ist meine Anregung so simpel, dass ich mich beinahe schäme, sie zu veröffentlichen.
Mein Küchenschrank und auch der Kühlschrank sahen aus, wie wenn eine Horde hungriger, hunnischer Mäuse durch sie galoppiert wäre. Nix Vernünftiges da. Das schert aber einen unbedarften Brutzler nicht. Ich fand einige Stücke knackigen Fenchel und Käse. Scheibletten vom letzten Raclette. Sie werden es nicht glauben, das genügte um etwas Gesundes zu zaubern.
~Heut´ ist Hans Schmalhans Küchenmeister, zumindest was den Geldbeutel betrifft~
Der Fenchel, oder „Foeniculum vulgare“, war nicht nur die Arzneipflanze des Jahres 2009, sondern er ist auch in der Küche absolut gut zu gebrauchen. Als Salat, als Gemüsegericht und weiß der Teufel noch was. Vor allem der Samen, der mit Anis vergleichbar ist, hat schon höhere Weihen empfangen. Er findet sich als Gewürz im Schwarzbrot oder wird zu einem Tee aufgegossen. Oder er wird eben zum aromatisieren bei vielen Gerichten gebraucht. Neben Verdauungsbeschwerden können die in den Früchten enthaltenen ätherischen Öle durch ihre antibakterielle Eigenschaft auch Atemwegsbeschwerden lindern. Ei der Taus! Fenchel ist auch als Geschmacksabrundung in Pastis oder Absinth gefragt. Aber wem sage ich das? Man unterstellt italienischen Wirten, dass sie vor einem minderwertigen Rotwein etwas Crudités mit Fenchel servieren. Der soll den Gaumen terrorisieren um den Wein besser schmeckend zu machen. Das biblische Volk der Hethiter verwendete den Fenchel gar in einem Ritual, in dem zerstörte feindliche Städte verflucht wurden.
~Da brutzeln sie schön aufgereiht, die Vitaminsoldaten~
Mein Fenchelrezept ist so einfach, dass sich das aufschreiben kaum lohnt. Trotzdem: Fenchelknollen halbieren oder viertel und in Salzwasser mindestens 10 Minuten garen. Perfektionisten geben sogar etwas Zitronensaft ins Wasser. In der Zwischenzeit den Backofen auf 225 Grad vorheizen. Den gut abgetropften Fenchel auf einer gefetteten Auflaufform verteilen, eventuell etwas nachsalzen und pfeffern. Und danach mit dem Käse bedecken. Scheibletten sind natürlich die Null-Acht-Fuffzehn-Lösung. Eleganter wäre ausreichend geriebener Käse, etwa Emmentaler. In weiteren 10 oder etwas mehr Minuten ist das simple Gericht fertig. Und, Sie werden es nicht glauben, es schmeckt.
~Wenn der Kühlschrank beinahe gähnend leer ist, kann man trotzdem etwas Leckeres zaubern~
Die Luxusversion dazu kann ich hier auch noch nennen. Wenn Sie wollen. Dazu brauchen Sie für vier Portionen 200 g Mascarpone, 4 Esslöffel Sahne und 150 g Parmaschinken. 4 große Tomaten und 1 Schalotte. Dies ist der andere Ersatz für den ordinären Käse. Den lassen Sie weg. Mascarpone ist ja auch Käse. Frischkäse. Bevor Sie den Fenchel in die Auflaufform legen, schaffen Sie bitte einen Untergrund. Braten Sie die gewürfelte Schalotte in erhitztem Olivenöl an, geben Sie die Tomatenstücke dazu und schmecken Sie das Ganze mit Salz und Pfeffer ab. Das ist der Untergrund. Dann geht es munter weiter: Mit den Fenchelstücken. Darauf kommt eine Creme aus mit Sahne verrührtem Mascarpone. Und sorgfältig darunter gehobenen Parmaschinkenstreifen. Auch etwas Salz und Pfeffer. 10 Minuten überbacken. Fertig und auch nicht besonders schwierig.
Übrigens: Ein Depp ist der, der das Fenchelgrün wegwirft. Es ist genau so schmackhaft wie die Knolle und taugt auch für Suppen. Aber das sagt ja jeder zweitrangige Fernsehkoch.
Die Fotografie von Rolf Wessendorf
März 11, 2012
Spricht man in der Schaffhauser Region von professioneller Fotografie, fällt unweigerlich der Name Rolf Wessendorf. Er ist ein Mann mit vielen Facetten und deswegen ist er interessant. Ich habe ihn vor einiger Zeit kennen gelernt. Erst nicht ihn, sondern sein Werk. Wann immer ich auf den Spuren von relevanten Themen war, stieß ich auf seine schönen Bilder. Rolf Wessendorf ist ein Chronist und Bewahrer von Zeugnissen der Zeitgeschichte. Außerdem ist er ein fotografischer Handwerker par excellence. Aber nicht nur das. Er ist ein Künstler. Ersteres stellen Sie fest, wenn Sie seine Fotografien und auch seine Vintage-Prints, seine selbst hergestellten Originalabzüge, kritisch prüfen. Da stimmt jede Gradation der Graustufen, jeder noch so feinste Ton. Nun zu zweitens und zum Künstler: Rolf Wessendorf liebt alles, was er fotografiert. Deswegen gibt es in seinen Fotografien nichts, was für das Auge nicht wertvoll wäre. Er hat offensichtlich das Talent für magische Momente. Dabei ist es beinahe unerheblich, ob er Menschen, vom Kleinkind bis zum Greis, oder „tote“ Dinge fotografiert. Etwa Landschaften oder Gegenstände auf seinem Studiotisch. Alles hat Leben und Esprit.
~Bergchileli © Rolf Wessendorf~
~Ende der Seegfrörni © Rolf Wessendorf~
~Die Libanonzeder in Schaffhausen © Rolf Wessendorf~
~Die Schüppeleiche bei Ramsen © Rolf Wessendorf~
~Zauberwald © Rolf Wessendorf~
Kommen wir aber erst zu Rolf Wessendorfs Vita: 1931 geboren, begann er schon als Knirps mit der Bildgestaltung. Er male und zeichnete leidenschaftlich. Das wäre nichts besonderes, wenn ihm das später nicht zugute gekommen wäre. Malen und fotografieren hat ja mit richtig sehen zu tun. Zur Fotografie kam Rolf dann wenig später durch seinen Vater mit seiner Rolleiflex und der Dunkelkammer. Handwerk von der Pieke auf. Das setzte sich in der beinahe zwangsläufig folgenden Fotografenlehre in einem Fachatelier für Fotografie fort. Eine Lehre mit Berufsschule war damals das einzige Mittel, der Fotografie, auch der künstlerischen, näher zu kommen. Professionell fotografiert wurde damals meist mit einer Plattenkamera in den Formaten 13/18 oder 18/24. Diese Gerätschaft nannte man „Reisekamera“. Lustig, wenn man bedenkt, dass das kleinste Format eine Kassette für das Negativ von 13 x 18 cm verlangte und das dazugehörige Gehäuse mit Balgenauszug, Optik und Stativ ziemlich sperrig transportiert werden mussten. Dank seinem Lieblingslehrmeister Artur Brugger absolvierte Rolf Wessendorf 1950 seine Lehrabschlussprüfung, ohne, wie er heute humorig bemerkt, je ein Blitzgerät oder ein Belichtungsmesser in der Hand gehabt zu haben. Solche technischen Hilfsmittel waren damals auch bei Fachfotografen kaum verbreitet. Selbstverständlich gab es zu der Zeit auch keine Digitalkameras, die heute alles einfacher machen. Rolf Wessendorf machte sich später jede technische Erneuerung aber raffiniert zu nutze, sonst wäre er nicht der geworden, der er ist.
~Aktivitsa einer Kantonsschulverbindung © Rolf Wessendorf~
~Akt mit Lederjacke © Rolf Wessendorf~
Rolf Wessendorf arbeitete in der Folge in allen möglichen Geschäftsfeldern. Er war zum Beispiel Operateur-Retoucheur und irgendwann mal selbst Mitarbeiter in einer Firma für Luftfotografie. Diese Lehr- und Wanderjahre scheinen seinen stets unruhigen und wachen Geist geprägt zu haben. Anfang 1956 trat er eine Stelle als Fachfotograf in der Schaffhauser Firma Koch an. Das ist besonders erwähnenswert, weil ein Sprössling der Firma Koch, Carl Hans Koch, aus Unzufriedenheit über die damaligen Großformatkameras, 1947 die Patente für seine erste modulare Kamera, die „Sinar“, beantragte. Kenner der Materie werden wissen, wie unglaublich erfolgreich der Siegeszug der Sinar war. Dieser Mythos strahlte auf das Fotofachgeschäft ab und Rolf Wessendorf war also zur rechten Zeit am richtigen Ort. Aber auch weil Carl Hans Koch, mittlerweile mit der Weiterentwicklung der Sinar und Vortragsreisen beschäftigt, einen Nachfolger für sein Fotofachgeschäft suchte. Wie gut traf es sich also, dass Rolf Wessendorf mit einer Fotografin befreundet war. Geschäfte in der Schweiz führte man damals vorzugsweise durch ein Paar aus der gleichen Branche. Es passte also. Das wäre dem gestrengen Herrn Koch aber zu einfach gewesen. Eine Einführungszeit für Rolfs Freundin, Fräulein Sigler, sollte sein. Und danach sollte aus sittlichen Gründen auch noch geheiratet werden. Aus Fräulein Sigler wurde also Frau Wessendorf. Rückblickend sagt Rolf Wessendorf, dass er dem Deal nur zugestimmt hätte, weil er nie nein sagen konnte. Damit meint er natürlich nur die Geschäftsübernahme und nicht seine Zustimmung zur Heirat. Das Fotofachgeschäft Koch entwickelte sich unter Leitung der beiden Wessendorfs prächtig. Zeitweise wuselten bis zu acht Mitarbeiter in dem Betrieb mit. Das Spektrum der Arbeiten war so facettenreich, wie es Rolf liebt: Portraitaufnahmen, Sachaufnahmen technischer Art, Foodaufnahmen, Architekturaufnahmen für denkmalpflegerische Ansprüche, Fotos für Museumskataloge, medizinische Dokumentationen. Ja, selbst Werbung und Wahlkampffotografie. Deswegen wunder es nicht, dass viele einflussreiche Politiker Rolf auch heute noch freundlich grüßen.
~Dr. F. Schneider, Tierarzt © Rolf Wessendorf~
~Der Fotograf Derek Bennett © Rolf Wessendorf~
~Der Maler Dölf Bührer © Rolf Wessendorf~
~Der Schriftsteller Markus Werner © Rolf Wessendorf~
Rolf Wessendorf zeigte sich nicht nur als erfolgreicher Unternehmer. Er war auch 24 Jahre in der Meisterprüfungskommission des Schweizer Fotografenverbands. Diese Ehre wurde ihm übrigens nur drei Wochen nach seiner eigenen Meisterprüfung zuteil. Man schätzte das junge Talent. Nun gilt es aber, über Rolfs fotografische Buchprojekte zu reden. Rolf Wessendorf liebt Serien zu einem Thema und vor allem die Schwarz-Weiß-Fotografie. Sein erstes Buch heißt „Werktag“ und es erschien 1996. Das Werk ist heute leider vergriffen, aber ich kenne es. Es enthält Portraitaufnahmen von werktätigen Menschen und ist durchaus in der Tradition und Qualität von ähnlichen deutschen und amerikanischen Portraitfotografen zu sehen. August Sander und Irving Penn etwa. Meine Meinung. Die Serie brachte viel Prestige. Das Buch war leider ein Flop, da es zu teuer war. Aber eine Ausstellung der Fotografien im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen – ein prominenter Ort – und eine erfolgreiche Verkaufsausstellung in der „Galerie zum Kranz“ im Schaffhauser Umland waren Honorar für diese faszinierende Arbeit. Das Gegenstück zu „Werktag“, wie mir allein vom Titel scheint, war die Serie „Der Mensch in der Freizeit“. Da Rolf zwar Lust an dem Thema, aber keine Lust auf einen weiteren Flop hatte, erschien das Werk nie als gebundene Buchausgabe, sondern nur in Ausstellungen. Einige Bilder erhielten den Förderpreis des „Großen Fotopreises der Schweiz“. Finanziell erfolgreich war es mit „Es war einmal“, einer Sammlung von historischen Fotografien aus dem Archiv Koch. Das Archiv, das Rolf Wessendorf bis vor kurzem gehörte und von ihm verwaltetet wurde, geht auf den 1879 geborenen Fotografen Carl August Koch zurück. Es enthält wertvolle Zeugnisse von Architektur- und Landschaftsaufnahmen auf Glasplatten. Die ersten davon wurden noch im Negativformat 19 mal 25 cm im Kollodiumverfahren erstellt. „Nasse Brüder“ nannte man sie damals, da die Negativplatten vor der Aufnahme vor Ort im mitgeführten Dunkelkammerzelt mit einer Lösung nass beschichtet und dann belichtet wurden. Man vermutet heute, dass der frühe Tod von Carl August Koch, dem Gründer der Kochschen Firmendynastie, auf seine Sysiphusarbeit, die schweren Gerätschaften auf die höchsten Schweizer Hügel zu schleppen und anschließend im kalten Bergsee zu baden – also auf den Raubbau an seiner Körper, zurückzuführen ist. Das nebenbei. Rolf Wessendorfs Verdienst an diesem „Es-war-einmal-Buch“ ist also nicht die Fotografieleistung, sondern sein Wille, wertvolle Zeugnisse der Vergangenheit einem breiteren Publikum einfach zugänglich zu machen. Die erste Auflage war innerhalb von wenigen Monaten ausverkauft.
~Tanne-Buch: Max und Margrit Zimmermann mit Stammgast Walter „Koks“ Brühlmann © Rolf Wessendorf~
~Tanne-Buch: Ursula Rüefli © Rolf Wessendorf~
~Tanne-Buch: Was sagen diese Hände doch alles © Rolf Wessendorf~
Grandios finde ich das 2006 erschienene Fotobuch „Die Tanne – Ein Stück Schaffhausen“. Auch grandios deshalb, weil ich selbst noch die ganz letzten Jahre die Atmosphäre in der Weinwirtschaft „Tanne“ mit ihrem legendären Stammtisch atmen durfte. Die Gaststätte mit zugehörigem Hotel war und ist ein wunderschöner Ort, an dem seit 80 Jahren nichts verändert wurde. Bis zu ihrer Schließung wurde sie erst von drei Geschwistern, dann von der einzig verbliebenen Margrit Zimmermann geführt. Irgendwie erinnert mich der sorgsam gepflegte Gastraum mit Fräulein Zimmermann an die Kronenhalle in Zürich mit ihrer Wirtin Hilda Zumsteg. Andere meinen gar, es wäre die schönste „Beiz“ nördlich der Alpen. Rolf Wessendorf nun fotografierte über viele Jahre die Stammgäste – Debattierer, Politiker, Künstler und Trinker – mit seiner Kleinbildkamera und dokumentierte sorgsam das Interieur mit seiner Sinar. Das Buch ist ein Juwel dokumentarischer Kunst. Gestaltet von Erwin Gloor und mit Texten von Bea Hauser und Roland Schöttle. Und es ist noch auf dem Markt: ISBN 3-9523132-0-3, Verlag Kornhaus Liegenschaften Schaffhausen AG. Alles schön schwarz-weiß, wie es Rolf liebt.
Was macht nun ein Mann, der eigentlich alles erreicht hat? Der bei Wettbewerben oft Podestplätze errang. Dessen Fotografien in vielen Archiven gehortet werden. Er fotografiert. Rolf Wessendorf arbeitet gerade an einer Serie, in der er persönliche Fundstücke sorgsam ablichtet und sie mit Texten beschreibt. Geht Rolf Wessendorf jetzt auch unter die Autoren? Zutrauen würde ich ihm alles. Er scheint ein Universaltalent zu sein. Deswegen ist er auch ein hervorragender Koch. Das gehört zu seiner Philosophie des guten Lebens.
~Alle Fotos von © Rolf Wessendorf~
Die Grüne Grenze
März 11, 2012
~Die klar definierte Grenze am Hochrhein: Schön~
Als „Grüne Grenze“ wird der Verlauf internationaler Landesgrenzen zwischen den Grenzübergangsstellen bezeichnet. Auch die Mitgliedsstaaten des Schengener Abkommens in der EU haben untereinander eine Grüne Grenze. Somit nicht nur ungehinderten Grenzübertritt der Menschen in grüner Natur, sondern auch mehr Freizügigkeit an den Zollstationen. Die Schweiz, die nicht zur EU gehört, gewährt durch ein Abkommen ebenfalls diese Erleichterungen. Was heißt das? Es finden an den Grenzwachtstellen keine Personenkontrollen mehr statt. Wohl aber eine stichprobenartige Warenkontrolle. Das ist bekannt und klingt etwas spröde und grau. Gleich wird es aber bunter. Hier geht es um Einkaufstourismus, Schmuggel, anderen Kriminaltourismus und um den erfreulicheren normalen Tourismus. In dieser Reihenfolge. Ich erzähle an dieser Stelle von der Grenze des Schweizer Kantons Schaffhausen zu Deutschland, die ich durch Wanderungen gut kenne. Die Grenze ist hier nicht – wie weiter östlich durch den Bodensee und Rhein und weiter westlich ebenfalls durch den Rhein – übersichtlich, sondern das Schweizer Gebiet reicht ziemlich ausgefranst nördlich nach Deutschland hinein.
~Die nur sporadisch kontrollierte Brücke bei Diessenhofen: Klasse~
Der Einkaufstourismus: Da höre ich den Schweizer Einzelhandel in grenznahen Gebieten laut stöhnen. Nicht aus Lust, sondern aus Ärger. Vor allem freitags und samstags wälzen sich dicke Autoschlangen durch die Zollstationen Thayngen und Neuhausen ins billige Euroland und kommen vollgepackt mit Unmengen an feinstem Filet, Salatgurken, Klamotten und Elektronikartikel zurück. Und weiterem. 2010 wurden nur hier in der Region insgesamt rund 92 000 Abfertigungen vorgenommen. 2011 waren es schon 134 169. Also eine Zunahme um 45 Prozent. Die Gebühreneinnahmen zu Gunsten der Schweizer Staatskasse durch die tüchtigen Grenzwächter stiegen sogar um 50 Prozent auf 9,64 Millionen Franken. Dabei sind natürlich nur Einkäufe über der Freigrenze von 300 Franken pro Kopf erfasst. Dieser Anstieg in der Region Schaffhausen liegt deutlich über dem Rest der Schweiz und erfreut den hiesigen Einzelhandel keinesfalls.
~Wenn es Nacht wird blüht nicht nur der Schmuggel: Uaaaaah~
Der Kriminaltourismus: Geschmuggelt wird vermutlich was das Zeug hält. Wer an Zollstationen nicht auffliegt oder einen Feldweg über die Grüne Grenze wählt, hat aber die Chance, im grenznahen Hinterland einem mobilen Grenzwachkommando aufzufallen. Nur zwei Beispiele, die besonders exotisch anmuten. Beim schönen Örtchen Rafz wurden im letzten Jahr zwei Portugiesen aufgebracht, die 90,5 Kilo Fleisch und 101 Liter Wein aus Deutschland im kleinen PKW importierten. Illegal natürlich. Nur fürs private Barbecue scheint das nicht gewesen zu sein. Obwohl, bei diesem lebenslustigen Volk aus dem Süden weiß man das nie. Noch interessanter ist der Fall eines Reisenden, der im IC Singen-Schaffhausen-Zürich kontrolliert wurde. Im Rucksack hatte er eine lebend junge Anaconda nebst zwei Tigerpythons. Das erinnert daran, dass offensichtlich mit seltenen und zum Teil unter Artenschutz gestellten Tieren ordentlich Geld zu machen ist. Löchrig ist die Grenze zur Schweiz auch für die Einfuhr von illegalen Drogen. 19,2 Kilo Kokain und 1,5 Kilo Heroin wurden hier im Kanton Schaffhausen im letzten Jahr sichergestellt. Auch 201 Kilo K.-o.-Tropfen. 80.000 Portionen. Designerdrogen. Das scheint mir wirklich nur die Spitze des Dunkeleisbergs zu sein. Schaffhauser können aber froh sein, dass die Droge Chrystal noch nicht den Weg über die Grenze findet. In Bayern ist dieser illegale Import aus Tschechien bereits häufig zu finden. Über dieses unselige Methamphetamin hatte ich schon im März 2007 berichtet.
~Vor allem in Waldstücken ist man unbehelligt: Wie praktisch~
Der normale Tourismus: Im Schaffhauser Klettgau entsteht gerade ein ungewöhnlicher Naturpark, der viele Schweizer Gemeinden, aber auch deutsche Gebiete umfasst. Diese ungewöhnlichen Anstrengungen führen zu einer Aufwertung der an sich schon schönen Landschaft. Die Natur ist per se kaum zerschnitten. Es gibt kaum große Straßen, die den Wildwechsel hindern. Dafür zauberhafte Dörfchen und natürlich eine hervorragende Gastronomie. Aber auch am Hochrhein zwischen Stein am Rhein und Eglisau ist die Grüne Grenze ein Segen. Ein Paradies für Wanderer, Radfahrer und Bootsfahrer. Wohl dem, der die Vorteile deutscher und Schweizer Gebiete ungehindert auf einer einzigen Tour erleben kann.
~Der Feldweg über die Grüne Grenze: Auch für normale Touristen~
Die Abruzzen und die Sehnsucht nach dem Meer
Februar 19, 2012
Einige durchaus modern denkende Zeitgenossen haben mich zu diesem Beitrag gebracht, und ihre Lust zu reisen. Zu reisen, wie ich mal an anderer Stelle schrieb, zu reisen im Kopf. Aber auch für andere, normal passionierte Wanderer, ist es ein Artikel zu einer wunderschönen Gegend Italiens und zu einer Exkursion, die in Popoli, einem kleinen Örtchen zwischen dem Parco Nazionale del Gran Sasso e Monti della Laga und dem Parco Nazionale della Maiella, beginnt und in Pescara am adriatischen Meer endet. Und die Reise ist fiktiv und findet in der Zeit der Renaissance statt, in der Zeit zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert, also in der Zeit von Leonardo da Vinci. Alles Historische ist aber wahr und die Landschaft ist so wie beschrieben, denn ich kenne sie. Stellen wir uns einfach diese wunderschöne, sanft hügelige Landschaft vor, einen jungen Mann von fünfzehn Jahren, und geben einen Schuss der Castingagenten und Ausstatter von Pier Paolo Pasolini dazu. Derjenigen, die Pasolinis Werk „Decameron“ so schön mitgestaltet haben.
~Toninos Elternhaus in Popoli~
Tonino, so heißt der junge Mann, stammt aus einem bescheidenen Elterhaus, das direkt am Quellfluss der Pescara im altertümlichen Örtchen Popoli steht. An der Via De Contre. Nicht weit entfernt liegt die Kirche San Francesco und das Schlagen des Klöppels gegen die zinnbronzene Glocke weckt ihn jeden Morgen um Sechs. Der Nebel mit seiner Feuchtigkeit zieht dann von der Pescara hoch und Tonino ist froh, dass es in der Küche heißen Kaffee gibt. Keinen Kaffee wie wir ihn heute kennen, nein, nein. Francesca, seine Mutter, verwendet geröstete Eicheln oder Erdmandeln zum Aufbrühen. Toninos Vater ist weg, eigentlich ist er nie da, denn er hat endlich Arbeit in der Abtei San Clemente a Casauria gefunden. Als Kürschnergehilfe. So sind die beiden allein an diesem Frühjahrsmorgen, mit einer Ziege, drei Hühnern und einem Mischlingshund, der etwas Wölfisches hat. Tonino scheucht die Hühner vom Tisch und streicht sich seinen zerknitterten Leinenrock glatt. Heute ist Mittwoch und er wollte zu Padre Savonarola in die Kirche San Trimitá, um das hölzerne Chorgestühl zu polieren und um Padres Geschichten zu hören. Tonino kann weder lesen noch schreiben, aber der Padre kann es und er hat einige zerfledderte Schriftstücke von einem Giovanni Boccaccio in seinem Schrank, die von der großen und weiten Welt berichten. Diese Welt ist so ungeheuerlich und so aufregend für Tonino, dass er sein einziges Hemd hergeben würde, um mehr davon zu erfahren. Etwas hat er ja schon davon gesehen, vom Kirchturm der San Francesco, von der Glockenstube aus. Aber da war nur ein Horizont und wenn er Padre Savonarola ungeduldig fragte, was dahinter wäre, sagte der, noch ein Horizont und dann noch einer und noch einer und schließlich das Meer. Aber das wäre nicht die gesamte Welt.
~Das Ufer des Flusses Pescara~
Als Tonino an diesem Morgen nun an der Taverna Ducale vorbeihastet, hört er etwas Merkwürdiges. Es sind zwei übrig gebliebene Säufer, die sich vom Meer erzählen, und der eine sagt, es wäre bei Pescara. Nicht das ganze, aber ein Teil davon. Und da wäre auch der Hafen mit den Schiffen, die bis nach Indien segeln würden. Oder zumindest beinahe. „Wo ist denn Pescara?“, fragt Tonino neugierig, nicht ohne vorher gehörig Mut bereitgestellt zu haben. „Ach, das ist da hinten, hinter dem Horizont“, sagt der Krummbeinige. „Gegen Osten ist es, da, wo die Sonne aufgeht“. „Meine Herren“, denkt sich Tonino, „die Sonne steht aber schon ganz schön hoch“. „Gibt es dann etwas weiter noch einen Horizont?“, will Tonino wissen. „Ja, da gibt es noch einen“, sagt der Vernarbte und lacht dreckig. Tonino hat genug und beschließt, das Meer zu suchen. Ganz einfach, jetzt, ab hier und heute, und ohne seinem Vierbeiner auf Wiedersehen zu sage und der Mutter auch nicht. Und das Chorgestühl kann warten und die Geschichten vom Padre auch. Die Realität ist immer noch aufregender als aufregend. So macht sich Tonino auf den staubigen Weg gen Osten.
~Die Muttersau~
Anfangs führt ihn der Weg durch ein Waldgebiet und Tonino sieht vor lauter Bäumen den Horizont nicht. Aber Eicheln und Wildschweine. Eine Muttersau mit frisch geborenen Jungtieren, denn wir haben gerade Mai. Sieben Stück an der Zahl entdeckt er, wollig und gestreift, und sie haben gerade das Geburtsnest verlassen. Tonino hat keine Lust, mit der an die sechzig Kilogramm schweren Sau näher Bekanntschaft zu machen und sammelt schnell einige Eicheln auf. Die vom letzten Herbst und die, die noch gut sind. Man weiß ja nie. Etwas später entdeckt er eine Quelle, die zu einem Wasserfall führt und dieser zu einem verwunschenen Tümpel zwischen mächtigen Felsen. „Gebadet hab ich an Kirchweih“, denkt er sich, und streckt seinen Zeh ins eiskalte Wasser. „Sakra, das ist aber unchristlich“. Nun gut, es gibt ja noch die Höhle vom Eremiten. Der ist aber nicht da und Tonino hätte ihn gerne nach dem Meer gefragt. Quasi-Heilige wissen alles. Gegen Abend erreicht der Jüngling Torre de´Passeri mit der nahen Abtei San Clemente a Casauria. Aber da ist ja sein Vater und dem will er jetzt nicht über den Weg laufen. Jetzt nicht, denn er will zum Meer. Also legt er sich unter einen Dornenbusch schlafen. Da ist er von den Tieren des Waldes geschützt. Und vor Schurken auch.
~Die Kirche auf dem Tarignihügel~
Am nächsten Morgen erwacht er, weil die Sonne blinzelt und ihn außerdem ein neugieriges Reh beäugt. „Das Meer“, schießt es ihm durch den Kopf und er ist hurtig auf den Beinen. Nun lichtet sich der Wald und eine Hügellandschaft wartet. Sie öffnet sich weit gegen Osten und in die Welt. Hungrig erreicht er Scafa, ein schmutziges Fleckchen Erde, und eine alte Frau schenkt ihm ein Stück Brot. „Das kann ja heiter werden“, denkt er sich, denn das Meer ist immer noch nicht zu sehen. Aber ein Ochsenkarren, der sich Richtung Manoppello müht. Vom Dörfchen Manoppello hat Tonino zwar noch nie etwas gehört, aber der nette Mann mit seinen beiden Zugtieren und der Ladung Eichenfässer will dahin. Außerdem belebt sich die Straße, stolze Reiter mit ihren Pferden streben dahin, ganze Horden von zerlumpten Gestalten und einige Priester. „Ist Manoppello am Meer?“, will Tonino wissen. „Nein, aber das Volto Santo ist da“, sagt der Gütige, „in der Kapuzinerkirche“. „Was soll ich mit dem Heiligen Antlitz und was ist das?“, bohrt es sich in Toninos Kopf. Tatsächlich, in Manoppello angekommen, ist die Hölle los. Halb Italien drängt sich in die Santuario del Volto Santo, die damals noch nicht diesen Namen trug. Aber auf jeden Fall in die Kirche auf dem Tarignihügel. Der größte Ansturm findet auf eine dunkle Seitenkappelle statt und da ist es, das hauchzarte Tuch aus Muschelseide, sorgfältig über einen Rahmen gespannt. „Das ist der Abdruck des Gesichtes von Jesu Christi“, raunt ein kleines Mädchen Tonino zu, „und es kommt direkt aus Jerusalem“. Tonino ist beeindruckt und er drückt der Kleinen dankbar eine Eichel in ihre schwitzende Hand. Aber wo ist das Meer, um Gottes Willen?
~Es wird Morgen~
Gegen Rosciano hin reiht sich ein braungebrannter Hügelzug an den andern und es ist so wie in der Sahara, von der Tonino natürlich noch nie etwas gehört hat. Nicht so trocken, aber so unendlich hüglig. Jetzt wusste er, was Padre Savonarola mit „und noch einer und noch einer“ gemeint hat: die Horizonte. Schon klar, alle Wasser führen ins Meer und sie haben die Landschaft zu Horizonten zerfurchtet und zum Meer will Tonino ja. „Porco Dio“, sagt sich der junge Mann und ärgert sich etwas. Aber es ist schön, immer wieder neue Horizonte zu sehen. Bis jetzt sind es bestimmt 2.156. Und wenn man hundert Meter weiter nach rechts oder nach links geht, sind es sogar noch mehr. Es wird Nacht und dann wieder Morgen. Tonino wandert und wandert, zupft sich eine Haselnussrute vom Baum und ist fröhlich. Ja, er ist sogar so fröhlich, dass er mit seiner Gerte die eine oder andere lästige Fliege in der Mittagshitze treffen will oder sogar eine fette Hummel. Aber nicht die Schmetterlinge, denn die gibt es jetzt noch nicht. Kleine Echsen begleiten ihn eine kurze Wegstrecke und manchmal ist diese auch versperrt durch blökende Schafe oder wiederkauende Kühe oder störrische Esel. Es wird Nacht und wieder Morgen. Und dann wieder Nacht und wieder Morgen.
~Es wird Nacht~
Du heiliger Bimbam, wo ist das Meer? Es geht weiter in dem alten Städtchen Moscufo oder im Beitrag „Das Meer und die Sehnsucht nach den Abruzzen“.











































